4 ~ar i m liiiir tvV^ DXTPLICATA DE LA BIBLIOTHÄQUB DU CONSERVATCIRE EOTANIQUE DE GENEVE V. r-') TN 1022 Beiträö:e zur Biologie der Pflanzen. Herausgegeben von Dr. Ferdinand Colin. Dritter Band. Mit. dreiundzwanzig Tafeln.. r - Breslau 1883. J. TJ. Kern's Verlag (Max Müller). DUPLICATA DE LA BIBLIOTHEQUE DU CONSEKVATCIP.E EOTANIQUE DE GENBVIJ VEKDU EN 1922 '^i Inhalt des dritten Bandes. Heft. Seite. Anatomie und Biologie der Gattung Streptocarpv,s. Von Dr. T. Hiel- scher. (Mit Tafel I-III.) I. 1 Untersuchungen über die Entstehung der adventiven Wurzeln und Laubknospen an Blattstecklingen von Peperomia. Von Dr. Ernst Beinling. (Mit Tafel IV und V.) I. 25 Eutwickelungsgeschichte einiger Rostpilze. Von Dr. J. Schroeter. (Fortsetzung von Band I. Heft 3. Seite 1.) I. 51 Zur Eutwickelungsgeschichte von Volvox minor (Stein). Von Dr. Oskar Kirchner. (Mit Tafel VI.) I. 95 Untersuchungen über Bacterien. VII. Versuche über die Infection mit Micrococcus prodigiosus. Von Dr. A. Wernich, Universi- tätsdocenten in Berlin I. 105 VIII. Untersuchungen über die in der Luft suspendirten Bacterien. Von Dr. Miflet aus Kiew. Mit einer Einleitung von Dr. Ferdinand Cohn. (Mit Taf. VII und VIII.) L 119 IX. Ueber die Einwirkung des electrischen Stromes auf die Ver- mehrung von Bacterien. Von Dr. Ferdinand Cohn und Dr. Benno Mendelsohn. Mit einer Einleitung von Dr. Fer- dinand Cohn I. 141 inguicula alpina, als insektenfressende Pflanze und in anatomischer Beziehung. Von Professor Julius Klein, Budapest. (Mit Tafel IX und X.) IL 163 Untersuchungen über Bacterien. X. Studien über die blaue Milch. Von Dr. F. Ne eisen, Privatdocent und Assistent am patholo- gischen Institut zu Rostock. (Mit Tafel XI.) IL 187 Chemisch-botanische Studien über die in den Flechten vorkommenden P'lechtensäuren. Von Dr. Frank Schwarz in Graz IL 249 Beitrag zur Kenntniss der Oymnoasceen. Von Dr. Eduard Eidam (Mit Tafel XII— XV.) IL 267 Beiträge zur Kenntniss der Wurzelverwachsungen. Von Dr. Max Franke. (Mit Tafel XVI und XVII.) IIL 307 Ueber das Längenwachsthum von Pflanzenorgauen bei niederen Tem- peraturen. Von Dr. Oskar Kirchner in Hohenheim III. 335 Endoclonium polymorphum. Von Dr. Max Franke, Assistent am botanischen Institut der Universität Messina. (Mit Tafel XVIII.) III. 365 Zur Kenntniss der Entwicklung bei den Äscomyceten. Von Dr. Eduard Eidam. (Mit Tafel XIX— XXIII.) IIL 377 Register zum dritten Bande. Heft. Seite. Beinling) Dr. Ernst, Untersuchungen über die Entstehung der ad- ventiven Wurzehi und Laubknospea an Blattstecklingen von Feperomia. (Mit Tafel IV und V.) I. 25 Colin, Dr. Ferdinand, Untersuchungen über Bacterien IX. Ueber die Einwirkung des electrischen Stromes auf die Vermehrung von Bacterien. Von Dr. Ferd. Cohn und Dr. Benno Mendel- sohn. Mit einer Einleitung von Dr. Ferdinand Cohn I. 141 Eidam, Dr. Eduard, Beitrag zur Kenntniss der Gymnoasceen. (Mit Tafel XII— XV.) II. 267 — Zur Kenntniss der Entwickelung bei den Ascomyceten. (Mit Tafel XIX— XXIII.) III. 377 Franke, Dr. Max, Beiträge zur Kenntniss der Wurzelverwachsun- gen. (Mit Tafel XVI und XVII.) III. 307 — Endoclonium polymorphiim. (Mit Tafel XVIII.) III. 365 Hielselier, Dr. T., Anatomie und Biologie der Gattung Streptocar- pus. (Mit Tafel I— III.) I. 1 Kirchner, Dr. Oskar, Zur Entwickelungsgeschichte von Volvox minor (Stein). (Mit Tafel VI.) 1. 95 — Ueber das Längenwachsthum von Pflanzenorganen bei niederen Temperaturen III. 335 Klein, Professor Julius. Pinguicula alpina als insektenfressende Pflanze und in anatomischer Beziehung. (Mit Tafel IX u. X.) II. 163 Mendelsohn, Dr. Benno, Untersuchungen über Bacterien IX. Ueber die Einwirkung des electrischen Stromes auf die Vermehrung von Bacterien. Von Dr. Ferdinand Cohn und Dr. Benno Mendelsohn. Mit einer Einleitung von Dr. Ferd. Cohn„.. I. 141 Miflet, Dr., Untersuchungen über Bacterien VIII. Untersuchungen über die in der Luft suspendirten Bacterien. Mit einer Ein- leitung von Dr. Ferdinand Cohn. (Mit Tafel VII und VIII.) I. 119 Neelsen, Dr. F., Untersuchungen über Bacterien X. Studien über die blaue Milch. (Mit Tafel XI.) IL 187 Scbroeter, Dr. J., Entwickelungsgeschichte einiger Rostpilze I. 51 Schwarz, Dr. Frank, Chemisch-botanische Studien über die in den Flechten vorkommenden Flechtensäuren II. 249 Wernich, Dr. A., Untersuchungen über Bacterien VII. Versuche über die Infection mit Micrococcus prodigiosus I. 105 Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Herausgegeben von Dr. Ferdinand Cohn. Dritter Band. Erstes Heft. IMit aclit z-um Tl^eil farbigen Tafeln. >)cxJ i58gg >o< Breslau 1879. J. XJ. K e r n. ' s Ve r 1 a g (Max Müller). Inhalt von Band iil. Heft I. Seite Anatomie und Biologie der Gattung Stieptocarpus. Von Dr. T. Hi eis eher. (Mit Tafel I-III.) 1 Untersuchungen über die Entstehung der adventiven Wurzeln und Laub- knospen an Blattsteeklingen von Peperomia. Von Dr. Ernst Bein- ling. (Mit Tafel IV und V.) 25 Entwickelungsgeschiehte einiger Rostpilze. Von Dr. J. Sehroeter. (Fortsetzung von Band 1. Heft 3. Seite 1.) 51 Zur Entwickelungsgeschiehte von Vulvox minor (Stein). Von Dr. Oskar Kirchner. (Mit Tafel VI.) 95 Untersuchungen über Bacterien. VII. Versuche über die Infeetion mit Micrococcus prodigiosus. Von Dr. A. W e r n i c h , üniversitcätsdocenten in Berlin 105 VIII. Untersuchungen über die in der Luft suspendirten Bacterien. Von Dr. Miflet aus Kiew. Mit einer Einleitung von Dr. P'erdinand Cohn. (Mit Tafel VII und VIIL) 119 IX. üeber die Einwirkung des electrischen Stromes auf die Vermehrung von Bacterien. Von Dr. Ferdinand Cohn und Dr. Benno Men- del söhn. Mit einer Einleitung von Dr. Ferdinand Cohn 141 WEW YOI^C (iAKÜKN Anatomie und Biologie der Gattung Streptocarpus'). Vom)0 Dr. TrHielscher. » • * Hierzu Tafel I-III. Bekanntlich enthält der Embryo der Phanerogamen bereits die Anlage der künftigen Pflanze. An dem einen Ende seiner Axe befindet sich die Wurzelanlage, am andern die primäre Knospe, letztere bei den Monokotylen von einem, bei den Dikotylen von den beiden Keimblättern umgeben. Bei der Keimung wird die Samenschale zunächst von der sich vergrössernden Wurzel durch- brochen, welche in den Boden eindringt und das ganze unterirdische Wurzelsystem erzeugt. Der hypokotyle Stengel streckt sich, hebt meistens die Keimblätter über den Boden empor, und während die ') Als der Docent an der Züricher Hochschule, Dr. Wilhelm Kabsch, einer der befähigtsten Schüler unserer Universität, am 19. Juni 1862 auf einem, für pflanzengeographische Zwecke unternommenen Ausfluge in die Appenzeller Alpen, durch einen Sturz von den Felsen des Hohenkastens verunglückte, fand sich in seinem Nachlass der Entwurf einer Arbeit über die Entwickelung der Gattung Streptocar2->us, welche denselben in seinen letzten Monaten beschäf- tigt hatte. Das von dem Freunde des Verstorbenen, Herrn v. Berlepsch, mir übergebene Manuscript nebst 4 Blättern Zeichnungen, zu denen jedoch die Erklärung fehlte, war in seinem unfertigen Zustande für die Veröffent- lichung nicht geeignet; die überraschenden Thatsachen jedoch, welche Kabsch gewonnen hatte, legten mir die Pflicht auf, die Untersuchung bei gelegener Zeit wieder aufzunehmen. Ich habe deshalb Herrn Dr. Traugott Hi el scher veranlasst, die Biologie der Gattung StrejJtocarpus zum Gegenstand einer neuen, selbstständigen Untersuchung zu machen; durch diese Arbeit sind die von Kabsch angedeuteten Resultate zwar in mehreren Punkten berichtigt, in anderen erweitert, in der Hauptsache aber für die Wissenschaft sicher gestellt worden. Ferdinand Cohn. Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Band III. Heft I. 1 Blattanlagen der primären Knospe zur Entwicklung gelangen, treten die Kotyledonen allmählich ausser Function und sterben schliesslich ab. Aus der primären Knospe des Embryos entwickelt sich das gesammte oberirdische System der Pflanze mit seiner mehr oder weniger reichen Verzweigung bis zur Ausbildung der Blüthen, Früchte und Samen. Jede Abweichung von diesem Gange ist als Ausnahme zu betrachten. Dahin gehört unter Anderm die Erscheinung, dass bei Tra]3a natans die Hauptwurzel keine Wurzelhaube besitzt, sondern ihre Stelle nur durch Tangentialtheilungen angedeutet ist, und dass statt der Hauptwurzel zahlreiche Adventivwurzeln hervor- brechen, welche die Ernährung der Pflanze bewirken*). Bei den Orchideen wird am jungen Embryo überhaupt keine Wurzel gebil- det"'^). Die merkwürdigsten Anomalien von den bis jetzt bekannten, hierher gehörigen Pflanzen zeigt Welwitschia mirahilis. Bei der- selben sind die Keimblätter die einzigen Blätter, welche die Pflanze im erwachsenen Zustande besitzt, sie nehmen grosse Dimensionen an, haben eine lange Lebensfähigkeit und umschliessen mit ihrer Basis einen Stamm, der sich durch complicirtes Dickenwachsthum vergrössert und ohne Endknospe abschliesst. Die zur Gattung Streptocarpus Lindl. gehörigen Pflan- zen sind dadurch ausgezeichnet, dass bei ihnen die bei- den eben geschilderten Verhältnisse zugleich vorkom- men: sie besitzen einen Embryo, bei welchem weder die primäre Wurzelanlage, noch die primäre Endknospe zur Ausbildung gelangt. Die Gattung Streptocarpus gehört nach Endlicher^) zu der Tri- bus der Didymocarpeen, diese bilden mit den Eucyrtandreen (gen. Gyrtandra u. a.) den Subordo der Cyrtandreae. Die Cyrtandreen unterscheiden sich von den Oesnereen, mit denen sie gewöhnlich in die Familie der Oesneraceen vereinigt werden, hauptsächlich da- durch, dass die ersteren kein Sameneiweiss besitzen, während es bei den letzteren vorhanden ist. Aus diesem Grunde haben mehrere Autoren ^) die Cyrtandreen als eigene Familie abgetrennt und den Namen Oesneraceen auf Endlicher 's Gesnereen übertragen. i) Vgl. Sachs Bot. ed. IV. p. 569. De Bary Vergl. Anatomie der Vege- tationsorgane p. 430. 2) Sachs a. a. O. 167. 3) Gen. pl. vol. I. p. 717. 4) z. B. Han stein in seinen Abhandlungen über die Oesneraceen des botanischen Gartens etc. zu Berlin, Linnaea Jahrg. 1854 und 1855. Die Heimath der Gesnereen ist ausschliesslich das tropische Amerika, während die Cyrtandreen in Australien, Asien (tropische Inseln, am Himalaja), endlich in Süd-Afrika einheimisch sind. Nur von hier war eine Zeitlang unsere Gattung Streptocarjms bekannt und zwar mit der einzigen Species Str. Rexii, welche Lindley 1828 (Bot. Reg. XIV. t. 1173) beschrieben und abgebildet hat. Horsfield pl. Jav. var. 1838 p. 119 beschrieb sodann eine ganze Reihe neuer Arten. Im Botanical- Magazine vom 1. Mai 1855 end- lich findet sich die erste Mittheilung von Sir W. Hooker über Strepfocarpus polyantlmsj diejenige Art, die wir bei unsern Unter- suchungen hauptsächlich zu Grunde gelegt haben. Später erschienen im Bot. Mag. noch Abbildungen und Beschreibungen anderer Species von südafrikanischen Stt-eptocarjyus- Arten, welche sich hiernach dem Str. polyanthus in allen wesentlichen Stücken gleich verhalten^). Wir lassen die betreffende Stelle unten im Original folgen*). Die erste etwas ausführlichere Notiz über die Entwicklung der Pflanze dürfte eine vorläufige, aus dem Jahre 1859 datirende Mit- 1) Auch andere Cyrtandreen- Gsittimgen scheinen sich analog wie Strepto- carpus zu verhalten z. B. Äcanthonema strigosum (Schnitzlein Iconogr. 152 b) ; doch habe ich darüber keine sichern Beobachtungen ermitteln können. 2) Among the roots of some living Ferns, kindly brought to us from Natal by Captain Garden, there appeared, in the sunimer of 1853, sendlings of a plant, whose lea-'cs, few in number, and pressed close to the soil, gradually dcvelopped theinselves, tili the larger ones, in the following season (December) became a foot long. From between the sinuses of these leaves or directly from the root there emerged one to three scapes, attaining altogether a foot in hight, bearing good-sized panicles of an undescribed, Ifnot wholly unknown, species, of the curious genus Streptocarpus, . . . but it was quite impossible to include the entire foliage in an octavo page. ... It is a species widely different from the only hitherto described South-African species Streptocarpus Bexü, and equally, or more so, from the Madagascar species of Brown and DeCandolle, all of which are caulescent, with axillary inflorescence. Descrip- tion : Leaves few, about two pair lying dose to the ground, and, as it were, pressed down upon the soil, these pairs are extremely inequal in size ; one is nearly a foot long in one living plant, the opposite one scarcely two inches, both are alike in shapes cordato-oblong, rugose, downy, reticulately veined, the margin somewhat uudulated and closely crenated: beneath, the veins are prominent, and the surface more downy. P'rom one to three scapes arise from the sinus, of the large leaf, a foot and more high, bearing a panicle, often bifid in the primary ramification, and many short divaricating subfasciculated pedicels, rarely bracteated, downy. Calyx hairy, with a short ovate tube, and five erect linear teeth or lobes to the limb, of which one is nearly twice the length of the rest. Corolla an inch and a half long, and as broad in the limb, delicate pale-blue, veined. Tube much curved, limb very oblique, of five, 1* theiliing Prof. Caspary's sein'). Etwas später beschäftigte sich Kabsch mit der anatomischen und entwicklungsgeschichtlichen Unter- suchung der merkwürdigen Pflanze. Sein früher unglücklicher Tod im Jahre 1862 hinderte ihn jedoch am Abschluss der Arbeit. In das hinterlassene Manuscript desselben erlangte ich durch die Güte des Herrn Prof. Dr. Cohn Einsicht; derselbe forderte mich auf, die interessante Untersuchung von Neuem vorzunehmen und mit den inzwischen so verbesserten Mitteln der Wissenschaft womöglich zum Abschluss zu bringen. Es sei mir gestattet, Herrn Prof. Dr. Ferd. Cohn, in dessen pflanzenphysiologischem Institut die vorliegende Arbeit vor drei Semestern begonnen wurde, für die Anleitung, die ich von demsel- ben während meiner Studien empfangen habe, besonders aber für die unausgesetzt bereite Unterstützung und thätige Förderung dieser Arbeit, meinen aufrichtigsten Dank ehrerbietigst auszusprechen. Gleichfalls zu Dank ^verpflichtet bin ich Herrn Geh. Rath Prof. Dr. Goeppert für die aus dem Breslauer botanischen Garten mir gütigst überlassenen Pflanzen, sowie demselben und Herrn Prof. Dr. Paul A scher so n für bereitwillige Mittheilung der betreffenden Literatur; endlich dem Königl. botanischen Garten zu Berlin, aus dem ich durch freundliche Vermittlung des Gärteninspectors Herrn Bouche den grössten Theil des verwendeten Materials erhalten habe. Wir betrachten nach einander folgende Hauptpunkte: I. Same, Keimung. II. Anatomie und EntwicMung der Vegetationsorgane. III. Anatomie und EntwicMung der rejjroductiven Organe; Embryologie. I. Same, Keimung. 1 . Die Samen von Streptocarpus (polyanthus) sind entsprechend der grossen Zahl, in der sie in einer Frucht entstehen, ausserordent- lich klein; sie erreichen kaum 0,2""" in der Breite und etwa das Doppelte bis Dreifache in der Länge. Sie sind von länglich-eiför- miger Gestalt, an beiden Enden zugespitzt, ihre braune Oberfläche mit unregelmässigen Längs- und Querleisten, (entsprechend den Gren- spreading, reticulated, cuneated, trothed lobes. Stamens inclined; fertile ones two, inserted near the middle of thc tube: sterile ones near the base, Filament bairy. Ovary cylindrical. liairy, with a short cylindrical style and a eonical Stigma. ') In den Verh. des naturhist. Ver. der preiiss. Rhein), und Westfalens. XV. Rd. (abgedr. in Flora J. 1858 p. 120). zen der Oberflächenzellen), verdickt. Um ihre Anatomie festzu- stellen, wurden sie nach der von Kern er angegebenen Methode etwa eine Minute in Alkohol gelegt^ um jegliche Spur von Wasser von ihrer Oberfläche zu entfernen, sodann in ein flüssig gemachtes Gemisch von etwa 2 Th. Paraffin und 1 Th. Talg eingebettet, und da man sie leicht in jeder beliebigen Lage festlegen kann, gelang es auf diese Weise, sowohl Längs- als Querschnitte von ihnen herzustellen. Die den Samen umgebende Schale ist eine derbe, mehrschich- tige Haut. Ihre äussersten Schichten sind, wie die Entwick- lung des Embryo zeigen wird, aus dem halb abgestorbenen Integu- ment der Samenknospe hervorgegangen und die Zellen derselben erscheinen nach der Behandlung mit Kali als eine braune structur- lose Masse (in Fig. 2 T. L angedeutet). Die innerste Zellschicht der Samenschale, welche aus dem Knospenkern hervorgeht, besteht aus nahezu würfelförmigen, in Kali stark quellenden Zellen. Im Leben sind sie mit dichtem körnigem Inhalt angefüllt. Derselbe ergiebt auf Jodjodkalium keine blaue Reaction, ist also stärkefrei; (Fig. 2 zeigt diese Zellschicht im Querschnitt.) 2. Der Embryo füllt, da Endosperm nicht vorhanden ist, die Samenschale fast vollständig aus; seine Structur deutet schon auf eine völlig anormale Entwicklung hin. Die Gliederung ist nicht so weit fortgeschritten, dass man Stengel, Keimblätter, Knospe und Wurzel unterscheiden kann, vielmehr lässt er nichts weiter als einen hypokotylen Stengel und 2 Kotyledonen erkennen. Letztere sind von gleicher Grösse und beide etwas um einander gebogen. Die andre Hälfte des Embryos ist als hypokotyler Stengel zu betrachten. Beide, sowohl Kotyledonen als Stengel zeigen auf dem Querschnitt sehr schön die Difterenzirung von Plerom und Periblem, ersteres scharf gegen das letztere abgesetzt. Der Scheitel des Stengelchens, an dem man die Knospenanlage erwarten sollte, zeichnet sich durch nichts von dem übrigen Gewebe aus und die spätere Entwickelung macht es vollends klar, dass eine Endknospe, ja sogar ein Vegetations- punkt überhaupt nicht vorhanden ist. Am entgegengesetzten Ende setzt sich das Plerombündel des Stengels scharf gegen die umgebenden Zellen ab und diese lau- fen von einer Seite über den Scheitel nach der andern ununter- brochen fort, ohne dass auch nur eine Spur einer Wurzelhaube zu entdecken ist. Der Embryo von Streptocarpus (polyanthus) entbehrt daher einerseits einer Würz elanlage, andrerseits des Vegetationspunktes au der Stelle der Endknospe. Fast alle übrigen Verhältnisse folgen aus diesen beiden That- sachen. 3. Keimung. Um die Samen zar Keimung zu bringen, wurden dieselben theils in feuchter Erde ausgesät, theils in den Keimappa- raten, welche im Pflanzenpbysiologischen Institute benutzt werden, einer feuchten Wärme von 20— 25"C. ausgesetzt. Dieselben beste- hen aus einem doppelwandigen blechernen Kasten, der durch einen gläsernen Deckel geschlossen werden kann. Der Raum zwischen den beiden Wänden wird mit Wasser gefüllt und dies durch eine kleine Gasflamme erwärmt. Um die Wärme auf einem bestimmten Punkt erhalten zu können, ist ein Gasregulator, sowie zur Controle ein Thermometer in das Wasser eingesenkt. Die Samen , welche keimen sollen, kommen, nachdem sie 24 Stunden im Wasser gequellt sind, auf feuchtgehaltenen Thonschalen (gewöhnliche Untersätze von Blumentöpfen, mit einem Thondeckel bedeckt, sind dazu verwendbar) in das Innere des Kastens. In feuchter Erde keimen die Samen nach ungefähr 14 Tagen, im Keimapparat jedoch brauchen sie etwas längere Zeit; indessen sind auch hier die meisten nach 3 Wochen gekeimt. Manche Samen von Btreptocarpus polyantlms sind trikotyl, und diese Exemplare befanden sich regelmässig unter den zuletzt gekeimten. Nachdem man die Samen in die zur Keimung erforderliche Um- gebung gebracht hat, quellen sie zunächst durch Wasseraufnahme beträchtlich auf und nach Verlauf der angegebenen Zeit wird die Samenschale gesprengt. Das Zerreissen derselben tritt meistens an demjenigen Ende ein, welches dem Wurzelende entspricht, indessen kommen auch Fälle vor, wo die Keimblätter zuerst sichtbar werden. Nach wenigen Tagen wird die Samenschale ganz abgestreift, die obern Theile des jungen Pflänzchens, die vorher blass gelbgrün erschienen, färben sich bald lebhaft grün; die beiden Kotyledonen breiten sich auseinander, man kann ihre fast kreisrunde Form deut- lich erkennen. In der Grösse (etwa 0,5™'^) ist in der Mehrzahl der Fälle mit blossem Auge kein Unterschied der beiden Keim- blätter zu erkennen, genaue mikroskopische Messungen haben aber an vielen Exemplaren schon unmittelbar nach der Keimung ergeben, dass der eine Kotyledon etwas grösser ist als der andere. Das ent- gegengesetzte Ende der Keimpflanze krümmt sich nach der Erde zu, dringt in dieselbe ein, durch Streckung der Zellen auf der con- caven Seite wird dann der Stengel wieder gerade, die Keimblätter vom Boden erhoben. Das in die Erde eingedrungene Stengelende ist wegen Mangel eines terminalen Vegetationskegels nicht befähigt, sich weit zu entwickeln; sein Wachsthum, das nur auf Streckung des meristema- tischen Zellgewebes beruht, ist vielnoehr von äusserst kurzer Dauer. 4. Die Anatomie des Stengels selbst zeigt ein axiles vom Rindenparenchym umgebenes Gefässbündel. Eine Epidermis ohne Spaltöffnungen giebt die äussere Begrenzung. Das Ende des Stengels wächst durch Streckung und beschränkte Theilung seiner Zellen zu einer keuligen Anschwellung aus, welche aus parenchymatischen grösseren und kleineren Zellen, durchweg von gleicher Beschaffenheit, besteht. Eine Anzahl der Oberflächen- zellen wächst in lange Haare aus, die mehr oder weniger gebogen, das abgerundete Ende des Stengels umgeben und im Boden befestigen. Inmitten dieser Zellmasse liegt ein axiler schon nach kurzer Zeit fertig ausgebildeter Gefässbündelstrang. Im Pierom treten nämlich schon kurz nach der Keimung zunächst in einer axilen Zellreihe zarte ringförmige oder spiralige Verdickungen auf, bald zeigen die- selben Verdickungen sich auch in den benachbarten Reihen von Zellen; die auf solche Weise entstandenen Tracheen bilden dann mehrere Reihen. Rings umgeben sind dieselben von länglichen Zellen, welche zarte, etwas gefaltete Wände haben und ohne Zweifel dem Siebtheil entsprechen. Eine besondere Endodermis konnte ich nicht unterscheiden. 5. Adventivwurzeln. Unmittelbar nachdem das untere Stengel- ende die beschriebene Form angenommen hat, entsteht dicht ober- halb desselben die erste Adventivwurzel und zwar, wie gewöhn- lich, an der Peripherie des Gefässbündels. Die Anlage der Seitcn- wurzel drängt die Rinde und Epidermis des Stengelchens zuerst hervor und durchbricht diese Gewebe nach einiger Zeit. Soweit bei genauer Einstellung an unverletzten Wurzeln die Verhältnisse erkenn- bar waren (Fig. 5. T, I.), wird die Warzelhaube aus einer einzigen Zell- schicht gebildet, Pierom und Periblem werden deutlich getrennt. Die Epidermis besteht aus länglichen, etwas verschobenen Zellen. Oberhalb dieser ersten Adventivwurzel entsteht dann auf die näm- liche Weise eine zweite, weiter eine dritte in basifugaler Richtung, jede folgende (zuerst wenigstens) immer näher an den Cotyledonen. Alle Adventivwurzeln sind auf ihrer Oberfläche von zarten einzelligen Haaren bedeckt. Da diese Haare sich eng an ihre Umgebung an- schliessen, so ist es schwer, die Wurzeln selbst von anhaftenden Erdtheilen und Fragmenten von kleinen Steinen zu isoliren, und es sind deshalb die Exemplare, wie sie im Keimkasten erhalten 8 werden, für das Studium der ersten Stadien vorzuziehen. Diese Adventivwurzeln übernehmen bald die Ernährung der jungen Pflanze, denn allmählich stirbt der primäre Stengel ab. Nur wenn, wie es bisweilen geschieht, gerade am Scheitel des Stengelchens sich ebenfalls eine Adventivwurzel bildet, diese dann die beschriebene Anschwellung durchbricht, so dass sie als unmittel- bare Fortsetzung des Stengels erscheint, bleibt das Ende des Stengels selber erhalten. Eine genaue Untersuchung zeigt aber jedesmal, dass wir es auch in den wenigen Fällen, wo diese Bildung eintritt, mit einer adventiv und endogen entstandenen Wurzel zu thun haben. 6. Die Keimlblätter stellen, wenn sie aus der Schale hervor- gebrochen sind, vorerst, mit Ausnahme des durch ihre Mitte gehenden schmalen Pleromstranges, ein gleichmässiges Gewebe zartwandiger parenchymatischer Zellen dar. Gleichzeitig mit der Umbildung des Stengelpleroms in Gefässbündel geht derselbe Vorgang auch im Plerom der Kotyledonen vor sich, welche demzufolge von einem radialen sehr einfachen Gefässbündel durchzogen werden; schon wenige Tage nach der Keimung sind in diesen Ring- oder Spiraltracheiden erkenn- bar. Zur selben Zeit sind auch schon die Spaltöffnungen auf beiden Kotyledonen in grosser Zahl auf der Unterseite, selten und vereinzelt auf der Oberseite, gebildet. War nun schon bei vielen Exemplaren während der Keimung durch mikroskopische Messung eine Differenz in der Grösse der beiden Keimblätter zu erkennen, so tritt dies nach kurzem Wachs- thumsverlauf so deutlich zu Tage, dass sie auch makroskopisch gut sichtbar wird. Während der eine Kotyledon, sich fort und fort vergrössernd, bedeutende Dimensionen erreicht, bleibt der andere immer mehr zurück und stirbt schliess- lich ganz ab. Vierzehn Tage nach der Keimung haben die Pflänzchen etwa 3 — 5™'"- Länge, ihr grösserer Kotyledon ist dann etwa 1,5"*™- in der Breite ausgedehnt; er übertrifft dann den andern bereits um das Vierfache seiner Länge. Ihre früher kreisförmige Gestalt ist eine etwas andere geworden, der kleinere ist jetzt nierenförmig, der grössere eiförmig, am Grunde herzförmig. Inzwischen ist auch eine deutliche Scheidung der das Blatt zusam- mensetzenden Zellschichten eingetreten. Unmittelbar unter der Epidermis befindet sich eine einreihige, chlorophyllreiche Pallisaden- schicht, unter dieser liegen (anfangs nur 2) Schichten eines ziemlich festen Parenchymgewebes, die Hauptmasse des Blattes bildend, welche von der Epidermis der Unterseite bedeckt wird. Die Spaltöffnungen werden wir gelegentlich der Anatomie des erwachsenen Blattes betrachten. Bekanntlich sind in der grossen Mehrzahl der Gewächse die Gewebe der Blätter nur kurze Zeit theilbar und später geschieht die weitere Vergrösserung des Blattes ausschliesslich nur noch durch Streckung der schon vorhandenen Zellen. Ganz anders bei unserer Pflanze. Der grössere Kotyledon wächst hier zu einem grossen Laubblatt aus (welches in der Heimath bis einen Fuss lang wird), und dieses Laubblatt ist bis nach der Blüthe das einzige Blatt, welches die Pflanze üb erhaupt besitzt. Diese aussergewöhnliche Vergrösserung beruht darauf, dass das Gewebe am Grunde des Blattes und im Blattstiel sehr lange Zeit hindurch theilungsfähig bleibt, während am Blattrande die Theilungsthätigkeit zuerst zum Stillstand kommt und das Meristeragewebe in Dauergewebe übergeht. Dieser Unter- schied ist auf Fig. 6 und 7 T. l. (beide mit derselben Ver- grösserung mit Hilfe des Zeichenapparates hergestellt) für die Epi- dermiszellen dargestellt. Dieselben sind am Rande von unbestimmt vieleckigem ümriss, fast jede Wand winkelartig gebrochen; am Scheitel dieser Winkel (auf der convexen Seite) ragen meist noch kleine Fortsätze in die Zellen hinein, die dann später bei fortschrei- tendem Wachsthum allmählich wieder verschwinden. Die Zellen am Grunde des Blattes dagegen zeigen 4 — 8 fach kleinere Zellen, sämmt- lich mit graden und zarteren Wänden und viel dichterem Inhalt. Am kleineren Kotyledon finden wir zu derselben Zeit nur die ersterwähnten Epidermiszellen mit gebrochenen Wänden, theilungs- fähiges Gewebe ist dagegen nicht vorhanden, daher kann Vergrösse- rung desselben nur noch durch Zellstreckung zu Stande kommen, und da diese naturgemäss beschränkt ist, so liegt auch das Wachs- thum des ganzen Blättchens innerhalb bestimmter, ziemlich enger Grenzen, Das mediane Gefässbündel verzweigt sich in dem rudimentär bleibenden Kotyledon gar nicht, sondern durchläuft denselben auch am Schluss seiner Vegetationszeit noch als ein einfacher Strang in dem grösseren Kotyledon tritt Verzweigung des Gefässbündels schon in der bis jetzt betrachteten Zeit ein. Durch Theilung von Zellen des Grundgewebes in der Nähe des ursprünglichen Bündels entste- hen am Blattgrunde zunächst Stränge von procambialen Zellen, aus denen Bündeläste hervorgehen. Die Verzweigungen gehen vom pri- mären Bündel ab, laufen zum Rande, biegen dort nach rechts oder links rechtwinklig um, laufen ein Stück mit dem Rande parallel und 10 treffen schliesslich auf einen andern Ast derselben Ordnung, indem sie Schlingen bilden. Die secundären Nerven werden durch tertiäre verbunden, diese durch quaternäre u. s. w. und so entsteht schliess- lich die vollständige netzadrige Nervatur. 7. Tricliome, Kotyledonen sowie Stengel tragen auf ihrer Ober- fläche verschiedenartige Trichome. Zuerst sind drüsenähnliche Köpfchen zu erwähnen, die in grosser Anzahl am Grund und Rand der Keimblätter, weniger auf der Oberfläche derselben und des Stengels entstehen. Sie entstehen durch Theilung einer Epidermiszelle und stellen im ausgebildeten Zustande ein 2- (oder 4-) zelliges kugliges Köpfchen dar, von einem einzelligen Stiel getragen. Die eigentlichen Haare sind sehr lang, kegelförmig und bestehen meist aus einer einfachen Reihe von 4 Zellen; bei den einen ist die Endzelle keulig angeschwollen, bei den andern läuft sie in eine scharfe Spitze aus. Jene scheinen den jüngeren Pflanzentheilen anzugehören, diese kom- men zwar auch schon auf solchen vor, ihre eigentliche Stelle aber ist auf allen älteren Organen und übrigens ist zwischen beiden eine scharfe Grenze kaum zu ziehen. Die kleine Basalzelle des Haarfusses ist von 8 über die andern etwas erhobenen Zellen umgeben. II. Entwicklung und Anatomie der Vegetationsorgane. 1. Eutwickluiig der Kotyledonen. Während der eine Koty- ledon den andern an Grösse beträchtlich überflügelt, erhebt er sich zugleich über denselben. Die Kotyledonen sind nämlich zuerst fast sitzend, erst mit fortschreitendem Wachsthum entwickelt sich am Grunde des grösseren, welcher sich zu einem Laubblatt ausbildet, ein kurzer Blattstiel. Der kleinere bleibt sitzend, wie er von Anfang an gewesen ist. Das ganze untere Ende des Stengels wird von einem Gewirre von Adventivwurzeln vollständig bedeckt, die- selben, reich verzweigt, überschreiten schliesslich die Stelle, wo sich der zweite Kotyledon abzweigt und brechen nunmehr auch aus dem Blattstiel des ersten heraus. Letzterer verdickt sich sehr beträchtlich in Länge und Breite, das Laubblatt selbst vergrössert sich bedeu- tend, der andre nicht entwickelte Kotyledon aber wird welk und stirbt endlich ab, doch tritt der Punkt, an dem dies geschieht^ bei verschiedenen Individuen nicht zu gleicher Zeit ein; die äusserste Zeit, wo ich den zweiten Kotyledon noch aulFand, waren 2 Monate nach der Keimung, seine Grösse wechselte zwischen 2 und 5"^°*-; während das grössere Laubblatl bereits bis 3 *'™- Länge erreicht hatte. Mit dem zweiten Keimblatt zugleich stirbt auch der primäre Stengel ab; die Stelle, wo sein Platz gewesen ist, kann später nur n an einer dünnen Korkschicht erkannt werden, welche den weiter fortwachsenden Kotyledon am Grunde abgrenzt. Indem dieser sich zum Laubblatt bildet, verändert er seine Gestalt nur in sofern, dass dieses etwas spitzer wird. Sein Rand ist gekerbt, die viel verzweigten meist unter rechtem Winkel an einanderstossenden Rippen treten auf der Unterseite ungewöhnlich kräftig hervor, so dass die Blattfläche auf der Oberseite zwischen dem Rippennetz gewölbt erscheint, während letzteres auf der Unter- seite im starken Relief vorspringt; das ganze etwas wellige Blatt ist sowohl auf der Ober- als besonders auf der Unterseite dicht mit den oben erwähnten, in eine Spitze auslaufenden, kegelförmigen Haaren bedeckt; die Lamina neigt sich an dem herzförmigen Blattgrunde von beiden Seiten über dem Blattstiel zusammen. (Vgl. Fig. 8, T. I.) So besteht denn nunmehr unsere ganze Pflanze aus diesem einzigen Blatte, welches nach Art eines Blattstecklings') mit der Unterseite seines Stieles durch Adventivwurzeln im Boden befestigt wird und auf demselben dicht aufliegt. Im Verlauf bleibt nun, bis das Blatt vollständig ausgewachsen ist, die Form wesent- lich dieselbe, die Farbe auf der Oberseite wird dunkler, auf der Unterseite röthlich. Die Grösse dieses Blattes war sehr verschieden. An den meisten Exemplaren betrug seine Länge nur 10 — 15 cm., es kamen jedoch auch einzelne Exemplare vor, welche sich den riesigen Dimensionen, die sie in der Heimat erreichen (bis 1 Fuss) stark annäherten. Ein aus Erfurt bezogenes blühendes Exemplar (Fig. 1 . T. I.) besass ein dickes, ovales, fast kreisrundes Blatt von 20 cm. Länge und 17 cm. Breite, die in der Erde steckende zusammengedrückt cylindrische Blattstielbasis hatte einen Querdurchmesser von 14 mm. erreicht und war von einem Gewirr von Adventivwurzeln bedeckt. Die von uns cultivirten Exemplare hatten die völlige Grösse jedoch nicht erreicht, vielmehr legten dieselben, weil zweijährig, in einem Sommer nur die Hälfte ihrer Entwicklung zurück, während die Ausbildung der Blüthenstände, sowie der etwa entstehenden adventiven Laubsprosse dem zweiten Jahre vorbehalten bleibt. 2. Die AdveiltiTWurzelll entstehen am Blattstiel endogen in derselben Weise, wie wir dies für den Stengel angegeben haben, doch habe ich die ersten Entwicklungsstadien nicht aufiinden können. Der Centralcylinder, welcher die Adventivwurzeln durchzieht, enthält zuerst, wie wir oben gesehen haben, nur eine einzige axile Trachee, später entsteht parallel mit dieser eine zweite, dann eine •) Vergl. die folgende Abhandlung von Dr. E. Beinling. 12 dritte u. s. w. Selten liegen diese unmittelbar nebeneinander, vielmehr sind sie meist durch Grundgewebe getrennt. (Füllgewebe.) Nach Präpa- raten von jungen Wurzeln (vgl. Fig. 9. T. 1. Querschnitt) sind dieselben als triarch zu bezeichnen, d. h. die Elemente desXylems sind in 3 Reihen radial angeordnet, mit denen 3 Bündel äusserst zarter Phloemparthien alterniren, die Wurzel zeigt daher normalen Bau; bei älteren Wurzeln lässt sich allerdings eine derartige Vertheilung nicht mehr erkennen, die Gefässe liegen einzeln oder zu zwei und drei ohne erkennbare Ordnung in dem Verbindungsgewebe zerstreut, und ebenso scheint der Weichbast unregelmässig zerstreut zu sein. Die Tracheen sind, wie schon erwähnt, netz- oder ringfaserig verdickt. Rings ununterbrochen umgeben ist der ganze Centralcylinder der Wurzel von der Endodermis oder Schutzscheide, die als die innerste Schicht des Rindenparenchyms bezeichnet werden muss. Die Zellen derselben sind in der Jugend zart, dagegen bei älteren Wurzeln stärker verdickt (so zwar, dass die an das Rinden- parenchym angrenzende Wand immer bedeutend stärker ist als diejenige, welche auf der Innenseite liegt und das Füllgewebe des Gefässcylinders umschliesst). Die Casparischen Punkte sind nur an jungen Exemplaren zu erkennen. Das übrige Rindengewebe lässt bei vollkommen ausgewachsenen Wurzeln hier, wie bei allen Phanerogamen, zwei Schichten erkennen. Die äussere Schicht ist in concentrische Reihen angeordnet, etwa 3 — 4 Kreise dick, sie besteht aus dünnwandigen Zellen ohne Inter- cellularräume und Tüpfel und ist gegen die andre ziemlich scharf abgesetzt. Die innere dagegen, welche wir mit De Bary als hypo- derme Rindenschicht bezeichnen, ist etwa 5 Reihen stark und zusam- mengesetzt aus stärker verdickten, deutlich getüpfelten Zellen mit Intercellularräumen, ebenfalls in concentrischer Anordnung. Auf dem Längschnitt erscheinen die Zellen der äusseren Schicht etwa würfel- förmig, die der Innern dagegen etwa 2 — 3 mal so lang als breit. Die Wurzelspitze (vgl. Fig. 12 T. II.) lässt einen umfangreichen Pleromcylinder erkennen, von ihm scharf getrennt eine Hülle von Periblem, die Initialschicht liegt über dem Periblem, das Plerom- bündel ist geschlossen, Wurzelhaube und Dermatogen deutlich ent- wickelt. Die Wurzel gehört daher nach Jauczewski dem dritten Typus an, wo das Periblem, vom Plerom scharf getrennt, über dem Pleromscheitel mit einer gemeinsamen Initialschicht für Dermatogen und Wurzelhaube versehen ist. Die adventiven Wurzeln verzweigen sich mehrfach und erreichen 13 etwa 7 cm. Länge, sie umfassen den Blattstiel, an dem sie entstanden sind, zuletzt fast vollständig. 3. Der Blattstiel ist, wie wir oben sahen, erst einige Zeit, etwa einen Monat nach der Keimung, von der Spreite deutlich abge- setzt. Die Anatomie desselben ist anfänglich der des Stengels voll- ständig gleich : parenchymatisches Gewebe mit einem medianen Ge- fässbündel. Da diese Gewebe jedoch, statt in Dauergewebe über- zugehen, in theilungsfähigem Zustande verharren, so entstehen nach und nach im Blattstiel neue Stränge, die so geordnet sind, dass sie eine nach der Oberseite des Blattes offene Rinne bilden und daher einen halbkreisförmigen Querschnitt zeigen; die jüngsten Bündel liegen an den beiden Enden dieses Halbkreises. Durch dieses suc- cessive Entstehen neuer Gefässbündcl und durch seine lange Thei- lungsfähigkeit ist das Gewebe des Blattstiels wie des Blattgrundes zu so anhaltendem Wachsthum und so langem Leben befähigt. Der Blattstiel erreichte in den von uns cultivirten Exemplaren schliesslich eine Dicke von 5 — 8™™-, seine Länge betrug ungefähr ebensoviel; bei dem auf p. 1 1 erwähnten Erfurter Exemplar hatte der Blattstiel die Stärke eines Mannesdaumens erreicht; in der Heimat mögen die Dimensionen entsprechend der noch bedeutenderen Grösse des Blattes, beträchtlicher sein. Auf einem Querschnitte (Fig. 13 T. IL) erblickt man den Halb- kreis der Gefässbündcl, jedes derselben lässt in collateraler An- ordnung Holz- und Basttheil unterscheiden, letzteren nach aussen gewendet, zwischen beiden liegt eine Cambialzone, die nach aussen neues Phloem, nach innen neues Xylem erzeugt und sich als inter- fasciculares Cambium über die Grenzen der Gefässbündcl durch die Zwischenräume von einem zum andern fortsetzt. Das parenchyraa- tische Gewebe innerhalb und ausserhalb des Gefässbündelkreises ist von gleicher Beschaffenheit und besteht aus Zellen, die zu langer Vermehrung durch Theilnng befähigt sind. Fig. 15. T. IL zeigt einen Theil desselben mit vielen secundären und tertiären Scheide- wänden. Das Parenchym grenzt nach aussen an eine schön ent- wickelte Collenchymschicht, und diese, etwa 2 Zellschichten stark, wird unmittelbar von der auf der Blattoberseite mehrschichtigen Epidermis umschlossen. Auf dem Längsschnitt des Blattstiels erscheinen die Parenchym- zellen in geraden Längsreihen angeordnet, die oben isolirten Gefäss- bündcl anastomosiren nach unten zu vielfach und um den Grund des Blattstiels herum finden wir ganze Lagen von unregelmässig nach 14 allen Richtungen orientirten, untereinander zusammenhängenden Tracheiden (netzförmig verdickten Zellen, während im Blattstiel weiter oben wirkliche Spiralgefässe vorhanden sind). Unterhalb dieser Stelle schliesst eine dünne Korkschicht den Blattstiel gegen den Boden ab, nachdem das primäre Stengelglied abgestorben ist. Die Stelle, wo der unentwickelte Kotyledon mit der übrigen Pflanze in Verbindung gestanden hatte, ist wegen der Kleinheit dessel- ben und wegen der Ueberwucherung durch Wurzeln, die auch manchmal absterben, an erwachsenen Exemplaren nicht auffindbar gewesen. Ausserordentlich reich entwickelt ist die Nervatur des Blattes; selbst zu der Zeit, wenn schon die Blüthenstände angelegt sind, ist der unterste Theil des Blattes noch nicht ganz ausgewachsen, vielmehr stehen hier die Rippen noch ganz nahe neben einander und die Lamina, von langen Haaren fast zottig, zeigt ein sehr zartes Grün. Der anatomische Bau der Blatt rippen ist wesentlich dem des Blattstiels analog. 4. Das Blatt seljbst^ welches bei den früher besprochenen Keimpflanzen aus nur 3 Zellschichten zwischen der beiderseitigen Epidermis bestand, hat sich bei der Entwicklung des Kotyledonen zum Laubblatt bedeutend verändert. Die unter der Epidermis der Blattoberseite gelegene Pallisadenschicht besteht aus einer Reihe von prismatischen Zellen, welche an einander dicht anliegen und mit Chlorophyll fast vollständig angefüllt sind. Die übrige Masse des Blattgewebes bis zur unterseitigen Epidermis ist jetzt aus kugligen Zellen mit zahlreichen Intercellularräumen gebildet, welche meist auffällige ringförmige Verdickungen, eine oder mehrere auf einer Zellfläche zeigen. Diese Kreise rühren daher, dass die Zellwand an den Intercellularräumen stark verdickt ist, während diejenigen Seiten, wo je zwei Zellwände unmittelbar auf einander stossen, wenig oder gar nicht verdickt sind. (Fig. 14. T. II.) Die Spaltöffnungen befinden sich fast ausschliesslich auf der Unterseite des Blattes, auf allen Seiten von Haaren umgeben und fast verdeckt. Die beiden Schliesszellen sind klein, von ovaler Form und ragen dadurch, dass sie auf 2, an und für sich schon etwas erhabenen Zellen aufsitzen, über die Blattfläche hervor. Die Athem- höhle ist etwa so gross, wie die 4 Zellen zusammengenommen. Ehe wir aber diesen Zustand der Pflanze verlassen, müssen wir noch einer Erscheinung Erwähnung thun, die sich mit fortschreitendem Wachsthum häufig bei unserer Pflanze zu zeigen pflegt. Es tritt nämlich bei Exemplaren, die ungefähr ein Di'ittel ihrer vollen 15 Grösse erreicht haben, etwa Va von der Spitze des Blattes entfernt eine gelbe, quer über dasselbe verlaufende Linie auf. Die Zellen in einer durch die ganze Dicke des Blattes gehenden Schicht nämlich verlieren ihren Inhalt, ihre Wände werden dunkler, sekundäre Theilungen treten in denselben ein. (Vgl. Fig. 10 u. 11. T. I.) Diese Umstände zeigen, dass wir es mit der Bildung einer Korkschicht zu thun haben, welche einen kleinern Theil des Blattes abtrennt. Kaum ist diese Linie aus- geprägt, so fängt das Blatt an, von der Spitze her abzusterben und diesem Zerstörungsprocesse setzt endlich die Korkschicht eine Grenze. Gebildet ist sie jedoch schon, wenn die auf beiden Seiten, rechts und links, liegenden Zellen noch genau das gleiche Aussehen zeigen. Nach einiger Zeit bildet sich eine ähnliche Korklamelle quer durch das Blattgewebe an einer tieferen Stelle und bald schreitet der Process des Absterbens weiter bis zu dieser Grenzlinie vor. So beschaffen ist unsere Pflanze, nachdem sie die Vegetations- zeit eines Sommers hinter sich hat. Am Schluss derselben füllen sich die Zellen des Blattstiels mit Stärke, das so mit Reservestoffen versehene Blatt verhält sich nun vollkom- men wie ein Blattsteckling einer Begonie oder eines anderen sich auf diese Weise fortpflanzenden Gewächses. Es entstehen im weiteren Verlaufe des Wachsthums zunächst adventiv eine Reihe von Blüthenständen, und während diese ihre Blüthen entwickeln, brechen ebenfalls am Stiel des primären Blattes ein oder mehrere Laubsprosse hervor. III. Entwicklungsgeschichte und Anatomie der reproductiven Organe. 1. Adventive Entstehung der Blüthenstände. In Bezug auf die Entwicklung der Blüthenstände und adventiven Laubsprosse, sowie der Embryone bis zum Samen, muss ich zunächst voraus- schicken, dass es mir nicht möglich war, die Bildung derselben bei Sti-eptocarpus ijolyanthus von Anfang an zu verfolgen und zwar aus dem Grunde, weil das mir zu Gebote stehende Material die ersten Zustände nicht repräsentirte; meine eigenen Exemplare, die Herr Kunstgärtner Schütze in Breslau die Güte hatte zu kultiviren, kamen, wie oben erwähnt, in ihrer Entwicklung überhaupt nicht so weit. Um jedoch die Lücke auszufüllen, füge ich hier Beobachtungen ein, die an Str. Rexii gemacht worden sind und einen Schluss auf die Verhältnisse von Str. polyanthus wohl gestatten, da sich, wie die von Hook er im Bot.-Mag, publicirten Abbildungen zeigen und die 16 Pflanzen selber lehren, beide augenscheinlich, wenigstens in der Hauptsache, gleich verhalten. Auch bei Str. Rexii nämlich entwickelt sich ein Kotyledon zu einem Blatte, indessen ist dies viel schmäler und länger als bei 2)olyanthus, ausserdem langgestielt'). Ausserdem besitzt Str. Rexii eine grosse Menge ganz ähnlich gestalteter, kurzgestielter Blätter, die wechselständig zu einander entstanden sind, und von denen immer die um einen gemeinsamen Mittelpunkt vertheilten zusammenge- hören. Solcher Centra sind am Blattstiel des primären Blattes eine ganze Reihe vorhanden. Ferner entstehen gleichzeitig mit diesen Laubsprossen, oder etwas früher in einfacher basifugaler Reihe eine Anzahl von (bei Rexii ein-, bei jjolyantlms und den meisten anderen Arten vielblüthigen) Blüthenständen, jeder folgende weiter nach der Blattspitze zu, so dass die jüngsten ihr am nächsten stehen, einer ganz dicht am andern. An günstigen Präparaten (Fig. 16 T. II.) kann man zwischen dem letzten, noch wenig entwickelten Blüthenstiel und dem Blatt- stiel selbst einen Vegetationskegel wahrnehmen (Fig. 17 T. IL). Derselbe liegt genau an der Grenze, wo beide Organe in einander übergehen, ja manchmal scheint es, als ob er direkt auf dem Blü- thenstiel entstanden wäre. Die Epidermis des Blattstiels setzt sich über den Meristemkegel fort. Die Entstehung der Blüthenstände geht also folgcndermassen vor sich: Wenn das Blatt vollständig ausgewachsen ist, so entsteht auf der Oberseite des Blattstiels, wo zwischen den beiden Flügelsäumen der Lamina das Blattgewebe theilbar bleibt, durch radiale und tangentiale Theilung gewisser oberflächlicher Zellgruppen ein exogener Vegetationskegel in Form eines sich über die Blattstielfläche erheben- den Zellhügels, in der Mitte desselben bildet sich ein procambialer Strang, welcher mit dem Gefässsystem des Blattstiels in Verbindung tritt, und zwar in der Weise, dass er sich nach innen theilt und die Aeste sich mit den beiden Rändern der halbcylindrischen Rinne, in der, wie wir oben sahen, das Gefässbündelsystem des Blattstiels angeordnet ist, in Verbindung setzen. Allmählich wächst dieser Zellhügel, an der Spitze Bracteen und Blüthen anlegend, zu einem Axen- organe (Blüthenstengel) aus. Da wo der Blüthenstengel an die Blattfläche angrenzt, und zwar an seiner basifugalen Kante, tritt sodann dieselbe 1) An diesem langen Stiel kann man an der erwachsenen Pflanze das Mut- terblatt erkennen. 17 Erscheinung von Neuem auf; es entsteht ein neuer Vegetationskegel, und es geht ein zweiter Blüthenstand daraus hervor u. s. w. ; jeder jüngere wird von den älteren behindert und neigt sich gegen die Blattfläche. Die weitere Ausbildung bis zur Blüthe folgt, so weit sie beobachtet wurde, weiter unten. Die adventiven Blätter entstehen gleichzeitig mit oder erst nach den Blüthen und zwar wahrscheinlich auf folgende Weise. Ausserhalb der Region der Blüthenstiele, entweder seitwärts oder unterwärts erhebt sich über dem Blattstiele ein flacher Vegetationspunkt, an welchem der Reihe nach rechts und links alternirende Blätter ber- vorsprossen; man kann ihn in vielen Fällen bei Str. Rexii leicht als schwache Erhebung der obersten Meristemschichten am Grunde des jüngsten Blattes erkennen. (Vgl. Fig. 18. T. IL) Dadurch, dass diese Bildungen in grosser Anzahl am Blattstiel auftreten, werden die Verhältnisse meistens so verwickelt, dass man den Zusammen- hang selten auf den ersten Blick erkennen kann. Bei Streptocarpus polyanthus habe ich bisher nur Blätter mit vollkommen ausgebildeter Laub- und Bltithensprosse aus dem Berl. botanischen Garten erhalten können; die Betrachtung derselben lehrte aber, dass sie sich in Bezug auf die Blüthensprosse ebenso verhal- ten müssen ; die adventiven Laubsprosse allerdings stehen so unregel- mässig vertheilt, dass es an weiter entwickelten Exemplaren kaum möglich ist, ihre Zusammengehörigkeit zu ermitteln. Das oben erwähnte Erfurter Exemplar besass nur einen vollkommnen Blütheu- stengel, und hinter diesem die Anlage eines zweiten und ausserdem die eines Laubsprosses, so dass hier die adventive Entstehung beider aus dem Blattgrunde deutlich erkennbar war; die Blättchen des adventiven Laubsprosses waren mit ihrer Oberseite der Oberseite des Blattes zugewendet; kleine Blättchen sprossten auch aus dem Blattstiel unterhalb des ersten Blüthensprosses hervor. Die Klarstellung dieses Punktes, sowie die Frage, wie sich diese Laubsprosse später ver- halten und ob sie ihrerseits neue Blüthenstände hervorbringen können, muss späteren Untersuchungen mit reicherem Material vorbehalten bleiben. Was die Blätter der adventiven Laubsprosse betrifft, so ist nur noch zu erwähnen, dass ihre Beschaffenheit derjenigen des primären Blattes analog ist, nur dass sie viel kleiner sind; sie erreichten in den von mir gesehenen Exemplaren selten 2 cm. Länge. Der ')i\\\i\i%\\?>i2inA. von Streptocarims polyanthus ist nicht, wie bei Str. Rexii, einblütliig, sondern er stellt eine reichverzweigte Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Band HI. Heft 1. 2 18 rispenförmige Cyma dar, mit einer grossen Anzahl durch Hoch- blättchen gestützter Blütheo. Bei der Verzweigung treten rechts und links von der Axe zwei subflorale Zweige auf, die Axe selbst endigt mit einer Blüthe, desgleichen einer der Zweige; der andere dagegen verlängert sich und verzweigt sich später in derselben Weise. Indem sich dann die Stengelglieder nicht gleichraässig vergrössern, entfer- nen sich diese Blättclien von den zugehörigen Blüthen und stehen zuletzt meist in der Mitte zwischen zwei Verzweigungen. Die letzten Knospen sind wickelartig eingerollt. Die Stengelglieder zwischen je zwei Verzweigungen sind meist mehr oder weniger gekrümmt. 2. Die Blüthe ist dem allgemeinen Typus der Familie gemäss folgendermassen gebaut: Der Kelch ist verwachsenblättrig 5 theilig, die Kelchzähne lanzett- lich, zugespitzt; die Blumenkrone verwachsenblättrig, mit 5 spaltigem Rande, undeutlich zweilippig, mit langer, am Grunde bauchiger Röhre, letztere etwa 3 — 4 mal so lang als der Kelch. Die Farbe ist ein zartes, auf der Aussenseite helleres Lichtblau, gegen die Mündung gelb. In der Kronröhre vollständig eingeschlossen liegen die bei- den Staubgefässe, sie sind etwa auf Va ihrer Länge mit derselben zusammengewachsen, ihre Enden neigen zusammen, ihre Pollensäcke sind mit einander verklebt. Zwei andere Staubgefässe abortiren regelmässig und sind als kleine Schüppchen erkennbar. Die kurz- gestielte, kopfige, 2 lappige Narbe sitzt auf dem rechtsgedrehten Fruchtknoten (daher der Name Strej^tocmyus !) auf, letzterer ist ober- ständig und in der Blüthe ungefähr von der halben Länge der Kronröhre, im angewachsenen Zustande etwa 3 mal so lang. Das Pistill besteht aus 2 Carpellen, die zu einem 2fächrigem, und durch später zu schildernde Verwachsung 4 kammerigem Fruchtknoten ver- einigt sind. Auf einem Längsschnitt des frühesten Zustandes, den ich auffin- den konnte, (Fig. 19. T. II.) erkennt man dem Stengelende gegen- über einen eben hervorgebrochenen Blüthenstand. Derselbe lässt schon in diesem Stadium eine Reihe von Knospen erkennen, welche im Anfangszustand aus einem kegelförmigen Vegetationspunkte bestehen, an dessen Grunde bald blattartige Gebilde sich entwickeln. Diesel- ben vergrössern sich schnell, überwachsen den Vegetationspunkt, neigen sich über demselben zusammen, bringen Haare hervor, und indem sich diese dicht an einander legen, bilden sie den Kelch als die schützende Hülle über der heranwachsenden Knospe. Im Innern der Blüthenknospe entwickelt sich dann zunächst die Korolle mit den aufsitzenden Antheren und schliesslich wird der Scheitel zum Pistill. 19 Zwischen Fruchtknoten und Korolle entsteht ein ringförmiger hypogyner Discus. (Vgl. Fig. 20. T. II.) Dieser Entwickelungsgang ist voll- ständig normal und habe ich nichts über denselben zu bemerken. Gehen wir sofort zur Anatomie dieser Organe über. 3. Anatomie der Blüthen. Der Blüthenstengel enthält in den Zellen seiner Epidermis einen rothen Farbstoff, welcher auch in die Neben- zellen der Haarfüsse verbreitet ist, während letztere selbst farblos sind. Unter der Epidermis liegt (Fig. 21. T. II.) eine Collenchymschicht, darunter (meist 2 reihiges) Parenchym, welches mit der alsdann fol- genden Endodermis das Rindengewebe bildet. Letztere ist zartwan- dig und ihre radialen Wände zeigen deutlich die Caspari'schen Punkte. Der von der Endodermis umschlossene Gefässbündelcylin- der ist nach aussen von einem geschlossenen Ring von Sklerenchym- zellen umgeben, diese sind sehr stark verdickt und bilden mehrere Reihen. Innerhalb derselben sind eine Anzahl Gefässbtindel in einen Kreis gestellt. Die Gefässbündel bestehen in normaler Weise aus collateral gestelltem Gefäss- und Siebtheil, ersterer aus Gruppen von Spiral-, Ring- und Netzgefässen, letzterer von zartwandigen Sieb- zellen gebildet, welche von Sklerenchym umgeben, auf der Aussen- seite der Gefässbündel liegen. Der so gebaute Gefässbündelring ist in grosszelliges Markparenchym eingelagert, lieber die Kor olle, die verwachsenen A ntheren, sowie die rundlichen, glatten Pollen- körner ist anatomisch nichts weiter zu bemerken. Der sehr kurze und in den Fruchtknoten allmählich verschmälerte Griffel ist im Innern von einem Canal durchzogen, in dem ich die hineinwachsenden Pollenschläuche auffinden konnte. Uebrigens, um diese Bemerkung hier einzuschalten, scheint die Blüthe ihrem ganzen Bau nach auf Selbstbestäubung eingerichtet zu sein. Die Narbe liegt nämlich zur Blüthezeit den Antheren fest angedrückt, -so dass wohl nicht zu bezweifeln ist, dass die Pollenkörner, nachdem sie auf dieselbe gefallen sind, auch keimen. Der Fruchtknoten, wie schon erwähnt, besteht aus 2 Car- pellen. Dieselben verwachsen so mit einander (vgl. hierzu Fig. 22. T. III.), dass nur die Ränder der beiden Blätter frei bleiben, welche sich nach innen halbkreisförmig umrollen und auf ihrem äussersten Rande die Placenten bilden. Auf diese Weise entstehen 4 Kammern, jedoch so, dass je zwei nicht durchaus von einander getrennt sind, sondern durch einen schmalen Canal verbunden bleiben. Der Fruchtknoten wird von 5 Gefässbündeln durchzogen, von denen je eins in der Mediane der beiden Fruchtblätter, je eins am Rande derselben, wo sie zusammengewachsen sind, und eins in der Mitte verlaufen. Das 2* ^0 Xylera ist aus abrollbaren Spiralgefilssen gebildet und an beiden Enden von Siebtheilen begrenzt. (Vgl. Fig. 20. T. II.) Das Grundgewebe ist parenchymatisch, die Zellen vielfach erfüllt von schön ausgebil- deten Krystallen von oxalsaurem Kalk. Die innere Auskleidung der Fruchtknotenkammern wird durch 2 Zelllagen gebildet, deren jede aus lang gestreckten, sehr stark verdickten, getüpfelten Zellen besteht. Diese beiden Schichten liegen in der Weise übereinander, dass die Längsrichtung der Zellen in der einen in spitzem, ja sogar unter grösserem (bis 90") Winkel gekreuzt ist. Auf diese Weise erhält die Membran ein eigenthüm- lich gestreiftes Ansehen (vgl. T. III. Fig. 22 u. 23). Diese Schichten überziehen gleichmässig die Innenflächen beider Carpelle und sind nur am Rande derselben durch das kleinzellige Gewebe der Placenten unterbrochen; sie sind augenscheinlich der Grund der eigenthüra- lichen Drehung des Fruchtknotens. 4. Ovula, Eml)ryogenie. Auf den Placenten sitzen in ausserordentlich grosser Zahl die Ovula auf, so zahlreich, dass man bei jedem Querschnitt durch den Fruchtknoten 30 — 40 freilegt. Bei den jüngsten Exemplaren, die ich auffinden konnte, erhob sich schon rings um den Knospenkern des Ovulums ein Wall, welcher die Anlage des Integuments darstellt. Dieser Wall vergrössert sich, umfasst den Knospenkern schliesslich vollkommen, so dass nur eine kleine Oeffnung am Scheitel, die Mikropyle, übrig bleibt. Während dies ge- schieht, vergrössert sich eine Zelle des Knospenkerns, verdrängt die übrigen mehr und mehr, so dass sie schliesslich ringsum von nur einer einzigen Zellreihe umgeben ist (ausser dem Integument); d. h. diese Zelle wird zum Embryo sack. An der Kernwarze werden auch noch die letzten Zellen verdrängt, so dass die Spitze des Embryosacks sich unmittelbar unter der Mikropyle befindet. (Fig. 24. T. III.) Inzwischen hat das Ovulum sich um 90*^ gegen seinen Funiculus geneigt. Das Integument wird durch tangentiale Theilung seiner Zellen mehr- (2 oder 3) schichtig, das der Mikropyle zugekehrte Ende des Embryosacks verlängert sich schlauchartig, das dem Knospengrund zugewendete Ende treibt 4 Fortsätze von birnförmiger Gestalt, welche in dem umgebenden Gewebe blind endigen und sich gegen den Sack selbst durch Scheidewände abschliessen. (Fig. 25. T. III.) Sodann entstehen im Innern des Embryosackes eine Anzahl freier Zellen, von denen 2, die Keimbläschen, sich nicht weit von der Mikropyle an die Innenwand anlegen. Hier bildet sich eine Aus- weitung des Embryosackes; die Pollenschläuche treten heran, eins der Keimbläschen wird befruchtet. Dasselbe theilt sich zunächst durch 21 eine Querscheidewand iu 2 Zellen, die eine wächst zu einem langen in seltsamer Weise hin- und hergebogenen Schlauche aus, dem Embryo- träger, der am Scheitel des Embryosacks (Fig. 27. T. III.) anwächst; die kuglige Endzelle wird zum Embryo, (Fig. 28.) Vorübergehend zerfällt, während dies geschieht, der Embryosack durch Theilung in 2, 4, 8, 16 Zellen, und so entsteht ein transitorisches Endosperm, dasselbe wird aber sehr bald von dem sich vergrössernden Embryo resorbirt. Die weitere Entwickelung des Embryos geschieht in normaler Weise: Die Zelle theilt sich durch 3 aufeinander senkrechte Scheide- wände in 8 Kugeloctanten ; dann werden durch concentrische Wände Dermatogen und Innengewebe getrennt. Nach einer Reihe weiterer Theilungen erhält der Embryo, indem die Kotyledonen als Hervorra- gungen auftreten, eine schwach 3seitige Form, das Plcrom sondert sich vom Periblem (Fig. 29. T. III.). Gleichzeitig hat sich auch der Träger in eine Reihe kleiner Zellen getheilt. Die Membran der Oberhaut des Embryos ist in Kali sehr stark quellbar und umgiebt ihn dann als durchsichtige Hülle. Eine Wurzelhaube wird nicht ge- bildet. Dass ein Vegetationskegel am entgegengesetzten Ende der Axe, zwischen den Cotyledonen, gleichfalls fehlt, braucht nach der Untersuchung der Samen hier bloss erwähnt zu werden. Die Oberflächenzellen des Integuments besitzen bei fast reifen Samen bräunliche Membranen, die stark verdickt sind, wenigstens an der Oberfläche. Die Innern Schichten des Integuments sind undeut- lich geworden; während man sie bei frischen Präparaten noch erkennen kann, sind sie bei solchen, die mit Kali behandelt wur- den, fast gar nicht mehr zu unterscheiden; die Aussenzellen quellen zunächst auf und werden dann auch, je nach dem Grad ihrer Reife, mehr oder weniger zerstört. Die Zellen des Kuospenkerns dagegen sind sehr deutlich gegen das Integnment abgesetzt, ihre Wände stark verdickt, und mit Kali behandelt zeigen sie ganz das Aussehen, welches p. 5. von der innersten Schicht der Samenschale beschrieben wurde. Die Samen trennen sich von der Placenta, der Frucht- knoten springt der Länge nach in einer Karpellnath auf und lässt die Samen frei. 5. Resultate. Der Embryo von Streptocarims (polyantlius)^ von einer mehrschichtigen Samenschale, die theils als Integument, theils als Knospenkern zu deuten ist, umschlossen, ist endospermfrei, dikotyl, besitzt aber weder Wurzelanlage noch Endknospe. Nach der Keimung brechen am Grunde des primären Stengelendes in grosser Zahl endogene Ädventivwurzeln hervoi-. Von den beiden Kotyledonen 22 stirbt der eine nach kurzem Wachsthum ab, der andere dagegen vergrössert sich ausserordentlich und wird zu einem Laubblatt von mehr- jähriger Lebensdauer. Am Stiele dieses einzigen Blattes, dessen Ge- webe am Grunde im theilungsfähigen Zustande verharren, entstehen zahlreiche Adventivwurzelu, während die am primären Stengelchen nach der Keimung hervorgebrachten zugleich mit ersterem absterben ; der Blattstiel wird alsdann durch eine Korkschicht unten abgeschlossen. Im Gewebe des Blattstiels sammelt sich Stärke an; das Blatt verhält sich nun ganz wie ein Blattsteckling, indem es im zweiten Jahre auf der Oberseite seiner Blattstielbasis in acropetaler Folge die cymösen Blüthenrispen als Adventivsprosse hervorbringt, reich ver- zweigte Inflorescenzen mit hellblauen Blüthen, die dem allgemeinen Typus der Gesneraceen, speciell der Cyrtandreen, entsprechend gebaut sind. Ebenfalls adventiv entstehen gleichzeitig oder meist etwas später auf dem Blattstiel eine Reihe von Laubsprossen. Diese Sprosse erheben sich als Meristemhügel über den Blattstiel- grund und ihre Gefässbündel setzen sich mit dem freien Rande der halbcylindrischen nach oben offnen Gefässbündelrinne in Ver- bindung. Bei Str. Rexii sind die adventiven Blüthenstiele einblüthig. Aus allen diesen Angaben, die im Verlauf unserer Arbeit speciell begründet wurden, erhellt, wie viel Abweichendes die Entwicklung von Streptocarpus (polyanthus) bietet, und wie sehr die Pflanze ver- dient, unter den entwicklungsgeschichtlich bedeutenden eine hervor- ragende Stelle einzunehmen. Breslau, October 1878. Erklärung der Abbildungen. Fig. 3. Fig. 4. Fig. 5. Fig. 6. Fig. 7. Fig. 8. Fig. 9. Tafel I. Fig. 1. Ansicht einer ganzen Pflanze in '/a der natürlichen Grösse, mit einem entwickelten Blüthenstand (B.) und einem Laubsprosse (L.). Fig. 2. Same, Längsschnitt. Die Kotyledonen erscheinen ungleich, weil der Schnitt zwar durch die Mittelaxe gegangen ist, aber nicht beide Kotyledonen senkrecht auf ihre Fläche getroffen hat. '■*'*'*/! • Same, Querschnitt. ^*^li- Das primäre Stengelende. Längsschnitt. 20oy^_ Adventivwurzel, Längsschnitt durch die Spitze. 2**^/i. Epidermis des wachsthumsfahigen Kotylcdon. Parthievom Rande, '^"/i- Id. Parthie am Blattgrundc. ^^%. Ganze Pflanze, etwa 3 — 4 Monate alt, nat. Gr. Wurzel Querschnitt. G. Gefässtheil. S. Siebtheil. E. Endoderniis. h. R. hypodermes Rindenparenchym, 300/i. Fig. 10. Blatt, Querschnitt, in der Mitte die Korkschicht, welche die Spitze des Blattes von dem Uebrigen abtrennt, ^^jt- Fig. IL Id. Ansicht von oben, ^^ji- Tafel II. Fig. 12. Wurzelspitze, Längsschnitt, ^^^/i- Fig. 13. Blattstiel, Theil des Querschnitts. "^0%. Fig. 14. Theile des parenchyniatischen Blattgewebcs mit den ringförmigen Verdickungen. (S. Text S. 14.) 200/^. Fig. 15. Parthie des theilungsfähigen Gewebes aus dem Blattstiel. '"<^/i. Fig. 16. Streptocarpus Bexii, primäres Blatt mit 3 Blüthen. '/j. Fig. 17. Id. Längsschnitt. Die Reihenfolge der Blüthenstände ist In beiden Figuren dieselbe. 3/i. Fig. 18. Id. Laubsprosse, Längsschnitt. 2^1 . Fig. 19. Str. polyanthus, Blüthenstand unentwickelt, Längsschnitt. 1%. Fig. 20. Blüthe, Längsschnitt. F. Fruchtknoten h. D. hypogyner Uiscus. P. Blumenkrone. C, Kelch. 5/i. 24 Tafel III. Fig. 21. Blüthenschaft, Querschnitt. G. Gefässbündel. S. Sclerencliym. Eud. Endoderniis. C. Collenchym. Ep. Epidenuis. ^oo/^ Fig. 22. Fruchtknoten, Quersehnitt. ^^ji. Fig. 23. Ein Theil der den Fruehtkuoten innen auskleidenden Membran, ^(xy^. Fig. 24. Ovulum, Längsschnitt. I. Integunient. K. Knospenkern. E. Embiyo- sack. 4&o/^. Fig. 25. Id. Querschnitt. ^^%. Fig. 26. Id. Späteres Stadium. 200|j. Fig. 27. Id. Nach der Befruchtung. ^^%. Fig. 28. Die ersten Theilungen des Embryo. ^'''Vi. Fig. 29. Embryo weiter entwickelt. C. Kotyledonen, '^^^/i- Untersiicliiingen über die Entstellung der adventiven Wurzeln und Laubknospen an Blattstecklingen von Peperomia. '011 Dr. Ernst BeinliDg-. Hierzu Tafel IV. und V. I. Historischer Theil. Bringt man abgeschnittene Blätter gewisser Pflanzen, sogenannte Blattstecklinge, entweder noch mit Blattstiel versehen, jedoch ohne die an seinem Grunde sitzende Achselknospe, oder ohne Stiel, oder auch nur Abschnitte eines Blattes in geeignete Verhältnisse, d. h. in genügende Wärme, Feuchtigkeit und Licht, so sind sie oft im Stande, adventive Wurzeln — Beiwurzeln nach Reinke') — und in einigen Fällen auch Adventivknospen hervorzubringen und es wird daher diese Eigenschaft in der gärtnerischen Praxis seit sehr langer Zeit mit gutem Erfolg angewendet, um neue Pflanzenindividuen entstehen zu lassen. Diese Thatsache ward schon in der älteren gärtnerischen Litteratur augeführt und F. Regel^) hat am Schluss seiner höchst verdienst- vollen, im Botanischen Institut zu Jena angestellten Arbeit diese so vollständig zusammengetragen, dass hier sie anzuführen zwecklos wäre. Doch sind wissenschaftliche Untersuchungen über diesen Prozess erst seit kurzer Zeit aufgenommen und können dalier im Hinblick darauf noch nicht allgemeine Gesetze gefolgert werden. 1) J. Reinke, Untersuchungen über Wachsthum und Morphol. der Phau.- Wurzel. 1871, pag. 41. 2) F. Regel, Die Verinchrung der Bcgouiaceen aus ihren Blättern etc. Jen. Zeitsch. f. Nat. 1876, pag. 477. 26 Man hat sich bei einer derartigen Untersuchung drei Fragen zu stellen und zwar: 1) Wie verändern sich die Gewehe an und über der Schnitt- ßäche des Stecklings'^ 2) Wie entstehen die Beiwurzeln^ 3) Wie entstehen die Adventivhnospen'^ 1. AlbscliluSS der Sclinittfläclieil. Die ersten Untersuchungen über die Veränderungen bei Stecklingen im Allgemeinen hat H. Crüger') veröffentlicht. Derselbe kam zu dem Resultat, dass in dem Gewebe, welches zunächst der Schnittfläche gelegen ist, eine lebhafte Zellenbildung vor sich geht; der Steckling wird durch eine Grenzschicht von aussen abgeschlossen: „man kann diese Zellen- bildung als den ersten Schritt zur ludividualisirung des Pflanzen- theils bezeichnen, mit dem man experimentirt." Camblum, Rinden- und Holzparenchym und Mark sind obiger Veränderung fähig; auch schrieb C rüger jungen Spiralgefässen diese Fähigkeit zu, was R. Stoir^) bezweifelt und ich nach eigenen Untersuchungen eben- falls als unrichtig bezeichnen muss. „Die ersten Gefässzellen (oder Gefässschläuche, wie C rüger sie weiter nennt) bilden sich im Cambiura, sie sind weder in unmittel- barer Berührung mit alten Gefässen, noch ist es nöthig, dass sie sich später mit diesen verbinden." Kallus wird an der Schnitt- fläche nicht erzeugt. Genauere und ausgedehntere Untersuchungen verdanken wir R. StolP). Er kommt zu dem Resultat, zwei Hauptgruppen von Stecklingen machen zu müssen : „zu der einen gehören solche Pflanzen, die keinen eigentlichen Kallus (Gewebswucherung an der Schnittfläche) bilden, sondern bei denen sich dicht über der Schnittfläche des Stecklings eine derselben parallele Korkschicht difi"erenzirt, die die Gewebe abschliesst; zu der zweiten Gruppe gehören jene, deren Schnittfläche durch einen aus derselben gebildeten Kallus von mehr oder weniger bedeutender Entwickelung geschlossen wird." An der Bildung des Kallus können sich je nach den verschiedenen Pflanzen alle Gewebe, ausgenommen die Holz- und echten Bastzellen 1) H. C rüg er, Einiges über die Gewebsveränderungen bei der Fort- püanzung durch Stecklinge. Bot. Ztg. 1860, pag. 369. 2) R. Stoll, Ueber die Bildung des Kallus bei Stecklingen. Bot. Ztg. 1874, No. 46. 3) R. Stoll 1. c. 27 und Epidermiszellen betheiligen, wobei jedoch der erste Anstoss zur Bildung von Kallus immer vom Cambium ausgeht. R. StoU's im Bot. Laboratorium zu Leipzig gemachte Unter- suchungen beziehen sich auf Zweigstecklinge, die auch C rüger theilweise zur Besprechung dieser Vorgänge benützt hatte. Specielle Untersuchungen über das Verhalten der Blattstecklinge sind zuerst von P. Magnus') angestellt worden. Derselbe fand bei Untersuchung von in feuchte Erde gesteckten Blättern von Hyacmthus orientalis, dass die Parenchymzellen der daselbst befind- lichen Blatttheile durch Wachsthum anschwellen und sich darnach durch successive Zelltheilung in ein Fächerwerk von Zellen theilen, wie auch die Epidermiszellen es thun. „Die Richtung des Wachsthums der Zellen der Epidermis und der darunterliegenden Parenchym- schicht findet vorzugsweise senkrecht zur Blattfläche statt und thei- len sich dieselben durch zahlreiche Quer- und spärliche Längs- theilung, wodurch sie sich zu hier und da verdoppelten Zellreihen entwickeln, die auch mehr oder minder senkrecht zur Blatt- fläche gestellt sind." Späterhin theilen sich auch die inneren Parenchymzellen in zahlreiche Zellen, die sich zu einem beträchtlichen Theile in spiralig- bis ringförmig verdickte Leitbündelzellen (die Gefässschläuche C rügers) umbilden, welche zu einem mannigfaltig knorrig gewundenen Gefässbündel zusammenfliessen, das hier und da mit dem Gefässbündel des Blattes anastomosirt. Es wird also durch mehrfache Theilung der Epidermis- und der innern Parenchymzellen ein Abschluss nach Aussen hergestellt. In wie weit die Gefäss- bündel des Blattes bei diesem Abschluss betheiligt sind, sagt uns P. Magnus in seiner Mittheilung nicht. Ueber das Verhalten der Blattstecklinge und besonders der von Begoniaceen giebt uns F. Regel^) Aufschluss. Es wird hier, wie bei krautartigen Zweigstecklingen (R. Stoll) kein Kallus gebildet, es schwellen die über der Schnittfläche gelegenen Gewebe an, die Zellen derselben theilen sich vielfach in Tochterzellen und es wird auf diese Weise ein fester Abschluss als ein „Wundkork" hergestellt, besonders begünstigt durch die Bildung von schraubig verdickten Leitbündelzellen, die sich oft in grossen Nestern zusammenfinden. Es sind bei der über der Schnittfläche sich bildenden Anschwellung des Blattstieles oder der Spreite betheiligt besonders die Epidermis, 1) P. Magnus, Bot. Verein d. Prov. Bidbg. 30. Mai 1873. 2) F. Regel 1. c. 28 das Collencbym (beim Blattstiel), das Grundgewebe und die Carabial- zone des Gefässbündels. Ausserdem erzeugt die Epidermis, ehe die Beiwurzeln erscheinen, in der Nähe der Schnittfläche zahlreiche wurzelhaarähnliche Trichome. Regel schreibt ihnen die Functionen der Wurzelhaare wohl nicht mit Unrecht zu. Nicht allein die Epidermiszellen des Blattstiels, sondern auch die der Blattspreite auf der Unterseite an den durchschnittenen Stellen der Nerven erzeugen derartige „Pseudowurzelhaare." Die früher erwähnten Autoren führen dieses in ihren resp. Arbeiten nicht an. Schliesslich ist die Arbeit von S. Arloing') zu nennen. Er brachte Stecklinge von Cacteen in Erde und fand bei der Unter- suchung, dass die Schnittfläche an ihrem Rande durch Umbildung der Hypodermzellen in Kork zuheilte, es wurden so alle Zellgewebe des äussersten Endes des Stecklings mit einer Korkschicht bedeckt. Ebenso verhielten sich auch Abschnitte von Cacteenzweigen, die eine Zeit lang an der Luft lagen. In letzterem Falle trocknen ausserdem noch die Parenchymzellen von der Schnittfläche durch Wasserabgabe ein, wodurch die Gefässbündel deutlich an der Schnitt- fläche hervortreten. Nachdem der Steckling gepflanzt ist, wird das äusserste Ende des Gefässbündels zerstört und vom Cambium aus wird ein Peridermgcwebe gebildet, welches das Gefässbündel von Aussen verschliesst. Aber ein eigentlicher Kallus wird bei den Cacteenstecklingen nicht erzeugt, nur selten hat S. Arloing eine derartige Bildung beobachtet; er glaubt, dass sie zum Gedeihen des Stecklings nicht nöthig sei. Aus allen diesen Beobachtungen geht hervor, dass das erste Bestreben des von der Mutterpflanze abgetrennten Pflanzentheils ist, die Schnitt- fläche von Aussen abzuschliessen. Dieses geschieht bei krautartigen Zweigen und bei Blattstecklingen durch zahlreiche Theilung der Zellen verschiedener über der Schnittfläche gelegenen Gewebe. Aus- genommen die Holz- und echten Bastzellen, betheiligen sich an dieser Bildung alle Gewebe des Stecklings; darauf folgt gewöhn- lich Korkbildung (Wund kork). Oder es bildet sich, namentlich bei verholzten Zweigstecklingen und bei einigen Blattstecklingen {Gloxinia) Kallus , der , wie der Kork ebenfalls die Schnitt- fläche vor schädlichen Einflüssen von Aussen schützen soll. Ausser- dem werden im lockeren Parencbymgewebe der Blattstiele und des ') S. Arloing, Recherches anatomiques sur Ic bouturage des Cactees, Ann. sc. uat. Avril 1877, 47 an. VI. serie No. 1. 26 Blattes zahlreiche, oft in Nestern zusammenliegende schraubig ver- dickte Leitbündelzellen (Gefässschläuche) gebildet, die entweder mit dem Gefässbündel des Stecklings in Berührung treten oder auch nicht. 2. Eiitsteliimg der Beiwurzelii. J. Reinke') berücksichtigt ihre Entstehung nur mit wenigen Worten. Wurzeln bilden sich immer endogen. Am Stamme entstehen Wurzeln entweder aus dem Interfascicularcambium oder an den Gefässbiiudeln, letzteres ist der häufigere Fall. Nach F. Regel"'^) erfolgt bei den Begoniaceen die Anlage ent- weder „seitlich an einem der dem peripherischen Kreise angehörigen Gefässbündel und zwar in dessen Cambialregion unter Betheiligung der das Bündel gegen das übrige Parencliym angrenzenden Zell- schicht" oder es entstehen Wurzeln auch allein aus dem Inter- fascicularcambium. Der letzte Fall wurde bei Zweigstecklingen von Begonia argyrostigma beobachtet. Bei Veronica Beccahunga L. und LysimacMa Nummularia L. wurde von Regel die Anlage vor dem Gefässbündel in der „Strangscheide" und einer unter dieser befindlichen (dem Pericambium der Nebenwurzeln vergleichbaren) Zellreihe und bei Iledera Uelix L. „an der Seite eines Fibrovasal- stranges aus dem Cambium und den an dieses stossenden Parenchym- zellen" gefunden. H. Berge hat in seiner Entwickelungsgeschichte von Bryophyllum calycinum^) der Entstehung von Wurzeln an auf feuchten Sand gelegten Blättern gedacht. Wie bei allen „Blattstecklingen" brechen auch hier die Wurzeln vor dem Erscheinen der jungen Adventiv- knöspchen nach Aussen hervor. Ueber die Entstehung der Wurzel sagt Berge: „Trotz der frühzeitigen Bildung des Knöspchens am Mutterblattc scheint die erste Wurzel doch nicht aus Theilen des Bildungsgewebes zu entstehen, sondern vielmehr aus dem dem Blattrande nahe liegenden Cambium, oder wenigstens aus der diesem seitlich unmittelbar angrenzenden Partien hervorzugehen, worauf auch oft der Verlauf der Gefässstränge an jener Stelle hindeutet." Nach S. Arloing erscheinen an den Stamm- und Zweigsteck- lingen der Cacteen zwei Arten von adventiven Wurzeln. Einmal entstehen Wurzeln an den Innern Gefässbündeln des Stammes d. h. an denen, die, im Kreise stehend, einen geschlossenen *) J. Reinke, 1. c. pag. 41. 2) F. Regel, 1. c. pag. 489. 3) II. Berge, Beitr. z. Entw. von BryojjhyUnmcahjcinum. Zürich 1877, pag. 18- 30 Ring bilden. S. Arloing nennt diese Art von Wurzeln „racines adventives ordinaires" Die zweite Art von adventiven Wurzeln erscheint an den Gefäss- bündeln, die zerstreut im Mark liegen, sie werden als „racines adventives lieterotopiques" bezeichnet. In ihrem Ursprung, wie in der Bildung und Weiterentwickelung unterscheiden sie sich aber nicht von einander. Arloing führt nur an: „die einzige, durchaus noth- wendige Bedingung zur Entstehung einer adventiven Wurzel ist die Gegenwart einer erzeugenden Gewebsschicht," also des Cambiums. Wir sehen also nach den Beobachtungen der angeführten Autoren, dass die adventiven Wurzeln am Stamm oder Blatt in der Cambial- region des betreffenden Gefässbündels entstehen, dass eine erzeugende Schicht (Cambium) immer vorhanden sein muss (ausser dem von F. Regel beobachteten Fall von Veronica und Lysimachia) und dass mehr oder weniger die an das Cambium stossenden Theile des Ge- fässbündels an der Bildung einer Wurzel Theil nehmen können. Noch zum Schluss will ich eine interessante Notiz von Carriere ') hinzufügen. Nicht allein aus Stamm, Wurzel, Blättern, also den vegetativen Organen können Wurzeln entstehen, sondern auch die zur Fruchtbildung dienenden Organe können Wurzeln erzeugen. Carriere fand an zwei Früchten von zwei in Töpfen gezogenen Exemplaren von Lilium speciosum Sieb. {L. lancifolium Hort.) an ihrer Basis je zwei Wurzeln. Eine nähere Untersuchung hat Carriere leider nicht angestellt. Auch ist bekannt, dass Blüthenstiele von Primula in Sand gesteckt Wurzeln treiben, wie ich dies auch von Echeveria (Crassulaceae) bestätigen kann. 3. Entstellung der Adventivknospen am Blatt. Erst durch die Untersuchungen von P. Magnus'^) und F. Regel'^) wissen wir Näheres über die hier stattfindenden Vorgänge, in Folge dessen sind auch die Angaben von Sachs*) und Hofmeister^) in mancher Beziehung berichtigt. Beide, Magnus wie Regel, fanden, dass auf den Blättern einiger Pflanzen {Hyacintlius , Lilium und Begonia) die Adventivknospen nicht endogen, wie dies Sachs und Hofmeister bei Begonia annehmen, sondern exogen entstehen. F. Regel sagt: „Die Anlage sämmtlicber beobachteter Knospen ») Carriere, Revue horticole. 1877, No. 11. pag. 207. 2) P. Magnus, Bot. Ver. d. Pr. Brdbg. 30. Mai 1873, pag. 6. 3) F. Regel, 1. c. pag. 483 u. 469. *) Sachs, Lehib. d. Bot. IV. Aufl. pag. 175 fF. 5) Hofmeister, Allg. Morph, d. Gew. 1868. pag. 423. 31 (nämlich an ^e^oma-Blättern) waren niemals endogen, vielmehr stets exogen" und weiter: „die Zwiebelchen auf der Innenfläche der Schuppen von Lilium auratum entstehen gleichfalls aus ganz peri- pherischen Gewebetheilen" und nach Magnus*) entstehen ebenfalls bei Hyacintlms die Sprosse aus den durch Wachsthum und Theilung umgewandelten peripherischen Zeilen des Blattgewebes, während er schon vor dem Erscheinen der Regel' sehen Arbeit in einer Notiz erwähnt, dass „an der Schnittfläche der Blattstiele von einer Begonia- Art oberflächliche Adventivknospenbildung vorkomme." Vor Magnus und Regel war wohl v. Mohl^) der erste, der auf die exogene Entstehungsweise von Adventivknospeu am Stamme von Begonia phyllomaniaca Mart. aufmerksam machte. Aber nicht allein am Stamme, sondern auch auf dem Blattstiel und der Spreite dieser merkwürdigen Pflanze selbst entstehen ohne künstliche An- regung Blättchen und Knospen. Die von mir eingehend untersuchte Entstehungsweise dieser oberflächlichen Gebilde stimmt vollkommen mit der von F. Regel beschriebenen überein und kann ich nichts neues hinzufügen. Auch T. Caruel ^) bespricht in einem Aufsatze die Umwandlung von ^e^oma-Haaren in Knospen. Verlot 1863 und Hooker 1864 sollen diese zuerst beobachtet haben, was jedoch nach dem oben gesagten schon v. Mo hl 1858 getoan hatte. Caruel fand besonders am Blattstiel die Haare und die Schuppen an der Basis verdickt, und oberhalb dieser Verdickung verbreiteten sie sich oft zu einem vollständig ausgebildeten kleinen Blatte. Es stehen oft mehrere zusammen und bilden so eine wirkliche Knospe, die abfallen und zu einer neuen Pflanze werden kann. Caruel meint, dass jede Zelle für sich zur Grundlage einer Knospe werden kann, was durch Regel's und meine Untersuchungen bestätigt ist. An dieser Stelle will ich mir erlauben, Sir J. D. Hook er in Kew für die auf Ersuchen des Herrn Prof. Cohn erfolgte zwei- malige Uebersendnng von Begonia -pliyUomaniaca Mart. meinen wärmsten Dank auszusprechen. Exogenen Ursprungs sind auch die in den Blattkerben der Blätter von Bryophyllum calycinum auftretenden Adventivknospen *) P. Magnus, 1. c. pag. 6. 2) H. V. Mo hl, Bot. Ztg. 1858, No. 27. 3) T. Caruel, Nota su di una tiansformazione di peli in gemme. (Nuov. giornale bot. Ital. 1875 pag. 212—294.) Vergl. Bot, Jahresbericht, 1875 pag. 532. 32 nach einer jetzt von H. Berge') durch eine ausführliche Unter- suchung bestätigten Angabe Hofmeisters^). Durch diese, allerdings wenigen Angaben, könnten wir zur An- nahme berechtigt sein, dass die auf Blättern und Blattstielen auf- tretenden Adventivknospen exogenen Ursprungs sind, jedoch giebt es nach der von RegeP) so sorgfältig gesammelten Zusammenstellung noch sehr viele Fälle, wo Knospen an Blättern entstehen, die einer Untersuchung bedürfen, so dass wir daher die Frage offen halten müssen. Von meinem hochverehrten Lehrer, Herrn Prof. Dr. Ferd. Cohn, aufgefordert, nahm ich unter seiner Leitung im pflanzenphysiolo- gischen Institut an der Universität Breslau eingehende Studien über Wurzel- und Adventivknospen-Bildung bei Blattstecklingen von Pflan- zen aus verschiedenen Familien vor. Diese Arbeit wurde begonnen noch ehe uns die Untersuchungen von Regel über das nämliche Thema bekannt waren; in Folge dieser Arbeit sollen hier nur die Vorgänge an der Gattung Peperomia aus der Familie der Piperaceen beschrieben werden. Ehe ich jedoch zum eigentlichen Thema übergehe, ist es nöthig, sich über die Anatomie der Laubblätter und über das Wachsthum der Wurzel von Peperomia Ruiz, et Pav. zn Orientiren. Es wurden folgende vier Species gewählt: 1) Peperomia peltiformis, Hort. 2) „ marmorata Hook. fil. 3) „ resedaeflora Lind, et Andre. 4) „ ruhella Hook. und mit diesen Versuche in Betreff der Erzeugung von Wurzeln und Knospen an ihren Blättern angestellt. II. Anatomie der Laubblätter und Wurzeln von Peperomia Ruiz. et Pav. 1. Der Blattstiel. Die Querschnitte der Stiele der vier unter- suchten Species zeigen verschiedene Formen. P. peltiformis zeigt einen kreisrunden (Taf. IV. Fig. L), P. marmorata einen etwas platten und mit zwei Flügeln versehenen (Taf. IV. Fig. 2.), P. rcsedae- ') H. Berge, 1. c. pag. 1. '■*) Hofmeister, 1. c. pag. 422. 3) F. Regel, 1. c. pag. 477 ff. 33 flora einen schwach nierenförmigen (Taf. IV. Fig. 3.) und P. tuhella einen halbkreisförmigen Blattstiel. (Taf. IV. Fig. 4.) Die Epidermis ist einschichtig; ihre einzelnen Zellen sind bei P. peltiformis und P. marmorata so lang als breit und meist vier- eckig, tragen nie Haare, nur papillenartige Drüsenköpfchen, welche einzellig und mit stark verdickter Wandung^) auf einer kleineren Epidermiszelle aufsitzen, aber selten über die Epidermis hinausragen. Bei P. resedaeflora und P. ruhella sind die Zellen der Epidermis mehr konisch gestaltet, nach aussen stark gewölbt mit gleichen Drüsen- köpfchen, aber ausserdem noch viele kurze spitze ein- oder zwei- bis mehrzellige Haare tragend auf breiter Basis und mit verdickter cuticularisirter Wandung. Während bei P. 'peltiformis und P. mar- morata die Aussenfläche der Epidermiszellen mehr oder weniger cuticularisirt ist, tritt dies bei den anderen beiden Species in noch stärkerem Maasse hervor. Der Inhalt ist farblos, einige Zellen, jedoch nicht zu häufig, ent- halten Oel und das den Piperaceen eigene Alcaloid, Piperin, der Inhalt ist dann gelb gefärbt. Spaltöffnungen fehlen bei allen Species. Auf die Epidermis folgt das schön ausgeprägte Collenchym und zwar bei P. marmorata, resedaeflora, ruhella ein bis drei, bei P. 'peltiformis fünf bis sieben Zellreihen stark. Im Querschnitt polyedrisch, im Längsschnitt länglich, oft sehr lang im Verhältniss zur Breite, enthalten die Zellen entweder gemein- schaftlich Chlorophyll, Stärkekörner und schöne Krystalle von oxalsaurem Kalk (entweder in Drusen oder prachtvolle Octaeder) oder jedes für sich allein; ausserdem tritt hier ein rother, gelöster Farbstoff (Erythrophyll) meistens in einer nicht unterbrochenen Zellreihe auf. In einigen Zellen ist auch Piperin enthalten. Den grössten Theil des Blattstieles nimmt grosszelliges Parenchym oder Mark ein. Dünnwandig, rundlich mit Intercellularräuraen, zeigen die Zellen den nämlichen Inhalt wie oben. Der rothe Farb- stoff ist gewöhnlich in den an das Collenchym stossenden Zellen enthalten, ausserdem in einzelnen Zellen am Gefässbündel. Die Zahl der Gefässbündel (Taf. IV. Fig. 1, 2, 3 u. 4, gf.) ist bei den verschiedenen Species verschieden, dann aber bei einer Art gewöhnlich constant. So besitzt der Blattstiel von P. marmorata entweder immer 3 oder 5, von P. rubella immer 3, und zwar zwei nach 1) Im jugendlichen Alter ist die Wandung zart. Siehe de Bary, Vergl. Anatomie der Vegetat. etc. pag. 69. CohD, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Band III. Hel'tl. 3 34 der unteren, platten und das dritte nach der convexen Seite des Stieles zu; bei P. resedaeßora stehen gewöhnlich vier im Kreise, ein fünftes centrales einschliessend, während bei P. peltiformis sechs bis acht Gefässbündel um ein centrales stehen. Die Gefässbündel zeigen, wie die Nervatur des Blattes, einen raonocotylen Typus; sie stehen isolirt und sind in gewöhnlichen Ver- hältnissen nie durch Interfascicularcambium verbunden; ^ir haben hier also geschlossene Gefässbündel. Der einzelne Fibrovasalstrang zeigt auf der Innenseite Xylem (Taf. V. Fig. 2 x.), dünnwandiges Holzparenchym mit Ring- und Spiralgefässen, und nach der Peripherie des Blattstieles zu Phloem. (Taf. V. Fig 2 ph.) Was Weiss') von den Gefässbündeln des Stammes der von ihm untersuchten Peperomien sagt, gilt auch von denen des Blattstiels. Die an das Cambium anstossenden Zellen sind klein, selten verdickt; es ist dies der dünnwandige Bast (Taf. V. Fig. 2 Ib.) oder nach Sanio^) die Leitzellen, während die nach der Aussenseite des Bündels zu liegenden Phloem -Zellen weitmaschiger als die vor- hin erwähnten und auch meistens verdickt sind (Taf. V. Fig. 2 db.). Die Verdickung der Wandung dieser Bastzellen ist nicht gleich- massig, fast immer collenchymatisch, wie dies Weiss ^) auch bei einigen Peperomien-Arten im Stamme gefunden hat. Durch Be- handlung mit Kali tritt diese Verdickung besonders schön hervor und zeigt dann die Verschiedenheit von den „Leitzellen," dem dünn- wandigen Bast, sehr deutlich. Dieser dünnwandige Bast ist eigentlich in seiner Entwicklung stehen geblieben; Hildebrand*) legte dem ganz ähnlichen Bast der Begoniaceen den Namen „Hemmbast" zu, welcher hier ebenfalls angenommen werden kann. Im Längsschnitt zeigen beide Bastarten langgestreckte, prosenchymatische Zellen. Zwischen Xylem und Phloem finden wir das in vielen Fällen schon in Dauergewebe über- gegangene Cambium. Abgegrenzt wird das Gefässbündel gegen das Parenchymgewebe des Stieles durch eine Gefässbündel- scheide (Taf. V. Fig. 2 gs.), kenntlich an der das ganze Bündel umgebenden, einzelligen Reihe von kleineren Zellen, die hier besonders ») J. E. Weiss, Wachsthunisverhältuisse und Gefässbündelverlauf der Piperaceen; Flora 1876, No. 21. 2) C. Sanio, Uebcr endogene Gefässbildung. Bot. Ztg. 1864. 27—30. 3) J. E. Weiss, 1. c. pag. 328. 4) T. Hildebrand, Anat. Unters, über die Stämme der Begoniaceen. 1859. pag. 22. 35 stark mit Amylumkörnern, Krystallen von oxalsaurem Kalk und gelöstem rothem Farbstoff oft erfüllt sind. 2. Die Blattspreite. DieEpidermisderOberseite (Taf. IV. Fig. 5 eo.) ist bei allen vier untersuchten Species mehrschichtig und zwar folgen nach der äussersten, (Taf. IV. Fig. 5, oeo.) klein- zelligen noch 2—3, auch 7 (bei P. rubella) Reihen, deren Zellen viel länger als breit sind. Die Epidermiszellen bei P. marmorata treten papillenartig an der Oberfläche hervor, wodurch der Blatt- fläche ein etwas sammetartiges Aussehen verliehen wird. Spalt- öffnungen kommen auf der Oberseite nicht vor. Haare sind nur bei P. resedaeßora und P. rubella auf der Ober-, wie Unterseite in grosser Anzahl vorhanden, sie gleichen denen des Blattstieles vollkommen. Aber bei allen vier Species treten eben- falls in grosser Anzahl die schon beim Blattstiel erwähnten einzelligen, papillenartigen Drüsenköpfchen (Taf. IV. Fig. 5 d.) auf, bei denen ent- weder der Inhalt, oder auch die Zellwand braun gefärbt ist. Von einem solchen Köpfchen gehen die Wände der anstossenden Epidermis- zellen strahlenförmig aus (d. h. in der Flächenansicht). Der Inhalt der Epidermiszellen ist farblos, ausser einigen Zellen, welche Piperin enthalten und dann abgerundet sind, im Gegensatz zu denen mit farblosem Inhalte, deren Wände mit scharfen Ecken aneinanderstossen. Der Epidermis folgt nun die Pallisadenschicht (Taf. IV. Fig. 5, p»), deren Zellen in einer Reihe stehend^ doppelt so lang als breit, an die Epidermiszellen flach anstossen, gegen das Blatt- parenchym abgerundet sind und in dieses hineinragen. Diese Schicht setzt sich durch das ganze Blatt über die Gefässbündel hinweg ununterbrochen fort. Als Inhalt zeigen sich, und zwar immer, Chlorophyllkörner, un- regelmässig gelagert, und eine so grosse Anzahl von Amylumkörnern, dass nach Behandlung mit Jod die Schicht sich als eine tiefschwarze Linie darstellt. Ausserdem kommen noch in reichlicher Anzahl schöne Drusen und Einzel-Krystalle von oxalsaurem Kalk vor. An die Pallisadenschicht sich anschliessend folgt das Blatt- parenchym oder das pneumatische Parenchym (Taf. IV. Fig. 5, pp.). Die Anzahl der Reihen ist nach den Species verschieden, inner- halb einer Species jedoch meistens constant. Die Zellen zeigen eine rundliche Gestalt und lassen grosse mit Luft erfüllte Intercellularräume zwischen sich, wodurch das Blatt auf der Fläche weisse Stellen zeigt und deshalb eine besonders dadurch ausgezeichnete Species mit „marmorata'^ bezeichnet wurde. 3* 36 Der Inhalt besteht aus den schon oft erwähnten Stoffen, wie Chlorophyll, Amylum, oxalsaurem Kalk und rothem gelösten Farb- stoff (Erythrophyll), letzterer namentlich bei P. resedaeflora und P. ruhella. Ausserdem enthalten einige Zellen wiederum Piperin. Abgeschlossen wird das Blatt nach unten von der Epidermis der Unterseite (Taf. IV. Fig. 5, eu.), deren Zellen rundlich, oft breiter als lang^ bei P. marmorata ebenfalls wie auf der Oberseite papillenartig hervorragen. Spaltöffnungen (Taf. IV. Fig. 5, sp.) treten auf der Unterseite des Blattes in grosser Anzahl zerstreut, nie in Gruppen, in gewöhn- licher Form auf, deren Schliesszellen Chlorophyllkörner enthalten. Der Inhalt der Epidermiszellen der Unterseite ist farblos, nur hin und wieder ist eine Zelle mit Piperin erfüllt. Das bei Besprechung der Haare und Driisenköpfchen des Blattstieles und der Blattoberseite angeführte gilt auch von denen der Unterseite. Aus dem Blattstiel treten in die Spreite die Gefässbündel immer direct in derselben Anzahl hinüber, die im Stiele vorhanden ist. Immer ist ein Mitteluerv, der deutlich an der Spitze des Blattes endigt, vorhanden; die übrigen Hauptnerven (bei P. pelti- formis 6—8, bei P. marmorata 2 — 4, bei P. resedaeflora 4 — 6, und bei P. ruhella 2) gehen vom Blattstiel strahlenförmig, vom Mittelnerv aus in convexem Bogen, ins Blatt über, um an der Spitze des Blattes zusammenzustossen, wodurch wir einen monocotylen Typus erhalten. Seitennerven kommen bis zum dritten Grade vor und anastomosiren. Auf der Unterseite des Blattes treten die Ge- fässstränge deutlich hervor. Das einzelne Geiässbündel zeigt denselben Bau wie das des Blattstieles, das Xylem ist nach der Pallisadenschicht, also nach der Oberseite des Blattes und das Phloem nach der Unterseite zuge- kehrt. Die dem Gefässbündel gegenüberliegende und an die Epidermis der Unterseite anstossende Zellreihe des Blattparenchyms ist bei allen Species collenchymatisch verdickt (Taf. IV. Fig. 5, coli.), wodurch das sichtliche Heraustreten der Gefässbündel an der Unterseite verstärkt wird. Zwischen Gefässbündel und der Epidermis der Unterseite liegen gewöhnlich zwei bis fünf Zellreihen des Blatt- parenchyms. 3. Wachsthum und Anatomie der Wurzel. Der Vege- tationspunkt der Wurzelspitze zeigt drei Histogene. Wir haben ein centrales PI crom (Taf. V. Fig. 2, pl.), aus 8—11 Zellreihen bestehend, deren Zellen länger als breit, prismatisch sind. Umgeben ist das Plerom vom Periblem (Taf. V. Fig. 2, pi.), aus 5—8 Zellreiheu, 37 deren Zellen, wenn nicht kubisch, so doch fast isodiametrische Form besitzen. Umhüllt werden beide Gewebsformen von der Epidermis, die, einschichtig, grosse breite Zellen aufweist, meistens jede Zelle mit einem grossen Oeltropfen als Inhalt. Entstanden ist die Epidermis aus dem Dermatogen (Taf. V. Fig. 2, de.), welches gleichraässig die Wurzelspitze umgiebt. An der Spitze befindlich ist die W u r z e 1 h a u b e (Taf. V. Fig. 2, wh.), vom Dermatogen sich ergänzend. * Die Entwicklungsgeschichte der Wurzel der Peper oralen ist die nämliche, wie die der Piperaceen. Ev. Weiss') hat in seiner schon citirten Arbeit diese eben- falls in kurzem berücksichtigt und lasse ich, da ich nur gleichem gefunden habe, seine Ausführungen hier folgen: „Die Wurzelhaube wird von der Epidermiszelle aus ergänzt, selbst in den Regionen noch, wo die Wurzelhaube nur mehr aus 2 — 3 Zellreihen besteht, also verhältnissmässig schon ziemlich ent- fernt vom Scheitel. Die Epidermiszellen theilen sich durch eine tangentiale Wand in zwei ungleich grosse Zellen, von welchen die äussere die kleinere ist; in der so abgeschnittenen Wurzel- haubenzelle tritt alsbald eine radiale Wand ein. Oft kann man bei zwei nebeneinanderliegenden Epidermis- zellen in der einen erst die tangentiale Wand erkennen, während in der anderen bereits auch die darauffolgende radiale aufge- treten ist. Sobald eine Wurzelhaube nicht mehr vorhanden ist, begin- nen die Epidermiszellen sich auszustülpen und bilden so die Wurzelhaare. Diese Ausstülpungen werden von der Oberhaut- zelle nicht durch eine Scheidewand getrennt." — — „CoUenchym und Mark bilden sich in centrifugaler, Innen- und Aussenrinde in centripetaler Richtung aus. Die Zellen des Procambiums gehen in Dauerzellen über, indem die Theilung durch radiale und tangentiale Längswände zuerst in den Pericambiurazellen und darauf von hier nach innen und entsprechend der Ausbildung der Gefässe in seitlicher Richtung erlischt. Innerhalb des Phloems tritt zuerst Reihencambium auf, dessen Bildung seitlich rechts und links fortschreitet." — „Bei der Peperomien- Wurzel sind die Gefässe allein ver- holzt, wie auch im Stamm." «) J. Ev. Weiss 1. c, pag. 359 ff. 38 III. Die Neubildungen an den Blattstecklingen von Peperomia. Es wurden zum Zwecke der Untersuchung von den pag. 32 ange- führten vier Species theils ältere, theils jüngere Blätter von kräfti- gen Mutterpflanzen geschnitten und zwar entweder unverletzte Blät- ter mit Blattstielen, deren Längen variirten (bis zu 15 "*"^) oder Blätter mit Stielen, deren Spreite 4 — 6 '"""■ über dem Stiel dui-ch- schnitten waren oder endlich nur Stücke von Blattspreiten von ver- schiedener Grösse. Es wurden noch Neubildungen an Blattstücken von 50° ™'"- erzeugt. Zum Versuche diente ein heizbarer massig grosser Kasten mit Satteldach, wie sie im Pflanzenphysiologischen Institut zu Keimversuchen dienen. Der Einsatz des Kastens war mit Sand gefüllt, in welchen die Blätter unmittelbar nach dem Schnei- den gesteckt wurden. Dieses Sandbeet war von Wasser umgeben, welches beliebig erhitzt werden konnte; hier wurde gewöhnlich eine constante Temperatur von 30" C. unterhalten. Nach kurzer Zeit, 2 — 4 Tagen, wurden die Schnittflächen braun, der Blattstiel und das Blatt schwollen über der Schnittfläche an; bald, nach 4 — 6 Tagen, brachen aus den Schnittflächen und zwar immer in unmittelbarer Nähe der Gefässbündel Wurzeln hervor; ausnahmsweise auch durch die Epidermis des Blattstieles über der Schnittfläche, aber nie wurde die Epidermis des Blattes von einer Wurzel durchbrochen. Bei Pep. yeltiformis und Pep. resedaeflora, die im Blattstiel ein centrales Gefässbündel besitzen, wurde an diesem nie eine Wurzelbildung beobachtet, es erzeugten sich Wurzeln nur an den Gefässbündeln der Peripherie und zwar dann an allen, oft traten sogar zwei Wurzeln an einem Gefässbün- del auf. Die nun hervorgebrochenen Wurzeln zeigten ein freudiges Wachsthum und verzweigten sich vielfach. Haben die Wurzeln eine gewisse Länge erreicht, so bemerkt man ungefähr nach 10 — 14 Tagen und wiederum nur an der Schnittfläche kleine, mit blossem Auge wahi-nehmbare Hügel (Taf. IV, Fig. 8, hg,), deren helle weissgelbe Farbe grell gegen die schmutzigbraune der Schnittfläche zwischen den Wurzeln absticht. Die Gestalt dieser Hügel ist erst eine halb- kugelförmige, bald aber strecken sie sich zu Kegeln und wachsen schliesslich weiter aus, jedes zu einem Blatte, das die Form des der Mutterpflanze besitzt und an dessem Grunde ein Knöspchen zum Vorschein kommt. Die Anzahl dieser Hügel ist meistens eine sehr grosse (bis zu fünfzehn Hügel wurden einmal gezählt); sie erscheinen nicht zu gleicher Zeit, sondern zeigen verschiedenes Alter. Aus allen Hügeln werden aber nicht immer Pflanzen; selten ist es, wenn mehr 39 als drei junge Pflänzchen am Blatte ausgebildet werden. Die Hügel kommen nur an der Schnittfläche am Stiel (wieam Blatt) zum Vorschein. Die Anordnung der Wurzeln und der Knospen an der Schnitt- fläche des Blattstieles ist derart, dass nach aussen zu die Wurzeln in einem Kreise stehen; von diesen umrahmt oder auch zwischen ihnen entstehen im Innern der Schnittfläche die Knospen. An den Schnittflächen der Spreite entstehen immer eine oder zwei Wurzeln an je einem Gefässbündel und seitlich von diesem erscheint später die Knospe. Kallus wird nicht erzeugt'). Wie bei Begonien, Gloxinien und überhaupt bei allen bis jetzt zur Vermehrung durch Blattstecklinge benützten Pflanzenarten, ent- stehen auch hier zuerst die Wurzeln und erst später, nachdem die Wurzeln eine gewisse Länge erreicht haben, erscheinen die Laub- knospen, die bald in junge Pflänzchen auswachsen. Die Figuren 6, 7 und 10 auf Tafel IV. zeigen Ansichten von in Sand gesteckten Blättern, an denen Wurzeln und junge Pflanzen entstanden sind. 1. Yeräiideruugeii der Gewebe in der Nähe der Schnitt- fläche. In Betreff der inneren Vorgänge verhielten sich sämmtliche vier Species vollkommen gleich. Steckten die Blätter 3 — 4 Tage im Sande, so zeigte die Untersuchung, dass die erste vom Schnitt getroffene, oft auch die zweite Zellreihe abstarben und braun wur- den; der Inhalt verschwand, einzelne der Zellen blieben länger lebensfähig, rundeten sich nach aussen zu ab, (Taf. IV. Fig. 1 1, r) zeigten eine kleine Verlängerung; jedoch auch diese Zellen starben dann bald ab. Trichome oder Pseudo- Wurzelhaare, wie sie F. Regel ^) bei den Begonien fand, werden bei Peperomia nicht gebildet. Nach 2 — 4 Tagen zeigen die Zellen über den abgestorbenen Zellreihen der Schnittfläche am Blattstiel, wie an der Spreite lebhafte Theilun- gen, es treten tangentiale Wände auf, so dass das Gewebe das Aus- sehen von Korkgewebe erhält. Besonders werden die Zellen des Markes und des Blattparenchyms getheilt, weniger die des Collenchyms, während die Epidermis meistens unverändert bleibt. Am Blatt hin- ') Ausser an Peperomia stellte ich an einigen Crassulaceen (Crassula, Echeveria, Semiiervivum) Versuche au und will hier nur ganz kurz bemerken, dass bei den drei untersuchten Gattungen dieser Familie der Wurzelbildung eine Kallusbildung voranging. Ich behalte mir die ausführlichere Mittheiluug über eine Untersuchung an Crassulaceen für später vor. 2) F. Regel 1. c. pag. 458. 40 gegen nimmt ausser dem Parenchym und der Pallisadenschicht die Epidermis der Oberseite hervorragenden Antheil; auch hier am Blatt (Taf. IV. Fig. 12) scbliesst sich das Gewebe durch ein Periderma ab. Der Inhalt der Zellen verschwindet, er wird zur Bildung der neuen Wände verbraucht. Einige der Zellen theilen sich nur in zwei oder vier Tochterzellen; jedoch die meisten Zellen erfahren durch Auftreten radialer Wände weitere Theilungen; es erscheinen nun wieder in den neuen Tochterzellen tangentiale, darauf radiale Wände und so fortgehend entsteht endlich ein Maschenwerk (Gitter) von Zellen. Die Figur 11 auf Tafel IV. zeigt bei gm derartige Zellen in verschiedenen Theilungsstufen. In einer Mutterzelle wur- den auf einem Längsschnitt nicht weniger als neunzig neue Toch- terzellen gezählt. Die Zellwände der so gebildeten neuen Zellen, als auch die der Mutterzellen werden nach einiger Zeit braun. Betheiligt sind, wie schon oben erwähnt, bei diesem Vorgange namentlich das Grundge- webe zwischen den peripherischen Gefässbündeln und das Collenchyra des Stiels, das pneumatische Parenchym, die Pallisadenschicht, die obere Epidermis der Spreite und weniger die Epidermis des Blatt- stiels und die untere der Blattspreite. Diese so lebhafte und so oft wiederholte Theilung des Grund- gewebes tritt an der Blattspreite nicht in dem Maasse auf, als es so häufig am Stiel der Fall ist. Vor der Anlage der Wurzeln theilen sich die Zellen der verschiedenen Gewebe nur in zwei oder vier Tochterzellen und erst nachher zerfallen sie in eine so grosse Anzahl von Tochterzellen. Ist die Anlage der neuen Wurzel deutlich zu erkennen, so gehen noch weitere Theilungen und Umbildungen des Gewebes unterhalb der Schnittfläche vor sich. Es treten nämlich zwischen den einzel- nen Gefässbündeln des Blattstieles und zwar an bestimmter Stelle, in den grossen Parenchymzellen zwischen den Cambialzellen des einen und denen des benachbarten Gefässbündels, tangentiale Zellwände auf, oft vier bis fünf parallele, von der Art (Taf. V. Fig. 3, cz.), so dass wir, an den Ursprung denkend, dies neue Wachsthum als Bildung von Interfascicularcambium auffassen müssen. Die Zellen dieses neu entstandenen Cambiums erleiden nun weiterhin eine Umbildung. Zuerst werden die an das Cambium des Gefässbündels angrenzenden neuen Zellen zu schraubig verdickten Gefässzellen umgebildet (Taf. V. Fig. 3, lt.). Diese Umbildung erstreckt sich auf einen grossen Theil des nachträglich gebildeten Interfascicularcambium und so ent- stehen grosse Knäuel derartig verdickter Gefässzellen an jeder Seite 41 des Gefässbündels, so weit dieses nicht von der Bildung einer Wur- zel in Anspruch genommen ist. Nach einiger Zeit erfahren auch die zwischen ihnen liegenden Zellen die gleiche Umbildung, ohne jedoch Anlass zur Bildung eines Knäuels zu geben. Auf diese Weise wird eine ununterbrochene Reihe von Gefäss- zellen zwischen den Gefässbündeln hergestellt und diese somit eng verbunden. Auch Tochterzellen von anderen, über den Gefässbün- deln liegenden Parenchymzellen werden derartig umgebildet; jedoch ist eine Verbindung dieser mit dem zwischen den Bündeln liegenden Zuge fast immer zu finden; diese letztere Bildung erstreckt sich oft weit in's Innere des Blattstiels. An der Blattspreite gehen ähnliche Bildungen vor sich. Auch hier, wenn die Wurzelanlage zu erkennen ist, zweigen sich vom Cambium des Gefässbündels cambiale Züge ab, indem sich die an das Bündel anstossenden Zellen des pneuma- tischen Blattparenchyms durch tangentiale Zellwände theilen; derar- tige Züge verlieren sich aber bald in dem Gewebe, ohne mit denen der benachbarten Gefässbündel zusammenzutreffen, was ja in der Natur der Sache liegt. Ganz analog den neuen cambialen Zellen im Blattstiel verdicken sich hier auch die Wände dieser Zellen schrauben- oder netzförmig zu Gefässzellen, die in der Nähe der Gefässbündel ebenfalls knäuelweise zusammenliegen. Durch diese Vorgänge wird dem von der Mutterpflanze abgetrennten Theil ein gegen äussere schädliche Einflüsse entsprechender Schutz gewährt, um dann gehörig vorbereitet zur Bildung von Wurzeln und Knospen zu schreiten. 2. Entstehung der BeiwiU'zeln. Während der hier beschriebene Process über der Schnittfläche an Stiel und Spreite vor sich geht, finden wir, dass auch innerhalb des Gefässbündels nach drei bis vier Tagen, oft auch etwas früher, je nach dem Alter der betretfen- den, in den Sand gesteckten Blätter, sich alle Zellen des Gefäss- bündels, nur die Gefässe allein ausgenommen, mit Protoplasma füllen; der Inhalt wird verbraucht; es treten Zellkerne auf, die fast den ganzen Raum der Zelle einnehmen. In den hier zugehörigen Zeichnungen wurde die Darstellung des Inhaltes der Zellen im Interesse der Deutlichkeit unterlassen. Man hat sich aber alle Zellen mit Protoplasma und Zellkern gefüllt zu denken. Ebenso, wie schon im vorigen Abschnitt gezeigt, nehmen die den Gefässbündeln anliegenden Parenchymzellen des Grundgewebes Antheil an dieser Thätigkeit. Ist diese nun eingetreten, so zeigen weitere Querschnitte Theilungen im Cambium (Taf. IV. Fig. 13, c.) und auch Streckung der Cambialzellen und, wenn das Cambium 42 schon in Dauergewebe übergegangen, auch in diesem gleiche Vor- gänge. Man glaubt ein nachträgliches Dickenwachsthum vor sich zu haben, namentlich bei Betrachtung des nach der Peripherie des Stieles oder der Epidermis der Spreite vorgeschobenen Bastes. (Taf. IV. Fig. 13, db und Ib.) Allerdings tritt dies nicht immer so deutlich auf, wie es in Figur 13 auf Tafel IV. dargestellt; nur wenige Male habe ich das Glück gehabt, es in dieser Weise zu sehen. Nach ungefähr sechs bis zehn Tagen zeigt ein Querschnitt des Blattstieles folgendes: Auf den ersten Blick fällt dem Beobachter ein halbkugelförmiges Meristemgewebe von neuentstandenen Zellen auf (Taf. V. Fig. 1, Wz.); wir haben hier die Anlage der neuen Wurzel vor uns, hervor- gegangen durch Theilung der Cambialzellen. Die Theilwände stehen aber hier tangential und nicht radial, wie F. Regel*) he'i Begonia gefunden und was ich bestätigen muss. Bei der Untersuchung der Entstehung der Beiwurzeln von Begonia glaubt F. Regel annehmen zu müssen, dass „die Herausbildung der Histogene, welche das Wachsthum der Wurzeln vermitteln, aus dem inditferenten Zellencomplex der ersten Anlage von Innen nach Aussen hervorzugehen scheine, also vom Plerom ausgehe." Von Peperomia muss ich dasselbe annehmen. Immer theilen sich von neuem die dem Plerom zunächstliegenden Cambialzellen und ebenfalls die als Plerom (pl) in der Figur bezeichneten Zellen. Weitere Betrachtung des Querschnittes zeigt, dass aus der das Plerom (pl) überlagernden Zellreihe das Periblem (pi), aus der folgen- den das Dermatogen (d) und endlich aus der über d liegenden Zell- reihe die durch Theilung des Dermatogens entstandene Wurzelhaube hervorgeht. Durch weitere Theilung der Plerominitialen geht dann rasch ein Pleromcylinder mit acht bis elf Zellreihen hervor, umgeben von den ebenfalls rasch in Theilung zerfallenen Periblemzellen, die im Gegensatz zum Plerom deutlich regelmässig-polygonale Gestalt zeigen, während die Pleromzellen schmal länglich gestreckt sind. Ist die Wurzel in ihrem Wachsthum noch weiter fortgeschritten und wie hier auf Tafel V. Figur 2, an der Spitze schon mit drei Zellreihen der Wurzelhaube umgeben, so siebt man deutlich, wie die Gefässe des Pleromcylinders durch Vermittelung von Tracheiden- zellen mit den Gefässen des betreffenden Bündels des Blattstieles in Verbindung treten, während Periblem und Dermatogen der Wur- ij F. Regel 1. c. pag. 464. 43 zel sich den übrigen Elementen des Bündels (das Dermatogen an die Zellen der Gefässbündelscheide) anscbliessen. Der erste Schritt zur Neubildung einer Beiwurzel bei Pepero- mia wird also in der Cambiumzone des Gefässbündels gethan; hier entsteht das Plerom, von dem das Wachsthum der Wurzel ausgeht. Die Anlage der Wurzel geschieht, wie mir dies zahlreiche Quer- schnitte bewiesen, immer endogen und zwar immer von der Cambium- zone eines Gefässbündels aus, diesem seitlich aufsitzend; indem sich aber die Wurzelanlage später in etwas schiefer Richtung verlängert, so scheint dieselbe aus dem Phloemtheil des Bündels hervorzugehen; immer aber wird man die Pleromzellen bis an das Cambium des Gefässbündels verfolgen können. Die neue Wurzel wächst im Innern des Blattstiels zuerst in radialer Richtung, indem die vor ihr liegenden Zellwände des Grund- parenchyms theils resorbirt, theils gedrückt und bei Seite ge- schoben werden; später aber, ehe sie ganz an den Rand des Blatt- stieles gelangt, gewöhnlich vor der Collenchymschicht, wächst sie nach unten, parallel der Axe des Stieles und gelangt durch die Schnittfläche nach aussen. Wie schon auf pag. 38 gesagt, brechen selten Wurzeln durch die Epidermis des Blattstieles. Ist das Wachsthum der Wurzel im Innern des Blattstieles so weit vorgeschritten, wie dies die Figur 2 auf Tafel V zeigt, so macht sich gewöhnlich schon das erste Gefäss bemerkbar; es werden die am Cambium liegenden Holzzellen des Xylems zu den auf pag. 40 beschriebenen Gefässzellen (It) umgewandelt, die daran stossende Zelle des Pleroms macht dieselbe Umwandlung durch, die darauf folgende ebenfalls und so fort; die Zwischenwände werden resorbirt und das erste Gefäss ist fertig (Tafel V. Figur 2, 1 gf.). Sind erst einige Wurzeln an das Tageslicht getreten und werden noch andere angelegt, so haben wir dann durch einen Querschnitt ein Bild, wie es uns die Figur 3 auf Tafel V bietet. Die erste Anlage der Wurzel in der Blattspreite, wie auch die weitere Entwickelung, ist die ganz gleiche, wie die so eben beschriebene des Blattstieles. Wiederum ist hier die Cambiumzone, oder in alten Blättern das daraus hervorgegangene Dauergewebe der Ursprung der Plerominitialen, von diesen geht das Wachsthum der Wurzel aus. Auf Tafel V zeigt die Figur 4 die Richtung des Wachöthums der Wurzel. Die die Wurzel umgebenden Zellen des pneumatischen Parenchyms werden ebenso, wie die des Parenehyms des Blattstiels, resorbirt, gedrückt, bei Seite geschoben und gestat- 44 ten so der Wurzel den Anstritt durch die Schnittfläche; nie wurde ein Durchbrechen der Wurzel durch die Epidermis der Spreite beob- achtet. Figur 15 auf Tafel IV. zeigt eine ältere ausgetretene, schon mit Wurzelhaaren versehene Wurzel; man sieht hier deutlich, wie dieselbe das sie umgebende Gewebe beim Austritt bei Seite ge- schoben (ab) hat. Gewöhnlich findet die Wurzel ihre Ausbildung und ihren Austritt im pneumatischen Parenchym der Blattspreite; in einigen Fällen jedoch war, nattirlich immer bei seitlicher Ent- stehung der Wurzel am Gefässbündel, eine andere Wachsthums- richtung eingetreten; die junge Wurzel durchbrach dann das Palli- sadengewebe, wuchs in der oberen Epidermis weiter und bog sich dann nach der Schnittfläche zu, um den Austritt zu erlangen. Die die neue Wurzel im betreflPenden Gewebe umgebenden Zellen werden vielfach getheilt; jedoch kommt es nie zu einer vollständigen Korkumhüllung der Wurzel, wie es S. Arloing in seiner Unter- suchung an Cacteen-Stecklingen beobachtete'); ebenso fand ich nie, dass sich eine Wurzel schon vor dem Austritt in's Freie im betreffenden Gewebe verästelte, was S. Arloing ebenfalls von den Cacteen anführt. Hieran anschliessen will ich noch, dass bei Peperomia nie direct an der Schnittfläche gelegene Zellen zu Pseudo -Wurzelhaaren aus- wachsen, was nach F. Regel '^) hei Begonta in den Epidermiszellen des Blattstiels immer der Wurzelbildung vorausgeht^). 3. Eutstehuiig iiud Eiitwickeluiig der Adventivknospen. a. Am Blattstiel: Haben die an der Schnittfläche des Blattstieles erschienenen Wurzeln eine gewisse Länge erreicht, so sieht man bald mit blossem Auge auf der Schnittfläche mehrere kleine weisse Hügel entstehen, die sich bald strecken und zu jungen Pflänzchen auswachsen. Die Schnittfläche schliesst sich, wie schon früher beschrieben (pag. 39), durch Bildung von Korkgewebe von aussen ab. Die direct unter dieser Gewebeschicht liegenden Parenchymzellen theilen sich schon frühe, gleichzeitig mit Bildung der Korksehicht, durch tangentiale Wände. Sind dann die jungen Wurzeln hervorgebrochen und in ihre Functionen eingetreten, so gehen in einzelnen Gruppen der vorhin erwähnten Parenchymzellen noch weitere Radial- und Tangential- theilungen vor sich, in Folge deren dieselben in eine grosse Anzahl ') 8. Arloing 1. c. pag. 59. 2) F. Regel 1. c. pag. 458. 3) Etwas Aehnliches beobachtete ich an Blattstecklingen von Echeiieria. Hier rundeten sich einige Zellen des Blattparenchyms, nicht der Epidermis, an der Schnittfläche ab, wurden länger, so dass sie weit über die Schnittfläche herausragten. 45 von Tochterzellen zerfallen. Es werden so Meristeme erzeugt, welche sich stetig vergrössern und die Korkschicht durchbrechen. Diese Meristeme kommen dann immer in Form von Hügeln an der Schnittfläche zum Vorschein. Niemals wird die Epidermis des Blattstieles durchbrochen, noch setzt sich dieselbe über die Hügel fort. Während die Gefässbündel an der Schnittfläche frei liegen, wenn sich keine derartigen Hügel am Blattstiele bilden, so erscheint es im anderen Falle, als ob dieselben durch die die Bündel umgeben- den Parenchymzellen überwallt werden, indem die Meristemhügel auf ihre Umgebung einen Druck ausüben. Das Meristem nun diff"erenzirt sich nach einiger Zeit. An der Spitze desselben ist der oft sehr verlängert kegelförmige Vegetations- punkt (Tafel IV. Fig. 16, v.) zu beobachten, unterhalb dieses kommt dann das erste Blatt, oder mehrere zugleich, je nach der Species von Peperomia zum Vorschein. Der Stamm der neuen Pflanze kann oft sehr lang werden, bevor das erste Blatt zur Ent- wickelung kommt (Tafel IV. Fig. 6). Der Vegetationspunkt liegt immer sehr versteckt am Grunde des obersten Blattes, wie dies auch bei natürlich an der Mutterpflanze ent- standenen Knospen der Fall ist. Die Blattstiele der Peperomien zeigen nämlich auf ihrer Oberseite eine mehr oder weniger tiefe Furche, in welcher die junge Knospe tief eingebettet liegt und selten auf den ersten Blick zu sehen ist. Die Anzahl der hervorbrechenden Hügel ist oft eine sehr grosse (Tafel IV, Fig. 8, hg.); es entwickeln sich aber gewöhnlich nur zwei, selten mehrere Pflanzen aus denselben. Sehr häufig ist der Fall, dass unterhalb der Spitze der neu entstan- denen Pflanze an dem nun zum Stamm entwickelten ehemaligen Vegetationskegel noch andere Knospen entstehen, die dann wirkliche Adventivknospen und endogenen Ursprungs sind (Taf. IV. Fig. 7, ad.). Noch ehe das erste Blatt zur völligen Entfaltung gekommen ist, entstehen in dem meristematischen Gewebe des Stammes, welcher das Blatt und die Endknospe trägt „procambiale Züge," die zu den schon früher beschriebenen schraubig verdickten Leitbündelzellen umgewandelt werden, schliesslich zu einem Gefässbündel werden; dieses schliesst sich dann entweder an einen alten Gefässstrang des Blattstieles an oder bleibt auch ohne Verbindung mit diesen. Ausserdem bil- den sich an dem Stamme des jungen Pflänzchens, soweit er vom Sande bedeckt ist, eine Menge von Adventivwurzeln (Taf. IV. Fig. 6), die ebenfalls aus dem Cambium des neuen Gefässbündels entstehen. b. An der Blattspreite: Gerade so wie beim Blattstiel, ver- narben erst die Schnittflächen des Blattes, und nachdem Wurzeln 46 zum Vorschein gekommen sind, sieht man und zwar meist in unmit- telbarer Nähe des Entstehungsortes der Wurzeln, selten weiter davon Hügel, die den am Blattstiele auftretenden völlig gleichen und ganz in derselben Weise auswachsen und zu jungen Pflänzchen wer- den, wie am Blattstiel (Taf. IV. Fig. 10). Während beim Blattstiel die Zellen des Grundparencbyms den Ursprung eines solchen Hügels geben, sind es bei der Spreite die Zellen des Blattparenchyms (Taf. IV. Fig. 14 und Taf. V. Fig. 5). Betheiligt an der Entstehung eines Hügels ist immer nur das Blatt- parenchym; auch bilden nur einige Zellen desselben direct unter der Schnittfläche die Initialen eines Hügels. Die Weiterentwickelung der Meriatemhügel zu Laubsprossen ist die nämliche, wie die der am Stiele erzeugten. Wenn die jungen Pflänzchen älter werden, so lösen sie sich von dem Mutterblatte ab, d. h. es wird zwischen dem Mutterblatte und der Ansatzstelle der jungen Pflanze im Grundparenchym des Blattstieles, resp. in den Geweben der Blattspreite eine vollständige Korkschicht gebildet und dann das alte Blatt abgestossen, wodurch die junge Pflanze jetzt auf sich angewiesen ist. Ehe aber das Loslösen vor sich geht, haben sich eine Menge Wurzeln am Stamm der jungen Pflanze gebildet, die dann allein die Ernährung über- nehmen. Die am Mutterblatte erzeugten Wurzeln haben nur dieses zu ernähren und die Bildung neuer Pflänzchen zu begünstigen. Das Loslösen vom Mutterblatte geschieht oft sehr spät-, an einige Jahre alten Blattstecklingen ist oft das Muttcrblatt noch vorhanden. Hat die junge Pflanze erst selbst neue Wurzeln gebildet, so sind die blattständigen Wurzeln nicht mehr zu ihrer Ernährung nöthig; es treten auch die Gefässbündel der neuen Pflanze höchst selten in eine Verbindung mit denen der am Mutterblatte erzeugten Wurzeln. Vergleicht man die Entstehungsweise der Beiwurzeln an Blatt- stecklingen verschiedener Pflanzen, namentlich an Begonia und Bryophyllum, so wird man finden, dass bei Peperomia die Wurzeln auf gleiche Weise erzeugt werden ; es kann daher nur das schon bekannte auch für Peperomia bestätigt werden. In Bezug auf die Entstehungsweise der Adventivknospen dagegen weichen die Pe^erowi/a- Blattstecklinge von allen bisher beobach- teten Fällen ab. Nach den Beobachtungen von Regel entstehen die Knospen an Stiel und Spreite der Begoniaceen aus den Epidermiszellen, nach Berge bei Bryophyllum aus dem unmittelbar unter der 47 Epidermis liegenden Urparenchym, die Epidermis des Blattes geht hier vollständig auf die Knospe über, man sieht kein „bei Seite schieben" von Geweben, um den Austritt den Knospen zu ermöglichen, nach Magnus gehen die Knospen aus den peri- pherischen Zellen des Blattes von Hyacinthus hervor. Bei Pejyeromia entstehen die Knospen aus dem Grund- parenchym des Blattstieles, resp. aus dem ßlattparenchym der Spreite, in beiden Fällen jedoch immer unabhängig von den Gefässbtindeln. Die erste Anlage einer Knospe bildet sich immer aus einer Zellgruppe in einer oder mehreren Schich- ten der betreffenden Gewebe hervor, die direct unter der vernarbten Schnittfläche liegen. Wenn die Vernarbung der Schnittfläche des Stecklings nicht nöthig wäre und somit nicht geschähe, so würden vermuthlich die gesunden, nicht vom Schnitt betroffenen Zellen der Schnittfläche der oben genannten Gewebe die Grundlage zur Bildung einer Knospe geben. Allerdings findet jedesmal ein Durchbrechen der sehr wenig mächtigen Korkschicht statt, aber nur dieser; der endogene Ursprung der Knospen ist daher nur scheinbar; vielmehr sind dieselben als exogen aufzufassen. IV. Zusammenstellung der Ergebnisse der Untersuchung. 1. An der Schnittfläche von Blattstecklingen von Fei^eromia wird kein Kallus erzeugt; die Schnittfläche wird allein durch eine Korkschicht — Wundkork — abgeschlossen. 2. Am Blattstiel nehmen an der Bildung des Wundkorkes Theil: immer das Grundparenchym, weniger die Collenchymzellen und sehr selten die Epidermis; an der Spreite: ausser dem Blattparenchym die Pallisadenschicht, die Epidermis der Oberseite mehr als die der Unterseite. Der Inhalt der Zellen wird vollständig zur Bildung der neuen Zellwände verbraucht. 3. Im Blattstiel werden die Cambialregionen der peripherischen Gefässbündel bei der „Verheilung" der Schnittwunde durch procam- biale Züge mit einander verbunden, deren Zellen fast immer in schraubig verdickte Gefässzellen (Leitbündelzellen) verwandelt wer- den. Auch in der Spreite finden gleiche Vorgänge statt. 4. Nach einer gewissen Zeitdauer des Versuches füllen sich, die Gefässe ausgenommen, alle Theile des Gefässbündels mit Protoplasma und werden so theilungsfähig. 5. Ist das Cambium der Gefässbündel schon in Dauergewebe tibergegangen, so wird dies nach einiger Zeit wieder theilungsfähig. 48 6. Die Anlage der Beiwurzeln geschieht immer endogen und immer in der Cambiairegion des Gefässbündels. In dieser Region entsteht zuerst das Plerom, von dem das Wachsthum ausgeht; Peri- blem und Dermatogen gehen durch Theilung der Plerominitialen aus diesen hervor und schliesst sich ersteres im weiteren Wachsthum an den Holz- und Basttheil des Gefässbündels und das Dermatogen an die Gefässbündelscheide an. 7. Die Wurzel von Peperomia wächst mit drei Histogenen. 8. Die Wurzeln durchbrechen am Blattstiel sehr selten die Epi- dermis, gewöhnlich aber den Wundkork der Schnittfläche. An der Spreite treten die Wurzeln mit Durchbrechung der verschiedenen Blattgewebeschichten immer an der Schnittfläche heraus. 9. Sind die Wurzeln einmal herausgetreten, so wachsen sie sehr schnell und verästeln sich bald. Nie ist eine Wurzel schon im Innern des sie umgebenden Gewebes verästelt. 10. Pseudo-Wurzelhaare werden bei Peperomia nie gebildet. 11. Die Anlage der adventiven Laubsprosse geschieht stets in dem Grundparenchym des Blattstieles und in dem Blattparenchym der Spreite direct unter der Schnittfläche, niemals aber am Gefäss- bündel. Zuerst bildet sich durch wiederholte Theilungen gewisser Zellgruppen genannter Gewebe ein Meristemhügel, der sich über die Schnittfläche erhebt und fast immer zu einem kegelförmigen Stämmchen auswächst, dessen Spitze aus kleinzelligem Meristem ge- bildet ist und den Vegetationspunkt darstellt, aus welchem sich die Laubknospe entwickelt. Die Adventivknospen entstehen daher exogen und durchbrechen nur den Wundkork. 12. Das im Stamm der neuen Pflanze neu gebildete Gefässbündel entsteht zeitig, lange bevor die ersten Blättchen zur Entfaltung gekommen sind, es schliesst sich an eines der Gefässbündel des Mutterblattes an oder tritt auch mit diesen in keine Verbindung. 13. Die neue Pflanze schliesst sich durch eine Korkschicht vom Mutterblatt ab und ernährt sich durch adventive Wurzeln, die aus dem Stamme hervorbrechen ; mit den Wurzeln des Mutterblattes tritt sie in keine Verbindung. 14. An Blattstecklingen von Crassulaceen wird Kallus erzeugt. Breslau, .Januar 1878. Erklärung der Abbildungen. Tafel IV. Querschnitt durch den Blattstiel von Peperomia peltiformis. Vergr. 4. = = » = = Pep. marmorata. Vergr. 4. ' = = 5 ä Pep. resedaeßora. Vergr. 4. ' ^ : ■- '- Pep. rubella. Vergr. 20. Querschnitt durch die Blattspreite von Pep. peltiformis. Vergr. 60. Ein Blatt von Pep. peltiformis mit einer am Blattstiel entstandenen jungen Pflanze. V2 d. nat. Gr. Ein Blatt von Pep. marmorata mit 2 jungen Pflanzen. 1/2 d. nat. Gr. Ansicht einer Schnittfläche am Blattstiel von Pep. peltiformis (nach sechs Tagen des Versuches). Vergr. 3. Längsschnitt durch diesen Blattstiel. Vergr. 5. Stück eines Blattes von Pep. peltiformis mit neu gebildeten Wurzeln und Laubknospen. 1/2 d. nat. Gr. Fig. 1 1 . Längsschnitt durch das Parenchym des Blattstieles von Pep. peltiformis ; Neubildung; er zeigt die mehrfach getheilten Zellen. Vergr. 170. Fig. 12. Längsschnitt durch die Blattspreite von Pep. marmorata; er zeigt ebenfalls die mehrfach getheilten Zellen. Vergr. 60. Fig. 13. Querschnitt durch ein Gefässbündel des Blattstieles von Pep. mar- morata nach ca. 8 Tagen des Versuches. Theilung des Cambiums und Verschieben des Phloems des Bündels. Vergr. 170. Fig. 14. Längsschnitt durch die Blattspreite von Pep. peltiformis. Bildung des Meristemhügels, aus welchem die Laubknospe entsteht. Vergr. 40. Fig. 15. Längsschnitt durch die Blattspreite von Pep. peltiformis mit einer ins Freie getretenen Wurzel und deutlichem Abschlüsse der Schnitt- fläche. Vergr. 20. Schematisch. Fig. 16. Längsschnitt durch eine am Blatt erzeugte Laubknospe von Pep. peltiformis. Vergr. 40. Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Band III. Heft I. 4 Fig. 1. Fig. 2. Fig. 3. Fig. 4. Fig. 5. Fig. 6. Fig. 7. Fig. 8. Fig. 9. Fig. 10. 50 Tafel V. Fig. 1. Querschnitt durch ein Gefässbündel des Blattstieles von Pep. marmo- rata mit erster Anlage der Beiwurzel. Vergr. 200. Fig. 2. Querschnitt durch ein Gefässbündel des Blattstieles von Pep. resedae- flora mit junger Beiwurzel. Vergr. 170. Fig. 3. Querschnitt durch den Blattstiel von Pep. resedaeflora. Derselbe zeigt in verschiedenen Stadien befindliche Beiwurzeln. Vergr. 90. Fig. 4. Längsschnitt durch die Blattspreite von Pep. peliiformis mit junger Beiwurzel. Vergr. 40. Fig. 5. Querschnitt durch die Blattspreite von Pep. marmorata mit junger den Kork durchbrechenden Laubknospe. Vergr. 60. Fig. 6. Längsschnitt durch eine junge Pflanze von Pep. marmorata, auf der Schnittfläche der Blattspreite aufsitzend. Vergr. 20. Schematisch. Bedeutung der Buchstaben der Figuren, e =: Epidermis, eo = obere Epid., eu = untere Epid., oeo = äusserste Zellen der Epid., coli = CoUenchym, m =: Grundparenchym, Mark, o = Zellen mit Piperin, p = Pallisadenschicht, pp = Blattparenchym (pneumatisches Par.), n = Blattnerv, Bl = Blatt, wz = Wurzel, Wtr = Wurzelhaare, we =: Epidermis der Wurzel, de = Dermatogen, pi = Periblem, pl = Plerom, wh = Wurzelhaube, s = Scheitel, gf = Gefässbündel, x = Xylem, h = Holzzellen, g = Gefässe, ph = Phloem, de = Dauercambium, c = Cambium, db = dickwandiger Bast, Ib = dünnwandiger Bast, gs = Ge- fässbündelscheide, hg = Hügel (Meristem-Hügel), kn = Laubknospe, r = ab- gerundete Zellen, gm = maschenwerkartig getheilte Zellen, k = Kork, cz = procambiale Züge, It = schraubig und netzförmig verdickte Zellen, V = Vegetationspunkt, d = Drüsenköpfchen, ab := abgestorbene Zellen. Entwicklungsgeschiclite einiger Eostpilze. Von Dr. J. Schroeter. (Fortsetzung von Band I. Heft 3. Seite 1.) II. V. Albertini und v. Schweiniz fanden zuerst in der Schlesischen Oberlausitz bei Niesky einen rothen Rost auf Ledum palustre L., den sie in ihrem Cons2)ectus fungorum 1805 als Uredo Ledi beschrieben haben ' ). Späterhin ist der Pilz fast ganz in Vergessenheit gerathen; in der mir zugänglichen Literatur finde ich ü. Ledi immer nur unter der Autorschaft von Alb. et Schw. citirt ohne Angabe neuer Fund- orte. Auch in den Herbarien, die ich bezüglich der üredineen durch- zusehen Gelegenheit hatte, fand ich ihn nur einmal in einer klei- nen Probe, die von der Hand Auerswald's die Bezeichnung trug: Äecidium Ledi Awd., Lahradori Hebron, ad fol. Ledi latifolii. Nach alledem war es mir erfreulich, dass ich diese anscheinend seltene oder doch vernachlässigte Uredinee nach und nach von verschiedenen neuen Standorten erhielt, nämlich durch Prof. Kny, welcher sie Mitte Juni 1867 im Swinemoor auf Usedom in Pommern sammelte, sodann von Lehrer Gerhardt, der sie Ende Juli 1871 auf der Lomnitzer Haide im Schlesischen Riesen- gebirge antraf, und endlich von Pfarrer Seh oe bei von Brinnitz bei Kupp in Oberschlesien. Letzterer hatte die Freundlichkeit mir zu verschiedenen Zeiten im Jahre frisches Material des Pilzes einzusenden, und durch diese Sendungen besonders war ich ') J. B. de Albertini et L. D. de Schweiniz. Conspectus fungorum in Lusatiae superloris agro Niskiensi crescentium. Lipsiae 1805. S. 125. 4* 52 im Stande die Entwicklung des Pilzes so weit zu beobachten, wie dies ohne Culturen auf lebenden Nährpflanzen möglich war. Die Uredo-Esiufchen finden sich nur auf der Unterseite der Blätter. In der Mitte Juni bis in den Juli hinein, wo sie an den jungen am Rande eingerollten Blättern am üppigsten entwickelt sind, sind sie schwer zu erkennen, weil sie flach ausgebreitet und zwischen den dichten rothbraunen Filzhaaren ganz versteckt sind, man entdeckt ihre Anwesenheit aber auch zu dieser Zeit leicht dadurch, dass die Oberseite der Blätter an der Stelle, wo sie sich befinden, in grösserem Umfange röthlichgelb oder gelbbräunlich verfärbt ist. Leichter sind sie in der ersten Zeit ihres Auf- tretens, im Mai bis Anfang Juni zu erkennen, wenn sie an den grösseren, flachen und auf der Unterseite fast glatten Blättern auf- treten. Diese sind in den mir eingesendeten Exemplaren oft bis 6 cm. lang, 1 cm. breit, oder 4 cm. lang, 12 mm. breit; an ihnen stehen die Uredohäufchen in kreisförmigen Gruppen von 2 — 3 mm. Dchm. von einander getrennt zusammen, auf einem gemeinschaft- lichen gelblich verfärbten Flecke, und zwar oft 4 bis 5 solcher Flecke auf demselben Blatte. Manchmal bilden sie auch nur ein- fache kreisförmige Ringe. Die besondere Grösse und Breite dieser Blätter scheinen Alb. et Schw. der Einwirkung des Pilzes zuzu- schreiben, ich glaube aber nicht, dass dies der Fall ist. Die einzelnen Häufchen sind rund, von sehr geringem Durch- messer, kaum V4 mm. breit, sie werden am Grunde von einer kurzen Scheide umgeben, über welche sich die Sporen noch weit erheben, so dass sie kleine Säulchen von etwa 1 mm. Höhe bilden. Sie sehen dadurch einem Aecidiura ähnlich und schon Alb. und Schw. meinten, man könne diesen Rost im ausgebildeten Zustande zu den Aecidien rechnen; auch Auerswald hat ihn, wie erwähnt, als Aecidium bezeichnet. Ich finde im Bau seines Aec. Ledi nicht den geringsten Unterschied von Ur. Ledi Alb. et Schw. Auf Durchschnitten sieht man, dass die Blattsubstanz im Be- reiche der gelblichen Verfärbung von einem reich verzweigten, 5 bis 6 Mik. breiten, von orangerothen Oeltropfen erfüllten Mycel durch- setzt ist, das sich unter der Epidermis zu einem dichten Lager ver- webt. Von diesem werden die Uredo-Sporen kettenförmig abge- schnürt. Am Grunde sieht man meist mehrere Reihen junger Zellen, die stark zusammengedrückt_, auf dem Durchschnitte quadratisch oder oblong erscheinen mit stark lichtbrechendem Inhalt erfüllt. Sie gehen allmählich in die ausgebildeten Uredosporen über. Diese sind ebenfalls sehr dicht gelagert, im Einzelnen elliptisch, oft aber 53 durch den gegenseitigen Druck eckig oder stellenweise zugespitzt, 22 bis 26 Mik. lang (meist 22 bis 23), 14 bis 20 Mik. breit. Ihre Membran ist gleichmässig, etwa 2 Mik. dick, farblos, dicht besetzt mit stumpf abgerundeten, durchsichtigen Körnchen, die sich durch Verschiebung des Deckglases theilweise leicht abstreifen lassen. Durch diese erscheint die Membran auf der Fläche körnig punktirt, auf der Durchschnittsansicht stäbchenförmig gestreift; Keimpunkte sind nicht deutlich sichtbar. Der Inhalt ist durch orangerothes Oel gefärbt. — Die äuaserste Lage der Sporen ist meist verflacht, und die einzelnen Sporen sind hier oft membranartig verklebt, es wird dadurch eine Art falschen Peridiums gebildet, dieses ist aber sehr unvollkommen, indem sich auf dem Durchschnitte seine Zellen von den benachbarten Sporenlagen fast gar nicht unterscheiden. Der deutlich unterschiedene Theil der Röhren, welche den unteren Theil des Säulchens umfasst, wird von der emporgehobenen Epider- mis gebildet. Spermogonien konnte ich nicht finden. Manchmal brechen die Sporenlager des Pilzes auch aus der Oberhaut junger Zweige und Blattstiele hervor. Sie bilden hier grössere, oft reihenweise gestellte Polster von ^ bis 1 mm. Länge und Breite, verhalten sich aber im Uebrigen so, wie auf den Blättern. Die Uredosporen breiten sich den ganzen Sommer über aus, die Häufchen werden später breiter, die kettenförmige Verbindung der Sporen lockerer. Der Inhalt der Sporen verblasst sehr bald, und die Häufchen erscheinen dem blossen Auge dann weiss, sie bleiben aber lange noch erkenntlich. An überwinterten Ledum- Blättern, die ich im März erhielt, fand ich Haufen von Sporen, deren Inhalt unter dem Mikroskop noch blass orangeroth erschien, sie waren aber nicht keimfähig. An diesen überwinterten Blättern fand ich in verfärbten Stellen der Blätter ein sehr stark entwickeltes, offenbar lebensfähiges, leb- haft orangefarbenes Mycel von der geschilderten Beschaffenheit, und es erschien mir daher wahrscheinlich, dass der Pilz in seinem Mycel überwinterte und sich im Frühjahre daraus weiter entwickeln würde. Dies traf auch zu. Vom Ende April ab erhoben sich auf der Unterseite überwinterter Blätter, entsprechend den verfärbten Stellen und den in ihnen wuchernden Mycelien, sobald die Blätter auf eine feuchte Unterlage gebracht wurden, flache, braune Schwielen. Sie verstärkten sich und bildeten zuletzt glänzend braunrothe oder blntrothe Polster, etwa ~ Mm. breit, die anfangs vereinzelt, später 54 zu grösseren Flecken zusammengestellt waren, und so zuweilen fast die Hälfte der Blattunterseite einnahmen. Das Mycel, welches unter diesen Flecken in der Blattsubstanz wucherte und sich besonders in den Lufthöhlen reich verzweigte, war dem, von welchem sich die TJredo-Häufchen bildeten, ganz gleich, unter der Oberhaut verwebte es sich hier ebenfalls zu einem dichten orangerothen Lager von 12 bis 13 Mik. Dicke. Von diesem erho- ben sich zu einem dichten Polster verbunden, senkrecht stehende Schläuche von 70 bis 90 Mik. Länge 13 bis 15 Mik. Breite, von denen jeder durch Querwände in 5 bis 6 Fächer getheilt war, so dass jedes einzelne Fach 15 bis 22 Mik. lang war. Die Membran war farblos glatt, der Inhalt bestand aus stark lichtbrechendem orangerothem Oel. Diese Lager stellen Teleutosporen dar, sie erhoben die Epidermis, blieben aber zunächst noch von ihr bedeckt. Wurden Blätter mit solchen Teleutosporen auf Wasser gelegt, die Unterseite nach oben gerichtet, so war nach 24 Stunden die Epidermis über den Pusteln gerissen, und diese hatten sich mit einem chromgelben Pulver bedeckt; die Teleutosporen waren ge- keimt und hatten Sporidien gebildet. Der Vorgang dabei ist folgender. Das Oel in dem Inhalt der Fächer vertheilt sich gleichmässig, und dieser bildet ein hellrothes, schaumiges Plasma. Die Fächer der Schläuche keimen einzeln und nach einander, zuerst das oberste Fach, wenn dieses entleert ist das tiefere und so fort. Jedes Fach treibt einen Keimschlauch an der Seite, dicht unter der Spitze resp. der Scheidewand. Dieser wird etwa 50 bis 60 Mik. lang, 6 bis 7 Mik. breit, steigt grade nach oben und ist an der Spitze abgerundet, das orangerothe Plasma wandert ganz in ihn ein, wenn dies erfolgt ist, grenzt es sich nach unten durch eine Scheidewand ab, und theilt sich dann durch Querwände meist in 4 Segmente. An den Scheidewänden bilden sich meist Einschnürun- gen. Aus jedem Segmente treibt ein pfriemlicher Ast aus, an dessen Spitze sich eine eiförmige 11 Mik. lange, 7 Mik. breite Sporidie bildet, die meist sofort mit einem 3 Mik. breiten Keim- schlauch auskeimt. Zuweilen fand ich zwischen den Sporidien und Keimschläuchen grosse elliptische Zellen, 30 Mik. lang, 22 Mik. breit, mit glatter Membran und orangerothem Inhalt, die mit einem 6 Mik. dicken Keimschlauche keimten, sie schienen aus dem vollen Inhalt eines Sporenfaches hervorzugehen. Nach 48 Stunden waren bei der gewöhnlichen Tagestemperatur 55 Anfang Juni alle Sporenfächer einer Pustel ausgekeimt, die entleer- ten Sporen erschienen nun ganz farblos, die einzelnen Schläuche waren etwas auseinander gedrängt, und an der Seite, wo die Keim- schläuche ausgetrieben, gewissermassen sägeförmig. Die Teleutosporenpusteln bewahren eine gewisse Zeit lang ihre Keimungsfähigkeit. Sie keimten immer noch sehr gut aus, wenn sie auch vier Wochen nach dem Einsammeln trocken aufbe- wahrt worden waren. Wie lange darüber hinaus sie etwa die Keimfähigkeit bewahren mögen, war ich verhindert festzustellen. Bei dem Wachsthum im Freien werden die Pusteln in der ersten Periode der Friihjahrsregen schnell auskeimen und bald verschwin- den. Es scheint, dass sich nur eine Generation von Teleutosporen auf den überwinternden Blättern bildet, an den später entwickelten Blättern habe ich immer nur die Uredo-Häufchen gefunden. Bei einer Sendung von Ledmn-B\ä.tteYn, die ich Anfang Juni erhielt, fanden sich Teleutosporen und Uredo-Lager auf denselben Blättern ziemlich reichlich vermengt. Es möchte daraus für wahr- scheinlich erscheinen, dass die Sporidien der Teleutosporen direct wieder in die i/e(/M??i-Blätter einkeimten und Uredo-Bildung hervor- rufen. Ob und wie die Sporidienkeimschläuche eindringen, wäre noch zu prüfen. — Es ist vorläufig noch nicht als unmöglich zu bezeichnen, dass der Vegetationskreis des Pilzes mit der Ausbildung von Uredo- und Teleutosporen-Bildung noch nicht abgeschlossen sein dürfte. Es ist immerhin noch sehr wohl möglich, dass eine Aecidium-Bildung (mit Spermogonien) auf einer anderen Pflanzen- art vegetirend, in den Entwickelungs-Kreis dieses Pilzes gehört'). Die Kenntniss der Teleutosporen des Pilzes ermöglicht jetzt jeden- falls seine systematische Bestimmung. In allen Hauptsachen stimmen jene mit den Teleutosporen -Lagern der bekannten Coleosporium- Arten überein. Es ist jetzt auch leicht zu erkennen, dass auch die Uredo- Sporen durch ihre kettenförmige Anordnung, die dichten körnchen- artigen Auflagerungen auf die farblose Membran und den orange- rothen Inhalt ganz denen der Coleosporium- Arten gleichen. Es ist daher angezeigt, den Pilz als Goleosporium Ledi (Alb. et Schw.) zu bezeichnen. ') Nach den Beobachtungen von Wolff über Entwicklung von Coleosporium Senecionis wäre es nicht unwahrscheinlich, dass eines der auf Coniferen vor- kommenden Aecidien in den Entwicklungskreis von Uredo Ledi gehörte, z. B. Äecidiiim abietinum Alb. et Schw., welches diese Autoren auch bei Niesky gefunden haben. 56 In die Gattung Coleosporium gehören wahrscheinlich noch meh- rere andere rothsporige Uredo-Formen, deren Teleutosporen bis jetzt noch nicht bekannt sind. Bonorden hat Uredo Agrtmomae DG., Fuckel*) später Uredo SymphytiDQ. zu dieser Gattung gerechnet, bei diesen beiden Pilzen finde ich aber grade die Wahrscheinlichkeit, dass sie hierher gehören, sehr gering. Dagegen erscheint es mir kaum zweifelhaft, dass Uredo Rhododendri Bonjean '^) hierher zu rech- nen ist. Fuckel hat diese Uredo- Form zu einer Puccinia gezogen, die er auf Rhododendron ferrugineum gefunden hatte ^), Voss*) hält die Zusammengehörigkeit nicht für wahrscheinlich und glaubt, dass der Uredo ein Melampsora folgen dürfte. Mir ist auch dies nicht wahr- scheinlich, denn die Uredo-Sporen der bisher bekannten Melampsora- Arten haben ein mit spitzen, getrennt stehenden Stacheln besetztes Epispor, werden einzeln von ihren Sterigmen abgestossen, und sind von Paraphysen begleitet oder in ein deutlich differenzirtes Pseudo- peridium eingeschlossen. Bei U. Rhododendri werden die Sporen kettenförmig abgeschnürt, ihre Structur ist ganz gleich der von Uredo Ledi und anderen Coleosporiwn-Uredmes. Zuweilen brechen auch hier die Uredo-Rasen aus der Rinde junger Zweige reihenweise oder spaltförmig hervor, wie ich an Exemplaren sehen konnte, die Professor Kny im August 1876 im Ober-Engadin gesammelt hatte; grade hier zeigte sich auch die kettenförmige Abschnürung der Sporen sehr deutlich. Junge Raschen des Pilzes, die ich durch freundliche Vermittlung im Juni dieses Jahres aus Berchtesgaden erhielt, zeigten dasselbe säulenartige Ansehen wie U. Ledi. Die Grössenverhältnisse der Sporen sind auch bei beiden Pilzen ganz dieselben. Bei der nahen Verwandtschaft der Nährpflanzen wäre es gar nicht unmöglich, dass beide Uredo-Formen zu derselben Species gehörten, die dann den älteren Namen C. Ledi (Alb. et Schw.) tra- gen müsste. In ihrem biologischem Verhalten weichen die Teleutosporen von G. Ledi etwas von denen der anderen Coleosporium- Arten ab, indem sie nicht, wie bei diesen, während der ganzen Sommervegetation 1) L. Fuckel, Symbolae mycologicae. Wiesbaden 1869, S. 43. 2) M. De Candolle, Flore frangaise. T. V. ou VI. vol. Paris 1815, S. 86, No. 625 e. 3j A. a. 0. S. 51. 4) W. Voss, Zur Pilzüora Wiens. Verhandl. d. k, k. zool. bot. üesellsch. in Wien 1877. S. 77. 57 gleichzeitig mit den Uredo-Sporen ausgebildet werden und keimfähig sind, sondern nur einmal aus einem überwinterten Mycel nach einer Winterruhe. Sie gleichen darin den meisten Melampsora-kvitn. und noch vollständiger den Sporen von Chrysoniyxa Äbietis (Wallr.). Diese Gattung zeigt überhaupt die grösste Aehnlichkeit mit Coleosporium, und wollte man den Gattungsbegriff so weit fassen wie bei Puccinia, so müssten beide zusammengezogen werden, denn Ghrysomyxa verhält sich zu Coleosporium genau so wie Lepto- puccinia zu Hemipuccinia. Die jetzt bekannten Coleosporeen lassen sich nach diesen Be- trachtungen in der folgenden Weise gruppiren: Gruppe Coleosporei. Teleutosporen zu einem festen flachen Lager verbunden. Einzelne Sporen durch Querwände in mehrere übereinanderstehende Fächer getheilt. a. Auf der Nährpflanze, auf der sich die Teleutosporen ent- wickeln, werden nur diese, aus einem überwinternden Mycel gebildet, nie aber Uredo-Sporen . . . Ch7^ysomyxa Ung. b. Auf der Nährpflanze, auf welcher sich Teleutosporen ent- wickeln, werden auch Uredo-Sporen gebildet. — Diese werden ket- tenförmig abgeschnürt, besitzen ein farbloses Epispor mit körnchen- förmigen, theilweise ablösbaren, stumpfen Auflagerungen und lebhaft orangerothem Inhalt . . . Coleosporium Leveille. •J- U. G. Eucoleosporium. Uredo- und Coleosporium-Lager gleichzeitig, den gauzen Sommer hindurch gebildet. Arten: z. B. C. Campanulae (P.) C. Sonchi (P.) C. Pulsatillae (Steud.) f-}- U. G. 3Ielampsoro2isis. Teleutosporen aus einem überwinternden Mycel (der Jahreszeit nach) vor den Uredo-Sporen gebildet, später nur Uredo-Sporen. C. Ledi (Alb. et Schw.) wahrschl, auch C. Bhododendri (Bonjean). Rastatt, Deceinber 1877. III. Seit längerer Zeit bin ich damit beschäftigt, Material für eine Monographie der Uredineen zu sammeln. Eine systematische Zu- sammenstellung dieser Pilze würde ich für unvollständig halten, wenn bei ihr nicht auch diejenigen Merkmale benützt würden, welche die Entwicklungsgeschichte derselben bietet. Die Beobachtungen über die Entwicklung der einzelnen Arten, welche durch häufige Untersuchung lebender Formen und Culturen derselben unter genauerer Controle im Zimmer gewonnen werden, rechne ich daher mit zu den noth- 58 wendigen Vorarbeiten für eine solclie Monographie. Ich habe auf den folgenden Blättern einen Theil der durch solche Beobachtungen gewonnenen Ergebnisse mit einigen daran sich anschliessenden Betrachtungen mitgetheilt, weil es mir nicht ganz unzweckmässig erschien, mich etwas weitläufiger auszusprechen, als es für eine knapp gefasste systematische Arbeit zuträglich sein möchte. Auch möchte ich hier einen anderen Standpunkt einnehmen. Die Untersuchung und Beobachtung vieler lebender Formen führt dazu, nicht allein ihre individuellen Merkmale, sondern auch ihre vielfachen Beziehun- gen zu anderen Formen kennen zu lernen und ihre mehr oder weni- ger ausgesprochene Verwandtschaft wahrzunehmen. Es drängten sich uns dabei oft Erscheinungen über die Entwicklung der einzelnen Formen auf, wie ich sie hier theilweise berührt habe. Andererseits finden wir oft einzelne Formen weit weniger scharf getrennt, als es für eine scharf scheidende Systematik wünschenswerth wäre, es wür- den, die Grenzlinien genauer festzustellen, noch eine ganze Reihe von Versuchen erwünscht sein. Auch solche Lücken in der Erkennt- niss der Formen möchte ich nicht verschwiegen wissen. Von diesem wechselnden Standpunkte aus habe ich hier eine Anzahl Formen und einzelne grössere Gruppen der Gattungen Uromyces und Puccinia in ihrer Entwickelungsgeschichte zusammen- gestellt. 1) Das grösste Hemmniss für die richtige Erkenntniss der Uredineen bietet die Schwierigkeit, für die heteröcischen Formen die zugehörigen Aecidien festzustellen und für die Aecidien, welche auf ihren Nährpflanzen keine anderweitigen Sporen bilden, die Pflanzen aufzufinden, auf denen sich ihre Sporen weiterentwickeln. Jeder, auch der am nächsten liegende Schluss nach der Analogie führt hier leicht zu Täuschungen, jede, auch noch so wahrscheinliche Ver- muthung über die Zusammengehörigkeit einer heteröcischen Aecidien- und Teleutosporenform bedarf des Beweises durch die Cuitur. Anknüpfend an die früher mitgetheilte Erfahrung über die Ent- wicklung des Uromyces Dactylidis Otth., dessen Spoi'idien die Aecidien auf Ranuncuhis hulhosus L. und R. 7-epens L. hervorrufen, vermuthete ich, dass sich die Aecidien dieses Rostpilzes auch auf anderen Ranunculaceen, wenigstens auf anderen Ranunculus-Arten entwickeln würden. Da ich mir überwintertes, leicht keimendes Sporenmaterial des Uromyces an meinem Wohnorte immer habe leicht verschaffen können, war es mir nicht schwer, diese Vermuthung für einige Fälle weiter zu prüfen. Ich brauche mich bei Beschreibung der Versuche nicht aufzuhalten, es genügt wohl, um den Grad ihrer 59 Beweiskraft festzustellen, zu erwähnen, dass die Nährpflanzen schon einen oder einige Monate vor ihrer Inficirung im Zimmer unter Glasglocke cultivirt wurden, dass die Inficirung auf der unter der Glocke isolirten Nährpflanze stattfand, dass in den Fällen mit positi- vem Erfolge die ersten Zeichen gelungener Infection, die an dem Ort der Ansteckung hervorbrechenden Spermogonien in einer bestimm- ten Zeit nach der üebertragung, meist nach 10 — 12 Tagen, zu be- merken waren. Ich erhielt nun ferner Aecidien durch üebertragung der keimen- den Uromyces-Sporen auf Banunculus acer L. und B. polyanthemos L., dagegen blieb mir die Inficirung erfolglos auf R. Flammula L. und B. auncomus L. Der positive Erfolg der Inficirung von B. polyan- themos war für mich darum etwas interessanter, weil ich in der Umgegend von Rastatt bisher im Freien noch kein Aecidium auf dieser Nährpflanze gesehen habe, während es z. B. in Schlesien auf derselben nicht selten angetroffen wird. Dies liegt also wohl nur daran, dass diese Pflanze bei Rastatt nur an schattigen Waldstellen auftritt, und da, wo Dactylis mit seinem Parasiten nicht vorkommen, während ich in Schlesien die Pflanze mit dem Aecidium auf grasi- gen Dämmen gefunden hatte. Die negativen Erfolge von Infectionsversuchen haben im Allgemeinen einen geringen Werth, sie scheinen mir hier etwas mehr Wichtigkeit zu besitzen, da zur gleichen Zeit und unter gleichen Umständen, wo die Inficirung von B. auricomus und B. Flammula erfolglos blieben, die von B. bulhosus, repens, acer und polyanthemus wieder- holt mit Erfolg ausgeführt wurden, die zuerstgenannten Banunculus- Arten scheinen mir also für die Entwickelung der Aecidien von Uromyces Dactylides ungeeignet zu sein. Keine andere Pflanzenfamilie ist so reich an Aecidien, wie die der Banunculaceen. Zunächst sind sie auch auf anderen als den schon genannten Ranunculus- Arten nicht selten. Auf B. auricomus kommt bekanntlich Aecidium sehr reichlich vor, ferner soviel mir bekannt auf B. aconitifoUus L. (z. B. im mährischen Gesenke von v, Niessl gefunden), B. pyrenaicus (im Herb, der Univ. Strassburg von Bonjean am Mont Cenis), B. pla- tanifolius? (S. Frankreich von Prost, im Herb, der Universität Strassburg), B. lanuginosus L. (z. B. in Schlesien bei Canth), B. cassuhicus L. (bei Liegnitz in Schlesien von Gerhardt ge- funden), B. Lingua L. (ebendaselbst), B. Gouani (nach DC. Fl. Fr. VI. S. 97). 60 Ausserdem an Ficaria verna Huds., Galtha ^palustris L., Helle- borus viridis L. (im Jura von Morthier gefunden), Isoj^yrum tJialictroides L. (z. B. in Schlesien bei Canth), Äquilegia vulgaris L. (durch Frankreich, Deutschland und im Norden bis nach Finnland und nach Osten bis östlich von Moskau verbreitet), Äquil. nigricans Lof. (bei Salzburg von Spitzel gesammelt), Aquil. Sternhergii (Kram von Voss gefunden), Aconitum Napellus L. (z. B. im Herb, der Univ. Strassburg aus dem Herb. Nees), Aconitum septentrionale (Norwegen), ThaUctrum minus L. (in Deutschland um Regensburg und um Berlin, in Mähren: Niessl), Th. ßavum (z. B. in Dänemark von Rostrup gefunden), Th. angustifolium (z. B. bei Breslau in Schlesien von Kirchner gefunden). Alle diese Formen sind habituell und in ihren Einzelheiten von den Formen auf R. hulhosus c. c. nicht sicher zu unterscheiden, sie sind wohl auch als Aec. Ranunculacearum DC. zusammengefasst worden, die Formen auf ThaUctrum als Aec. Thalictri Greville. Mehr abweichend sind die Formen auf Glematis- Avteü {Aec. Clema- tidis DC.) und zwar auf Gl. Vitalha L. (von Süd-Deutschland durch Frankreich und Italien verbreitet). Gl. recta L., (Mähren: Niessl, Ungarn, Italien), Gl. Viticella L. Gl. Flummula (Süd-Frankreich: Prost, im Herb. d. Univ. Strassburg) und die auf Actaea spicata {Aec. Actaeae Opiz) von Süd -Europa bis Lapland verbreitet (Karsten). Durch vereinzelt stehende Peridien sind unterschieden, erstlich die Form mit farblosen Sporen {Aec. A^iemones Pultney) auf Anemone nemorosa L., und solche mit bräunlichen Sporen Aec. punctatum Pers., Aec. quadrifidum DC, (beide vielleicht nicht ver- schieden) auf Anem. ranunculoides L., A. coronaria, (Ital., Frank., England), und Eranthis hyemalis (bei Parma von Passerini gefunden). Durch sehr verlängerte, flache Becher zeichnet sich eine Form aus, die auf Aconitum Lycoctonum (in den Bayrischen, Schweizer und Französischen Alpen) gefunden wird. Auf den meisten der hier aufgezählten Nährpflanzen sind ent- weder gar keine Teleutosporen bekannt, oder der Zusammenhang der Aecidien mit den auf ihnen vorkommenden Teleutosporen ist ganz unbewiesen. Viele der erwähnten Formen sind in Europa sehr weit verbreitet, sie gehören daher auch wohl zu in ihrer Teleu- tosporenform weit verbreiteten Uredineen. Welche dies sind, darüber können nur eingehende Einzeluntersuchungen Gewissheit geben, das Verzeichniss, in dem ich nur die mir bekannten Europäischen Formen 61 zusammengestellt habe, mag daher zeigen, wie viel in dieser Richtung noch zu thun ist'). Bekanntlich kommt auf Ficaria verna Huds. sehr häufig und 1) Um eine vollständigere Uebersicht der auf den europäischen Banun- culaceen vorkommenden Uredineen zu ermöglichen, führe ich hier die mir bekannten, auf Pflanzen dieser Familie vorkommenden Rostpilze auf, es sind dies: 1) Uromyces Ficariae (Schuhmacher). 2) Ur. Aconiti Fuckel Symb. myc. S. 61. 3) Puccinia fEiqniccinia?) Calthaecola Schrot. {Calthae Link?). I. Aecidium = Aec. Calthae Greville Flor. Edinb. S. 446.? II. Uredo = Caeoma Calthae Link. Spec. pl. 11. S. 32.? — Sporen kuglig, elliptisch oder eiförmig 2G — 32 : 20—24 Mik., Membran hell kastanienbraun, stachlig, am Aequator meist mit 3, nach innen verdickten Keimstellen. III. Teleutosporen ::= Puccinia Calthae Link. Spec. pl.? Sporen elliptisch, in der Mitte merklich, um 2—4 Mik. zusam- mengeschnürt, meist 40—46 (einzeln bis 48) Mik. lang, 22—26 breit, an beiden Enden abgerundet, unten oft etwas verschmälert. Membran lebhaft kastanienbraun, glatt, am Scheitel mit geringer, oft flach schalenförmiger Verdickung, Stiel dünn, leicht ablöslich, etwa von gleicher Länge wie die Sporen. Ich besitze die Form aus dem Schwarzwalde (hier an derselben Stelle mit Aec. Calthae vorkommend), Oesterreich (bei Krems: von Thümen), der Schweiz (bei Interlaaken, Ober-Engadin), Italien (z. B. ausgegeben in Erb. eritt. Ital. IL No. 48). 4) P. (Eup.) elongata Schrot, in lit. 1. Aec. wie oben. n. Uredo. Sporen kuglig oder elliptisch, 24 — 28 : 20 — 22 Mik. Membran hell kastanienbraun, kurzstachlig, Keimpunkte undeutlich, nach innen nicht verdickt. III. Teleutosporen = P. Calthae Link. Spec. II. S. 79? u. d. Aut. z. Th. Sporen spindelförmig, in der Mitte wenig oder gar nicht zusam- mengeschnürt, 33-40 (einzeln bis 44) : 13—17 (meist 15) Mik.; obere Zelle am Scheitel zugespitzt mit 5 Mik. dicker, oben helle- rer, oft warzenförmiger Verdickung über der Keimzelle, untere Zelle keilförmig nach dem Stiele verschmälert, mit farbloser Verdickung über einer, dicht unter der Scheidewand gelegenen Keimstelle. Stiel dick, ziemlich fest anhaftend, so lang oder wenig länger als die Sporen. Ich besitze diese Form aus Schlesien (bei Liegnitz von H. Gerhardt an derselben Stelle mit Aecidium Calthae gefunden), dem Böhmerwalde (Kirchner), aus Mähren (v. Niessl), aus Dänemark (von Rostrup gef.), Italien (Parma: Passerini). Welche von diesen beiden Formen die ächte P. Calthae Link ist, kann wohl nur dann entschieden werden, wenn Originalexemplare von Link 62 durch ganz Europa verbreitet, ein Aecidium vor, welches dem auf Ranunculus repens u. s. w. ganz ähnlich sieht, und ist schon untersucht werden können. Ebenso werden Culturen erst über das richtige Verhältniss des Aecldlums zu diesen Puccinien sicher entscheiden können. 5) P. Trollii, Karsten Enum. fung. Läpp, und Mycologla fennica IV. S. 40. — Auf TroUius europaeus L. 6) P. Lycoctoni, Fuckel Symbolae niycol. III. Nachtrag S. 11. — Auf Aconitum Lycocionum L. Fuckel zieht zu dieser Pucc. das Aecidium auf Aconitum Lycoctonum. 7) P. (Micropuccinia) gibberulosa n. sp. Aecidium und üredo unbekannt. — Puccinlasporen in dunkel kastanienbraunen 1—2 mm. breiten, flachen, staubigen und zusammenfliessenden Häufchen vorbrechend. Sporen auf kurzen, farblosen leicht ablöslichen Stielen, 35—45 Mik. lang, 19—22 breit, in der Mitte wenig eingeschnürt, am Scheitel abgerundet oder fast abgeflacht, selten mit schwachen bräunlichen Spitzchen über der Keimstelle. Membran gleichmässig hell kastanienbraun, durch sehr flache gleichfarbige Höcker (besonders in der oberen Zelle und am Scheitel deutlicher wahrnehmbar) wellig uneben. Auf einem alpinen Eanunculus In den Pyrenaeen (Herb, der Universität Strassburg). Die flachen Höcker der Sporen-Membran sind ähnlich wie die bei P. Cicutae Lasch und (nur schwächer) wie bei P. Smyrnii Corda. 8) P. Castagnei Schrot. — . P. Thalictn Castaqne. „Häufchen sehr klein, rundlich, unregelmässig, von Resten der Epidermis umgeben. Sporen elliptisch, stumpf mit einer Scheidewand In der Mitte, braun, gestielt. Auf Thalistrum angustifoUum, beiderseits. Isles (S. Frankreich) Octbr." Castagne a. d. Etiq. im Herb, der Univ. Strassburg. Sporen elliptisch oder eiförmig, In der Mitte wenig, oft gar nicht einge- schnürt, 28—35 : 18 — 22 Mik. Membran glatt, kastanienbraun. Stiel sehr kurz, farblos, leicht ablöslich. 9) P. Thalictri Chevallier auf Thalictrum foetidum L. (Exempl. aus Duby's Herbar. I, d. Herb. d. Univ. Strassburg gef. v. Prost 1819 zu Mende Süd-Frankreich). Auf Thalictrum minus = P. iuberculata Körnicke in Fuckel Symb. myc. 3. Nachtr. S. 11. Die Sporen sind mit warzigen Erhabenheiten besetzt und gleichen ganz denen der P. fusca. 10) P. fusca (Sowerby) =: P. Anemones Pers. Obs. myc. 2. S. 6. Auf Anemone nemorosa L., A. ranunculoides Ij., A. silvestris L. (S. Italien: Bagnis.) Pulsatilla vulgaris MIll., P. pratensis (L.), P.vernalis (L.)(nach Fuckel Symb. myc. 3. Nacht. S. 11). 11) P. De Baryana Timm. r= P. compacia De Bary auf Anemone silvestris h. und Atragene alpina L. = Pucc. Atragenes. Fuckel Symb. myc. S. 49. 12) P. (Micropucc.) Atragenes Hausmann in Erb. Crltt. Ital. No. 550 gef. bei Bozen 1860. =■ P. Hausmanni Niessl. 13) Triphragmium Isopyri Mougeot. 63 von Persoon (Obs. myc. 2. S. 23) als Äecidium Ficariae unter- schieden worden. Auf derselben Nährpflanze findet sich ebenso häufig ein Uromyces, der fast ausschliesslich in der Teleutosporen- form auftritt, sehr selten kann man unter den glatten dunkelbrau- nen Teleutosporen einige blassere, mit wässrigem Inhalt gefüllte und von einem stachligen Epispor umschlossene Sporen finden, die ich als abortive Uredo-Sporen ansehe. Das Äecidium und der Uromyces finden sich zuweilen auf derselben Nährpflanze, sehr viel häufiger aber treten sie gesondert von einander auf, so zwar, dass man oft in einer grossen Ausdehnung auf der Ficaria nur Äecidium, auf einer anderen Strecke nur Uromyces findet. Das Vorkommen der beiden Fruchtformen auf derselben Nährpflanze und selbst auf dem- selben Blatte kann nicht als Beweis angesehen werden, dass die- selben in den Entwicklungskreis derselben Species gehören, auch andere Nährpflanzen werden manchmal zu gleicher Zeit von zwei Uredineen bewohnt, z. B. kann man auf Lolium perenne und anderen Gräsern oft Puccinia gra^ninis und P. coronata an derselben Pflanze finden. Gegen die Annahme einer Zusammengehörigkeit der beiden Formen kann man anführen, dass beide, wie erwähnt, tiber- wiegend getrennt von einander auftreten, und dass die Äecidium- Form nicht vorangeht, sondern dass sich beide Formen in den ersten Frühlingstagen mit dem Erscheinen der Nährpflanze ent- wickeln. Nur Versuche können diese Frage entscheiden. Ich habe Pflanzen mit Äecidium Ficariae behaftet im Zimmer cultivirt, es ent- wickelte sich bis zu ihrem Absterben kein Uromyces auf den Blättern, ebenso wenig konnte ich durch Aussaat der Aecidium- Sporen auf Ficaria'B\ä,ii&x eine Uredineenfruchtform erzielen. Dies macht wenigstens vorläufig die Zusammengehörigkeit der beiden Fruchtformen unwahrscheinlich, es könnte immerhin möglich sein, dass sie zusammengehörten, wenn sich etwa die Uromycesform aus einem überwinternden, das Äecidium aber aus einem durch frisches Ein- keimen der Sporidien erzeugten Mycel entwickelten. 14) Cronartmm flaccidum (Albertini et Schweiniz Consp. fung. Niesk. 1S05. S. 32 unter Sphaeria.) r= Cronart. Paeoniae Casfagne. (Auf Faeonla officinalis L., P. tenuifolia (z. B. Bot. Garten in Freiburg.), P. sinensis.) Die Aecidien auf den verschiedenen Banuncnlaceen sind im Text aufge- führt. Es empfiehlt sieh wohl, dieselben vorläufig nicht mit Collectivnamen, sondern unter dem vollen Namen der Nährpflanzen, also z. B. Äec Banunculi Linguae, Äec. Thalictri angustifolii, Aec. Aconitl Napelli u. s. w. aufzuführen, den Begriff einer Species darf man mit einer solchen Formbezeichnung doch nicht verbinden. 64 Auf die Erscheinungen, welche durch ein perennirendes Mycel her- vorgerufen werden können, muss ich bei einer anderen Gelegenheit später zurückkommen, ich kann hier nur darauf Bezug nehmen, dass die folgenden positiven Beobachtungen gegen den genetischen Zu- sammenhang von Äecidmm Ficariae und U. Fic. sprechen. Die Aehnlichkeit des Aecidium mit dem auf Ran. hulbosus und die der beiden Nährpflanzen untereinander, mussten mich darauf führen, Uromyces Dactylidis auf i^icarm - Blätter auszusäen. Mehrere daraufhin unternommenen Versuche hatten keinen Erfolg. Ich ver- suchte nun Gräser durch Aecidium-Sporen zu inficiren, setzte zu diesem Behufe junge Rasen von Poa nemoralis in Blumentöpfe, hielt sie einige Wochen unter Glasglocken im Zimmer, um mich zu überzeugen, dass sie von Hause aus nicht inficirt waren, und säete dann Sporen von Aecidium Ficariae auf sie aus. Nach etwa 8 Tagen brachen rothe Rosthäufchen aus der Oberseite der besäeten Gras- blätter hervor. Der Versuch wurde mehrmals mit gleichem Erfolge wiederholt. Die Sporen waren elliptisch, kuglig oder eiförmig, 17—22 Mik. lang, 15—18 breit, ihre Membran farblos, kurzstachlig, der Inhalt orangefarben, sie wurden auf kurzen gleichmässig dicken Stielen abgeschnürt, niemals fand ich zwischen ihnen oder am Rande der Häufchen die an den Enden kopfförmig aufgetriebenen Paraphysen, welche für die Uredo-Form von Uromyces Dactylidis so charakteristisch sind. Die Uredo-Häufchen vermehrten sich, und Anfangs Mai schon traten in ihrer Umgebung die Teleutosporen auf in kleinen, anfangs rothbraunen später pechschwarzen, von der Oberhaut bedeckten Häufchen, die wenigstens anfangs in concen- trischen Linien um Uredohäufchen gestellt waren. Die Sporen waren einzellig, elliptisch oder eiförmig, 19—25 Mik. lang, 13-16 breit, ihre Membran gleich dick, sehr hellbräunlich, glatt, ihr Stiel war kürzer oder eben so lang wie die Sporen. Aus diesen Erfahrungen glaube ich schliessen zu müssen, dass Aecidium Ficariae Pers. die Aecidium-Frucht eines grasbewohuen- den Uromyces ist. Der Pilz ist dem U. Dactylidis ähnlich, aber durch den Mangel der Paraphyseen bei der Uredo-Form unterschie- den, was mir um so beraerkenswerther erschien, als Urovi. Dacty- lidis mit der von Paraphysen begleiteten Uredoform ebenfalls auf Poa nemoralis vorkommt. — Ich glaube dass für diese zweite gras- bewohnende Uromyces-Form passenderweise der Name Urom. Poae Rabenhorst (Marcucci. Un Itin. crypt. 1866) angenommen wer- den kann. 2) G. Winter hat durch seine im Sommer 1875 angestellten 65 Untersuchungen ^) nachgewiesen, äasa Äectdmm Rumicis Schlecht, die Aecidien-Fruchtforna einer auf Phragmites lebenden Puccinia ist, die er als P. arundinacea Hedw. bezeichnet. Bekanntlich kom- men auf dieser Pflanze zwei verschiedene Pnccinien vor, die neuer- dings von Fr. Körnicke ^) sehr genau beleuchtet und auseinander gehalten worden sind. Winter selbst hat die beiden Puccinien nicht unterschieden und auch keine Beschreibung der bei seinen Untersuchungen verwendeten Teleutosporen gegeben. Da die Be- zeichnung P. arundinacea Hedw. nicht unzweifelhaft die Species bestimmt, (wiewohl sie, wie ich glaube, für die P. Phragmitis (Schum.) Körn, passt, da die ersten Autoren Hedwig fil. und De Candolle ihr langgestielte Sporen zuschreiben), und weil beide Species oft gemeinschaftlich auf demselben Blatte vorkommen, schien eine Nachuntersuchung nöthig, um die Zweifel darüber, welcher der bei- den Puccinien das Aecidium Rumicis zugehöre, zu heben. Diese Winter 'sehe Untersuchung hat Dr. E. Stahl schon im Jahre 1876 nachgeprüft, er fand dabei dessen Ergebniss bestätigt, und zwar verwandte er, wie er mir brieflich mittheilt, zur Infection von Rumex diejenige Puccinia, welche in den Blättern die kurzen, breiten braunen Streifen bildet, nicht die, welche die schmalen, langen, schwarzen Linien verursacht. Ich kann aus dieser Be- schreibung nicht sicher erkennen, auf welche der beiden Puccinien sie sich bezieht. Im Januar 1876 schon hatte ich mir überwinterte Sporen von Uromyces Rumicis (Schumacher) auf Rumex Hydrolapathum eingesam- melt. Im April keimten dieselben und bildeten Sporidien in der für die Uredineen regelmässigen Weise, durch Aussaat derselben auf Pw^eai- Blätter hatte ich keine Infection erzielt und mich dadurch überzeugt, dass das Aecidium Rumicis nicht durch diesen Uromyces hervorge- rufen wird. Im März 1877 sammelte ich im Freien überwinterte Sporen von Puccinia Phragmitis (Schum.) (charakterisirt durch die breiten, oft sehr verlängerten dicken Häufchen, die langgestielten, am Grunde meist abgerundeten Sporen und den Mangel an Cysti- den), und von P. Magnusiana Körn, (charakterisirt durch die kleinen und schmalen Häufchen, die keulenförmigen, kurzgestielten Sporen) ein. Beide Sporenarten trieben, auf feuchten Grund gelegt, bald Keimschläuche und bildeten Sporidien. Mit diesen wurden die Blätter 1) Georg Winter, Ueber das Aecidium von Puccinia arundinacea Hedw. Hedwigia 1875. S. 113. 2) Fr. Körnicke, Mykologische Beiträge. Hedwigia 1876. S. 178. Co hu, Beiträge Zur Üiologie der Pilanzen, Baud HI, Heft 1. 5 66 von gesondert unter Glasglocken gehaltenen Pflanzen von Bumex Hydrolapathum^ die ich schon ein Jahr lang im Zimmer cultivirt hatte, bescäet. Durch die Aussaat von P. Phragmitis wurde keine Infection erzielt, an den mit P. Maxjnusiana besäeten Pflanzen erschienen nach 10 — 12 Tagen Spermogonien, (die ersten am 2. April) etwa 14 Tage darauf Aecidien, die sich weiter verbreiteten und eine solche Ausbreitung erlangten, wie ich es bei freiwachsenden Pflanzen nie gefunden hatte. Die Aecidien zeigten alle Merkmale des Äec. Riimicis^ d. h. besonders weissliche Sporen und eine Stromabildung, wie sie von Magnus') beschrieben worden ist. Das Aecidium Rmnicis auf Rumex Hydrolapathum gehört also in den Entwicklungskreis von Puccinia Magnusiana Körn., nicht in den von P. Phragmitis (Schum.). 3) Fast Jedem, der sich in neuerer Zeit mit einer genaueren Unter- suchung der Rostpilze beschäftigt, haben die auf den verschiedenen Carex-kviQn vorkommenden Formen derselben Schwierigkeiten ge- macht, die meist zu Aufstellung neuer Arten führten. Ich habe im Jahre 1869 ^) zwei Arten angenommen, deren Typus für mich einerseits die gewöhnlich auf Carex riparia vorkommende Form (Pucc. Garicis), andererseits eine andere Form war, die ich auf G. vulpina gefunden hatte und die ich damals als P. punctum Link, später aber^), als ich mich überzeugte, dass Link unter diesem Namen nicht eine von P. caricina verschiedene Uredinee verstanden, und als ich diese Form besser kennen gelernt hatte, als P. Vtdpinae bezeichnete. Letztere ist besonders charakterisirt durch kurz gestielte, oft ein- zellige blasse, am Scheitel wenig verdickte, am Grunde nicht keil- förmige, sondern etwas bauchige Teleutosporen, die in kleinen, von der Oberhaut bedeckten, lange Reihen bildenden Häufchen stehen, sowie durch fast kugelige Uredosporen mit röthlichem Inhalt*). Dass aus P. Garicis auch noch andere Species auszuscheiden sein würden, schien mir immer wahrscheinlich, durch einseitige Unter suchung der Sporenformen glaubte ich aber nicht zu einer sicheren Umgrenzung der Arten kommen zu können, denn der Hauptunter- 1] F. Magnus, Mykologische Bemerkungen. Hedwigia 1873. S. 53. *"*) Die Brand- und Rostpilze Schlesiens S. 18. 19. 3j Rabenhorst fung. europ. 18G8. *) Andere durch morphologische Merkmale unterschiedene Formen sind bis jetzt von Fuckel (Symb. myc. II. Nachtr. S. 16) als F. caricicola, von Kornicke (das. III. Nachtr. S. 14) als P. microsora, und von Magnus (Sitzungsberichte der Naturforscher-Versammlung, München 1877) als P. dioicae, und (auch durch biol. Verhalten verschieden) F. limosae, aufgestellt worden. 67 schied derselben besteht in den Grössenverhältnissen und in der Formation ihrer Scheitelzelle, inwieweit aber diese Merkmale in dem Rahmen einer Species, namentlich einer Gras- oder Rietgräser bewohnenden Uredineen-Species schwanken können, schien mir nicht von vornherein festzustehen. Ich ging von der Voraussetzung aus, dass heteröcische Uredineen durch ihren Parasitismus auf zwei verschiedenen Nährpflanzen ein gutes biologisches Merkmal besitzen, um die zu derselben Species gehörigen Formen von anderen, die mit ihnen ähnlich sind, zu unter- scheiden, und prüfte daher einige Formen der Puccinien auf Carex- Arten, die ich häufiger vorfand, darauf, ob sie durch Aussaat auf Urtica dioica ein Aecidium entwickelten. Ich habe dabei bis jetzt gefunden, dass dies sehr regelmässig erfolgte, abgesehen von der Form auf G. Mrta^ durch P. Caricis'^)^ die auf G. riparia Gart., G. paludosa Good., und auf G. pendula Huds. in der Gegend von Rastatt sehr häufig vorkamen. Durch die Aussaat von überwinter- ten keimenden Sporen dieser Formen auf Urtica dioica im April oder Anfang Mai wurde immer das Aecidium erzogen. Diese For- men haben auch unter einander und mit der auf G. hirta die grösste morphologische Aehnlichkeit, sie sind sämmtlich habituell fast gleich, bilden schwarze, offene Häufchen, die oft (bei der auf G. hirta seltener) zu kürzeren oder längeren Linien zusammenfliessen, die Sporen selbst sind in der Mehrzahl keulenförmig, 45 meist aber darüber bis 60 Mik, lang, ihr unteres Fach meist länger als das obere, nach unten keilförmig verschmälert. Diese Formen wird man daher zu derselben Species rechnen müssen. In den Wäldern um Rastatt, ebenso in der Umgegend von Frei- burg in Baden, kommt ausserordentlich häufig eine Puccinia auf Garex brizoides L. vor. Mit derselben habe ich in mehreren Jah- ren hintereinander Infectionsversuche auf Urtica dioica gemacht, sie blieben immer erfolglos. Diese Puccinia-Forra unterscheidet sich auch merklich von der auf den besprochenen Oareic-Arten, die Häufchen sind polsterförmig, bis etwa 1 Mm. breit, schwarz, die Sporen sind in der Mehrzahl 35 bis 44 Mik. lang, am Scheitel meist abgerundet, mit 6 — 8 Mik. dicker, dunkel kastanienbrauner Verdickung. Sie kommt in der Sporenform ganz überein mit ') Puccinia Caricis ist von Rebentisch (wie ich z. B. bei Wallroth Fl. crypt. Germ. S. 223 citirt finde), Flora neomarchica S. 35G, also i. J. 1804 aufgestellt worden, P. caricinia De Candolle erst 1815, Fl. fran?., V. S. 60. 5* 68 P. limosae Magn., wie ich durch Vergleich von Original exemplaren fand, die mir Dr. Magnus freundlichst mitgetheilt hatte. An den Stellen, wo ich diese Puccinia am häufigsten auftreten sah, wuchs sie in Gesellschaft von Taraxacum officinale Wigg., und auf dessen Blättern fand ich schon seit mehreren Jahren an den betreffenden Waldstellen ausserordentlich reiche Aecidienbildung. Ich habe lange Zeit auf das gesellige Vorkommen beider Uredineen, welches ja natür- lich ein ganz zufälliges sein konnte, kein Gewicht gelegt, entschloss mich aber in diesem Frühjahr die Sache doch einmal zu prüfen. Ich holte schon im Februar Taraxacum-Fäsrnzen, reinigte sie, setzte sie in Töpfe und liess sie bis zur Entfaltung neuer Blätter wachsen. Eine Uredineenform entwickelte sich dabei auf ihnen nicht. Anfang März stellte ich die ersten Infectionsversuche der Pflanze mit im Freien überwinterten Sporen der Pucc. auf C. hrizoides an. Es entwickelten sich nach 10 — 12 Tagen an den inficirten Stellen Spermo- gonien. Der Versuch wurde mehrmals mit gleichem Erfolge wieder- holt. Die ersten inficirten Pflanzen gingen nach einiger Zeit zu Grunde ehe sich Aecidien ausgebildet hatten, gegen die Mitte des Aprils erhielt ich aber an Pflanzen, die ich von einer Waldstelle geholt hatte, wo Carex hrizoides nicht vorkommt (und wo ich bei späterem Nachsehen auch keine Puccinia auf Taraxacum fand) durch Inficirung mit der Puccinia sehr reichliche Aecidien, die sich nicht nur auf einem grossen Theil der Blattflächen, sondern auch an den inzwischen vorspriessenden Blüthenschaften und den Blättchen des Hüllkelches entwickelten. Auf nicht inficirten Pflanzen, die unter denselben Bedingungen gehalten wurden, trat keine Aecidium- bildung ein. Durch Infection der Blätter von Carex hrizoides mit Sporen von Äecidium Taraxaci erhielt ich, zuerst Anfang Mai, Häufchen von Uredo-Sporen. Sie traten auf gelblich verfärbten Flecken auf, waren schwarzbraun, die einzelnen Sporen kuglig, elliptisch oder eiförmig, 22 — 26 Mik. lang, 15 — 17 breit, mit stachliger Membran und farblosem Inhalt. An den unter Glasglocke gehaltenen Pflanzen vermehrten sich im Laufe des Mai die Uredo-Häufchen sehr stark, und Anfang Juni, zu einer Zeit, wo im Freien erst die Uredo sich auszubreiten begann, traten an ihnen Häufchen der oben charakterisir- ten Puccinia auf. Ich konnte demnach wohl nicht zweifeln, dass diese Puccinia, die ich weiterhin als P. silvatica bezeichnen will, ihr Äecidium auf Taraxacum entwickelt. — Das Äecidium glich ganz dem, welches tiberall häufig auf Taraxacum gefunden wird, ich hatte dies immer, allerdings bisher ohne experimentelle Prüfung, 69 in den Formenkreis einer auf jener Pflanze häufig vorkommenden Puccinia gezogen. In den Fällen, die ich dieses Frühjahr unter Cultur hielt, sah ich auf den mit Aecidium besetzten Taraxacwm,- Blättern bis zu ihrem Welken und Absterben keine andere Uredineen- Form auftreten. Ob das Aecidium Taraxaci in allen Fällen durch P. silvatica veranlasst wird, lässt sich natürlich nicht ohne Weiteres entscheiden. Um dem Zweifel zu begegnen, dass ein so häufiges Aecidium nicht durch eine, in einer bestimmten Localität und auf einer immerhin nicht allverbreiteten Nährpflanze vorkommende Puccinia gebildet sein könnte, will ich erwähner, dass ich in meiner Sammlung, in der ich mir nur eine kleinere Zahl von Exemplaren für Unter- suchungszwecke aufbewahrt habe, ganz die gleiche P. Form auf G. hrizoides von Striegau in Schlesien, und auf C. divulsa Good. von Liebau7 in Schlesien, mindestens sehr ähnliche Formen auch auf anderen waldbewohnenden Carex-kxi&n besitze, es ist demnach wohl möglich, dass die Puccina ganz allgemein auf verschiedenen, besonders waldbewohnenden Carea^-Arten verbreitet ist. Wahrscheinlich ist P. silvatica nicht die einzige Form der Carex- Puccinien, welche ihre Aecidien auf Compositen ausbildet, ich habe Grund zu der Vermuthung, dass dies auch bei P. Vulpinae der Fall ist. Nach Aussaaten ihrer Sporidien auf junge Pflänzchen von Ächillea Ptarmica L. brachen an Stengeln und Blättern derselben reichliche Spermogonien vor. Die Pflanzen gingen leider zu Grunde ehe sie sich weiter entwickelt hatten. Die Form, welche Magnus als P. dioicae bezeichnet, kommt mit den Merkmalen, wie sie ihr Autor angiebt, auf feuchten Wiesen in der Nähe von Rastatt in Baden in grosser Menge auf Carex Davalliana Sra. vor. Auch auf dieser Art von Nährpflanzen sah ich von Mitte Mai an die Uredo-Sporen reichlich auftreten, an Stellen, die auf weithin das Vorkommen von Aecidium Urticae aus- schlössen. Die Uredo-Sporen sind denen der P. Caricis auf Carex Jiirta, und der P. silvatica gleich gebildet. Die Entwickelungsge- schichte dieser Form muss noch festgestellt werden. Die Zerspaltung der alten P. Caricis in eine sehr grosse Menge von Formen, deren Zahl sich jetzt schon auf 7 beläuft, deren Ver- mehrung aber noch sicher zu erwarten ist, und die sich unter einander nur durch geringe morphologische Merkmale unterscheiden, ist ganz dazu angethan, die strengen Ansichten über Speciesbegriflf, welche bei vielen Mykologen noch herrschend sind, zu erschüttern. Handelte es sich nur um morphologische Differenzen, so würde man 70 sich mit der Annahme helfen können, dass die aufgeführten Formen sämmtlich nur Varietäten einer Species sind, nimmt man aber auf die ganze Lebensweise Rücksicht, so müsste man Varietäten annehmen, die ausser den morphologischen Verschiedenheiten ganz verschiedene biologische Eigenschaften besitzen. Solche Formen getrennt zu halten ist gewiss für die Kenntniss von der Entwicklung der Pfianzenarten von Interesse und es kann als gleichgültig erscheinen, ob man sie als Species oder als Abänderungen mit constanten Merkmalen bezeichnet. Eine ähnliche Zersplitterung erfahren in neuerer Zeit die gras- bewobnenden Puccinien. Es sind, soweit mir bekannt, bis jetzt allein auf europäischen Grasarten 18 Puccinia-Formen unterschieden '). Man wird kaum irren, wenn man annimmt, dass alle diese For- men, wie ja schon für viele von ihnen bewiesen ist, heteröcische Arten sind. Ich will hier auf die morphologischen und biologischen Unter- schiede der einzelnen Gras-Puccinien nicht weiter eingehen, es ist auch bei ihnen ersichtlich, dass es Formen sind, die durch geringe aber constante Differenzen um wenige allgemeinere Typen schwanken. *) Es sind dies: I. 1. P. graminis Fers. 2. P. Cynodontis Desm. 3. P. Änthoxanthi Fuck. 4. P. Sesleriae Reichardt. 5. P. serotina Körn. IL 6. P. Phragmitis (Schum.). 7. P. SorgU Schweiz. 8. P. Moliniae Tul. III. 9. P. Cesatii (= P. Ändro2W(jonis Fuekel. Der Name niuss umgeändert werden, weil v. Schweiniz früher schon eine von der Fuckersclien verschiedene P. Andropogi aufgestellt hat. Als Uredo-Frucht gehört hierher die charakteristische Podocystis Andropogonis Cesatii.) IV. 10. P. striaeformis Westd. (P. straminis Fuekel). 11. P. Poarum Nielsen. 12. P. anomala Rostrup. 13. P. Magnusiana Körn. 14. P. Brachy- podii Fuekel. 15. P. sessilin Schneider. 16. P. Ilordei Fuekel. V. 17. P. coronata Corda. 18. P. sertata Preuss. P. paliformis Fuekel scheint mir wenigstens nach einem von Dr. Morthier erhaltenen Exemplar zu schliessen, nicht auf Koeleria cristata, vielleicht gar nicht auf einem Grase zu wachsen. Auf dieser Pflanze kommt eine andere Puccinia, welche ich kürzlich durch H. Gerhardt in Liegnitz erhielt und die ich hier als P. longissima beschreiben will vor. Sie ist mir nur in der Teleutosporenform bekannt. Sie bildet schwarzbraune breite und dicke Polster, die nicht von der Oberhaut bedeckt sind. Die Sporen sind kurzgestielt (Stiel kaum 10—12 Mik. lang), 60 bis 110 Mik. lang, 13 bis 20 Mik. breit, Sporen von 90—110 Mik. Länge sind sehr häufig, solche unter 70 selten. Das untere Glied ist lineal und besonders lang (bis 70 Mik.), an der Scheide- wand findet manchmal keine, manchmal eine beträchtliche Einschnürung statt. Die obere Zelle ist an der Spitze abgerundet, oft etwas zugespitzt, ihre Membran glatt, am Scheitel dunkler und auf 5—10 Mik. verdickt. Paraphysen sind nicht vorhanden. 71 Wir können uns denken, dass wir uns hier einer weit fortge- schrittenen Formdifferenzirung gegenüber befinden, deren Entstehung gewiss durch die heteröcische Lebensweise dieser parasitischen Pilze sehr begünstigt worden ist. Schon die Entstehung der Heteröcie können wir uns kaum anders vorstellen als durch Accommodation einer autöcischen Puccinie für besondere Lebensbedingungen. In der That muss in einer solchen Theilung der Fruchtformen auf ver- schiedene Nährpflanzen, wenn sie sich zufällig einmal hat voll- ziehen können, eine grosse Sicherung des Fortbestandes liegen, so z. B. besonders für die grasbewohnenden Uredineen, denn während aus uns vorläufig noch unbekannten Gründen die Bildung der Aecidium-Früchte auf Gräsern nicht zu Stande zu kommen scheint, bilden diese Pflanzen durch ihr geselliges Wachsthum für die ein- keimenden Aecidium- und Üredo-Sporen die Möglichkeit einer weiten Ausbreitung, für die Teleutosporen durch die dauerhafte Beschaffen- heit ihrer Blätter und Halme die Sicherung ihrer Erhaltung bis zur Reife im nächsten Frühjahre. Die Beziehungen der verschiedenen Nährpflanzen der Aecidien einer heteröcischen Uredinee sind, soweit die Beobachtung gelehrt hat, nicht durch natürliche Verwandtschaft, sondern nur durch geselliges Vor- kommen mit den Nährpflanzen der Teleutosporen bedingt. Hierin liegt schon ein Hinweis darauf, dass die Heteröcie zufällig oder wenn man es so bezeichnen will, durch Accommodation entstanden ist. Man muss demnach aber auch zugeben, dass dieselbe Uredinee auf verschiedene Nährpflanzen überwandern konnte, die in ihrer Nachbarschaft vor- kamen. Nimmt man an, wie es aus den bisher bekannten That- sachen hervorzugehen scheint, dass sich die heteröcischen Formen in ihren Wechselbeziehungen zu bestimmten Nährpflanzen fixiren, 80 wird man darin auch ein Moment für die Bildung constanter Arten oder Abarten sehen. Vom biologischen Standpunkte aus können wir uns einen For- menkreis construiren, der von einer supponirten autöcischen Uredinee ausgehend, von den jetzt lebenden Arten unter sich ähnliche autöcische und heteröcische Arten vereinigt. In einen so aufgebauten Formen- kreis, in welchen die Careaj-Puccinien gehören, würde man vielleicht rechnen können: Autöcische Form P. Galiorum Link. Formen bei denen nur Uredo- und Teleuto- sporen bekannt sind P. Polygonii ampUbii Pers. Heteröcische Form P. Caricis (Reb.) und andere Carex-Puccinien . Wahrscheinlich auch P. Scirpi DC. 72 4) Ich habe es noch für zweifelhaft erklären müssen, ob das Aecidium Taraxaci in allen Fällen durch P. silvatica veranlasst wird. Es wäre nicht unmöglich, dass zu der auf Taraxacum so häufig vorkommenden Puccinia ein autöcisches Aecidium gehört, dieser Annahme fehlt aber jede Stütze durch einen Versuch. Jeden- falls wäre es wünschenswerth festzustellen, ob und wie sich die Teleutosporen dieser Puccinia auf Taraxacum. weiter entwickeln, und das Gleiche wäre für die meisten der auf Compositen lebenden, von Uredo begleiteten Puccinien nöthig. Eine in ihrer Entwicklung ziemlich vollständig beobachtete Form ist die, welche auf Cirsium arvense (L.) so häufig vorkommt, und die in ganz gleicher Entwickelung von mir selbst und von Magnus auch auf Centaurea Cyanusl,. gefunden worden ist. Die Form ist schon von Persoon ') erwähnt worden und kann als Puccinia suaveolens (Pers.) bezeichnet werden. Piostrup und Magnus haben die Entwicklung dieser Puccinia auf ihren beiden Nährpflanzen mit- getheilt^). Sie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass auf die Spermogonien kein Aecidium sondern direct Uredo-Sporen folgen. In diesem Entwicklungsgange sehe ich den Typus einer Gruppe, die ich als Brachypuccinia bezeichnen will. Sehr ähnlich der P. suav. ist besonders auch in ihrer Entwicklung die Puccinia, die so häufig auf Hieracium- kviQXi und verwandten Pflanzen aus der Familie der Compositen, besonders der Abtheilung der Cichoraceen , auch wohl in der der Cynareen vorkommt. Auf Corymbifloren habe ich sie bisher noch nicht gefunden. Sie ist von Martins •'') als Puccinia Hieracü, aber schon früher von Schumacher*) als Uredo Hieracü unterschieden worden, ist also als P Hieracü (Schumacher) zu be- zeichnen. Ich habe ihren Entwicklungsgang auf mehreren Hieracium- Arten [H. Pilosella L., H. vulgatum Fr.), Picris Hieracioides L., und Hypochoeris radicata L. von dem ersten Auftreten im Frühling an öfter ') Uredo suaveolens Persoon. Observ. mycol. 2. p. 24 (1796). — Synops. meth. fung. S 221 sagt Pers. von dieser Uredo: Pulvis ab initio puncta nigra sistlt, dies trifft für die mit Teleutosporen untermischten Uredo-Häufchen zu. 2) Rostrup in Forhandlingerne ved de skandinaviske Naturforsekeres. Kjöbenhavn 1873. P. Magnus, Epidemisches Auftreten einer Puccinia smS Centaurea Cyanus. Verhdl. des Bot. Vereins der Prov. Brandenburg 1875. M. bemerkt hier, dass er durch Aussaat der Sporen von Aecidium Taraxaci auf Hleracium Uredo-Sporen erzogen hat. 3) Martins, Flor. mosq. S. 226. ) A. a. O. S. 232. Uredo Hieracü {a.nf Hier, silvaticum) eLUch U. Hyoseridia (auf Hypochoeris radicata) das. S. 233. 78 controlirt. Ihre erstenAnfänge erschienen an den tiberwinterten Blatt- rosetten dieser Pflanzen schon sehr früh im Jahre, im März oder Anfang April, in Form von gelbrothen schwieligen Erhabenheiten auf der Unterseite der Blätter besonders im Verlauf der Haupt-Rippe. In diesen Flecken, die von einem reichlich wuchernden Mycel durch- setzt sind, erscheinen bald die Spermogonien zu 3 bis 10 in kleinen, kreisförmigen oder elliptischen Gruppen zusammenstehend. Sie sind kuglig, 90 — 100 Mik. im Durchmesser, eingesenkt, rothgelb, am Scheitel mit wenig vorragenden pfriemlichen Borsten besetzt, die Spermatien sind elliptisch 3 bis 5 zu 2 bis 2,5 Mik. Die Uredo- Sporen brechen bald nach dem Erscheinen der Spermogonien aus denselben Mycel-Lagern hervor und verdrängen diese sehr bald, so dass sie schnell verschwinden. Bei Picris habe ich indess auch später noch kleine, aus Spermogonien bestehende Flecke an den Stengelblättern gefunden. Die ersten Uredosporen sind kurz-elliptisch oder fast kuglig 24 bis 28 zu 21 bis 24 Mik., ihre Membran ist dunkel kastanienbraun (der der Teleutosporen gleichfarbig), überall mit gleichfarbigen Stacheln besetzt, an den Seiten mit 2 bis 3 kreis- förmigen, bei Wasserzusatz nicht aufquellenden Keimpunkten ver- sehen, ihr Inhalt ist farblos. Teleutosporen bilden sich in den ersten Uredo-Häufchen meist sehr bald aus, sie sind elliptisch oder eiförmig, am Scheitel, meist auch am Grunde halbkuglig abgerundet, in der Mitte nicht eingeschnürt, am Grunde öfter etwas verschmälert meist 26 bis 33 Mik. lang, 20 bis 22 breit, die Membran ist dunkel kastanienbraun, mit wenig erhabenen und bei Wasserzusatz ver- schwindenden Punkten besetzt, am Scheitel oder etwas unterhalb desselben, an der unteren Zelle meist in der Mitte der Seitenwand, mit einem kreisförmigen Keimflecke versehen. Die Stiele sind von verschiedener Länge, bald so lang oder kürzer als die Sporen, bald mehrmals länger, immer aber farblos, zart, leicht abreissend. — In der nächsten Zeit verbreitet sich der Pilz durch Uredosporen, die meist nur auf der Oberseite der Blätter zerstreut auftreten und von einem weisslich verfärbten Flecke umgeben werden. Erst später, gewöhnlich von August an, treten zwischen den Uredosporen wieder Teleutosporen auf, oder diese erscheinen auch, besonders an Blatt- stielen und Stengeln, in eigenen Häufchen. Diese Puccinienform unterscheidet sich von der P. suaveolens nur wenig, besonders durch das nur local in der Nährpflanze ver- breitete Mycel, die spärlichen und flüchtigen Spermogonien. Sehr ähnlich wie bei P. Hieracii ist die Entwicklung bei einer auf mehreren Umbelliferen häufig vorkommenden Puccinie, die man, um 74 den ältesten Namen für eine auf diesen Nährpflanzen vorkommende Uredinee zu, erhalten, als P. bullata (Persoon ' ) bezeichnen kann. Auf Aetlmsa Gynapium L., Silaus pratensis Bess., Petroselmum sativum Hoffm. und Conium maculatum L. habe ich die Entwicklung des Pilzes verfolgt, sie verhält sich auf diesen Nahrpflanzen ganz gleich. Als erste Erscheinung treten hier auf der Oberseite der Blätter in kleinen kreisförmigen Flecken meist zu 6 bis 10 zusam- menstehend, honiggelbe, kuglige Spermogonien mit kegelförmiger Mündung auf. Bald folgen zerstreute hell zimmtbraune üredo- häufchen. Die Uredosporen sind sehr charakteristisch gebildet, sie sind eiförmig, nach unten meist stark verschmälert, sie werden bis 28 Mik. lang, 20 breit. Ihre Membran ist hell ocherfarben, am Scheitel kappenförmig ziemlich stark verdickt und hier besonders deutlich stachlig, an den Seiten sind meist zwei stark verdickte * Keimstellen bemerklich; der Inhalt enthält rothe Oeltropfen. Die Teleutosporen sind länglich, elliptisch keulenförmig, meist werden sie bis 38 Mik. lang. Ihre Membran ist ganz glatt, am Scheitel sehr schwach verdickt, doch so, dass man die Keirastelle meist als einen kurzen Kanal deutlich erkennen kann; der Inhalt ist bei den jungen Sporen immer hellroth. Bei Sporen, welche auf den Stengeln von Conium überwintert waren, habe ich im Mai die Keimung eintreten sehen. Es ist über dieselbe kaum etwas zu bemerken. Die Sporidien waren eiförmig, farblos, an den kurzen Promycelien bildeten sich, vielleicht durch Zufälligkeiten bedingt, meist nur 2 Sporidien. Ihr nahe steht die auf Pencedanum Oreoselinum häufig vor- kommende Puccinie, welche ich als P. Oreoselini (Strauss) be- zeichne^). Den Mittheilungen von Magnus über die Entwicklung 1) Persoon, Obs. myc. (1796) I. S. 93. — Synops. meth. fung. S. 222: Uredo bullata: in herbarum caule bullatini yjrominens suborata, pulvere spadiceo: sporulis bilobis (numero 8 similibus) in planta quodam unibellata observari ... Albertini et Schweiniz, Consp. fung. S. 129 begreifen unter U. bullata die Pucc. Äegopodii, für welche indess die Persoon'sche Beschreibung weniger gut passt. Diese stimmt sehr gut für die Form der Pucc., die man an alten Umbelliferenstengeln z. B. den von Conium im Frühjahr noch häufig auffindet. — Mit Sicherheit sind In den Formenkreis, den ich hier im Auge habe, zu rechnen: Fucc f Uredo) Conii (Strauss), P. Äethusae Link, und P. rubiginosa Schrot., wohl auch P. Apii Corda. 2) Vielleicht gehört hierher schon Uredo Äthamanthae De CandoUe fl. fr. II. S. 228 und Pucc. Umbelliferarum De Candolle fl. fr. VI. S. 58 wenigstens gi'össtentheils. 75 dieses Pilzes') habe ich nichts zuzufügen, nur bemerke ich, dass er morphologisch der oben beschriebenen Form sehr nahe steht, die Uredosporen haben dieselbe charakteristische Scheitelverdickung, der Inhalt der frischen Uredo- und jungen Teleutosporen ist ebenfalls röthlich, letzere jedoch am Scheitel schwach punctirt. Uredo Terehinthi De Candolle auf Pistacia Terehinthus und P. Lenthiscus besitzt eine ähnliche Entwicklung, auf welche ich allerdings nur aus der Untersuchung trockener Exemplare schliesse. Die Spermogonien stehen hier meist in sehr grosser Zahl zu einem 2 bis 3 Millim. breiten rundlichen Flecke vereinigt auf der Oberseite der Blätter, in kleinerer Zahl an der entsprechenden Stelle auf der Unterseite. Um sie herum, gewöhnlich in einem breiten Kreise, manchmal zu einem Ringe zusammenfliessend, erscheinen die Uredo- haufen von der abgehobenen Epidermis eingefasst. In Gesellschaft der Uredo findet sich an älteren Exemplaren meist auf der Oberseite der Blätter die Pileolaria Terehinthi Castagne, die man wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit als die Teleutosporenform von Uredo Terehinthi ansehen kann. — Die Spermogonien finde ich von den meisten Uromyces- und Puccinia-Spermogonien etwas abweichend, dem Typus der Sporenlager bei Caeoma näherstehend. Sie bilden halbkuglig gewölbte oder abgeflachte, der Blattsubstanz flach aufsitzende bräunliche Polster von 60 bis 80 Mik. Breite und 40 bis 50 Mik. Höhe. Die Sterigmen sind pfriemlich, unten etwa 25 Mik. breit, oben etwas zusammengeneigt; die Spermatien sind elliptisch. 5) Auf Ädoxa Moschatellina L. sind schon seit sehr langer Zeit zwei Uredineenformen bekannt: Aeciclium alhescens Greville 1824 und PuGcinia Adoxae De Candolle 1805. Beide Formen sind nicht selten und ich habe, wenn ich mich genügend umsah, bis jetzt immer da, wo ich die eine Form autfand, auch in nicht allzugrosser Ent- fernung die andere angetroffen. Fast niemals kommen beide auf der- selben Pflanze zusammen vor, indessen habe ich schon im Jahre 1871 einzelne Fälle ausnahmsweise gefunden, in denen beide aus demsel- ben Stengel oder Blatte hervorbrachen. Beide Formen zeigen ein sehr gleichartiges Auftreten. Bei bei- den durchzieht ein Mycel die ganze Pflanze, auch die Puccinien- häufchen treten pusteiförmig, ähnlich wie Aecidium- Becher an Stengel und Blattfläche, selbst an den Kelchen und Früchten auf. 'J P. Magnus, Bemerkungen über einige Uredineen. Hedwigia 1877. S. 65. 76 meist in regelmässigen Abständen von einander, sich oft excentrisch ausbreitend, später erst zusammenfliessend; dies Verhalten zeigten sie auch da, wo ich sie mit Aecidium auf der gleichen Pflanze fand. Diese Wahrnehmungen genügten -mir früher, um Aecidium und Puccinia zu einer Species zu rechnen. In den früher von mir beobachteten Fällen (auch da, wo beide Formen auf demselben Blatte wuchsen), ebenso bei Durch- sicht zahlloser Herbarienexemplare von verschiedenen Theilen Europas, hatte ich nie Uredosporen gefunden '), ich stellte daher den Pilz in die Unterabtheiluug Pucciniopsis, die sich von den Puccinien mit drei Sporenformen durch das Fehlen der Uredo- Sporenform unterscheidet. Gegen das Zusammengehören der Puccinia und des Aecidium können dieselben Gründe aufgeführt werden, wie sie oben bei Be- sprechung von Uromyces und Aecidium Ficariae geltend gemacht worden sind. Insbesondere ist nicht zu verkennen, dass die ein- zelnen Formen oft territorial ziemlich weit getrennt gefunden werden. In der Umgegend von Breslau z. B. wurde viele Jahre hinter- einander an einem Bachufer bei Sibyllenort das Aecidium weit ver- breitet, doch nie Puccinia, dagegen mehr als 10 Kilom. entfernt auf der andern Oderseite im Park von Lissa die Puccinia und nie Aecidium gefunden. Durch anderweitige Beobachtungen gewarnt, hielt ich es später immerhin für möglich, dass das Aecidium zu einer heteröcischen Uredinee gehören könnte. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass dasselbe vielleicht in den Entwicklungskreis der Puccinia Nolitancjere Corda zu rechnen sein könnte, die wenigstens in der Umgegend von Breslau in der Nachbarschaft des Aecidiums häufig auftritt. Für die Möglichkeit dieser Annahme schien mir zu sprechen, dass ich auf Impatiens nie ein Aecidium oder Spermo- gonien angetroffen hatte, wiewohl ich eifrig danach gesucht und schon an den Cotyledonen der jüngsten Keimpflanzen Uredo gefun- den hatte. Als ich im Frühjahr 1876 Aecidium Adoxae an einer bestimm- ten Waldstelle auffand, machte ich den Versuch, die mir geäusserte Vermuthung, zugleich aber auch die Frage, ob die Aecidium-Sporen auf Adoxa die Puccinia hervorriefen, zu prüfen. Ich will kurz erwäh- nen, dass die Infectionsversuche von Impatiens gar keinen Erfolg •) Rabenhorst, fung. europ. I. 1197. Uredo Adoxae Auerswald. Auch hier fand ich in den von mir untersuchten Exemplaren nur Puccinia. 77 hatten, auch im Freien, auf der bezeichneten Waldstelle, wo Impatiens in der Nähe der mit Aecidium besetzten ^(^occa-Heerde wuchs, trat auf jener keine Uredinee auf. Dagegen stellte sich bald heraus, dass die Infection der Adoxa-^\ä,i\.e\ durch die Aecidium-Sporen gelungen war. Auf der Unterseite der Blätter traten zerstreute kleine rundliche Pusteln auf, von einem kreisförmigen weisslichen Flecke umgeben. Die Pusteln enthielten gut ausgebildete Uredo- Sporen, die einen hell bräunliclien Staub bildeten. Die einzelnen Sporen waren elliptisch oder eiförmig 22 — 27 Mik. lang, 17 — 21 breit, ihre Membran ocherfarben, sehr deutlich und regelmässig mit Stacheln besetzt, der Inhalt farblos. Die Uredo-Häufchen boten durch ihr isolirtes Auftreten, ihre helle Farbe und den weisslichen Hof, der sie umgab, ein von dem gewöhnlichen Auftreten der Puccinia Adoxae ganz verschiedenes Ansehn. Eine Zeit lang wurde nur Uredo in den Häufchen gebildet, später aber auch reichliche Teleuto- sporen, die sich von den gewöhnlichen Sporen, die sich aus einem die ganze Pflanze durchziehenden Mycel entwickeln, nicht unterschieden. Auch an den im Freien wachsenden Pflanzen war auf dem be- zeichneten Waldplatze die Entwicklung eine gleiche, sie trat nur etwas später ein als bei den Culturen im Zimmer. Im Frühjahr 1877 suchte ich die Stelle wieder auf und fand wieder das gleiche Verhalten des Pilzes. Schon Anfang März erschienen an Stengeln und Blättern Spermogonien, bald darauf die Aecidien über die ganze Pflanze verbreitet. Anfang April waren, zumeist an solchen Blättern, die keine Aecidien trugen, aber auch an solchen, die theil- weise mit diesen besetzt waren, die Uredo-Häufchen zu finden, in denen sich jetzt bald Puccinia-Sporen bildeten; dass nur mit Puccinia- Sporen erfüllte Häufchen gleichzeitig mit dem ersten Auftreten der Aecidien oder vor dem Lredo aufgetreten wären, habe ich an diesen Pflanzen bisher nicht gesehen. Puccinia Adoxae entwickelte sich also hier so wie ich es für die Gruppe Eupuccima annehme mit Bildung von Spermogonien, Aecidium, Uredo und Puccinia auf derselben Nährpflanze. Woher es kommt, dass für gewöhnlich der Pilz nur in den zwei Frucht- formen auftritt, kann nach den bisherigen Erfahrungen noch nicht mit Sicherheit entschieden werden. Die einfache Annahme, dass das Einkeimen der Teleutosporen in die Pflanze ein perennirendes Aecidium-Mycel erzeugt, kann noch nicht erklären, wodurch das perennirende Puccinia-Mycel gebildet wird. Man kann sich vor- stellen, dass das perennirende Aecidium-Mycel in einem gewissen Alter vielleicht nur Teleutosporen erzeugt, wie wir dies bei der 78 Vegetation der Gruppe Euuromyces und Eupuccima auf einer Nähr- pflanze als regelmässige Erscheinung kennen. Eine andere Art, wie sich ein perennirendes Teleutosporen- mycel bilden kann, zeigte mir eine von Uromyces Trifoln (Hedw. f.) ') besetzte Pflanze von Trifolium repens Hj., die ich etwa ein Jahr lang im Zimmer gezogen habe. Diese Uredinee besitzt ebenfalls alle Frucht- formen, das Aecidium wird selten angetroffen und ist von kurzer Dauer, die Uredo-Sporen findet man dagegen sehr häufig, das ganze Jahr hin- durch, gegen den Herbst zu mit den Teleutosporen reichlich in denselben Häufchen gemischt, zuletzt finden sich nur diese vor. Die beobachtete Pflanze nahm ich im October ins Zimmer, sie trug damals schon nur Uromyces-Sporen, und entwickelte dieselben nun den ganzen Winter hindurch bis in den nächsten Sommer. Jedes neue Blättchen zeigte von seinem Hervortreten an die schwarzen, blasenförmig aufgetriebenen Sporenhäufchen an den Blattstielen, besonders aber an den Gelenk- verbindungen der Blättchen mit ihren Stielchen und auf der Rückseite der mittleren Blattrippe. Blattstiele und Blättchen wurden dadurch stellenweise stark aufgetrieben und vielfach verkrümmt. Hier war also das Mycel, welches im Freien auf kleine Blattstellen beschränkt war und vielleicht durch die Winterkälte getödtet worden wäre, aus- dauernd geworden. Ob ein ähnlicher Vorgang auch bei Aecidium Adoxae eintritt, kann die fortgesetzte Beobachtung zeigen, meine Wahrnehmung in zwei aufeinanderfolgenden Jahren spricht noch nicht dafür. Die Fälle, in denen auf derselben Nährpflanze Aecidium und später keine üredo, wohl aber Uromyces oder Puccinia folgen, finden sich in der Natur nicht selten, häufig unter solchen Umständen, dass man an dem Zusammenhange der beiden Fruchtformen nicht zweifeln kann, doch bieten sich immer für eine systematische Darstellung grosse Schwierigkeiten, weil auch hier wieder nur Culturen über diese Zugehörigkeit endgültige Entscheidung bringen können. Eine der hierher gehörigen Formen ist Puccinia Tragopogi (Pers.), eine ähn- liche P. Sii Falcariae (Pers.)^). Diese beiden Pilze bieten Gelegen- ') Puccinia trifolii Hedw. f. Fung. ined. bei De Candolle flore fran?. H. S. 225. 1805. *) Aecidium Tragopogi Persoon Synops. meth. fung. S. 2 iL — Aecidium Sii Falcariae Persoon Disp. meth. fung. S. 12. Synops. meth. fung. S. 212. Ich halte den Speciesnamen des Autors fest, welcher zuerst den Pilz in einer seiner Fruchtforraen bekannt gemacht hat. Bei heteröcischen Uredineen, deren Aecidium zuerst bekannt, aber nach der Nährpflanze benannt ist, muss natürlich von diesem Prinzip Abstand genommen werden. 79 heit, zu bemerken, wie in dem Entwicklungskreise einer Uredinee die Ausbildung der Uredosporen unterdrückt und dadurch die Differenzirung der Arten herbeigeführt wird. Ich habe bei Untersuchung der selbst gesammelten nnd in frem- den Herbarien vorgefundenen Pucc. Trag, auf Tragopogon pratensis L. und P. orientalis L. ' ) nie Uredosporen gefunden, sondern nur die Pucciuia-Sporen, die eine sehr charakteristische Gestalt besitzen. Sie sind an beiden Enden abgerundet, von sehr verschiedener Grösse, 37 — 48 Mik. lang, aber fast immer sehr breit, 29 — 38 Mik., dabei in der Mitte gar nicht oder nur sehr wenig eingeschnürt, so dass die kurzen Sporen oft ganz kuglig erscheinen. Ihre Membran ist sehr dick, lebhaft kastanienbraun, mit flach halbkugligen, aber meist sehr deutlichen gleichfarbigen Warzen besetzt; sie stehen auf zarten leicht abreissenden Stielen. Eine dieser in ihrer Teleutosporenforra ganz gleiche Form kommt auf Podospermum laciniatum L. in Deutschland und Frankreich, auf Pucc. Jaoquini in Oesterreich (bei Wien), auf Rhagadiolus steüaMs in S. Frankreich vor. (Collines au nord du Luc. J. Mueller im Herb, der Univ. Strassburg.) Es ist dies die Puccinia Podos-permi De Candolle^), Ein Aecidium, welches besonders durch die über die ganze Blattfläche oft auch über Stengel und Hüllkelchblätter zerstreute Becher, dem der P. Targopogi gleicht, findet sich auch auf diesen Nährpflanzen, es war schon De Candolle an Podospermum bekannt, er rechnete es zu seinem Aecidium cichoracearum^).i die Form auf Rhagadiolus'^) ist von Passerini in Italien aufgefun- den worden. Man würde daher beide Puccinien vereinigen können, wenn sich nicht P. Podospermi durch das Vorkommen von Uredo- Sporen unterschiede, welche regelmässig, gut ausgebildet und reich- lich den, in denselben Häufchen auftretenden, Teleutosporen voran- gehen. Sie sind fast kuglig, elliptisch oder eiförmig, 23 bis 26 Mik. 1) Eine auf Tragopogon floccosus W. K. vorkommende Uredinee, weiche ich durch Dr. P. Magnus erhielt (bei Memel gesammelt), zeigt Uredo- und Teleutosporen, sie gleicht der P. Hieracii Mart. Ebenso verhält sich eine Puccinia auf Scorzonera humilis L., die ich aus Schlesien und von einigen Standorten in Frankreich kenne. ■■2) F. Fodospermi De Candolle Flor, frangaise II. Additions S. 595. 1805. 3) Äec. Cichoracearum a Scorzonerae laciniaiae De Candolle Fl. fr. II. S. 239. '^) Aecidium Bhagadioli G. Passerini. P'ungi Parmensi. Nuovo Giornal. bot. Ital. 1S77. S, 267. 80 lang, 21 bis 24 breit, ihre Membran hellbraun mit kurzen, spitzen Stacheln besetzt und mit drei im Aequator stehenden Keimfleckcn versehen. Diese Pucc. gehört also in die Gruppe Eupuocinia, P. Tragopogonis in die Gruppe Puccimopsis. Prof. De Bary, welcher P. Tragopogonis durch Aussaat der Aecidiura-Sporen auf Blätter von Tragop. pratensis und Tr. porri- folius erhielt'), hat zwischen den sogleich auftretenden Puccinia- Sporen eine kleine Zahl Uredo-Sporen gefunden, dies deutet darauf hin, dass die Puccinia die Fähigkeit Stylosporen zu bilden noch nicht ganz verloren hat, wenn sie auch für gewöhnlich ganz unter- drückt wird. Aecidium Sä Falcariae Pers. ist dem Aec. Tragopogonis fast ganz gleich. Die zu ihm gehörigen Puccinia-Sporen treten häufig zwischen den Bechern, ja oft in diesen selbst auf. Ich habe hier bei Untersuchung sehr vieler, aus Deutschland, Oesterreich und Frankreich stammender Exemplare nie Uredosporen gefunden. Blasse, einzellige Sporen, welche zwischen der Puccinia vorkamen, konnte ich immer als einzellige Teleutosporen (welche übrigens auch bei P. Tragop. nicht selten sind) oder als eingestreute alte Aecidium- Sporen erkennen. Die Teleutopporen sind elliptisch, kurz und schwach gestielt, 30 bis 37 gewöhnlich 36 Mik. lang, 18 bis 22 Mik. breit, in der Mitte etwas weniges eingeschnürt, am Scheitel und am Grunde meist abgerundet, seltener gegen den Stiel etwas verschmälert, ihre Membran ist glatt, etwas trüb kastanienbraun, an dem Scheitel um die Keimstelle sehr schwach verdickt. Auf Bupleurum- Arteu in Deutschland und Oesterreich an P. falcatum L. an mehreren Orten nicht selten, stellenweise auch auf B. longi- folium L. kommt eine Puccinie vor, die dieser ganz ähnlich ist, die P. Bupleuri Rudolph!. Bei dem Aecidium (A. Bupleuri Opitz) sind Spermogonien und Aecidium-Becher über die ganze Blattfläche und fast über die ganze Pflanze verbreitet. Die Puccinia ist der auf Falcaria ebenfalls sehr ähnlich, vielleicht etwas kürzer, 28 bis 33 Mik. lang, 18 bis 22 Mik. breit, sonst aber ganz gleich gebildet. Auch bei dieser Puccinie habe ich jetzt noch keine rein aus Uredo gebildeten Sporenhäufchen gefunden, welche den Teleutosporen vor- angehen, wohl aber finden sich zwischen den Puccinien-Sporen häufig Uredo-Sporen, die meist kuglig oder kurz-elliptisch 20 bis 22 Mik. i) A. de Bary, Recherches sur le developpement de quelques Champignons parasites (Annales des sciences Natur. IV. 8er. Bot. T. XX.) S. 80. 81 lang, 17 bis 20 breit, mit hellbrauner, kurzstachliger, mit 3 — 4 Keim- stellen versehener Membran. Ich fand sie an Zahl bis jetzt immer viel geringer als die Puccinia-Sporen, manchmal ganz fehlend, im Uebrigen aber gut ausgebildet. Diese Uredo-Bildung ist hier auch entschieden unterdrückt, aber nicht vollständig wie bei P. Tragopo- . gonis und P. Sn Falcariae^ P. Bupleuri muss desshalb immer noch in die Gruppe Eupuccima gestellt werden ^ ). 1) Die mir bekannten auf europäischen Umbelliferen vorkommenden Ure- dineen lassen sieh in folgender Weise gruppiren: Puccinia. I. Eupuccinia. Spermogonien, Aeeidium, Uredo und Puccinia auf derselben Nährpflanze. a. Membran der Puccinia-Sporen durch dichtstehende feine Eindrücke anscheinend netzförmig gezeichnet 1. P. Piwi^meZ/ae (Strauss) := P. reticulata De Bary. Auch P. Heraclei Greville, P. Eryngü DC. und P. Sileris Voss. b. Membran glatt. aa. Aecidieu fleckenweise zusammengestellt. * Aecidien lang röhrenförmig, Inhalt der Aec.- Sporen orangeroth. Teleuto- spoi'en lang gestielt, lang 2. P. Ferulae Rudolphi. ** Aecidien kurz becherförmig, Inhalt der Aec.-Sporen fast farblos 3. P. Saniculae Greville. bb. Aecidien gleichmässig über die ßlattfläche verbreitet 4. P. Bupleuri Rudolphi. II. Brachypuccinia. Spermogonien, Uredo und Pucci- nia auf der gleichen Nährpflanze (Aeeidium fehlt). a. Membran der Teleutosporen ganz glatt .... 5. P. hullata Persoon. =P. Umbelliferarum DC. z. Th., P. Aethusae Lk., P.Conii Fuckel, P. Ä7aiFuckel, F. Apü Gast. b. Membran d. Teleutospor. am Scheitel punktirt 6. P. Oreoselini (Strauss). III. Hemipuccinia. Uredo und Puccinia-Sporen be- kannt. Spermogonien und Aecidien unbekannt. Membran der Teleutosporen grobhöckerig 7. P. Cicufae Lasch. IV. Pucciniojysis. Spermogonien, Aeeidium und Puc- cinia auf derselben Nährpflanze (ITredo-Bildung unterdrückt). a. Membran der Teleutosporen ganz glatt.... ^. P. SiiFalcariae(Pevs,.). b. Membran der Teleutosporen durch feine Eindrücke netzförmig gezeichnet 9. P. Bunii (De Candolle) .= P. Bulbocastani Fuckel. c. Membran der Teleutosporen grobhöckerig . 10. P. Smyrnii Corda. V. Micropuccinia. Nur Teleutosporen sind bekannt. a. Teleutosporen an der Spitze nüt einem farb- losen Wärzchen. Membran glatt 11. P. Aeijopodii (Strauss). Hierher gehört auch P. Astrantiae Kelchbr. 12. P. enormis Fuckel. b. Teleutosporen am Scheitel abgerundet .... 13. P. Angelicae (Strauss). Triphragiuium. Sporen mit strahligen Auswüchsen besetzt . 14. Tr. echinatum Lev. Unbekannt sind mir die Teleutosporen von Aeeidium Foenicidi Castagne, Aec. Seseli glaiici, Aec. Mei athamanthici, Aec. Angelicae silvestris und von Uredo Ilydrocotylis Montagne. Colin, liciträge zur Biologie der Pllaiizen. Band III. MeftI, g 82 Die hier besprochenen Formen lassen sich unter einem allgemei- neren Gesichtspunkte zusammenfassen. Es handelt sich in diesen Fällen um autöcische Rostpilze, deren Aecidium sich aus einem perennirenden Mycel entwickelt. Sie bilden ihre Teleutosporen zum Theil aus einem Mycel, welches vorher keine oder nur spärliche Uredosporen abschnürt, und man kann die Formen, bei denen sich Uredosporen entwickeln, als Uebergangsformen erkennen, zu denen, bei welchen die Bildung der Uredo-Sporenform ganz unterdrückt wird. Nach der bei solchen Fragen jetzt gebräuchlichen Folgerung, kann man sich diesen Vor- gang aus Zweckmässigkeitsgründen erklären. Bei den vielen autö- cischen Uredineen, die schnell vergängliche Äecidien-Formen besitzen, ist die Uredo-Sporenform das Haupt-Mittel die Species zu erhalten, sie ermöglicht die Verbreitung auf einen weiteren Bezirk, auf dem dann die Ausbildung der Teleutosporen erfolgen kann, die beim Er- löschen der einjährigen Generation die Species im nächsten Jahre fortpflanzen. Für die heteröcischen Formen ist die Uredo-Sporenform aus zwei Gründen zweckmässig, ausser dem angeführten Grunde darum, weil das Zusammenfinden der Teleutosporen heteröcischer Uredineen mit den für die Entwicklung der Aecidien nöthigen Nährpflanzen durch eine grössere Zahl von Zufällen gehindert sein kann, und darum durch eine weitere Ausbreitung ein günstigeres Moment dazu geboten wird. Für die mittelst eines perennirenden Mycelsder Aecidien lebenden Uredineen sind die längere Zeit hervorgebrachten Aecidium- Sporen ein genügend reichliches Verbreitungsmittel. Zur Erhaltung der Art genügt die Ausbildung der Teleutosporen, und auch diese braucht nicht jedes Jahr zu gelingen, da ja das perennirende Mycel mehrere Jahre Zeit hat, auf die Bildung von Teleutosporen hin Aecidium-Sporen auszusenden. — Ich brauche wohl nicht ausführ- licher zu erläutern, dass diese Darstellung nur giltig ist, indem man das was hier als Zweckmässigkeit erwähnt wird, als Folge ansieht, d. h. die erwähnten autöcischen Uredineen mit perennirendem Aecidium-Mycel haben sich auch in den Formen erhalten, bei denen die Üredo-Bildung unterdrückt wird, weil auch ohne diese Sporenform ihre Existenz gesichert ist. Bei aufmerksamer Beobachtung der frei lebenden Uredineen finden wir öfters solche Formen, bei denen sich eine Anbahnung zur Unterdrückung der Uredosporenbildung bemerken lässt, bei gleich- zeitiger Vermehrung der Aecidium -Bildung. Solche constante For- men sind z. B. die des Uromyces Viciae Fahae auf Ervum hirsu- tiitn und die der Puccinia Galiorum auf Galium Aparine. Bei beiden Formen sind Aecidium, Uredo und Teleutosporen der 83 Normalart ganz gleich, während aber das Aecidium bei dieser eine schnell verschwindende Frühjahrsfruchtform ist, bricht es bei jenen Abänderungen den Sommer und Herbst hindurch bis zum Spätherbst hervor in Begleitung reichlicher Teleutosporen, während die Uredo-Sporen nur spärlich gebildet werden. — Ich erwähne hierbei, dass diesen Sommeraecidien die Begleitung der Spermo- gonien fehlt, welche ich mit einer einzigen mir bekannten Ausnahme stets den Frtihjahrs-Aecidien habe vorausgehen sehen *). 6) Die Puccinien, welche bald nach ihrer Reife, ohne eine Ruhe- pause einzugehen, keimen und Sporidien bilden, besitzen so viele gemeinsame Merkmale, dass man sie in eine geschlossene Gruppe allen anderen Pnccinien gegenüber stellen kann. Ich habe dieselbe als Leptopuccinia bezeichnet. Das wichtigste Merkmal der hierher gehörigen Formen ist natür- lich nur durch Culturen lebender Exemplare zu erkennen und dieser Umstand bewog mich besonders, die Gruppe hier zu besprechen. Zuweilen kann man indess auch bei Untersuchung trockener Exemplare ausgekeimte Sporen mit wohlerhaltenen Keimschläuchen finden, wie ich sie z. B. an trocknen Exemplaren von Pucc. Silphii Schwz. u. P. grisea (Strauss) (P. Olohulariae DC.) häufig und reichlich gese- hen habe, solche Formen wird man gewiss unbedenklich in diese Gruppe stellen können. Bisher hat man bei diesen Puccinien weder Uredo- noch Aecidium- Bildung gefunden. Der Ausfall der Uredo-Bildung wird durch die Entwicklungsweise bedingt, die Uredo-Sporen werden hier durch die Sporidien ersetzt, die durch ihre grosse Menge den Pilz weithin und lange Zeit hindurch verbreiten helfen. Die Möglichkeit, dass auch diese Puccinien Aecidium bilden könnten, lässt sich nicht abstreiten, doch ist dafür noch kein Beispiel bekannt, auch sind auf den meisten Nährpflanzen, die Leptopuccinien ernähren, entweder überhaupt keine Aecidien gefunden worden oder diese werden zu anderen Puccinien gerechnet. In morphologischer Beziehung kommen sie alle darin überein, dass ihre Membran glatt ist, dass sie an festanhaften- den Stielen auf einem stark entwickelten Hypothallus stehen und in dichten, gewöhnlich rundlichen Polstern auftreten. 1) Die Ausnahme betrifft das Aecidium der Puccmia Alliorum (DC.) (P. mixta Fuck.). Bei dem ersten Auftreten desselben , welches ich im Bot. Garten in Breslau an Keimpflanzen und aus älteren Zwiebeln vor- schiessenden Blättern beobachtete, sah ich nur Aecidium-Becher, keine Sper- mogonien. Ebenso erschien nach Aussaat gekeimter Puccinia-vSporcn auf AUium Schoenopraswn Aecidium ohne Spermogonien. 84 Die Unterscheidung der Species ist in dieser Gruppe oft ziemlich schwer, und es ist darin zumeist ganz willkürlich oder auf flüchtige Untersuchungen hin verfahren worden, namentlich scheint das verschiedene Ansehen, welches bei einigen Arten die ausgekeimten und die noch mit Inhalt versehenen Sporen bieten, zu Annahme verschiedener Arten Veranlassung gegeben zu haben, ferner die hellere oder dunklere Membranfärbung, besonders der Spitzenverdickung, die bei einigen Formen, wie es scheint nach dem Alter der Sporen, vielleicht auch nach dem Alter des Mycels, aus dem die Sporenpolster gebildet sind, verschieden ist. Ganz besonders gross ist die Zahl der hierher gehörigen For- men auf Süeneen und Alsineen, welche selbst viele derjenigen Mycologen, die über Zersplitterung der Arten klagen, in eine mehr oder weniger grosse Artenzahl spalten. Link') hatte die hierher- gehörigen ihm bis 1 825 bekannten Formen auf Diantlius, Stellaria, Spergula und Sagina als P. Lychnidearum (auch die nicht hier- hergehörige P. Franheniae) zusammengefasst, Fuckel unterschied 1869^) wieder 5 Arten (wobei P. Dianthi DC. noch nicht mit inbegrifi'en ist) auf 11 Nährpflanzen. Die Unterschiede, die er an- nimmt, sind zum Theil dadurch bedingt, dass er verschiedene auf einer Nährpflanze vorkommenden Uredineen, ohne ihre Zusammen- gehörigkeit zu prüfen, in den Entwicklungskreis der gleichen Species stellt. Ich kenne jetzt auf 26 Pflanzen (nur die europäischen For- men gerechnet) aus der Familie der Caryophylleen Leptoi^uccinien, nämlich auf: Tunica lyrolifera Scop., Dianthus harhatus L., Guccuhalus haccifer L., Melandryum rubrum P. M. E., Agrostemma Githago L., Sagina procumhens L., S. apetala L., S. nodosa (L.), S. saxatilis Wimm., M'öhringia muscosa L., M. trinervia 1j., Arenaria serpfyllifoliah., Stellaria nemorum L., St. media Vill., St. Holostea L., St. grarriinea L., St. uliginosa Murr., Malachium aquaticum (L.), Cerastium glomeratum Thuill., C. triviale Link., Spergula arvensis L., Sjf' pentandra L., AI sine verna (L.); in den Gärten auch an Dianthus chinensis, Saponaria persica und ») H. F. Link, 8pec. plant. VI. F. II. S. 80. 2) L. Fuckel, Symbolae mycologicae S. 50: 12. I\ Agrostemmae f, 13. P. Stellariae \, 14. P. Spergulae DC, 15. P. Möhnngiae f, 16. P. Saginae \. — Als P. Lychnidearum \, wozu P. L. Link als Synonym gezogen wird, beschreibt er die Puccinia (Eup.) auf Silene inflata, sie ist in v. Thümen Mykoth. univ. No 635 als P. Behenis Schrot, ausgegeben und näher beschrie- ben worden. 85 Cerastium sp. Ich habe bei einer Anzahl derselben die Keimung und Sporidienbildung gesehen, und einzelne von ihnen längere Zeit cultivirt. Den Versuch durch morphologische Merkmale unter diesen For- men constante Arten zu unterscheiden, habe ich aufgeben müssen. Die Sporen sind bei allen lang gestielt, im allgemeinen spindel- förmig, die obere Zelle vor dem Auskeimen meist zugespitzt, die Membran vor dem Auskeimen ocherfarben; die Länge schwankt auf derselben Nährpflanze in sehr weiten Grenzen zwischen 33 bis 44 Mik. Ob sich einzelne Formen auf ihren Nährpflanzen fixirt haben und auf andere nicht übergehen, kann nur durch umfassende Culturen festgestellt werden. Bei den meisten dieser Formen, z, B. der auf Stellaria, auf Melandryum, Dianthus, Möhrmgia trinervia, Sagina procumhens ist das Plasma der jungen Sporen farblos, ebenso das der Promycelien und Sporidien. Bei einigen wenigen von ihnen, soweit mir bekannt nur bei denen auf Spei-gula (Sp. arvensis, die auf S. pentandra habe ich nicht frisch untersucht) und Alsine verna ist das Plasma der jungen Sporen, der Promycelien und Sporidien hellroth gefärbt. Man kann hiernach wohl zwei difi'erente Species unterscheiden, die erst- erwähnte wird als P. Arenariae (Schumacher) ' ) zu bezeichnen sein, weil Seh. zuerst 1803 eine Form aus dieser Reihe als Uredo Arenariae unterschieden hat, (bald darauf 1805 stellte DeCandolle seine P. Dianthi auf), die zweite Form ist Puccinia Spergulae De CandoUe^). Bei Pucc. Corrigiolae Chevallier habe ich die Sporidienbildung ganz so gefunden, wie bei P. Arenariae, auch morphologisch würde ich beide Formen ohne Berücksichtigung der Nährpflanze nicht unterscheiden können^). Das Gleiche gilt für P. Herniariae Unger*). P. Chrysosplenii Greville, welche ich nicht frisch 1) a. a. 0. S. 232. 66. Uredo Arenariae C= Pucc. auf Moehringia trinervia). 67. U- Älsines (Pucc auf Stellaria media) 2) a. a. 0. S. 219. 3) Ich habe diese Pucc. in Rabenhorst fuug. eur. 1678 ausgegeben. Ich hielt sie, die bis dahin in Deutschland noch nicht beobachtet war, für eine neue Art. Exemplare im Herb. Duby (Univ. Herb. Strassburg) aus Frankreich, dort als P. C. Cliev. bestimmt, sind aber der von mir gefundenen Form ganz gleich. *) F. Unger, Ueber den Einfluss des Bodens auf die Vertheilung der Gewächse 1836. S. 218. — P. Herniariae Lasch., Rabenhorst, Herb. myc. II. No. 1397, ist nicht verschieden. 86 untersucht, bei der ich aber vielfach ausgekeimte Sporen gefunden, ist ebenfalls sehr ähnlich. Für alle diese und noch einige der hier zunächst zu bespreclienden Formen mag der Grundsatz gelten, dass man morphologisch nur wenig oder gar nicht unterscheidbare Uredineen als verschiedene Species rechnet, welche auf Nährpflanzen aus verschiedenen natürlichen Pflanzenfamilien vorkommen, dagegen zu derselben Species, wenn die Familie der Nährpflanzen dieselbe ist. Es ist dies eine künstlich gezogene Scheidegrenze, die vielleicht nicht richtig ist, bisher sind aber keine Fälle nachgewiesen, in denen die Teleutosporen einer Uredinee durch künstliche Infection auf Nähr- pflanzen von verschiedenen Familien erzogen worden wären. Die Raschen der Puccinia Thlaspeos Schubert, auf Thlaspi alpestre und Arahis hirsuta nicht selten vorkommend, überziehen die Unterseite der Stengelblätter ihrer Nährpflanzen bis zu ihren Spitzen mit hellbraunen Krusten. An den Stengeln und den überwinternden Blattrosetten habe ich sie nie hervorbrechen sehen. Ich habe vor vielen Jahren den Pilz auf Wiesen zwischen Jülich und Eschweiler in der Rheinprovinz auf Thlasin al'pestre sehr häufig, und jedes Jahr an denselben Stellen angetroffen. Die ergriffenen Pflanzen machen sich schon bei ihrem ersten Sprossen Ende März durch ein gelbes kränkliches Wachsthum beraerklich, der Stengel ist aufge- trieben und häufig verkrümmt. Man kann aus diesem eigenthnm- lichen Wachsthum, welches die Puccinia sehr leicht kenntlich macht, schliessen, dass sie sich aus einem die ganze Pflanze durchziehen- den und wahrscheinlich perennirenden Mycelium entwickelt. Die Sporen sind an Gestalt und Grösse denen von P. Ärenariae ähn- lich, nur gewöhnlich kürzer gestielt und am Scheitel gewöhnlich abgerundet. Sehr häufig finden sich in den Raschen ausgekeimte und noch mit Promycelien besetzte Sporen, die Puccinie gehört daher zweifellos in die hier betrachtete Gruppe. Dies gilt auch, wie oben erwähnt, für Puccinia grisea (Strauss), die auf Globularia vulgaris und Gl. nudicaulis in der ganzen Alpen- kette von Steyermark bis Savoyen verbreitet ist. Ihre Sporen sind morphologisch sehr gut characterisirt durch meist lineal-lanzettliche, nach beiden Enden verschmälerte, an der Scheidewand nicht zusam- mengeschnürte, 35 bis 52 (meist 40 bis 45) Mik. lange und 11 bis 15 (meist 13) Mik. breite Sporen mit sehr hellfarbener fast farb- loser Membran. Auf verschiedenen Galium-Arten kommt, wie es scheint in ganz Europa, wenigstens in Mittel- und Nord-Europa, eine LeiJtopuccinia vor; welche auch die erste bekannt gewordene Puccinie aus dieser 87 Gruppe ist, da sie schon Persoon als P. Valantiae beschrieben hat'). Ich kenne sie von Galium Gruciata (L.), G. glahrum (L.), G. Ä2)anne L., G. rotundifoUum L., G. saxatih L., G. Mollugo L., G. silvaticum L., G. silvestre Poll. Diese Formen haben zu vielen Syno- nynoen Veranlassung gegeben; die Form auf G. glahrum z. B. ist von Ro berge als P. lieterochroa, von Cesati als P. Galii verni, die auf G. saxatüe von Fuckel als P. acummata beschrieben worden, ich finde sie auf den einzelnen Nährpflanzen aber nicht verschieden. Die Sporenpolster sind an den Stengeln lang ausgedehnt und breit, an den Blättern rundlich und klein, an den Blüthen und Fruchtstielen bilden sie oft lange, zieralicli dünne Schwielen und verursachen mannigfache Verkrümmungen, sie gehen auch auf die Früchtchen selbst über. Die Sporen sind spindelförmig, bis G5 Mik. lang, 13 bis 15 breit, an der Spitze abgerundet oder zugespitzt, und darin ebenso variabel wie P. Arenariae. In Baden ist diese Pucc. besonders auf Gal. Mollugo, auf den höheren Bergen auch auf Gal. silvestre häufig. Im frischen Zustande zeichnen sich die jungen Sporenrasen durch einen lebhaft honiggelben schwieligen Rand aus, welcher sie begrenzt, durch das reichliche in ihrer Umgebung wuchernde Mycel veranlasst. Die Sporen keimen leicht bis in den December hinein, das Plasma der Promycelien und Sporidien ist hell röthlich. Dieser Pucc. ist die P. Malvacearum Montagne sehr ähnlich, nur sind die Sporen noch etwas länger (häufig bis 60 Mik.), und besonders breiter. Nach dem, was ich schon im Jahre 1873 über das Wachsthum und die Sporidienbildung derselben mitgetheilt habe^) und den vielen in den letzten Jahren über diese Puccinia erschienenen Berichten brauche ich hier auf dieselbe nicht näher einzugehen. Von den Pflanzen aus der Familie der Labiaten sind mehrere als Nährpflanzen von Leptopuccinien bekannt, welche Letztere wenigstens zu zwei morphologisch gut zu unterscheidenden Arten gehören. Als eine Art fasse ich die Formen auf, welche auf PewmMm-Arten vorkommen, die als Pucc. annularis (Strauss) zu bezeichnen ist. Die Sporen dieser Formen sind spindelförmig, ihre Membran hellbraun, sie stehen daher den bisher besprochenen Lei)topuccinien nahe. Die Formen auf Teucrium Scorodoma L., T. Charnaedrys L. und T. fruticans, welche von einzelnen ') Per so 011, Obs. myco!. 2. p. 25 L. 6 f. 4. Synops. nieth. fung. S. 227. — : Puccinia Valantiae in Valantiae conciatae foliis. 2) J. Schröter, Bemerkungen über eine neue Malvenkrankheit. Hedwigia 1873. S. 183. — 88 Autoren als besondere Arten unter eigenen Namen unterschieden worden sind, halte ich nach eigener Untersuchung nicht für ver- schieden. Diese Puccinia auf Teucrium Scorodoma ist in ganz Baden sehr verbreitet. Sie bildet, wenn die Witterung ihrer Entwicklung günstig ist, bis Ende November neue Sporenpolster, und geht dann auch auf alle grünen Theile, Kelche und selbst junge Früchtchen über, wie dies überhaupt für die Leptopuccirnen recht bezeichnend ist. Die Sporidienbildung tritt bis in die späteste Jahreszeit an jungen Häufchen, die sich auf noch lebenden Blättern entwickelt haben, sofort ein, wenn man ein solches Blatt auf Wasser legt. Promycelien und Sporidien sind farblos. Letztere elliptisch, einseitig abgeflacht, 9 bis 10 Mik. lang. Ist die Blattsubstanz abgestorben, sei es in der Umgegend des Pilzes durch dessen Wachsthura bedingt, oder durch Absterben und Vertrocknen des ganzen Blattes, so kei- men die Sporen erst nach einer Ruhepause. Solche vertrocknete Blätter mit ausgetrockneten Sporen-Häufchen habe ich nach ihrer Ueber- wiuterung im Mai eingesammelt. Auf feuchten Grund gelegt keim- ten sie jetzt wieder und bildeten Sporidien ganz in derselben Weise wie die Sommer-Sporen. Ich habe die so gekeimten Sporen zu resultatlosen Versuchen verwendet, eine von mir damals vermuthete Heteröcie des Pilzes zu prüfen, habe daher leider nicht erfahren, wie sie sich der eigenen Nährpflanze gegenüber verhalten. Habituell sehr ähnlich der Form auf Teucrium Scorodoma ist eine LeptojMCcmm auf Veromca montana, sie weicht indessen etwas in der Grösse von ihr ab, denn ihre Sporen sind meist nur 28 bis 33, selten über 35 Mik. lang. Dieser Pilz ist auf dieser Pflanze an vielen Orten Baden's, besonders auch in der Umgegend von Rastatt, sehr häufig, ich habe ihn an mehreren Standorten jahrelang controlirt und auch mehrmals länger als ein Jahr im Zimmer cultivirt. Seine Raschen sind in frischem Zustande hell zimmtfarben und bilden oft kreisförmige Flecke oder concentrische Kreise. In feuchter Luft keimen die auf lebenden Blättern oder Stengeln wachsenden Sporen sofort aus und bilden farblose Promycelien und Sporidien. Wur- den die Pflanzen im Zimmer unter Glasglocken gehalten, so bildeten sich das ganze Jahr hindurch an Blättern und Stengeln frische Puccinia-Rasen und zwar bei directer Uebertragung der keimenden Sporen an den inficirten Stellen. Versuche, die Puccinia auf Teucrium Scorodoma, auf Gircaea oder auch auf Veromca Chamaedrys zu über- tragen, hatten keinen Erfolg. Ich will hier erwähnen, dass ich an einigen Standorten in Gesellschaft der sehr reichlich auf Ver. montana vorkommenden Puccinia das Aecidium auf Gircaea lutetiana 89 fand, ich verrauthete deswegen eine Zeitlang einen genetischen Zu- sammenhang dieser beiden Rostpilze; die Versuche, die ich daraufhin angestellt, haben mir indess nichts ergeben, wodurch diese Ver- muthung gestützt würde. Die erwähnte Leptopuccinia will ich hier als P. Veronicae^) bezeichnen, um sie wenigstens vorläufig noch von P. veronicarum De CandoUe'^) zu trennen. lieber letztere hat Körnicke vor Kurzem einige Bemerkungen mitgetheilt^). Körnicke unterscheidet dort zwei Formen derselben: a. fragilipes mit leicht abbrechenden und ß. persistens mit fest anhaften- den Sporen-Stielen. Die erstgenannte Form ist besonders auf Veronica urticaefolia L. in der ganzen europäischen Alpenkette, und wie es scheint durch ganz Italien verbreitet, ich fand sie auch auf einer kleinblättrigen Fier., die ich als Ver. montana bestimmte, am Gotthardpasse und an der Maienwand in der Schweiz. Der von Körnicke gegebenen Beschreibung der Sporen habe ich nicht viel hinzuzufügen, ich hebe nur hervor, dass ihre Membran ziemlich dunkelbraun ist, sie tragen am Scheitel eine ziemlich starke, stumpfe, oben hellere Verdickung, die meist zu einem Spitzchen verschmälert ist und deutliche Schichtung zeigt; eine ähnliche Verdickung ist auch an der unteren Zelle an einem Punkte dicht unter der Scheidewand zu erkennen. Bei dieser Form ist eine Keimung der Sporen noch nicht beobachtet worden, es scheint, dass sie nicht auf der lebenden Nährpflanze aus- keimen. Die zweite Form kommt besonders auf Veronica spicata und Ver. longifolia im nördlichen Deutschland bis nach Lappland (P. A. Karsten) vor. Die Sporen dieser Form stehen in festen schwarzbraunen Häufchen, ihre Membran ist hell kastanienbraun, am Scheitel mit einer helleren zugespitzten Verdickung versehen. Ich habe diese Form nur an trockenen Exemplaren untersucht und kann über ihre Entwicklung keine eigenen Beobachtungen anführen. Körn icke sagt, dass sie sehr bald nach ihrer Reife auskeimen. Das gemeinschaftliche Vorkommen beider Formen auf Veron. urticifolia ') Chr. Fr. Schumacher, Enuraer. plantar, in part. Saellandiae in d. Pars posterior. Hafn. 1803 führt S. 40 eine Uredo Veronicae auf, die er folgender- raaassen beschreibt: Peridiis suborbicularibus depressis, subconfluentibus, minutis pallide sulphureis, pulvere concolore. — In fol. Veronicae officinalis! — Spätere Autoren citiien diese Uredo weiter. Ich habe sie nie gesehen und halte es für sehr wahrscheinlich, dass Schumacher, welcher zwischen Uredo und Puccinia keinen Unterschied machte, die Puccinia auf Ver. montana ge- meint hat, die auch in Dänemark vorkommt. 2) Fl. frang. II. Additions. S. 594. 3) Fr. Körnicke, Mykologische Beiträge. Hedwigia 1877. S. 1. 90 und V. longifoUa habe ich ebenfalls an mehreren Herbarexeraplaren gesehen. Wie mir scheint wird man annehmen können, dass die Puccinien auf Veronica-Arten einer Species angehören, welche sich auf ihrem grossen Verbreitungsbezirke in zwei verschiedene Formen differenzirt hat, deren Trennung dadurch, dass die Mittelglieder noch nicht verschwunden sind, Schwierigkeiten bietet. Die Form: P. Veronicae ist eine reine Leptopuccinia mit gleichmässigen, hell- häutigen Sporen, die Form P. Veromcarum a. fragilipes bildet vielleicht (ob auch auf Ver. urticif., wird durch Versuche an leben- den Exemplaren noch festzustellen sein) eine kurze Zeit lang sofort auskeimende Sporen, später schnell abfallende spätkeimende Sporen. Morphologisch von den bisher besprochenen Leptopuccinien sehr leicht zu unterscheiden ist P. Olechomae De Candolle auf Glechoma hederacea L., ihre Sporen besitzen bekanntlich bei völliger Reife eine dunkel kastanienbraune Membran, sie sind gewöhnlich kurz elliptisch, in der Mitte wenig oder gar nicht zusammengeschnürt, am Scheitel mit einem warzenförmigen, meist ziemlich langen, oft schiefen und seitlich gestellten Spitzchen versehen. Ganz so sehen auch die voll- ständig reifen Sporen vonP. Salviae ünger aus, die auf Salvia glutinosa in Süd-Europa nicht selten vorkommt, man hat daher wohl keinen Grund, die beiden Puccinien als verschiedene Arten anzusehen. Die Form auf Glechoma habe ich lange cultivirt und Keimung und Sporidienbildung bei ihr beobachtet. Die Sporidien sind farblos, eiförmig, abgeflacht, etwa 1 1 Mik. lang. Die ausgekeimten Sporen erscheinen sehr hell bräunlich, fast farblos und sehen den unge- keimten reifen Sporen wenig ähnlich, man könnte glauben, dieselben gehören verschiedenen Species an. Auch auf Salvia glutinosa findet man häufig Häufchen ausgekeimter, blasswandiger Sporen. Puccinia Gircaeae Persoon gehört zu den kleinsten europäischen Leptopuccinien, ihre Sporen sind 24 bis 33, jedoch meist nur bis 30 Mik. lang, 9 bis 13 Mik. breit, die nicht ausgekeimten Sporen sind am Scheitel meist zugespitzt, die Membran hier bis zu 7 Mik. verdickt. Die frischen auf der Unterseite der Blätter in grosser Menge vorbrechenden Häufchen sind rundlich, meist vereinzelt, selt- ner in kleine Ringe oder kreisförmige Flecke zusammengestellt, und von hell zimmtbrauner oder hell chocoladenbrauner Farbe, ihre Sporen besitzen eine sehr hellbräunliche Membran. Werden frische Blätter mit diesen Sporenhäufchen nach oben auf Wasser gelegt, so keimen die Sporen sofort aus und haben nach 24 Stunden farb- lose Sporidien gebildet. An den Blattrippen und später auch an den Stengeln treten später grössere Sporenhaufen von dunkelbrauner, 91 fast schwärzlicher Farbe auf, sie bilden an den Stengeln, besonders an den knotigen Anschwellungen desselben, Ijäiifig auch an dem verdickten Grunde der Blattstiele ringsum verbreitete, oft 1 bis 2 Cm. lange, schwärzliche Krusten. Habituell sieht diese Form den hellbraunen Polstern sehr unähnlich und man könnte sich versucht fühlen, sie für eine zweite auf Gircaea lebende Pucciiiia zu halten, die Sporen sind indess von gleicher Gestalt und Grösse wie bei jener, nur ist die Membran gleichmässig dunkeler gefärbt und etwas dicker. Diese Sporen keimten auf feuchten Grund gebracht nicht sofort, auch nicht einige Wochen nach der Reife. Sporenhaufen auf trockenen Stengeln im Winter eingesammelt, konnte ich bis zum Frühjahr zu keiner weiteren Ent- wicklung bringen, im Mai aber keimten sie in feuchter Luft aus und bildeten Sporidien. Hier findet also derselbe Vorgang statt, wie bei P. annularis^ nur bilden sich die spätkeimenden Sporen schon früh, gewöhnlich im August, und halten demnach eine ebenso lange Ruhe- pause ein, wie die der meisten anderen, nicht in diese Gruppe gehö- rigen Puccinien. Die Differenzirung der beiden Sporenformen erinnert au die eben erwähnte, allerdings viel stärker ausgeprägte gleiche Thatsache bei P. Veromcarum. Es ist schon erwähnt worden, dass in der Nähe von Rastatt an einigen Standorten auf Circaea lutetiana reichlich das Aecidium Circaeae Cesati vorkommt. Es lag nahe einen genetischen Zusam- menhang zwischen der Puccinie und dem Aecidium zu vermuthen. Ich habe im letzten Frühjahr einige im Zimmer cultivirte Circaea- Stöcke durch die überwinterten Sporen inficirt, habe aber kein Aecidium folgen sehen, vielmehr trat an den inficirten Stöcken an Blättern und Stengeln sofort wieder sehr reichliche Puccinia-Bildung auf, und zwar zeigte sich hier schon im Juni an den Stengeln die dunkelsporige Form. Puccinia Asiens Duby ist vielleicht der Repräsentant einer grösseren Gruppe von Leptopuccinien, welche auf Compositen vor- kommen. Ich habe hier die Puccinien im Sinne, welche auf diesen Nährpflanzen festen Rasen oder Polster bilden, denen keine Uredo vorausgeht. Solche Puccinien sind ausser als P. Asteris Duby (1828) auch als P. Tripolii Wallroth (1833), P. Asteris Schweiniz (1835), P. Virgaureae Libert, P. Ptarmicae Karsten (fung. fen.), P. Asteris Fuckel (18G9), P. MiUefolii Fuckel (1869), P. Sijngenesiarum Lk. auf Artemisia campestris Schrot. (1869), P. Doronici W\q&&\ (1872)^), 1) Im Univ. Herb. Strassburg liegt die P. Doronici von Prost etwa 1S20 gesammelt. Sie ist von Duby als Uredo Arnicae DC. bestimmt. — Andere 92 P. Leucanthemi Vassevini (1874). Auch manche Amerikanische For- men gehören wohl hierher. Bei einer dieser Formen, auf Centaurea ScaUosa L. vorkommend'), habe ich die Bildung der Sporidien beobachtet, sie sind farblos, eiförmig, etwas abgeflacht, 11 Mik, lang, 6 Mik. breit. Nach Vergleich mit Duby'schen Original - Exemplaren im Universitäts-Herbar Strassburg hälfe ich diese Form für ganz gleich der P. Ästeris Duby (auf Aster salignus L.), ihre Sporen sind charakterisirt durch keulenförmige Gestalt, nach unten keilförmig in einen dicken gelbbraunen festen Stiel übergehend, am Scheitel mit einer 6 bis 11 Mik. dicken, meist kappenförmigen (seltener zugespitzten), dunkleren, geschichteten Verdickung versehen. — lieber den Species-Unterschied der oben genannten Formen gehen die Ansichten sehr auseinander, ich glaube man wird darüber ein sicheres Urtheil erst gewinnen können, wenn man die Formen genauer im lebenden Zustande untersucht, wenigstens ihre Keimung beobachtet, und versucht hat, ob sie auf andere Nährpflanzen über- tragbar sind. Die ansehnlichste, und von allen mir bekannten Leptopuccinien am weitesten abweichende Art ist Puccinia Buxi De Candolle. Ich konnte dieselbe an frischen Exemplaren untersuchen, die Professor Passerini die Freundlichkeit hatte mir Anfang Mai dieses Jahres aus Parma zuzu- schicken. Die Sporenhäufchen brechen besonders an der Unterseite der Blätter, zuweilen auch aus den Aestchen vor. Die reifen Sporen, wie man sie bei Untersuchung trockener Exemplare sieht, sind 66 bis 88 Mik., selten unter 75 Mik. lang, 22 bis 26 Mik. breit, ihre Membran ist glänzend, dick, hellbraun, bis kastanienbraun, jede Zelle ist länglich, nach den Enden zu meist etwas verschmälert; an der Scheidewand sind die Sporen scharf eingeschnürt, und es ist charakteristisch, dass sie hier sehr leicht durchbrechen; der Stiel ist farblos, etwa bis 120 und meist 80 Mik. lang; an der Spitze ist eine leichte Ver- dickung, und meist auch eine schwache Einwölbung um das Innere der Sporen wahrzunehmen; das Plasma der trockenen Sporen ist vielfach von der Wand abgelöst und zu einer gefalteten Masse ver- trocknet. Bei den frischen Exemplaren findet man in der Umgebung der Sporenhaufen ein sehr reichliches Mycel von 3 bis 4 Mik. Dicke, dessen Plasma rothe Oeltropfen enthält; es bildet um die Zellen der Nährpflanze dicke Stränge, dringt auch in dieselben ein, doch Exemplare der U. Arn. DC. habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, sie ist auch in ueucjer Zeit nicht mehr beschrieben worden. 1) Rabenhorst, fung. eur. 2088. 93 zeigen sich keine morphologisch zu unterscheidende Haustorien. Die jungen Sporen haben eine farblose Membran und lebhaft gelbrothen Inhalt. Sie keimen nach Beendigung ihres Wachsthums sofort, wenn sie in feuchte Luft gebracht werden, ich sah sie schon auskeimen, wenn sie noch von der Oberhaut bedeckt waren. Jede Zelle keimt mit einem Keimschlauche, welcher bei der oberen Zelle genau an der Spitze, bei der unteren an einem Punkte dicht unter der Scheide- wand hervortritt. Die Keimschläuche werden 7 bis 11 Mik. breit, oft bis 100 Mik. lang, und sind mit lebhaft gelbrothem Inhalt er- füllt. Die Sporidien werden auf die gewöhnliche Weise gebildet, sie sind sehr gross, eiförmig, an einem Ende ziemlich stark zuge- spitzt, 19 bis 24 Mik. lang, 9 bis 11 breit, ebenfalls lebhaft gelb- roth, die keimenden Sporenhaufen sind von ihnen vollständig orange- roth gefärbt. Die Sporidien keimen auf feuchter Unterlage sofort aus. Ich habe versucht lebende i>Ma;Ms-Pflanzen zu inficiren, habe aber keinen Erfolg gehabt. Die lebhaft gelbrothen grossen Sporidien erinnern an diejenigen von Gymnosporangium^ doch ist die Sporen-Keimung bei der letzt- genannten Gattung sehr verschieden, da jede Sporenzelle zwei Keim- schläuche entwickelt. Die Entwicklung der P. Buxi wird natürlich erst dann vollständig bekannt sein, wenn man weiss, ob die Sporidien in ^Ma:;M5-Blätter einkeiraen, was meine negativen Ergebnisse, vielleicht unter ungünstigen Verhältnissen angestellt, nicht sofort widerlegen, oder ob sie vielleicht in eine andere Nährpflanze übergehen, und hier ein Aecidium her- vorrufen. P. Jasmini De Candolle, die in mancher Beziehung Aehnlichkeit mit P. Buxi hat, wird wahrscheinlich eine ähnliche Entwicklung haben. Unter den Uimnyces- Arten ist der Typus von Lepto^niccinia (Lepturomyces) durch Uro7ni/ces pallidus Niessl ') vertreten. Vielleicht gehört auch U. Solidagi'ms Niessl ^) in diese Gruppe, wie ich aus der Aehnlichkeit seines Wachsthums mit dem der Puccima Ästeris DC. schliessen möchte. Rastatt, 15. November 1878. 1) Beiträge zur Kenntniss der Pilze. (Verhandl. des naturforschenden Vereines in Brunn. X. Bd. 1872. S. 14 des Separat- Abdrucks.) 2) Das. S. 13. Zur EntwickelimgsgescMchte Yon Volvox minor (Stein). Von Dr. Oskar Kirchner. Mit Tafcl VI. Am 9. September v. J. fand ich in einem nalie beim Ilohen- heimer Schloss befindlichen, künstlich ani^elegten kleinen Teich einen Volvox in grosser Menge, den ich bis Mitte October an diesem Standorte fortgesetzt bemerkte, und zu wiederholten Malen einsam- melte. Bei genauerer Prüfung stellte sich die Alge als Volvox minor (Stein) heraus, ohne dass sich unter den vielen Tausend gesammel- ten Exemplaren ein einziges von Volvox Glohator (Ehrb.) gefunden hätte. In einem mit Wasser gefüllten Glasgefäss an freier Luft aufbe- wahrt, zeigte das Pflänzclien sogleich nach seiner Entnahme aus dem Teich reichliche Fructification, bei deren Beobachtung es mir gelang, die von Cohn (Die Entwickelungsgeschichte der Gattung Volvox, Beitr. zur Biologie der Pflanzen. Bd. I. Heft 3) über diese Species gemachten Angaben zu bestätigen und in einigen Punkten zu erweitern, namentlich aber die Frage nach dem weiteren Schicksal der Oosporen zu beantworten. Die Grösse der Familien ist im allgemeinen geringer, als bei Volvox Glohator] die meisten zeigten einen Durchmesser von etwa 2üO — 300 [j.. Auch die Anzahl der in jeder einzelnen Familie ent- haltenen Zellen ist bedeutend kleiner. Bei der ersten Untersuchung glaubte ich auch zu erkennen, dass diese Species diöcisch sei, wie es von Cohn angegeben wird; denn es fanden sich Familien vor, welche neben den vegetativen Zellen nur Oogonien trugen, andere, 96 die ausser vegetativen Zellen nur Antlieridien besassen. Allein länger fortgesetzte Beobachtung lehrte, dass der Sachverhalt etwas anders sei. Es stellte sich nämlich heraus, dass an solchen Familien, welche Oogonien trugen, nach der Befruchtung der letzteren sich regelmässig Antheridien ausbildeten, deren Spermatozoiden später die Oogonien anderer, etwas jüngerer Familien aufsuchten. Ausserdem, aber in seltenen Fällen, wurde beobachtet, dass Antheridien sich auch inner- halb solcher Familien bildeten, die nur noch vegetative Zellen besassen. Man kann also von der hier beschriebenen Form im all- gemeinen sagen, dass sie zwar monöcisch ist, dass aber jede Familie erst einen rein weiblichen, später einen männlichen Zustand durch- macht. Dies könnte als eine Art von Protogynie bezeichnet werden, von der sonst meines Wissens bei den Thallophyten kein Fall beobachtet worden ist. Die Oogonien sind kugelig, haben einen Durchmesser von 50 — 60 [x, und zeigen auch beim Eintritt der Geschlechtsreife keinen nach aussen gerichteten, halsförmigen Fortsatz. Die Antheridien sind kleiner als die von Volvox Glohator^ von einem Durchmesser von 15 — 17,5 jx; auch enthalten sie viel weni- ger Spermatozoiden. Ich zählte deren in mehreren Fällen 16 in einem Antheridium (Fig. 1 b). Sie sind bündeiförmig an einander gedrängt, jedes einzelne langgezogen birnförmig, hellgrün gefärbt mit hyalinem dünn ausgezogenem vorderem Ende, und mit 2 Geissein ausgerüstet. Dort wo das hyaline Schnäbelchen (das verhältnissmässig viel kürzer ist als bei Volvox Glohator) an den grün gefärbten Theil grenzt, sitzt ein rother, erhabener Augenfleck; im grünen Inhalt befinden sich 2 ungleich grosse Vacuolen. Die Länge der Spermatozoiden be- trägt 10 — 13 jj-, ihre Dicke 3,3 jx (Fig. 1 c d). Die Spermatozoiden bleiben in der blasenförmigen Antheridium- Zelle eingeschlossen und neben einander gedrängt, bis diese sich aus dem Familien- Verbände lostrennt. Dann löst sich das Bündel in die einzelnen Samenkörperchen auf, die sich nun mit lebliafter Bewegung in der Blase herumtummeln, nachdem sie schon vorher die Cilien in peitschender Bewegung erhalten hatten. Mit dem Zerfliessen der Blase werden sie einzeln oder alle zugleich frei (Fig. 1 c) und sammeln sich in grösseren Mengen an denjenigen Stellen der Oogonien, wo dieselben die Aussenfläche der Hohlkugeln berühren. An dieser Stelle machen nun die Spermatozoiden jene mehrfach beschriebenen Centrumbohrer-ähnlichen Bewegungen, indem sie sich mit dem hyalinen Schnabel an die Oberfläche des Oogoni- ums festsetzen und das hintere Ende schnell im Kreise herumführen 97 (Fig. 2). Diese Bewegungen wnrden stundenlang beobachtet, ohne dass es gelang, ein Eindringen der Spermatozoiden in die Oogonien zu sehen. Mitunter kam es vor, dass einige Spermatozoiden, der vergeblichen Mühe überdrüssig, nach längerem Bohren davon- schwammen. Die nach erfolgter Befruchtung um die Oosphaere ausgeschiedene Membran spaltet sich in zwei Häute, von denen die innere dem sich bedeutend contrahirenden Inhalte eng anliegt, während die äussere weit bleibt. Der Inhalt der Oosporen färbt sich noch inner- halb der rotirenden Familien braunroth; er ist fast undurchsichtig und enthält zahlreiche kleine Stärkekörner. Endospor und Epispor verdicken sich, bleiben aber beide völlig glatt, das letztere ist farb- los, das Endospor nimmt einen gelblichen Farbenton an, ist ziemlich dick und sehr quellungsfähig. Es zeigt an seiner Innenschicht unregelmässig vertheilt einige (1 — 5) linsenförmige Wärzchen, welche etwas in den Sporeninhalt hineinragen (Fig. 3). Unter Zusatz von Jod und Schwefelsäure tritt weder beim Endospor, noch beim Epispor eine Blaufärbung ein: ersteres färbt sich gelb, letzteres bleibt farb- los. Der Zusatz der Schwefelsäure bringt bei längerer Einwirkung bedeutendes Aufquellen beider Sporenhäute hervor; es löst sich sodann erst das Endospor, später das Epispor auf. Der Durchmesser des Sporen-Inhaltes beträgt 31 — 40 [x, der des Endospors 37 — 45 \i, der des Epispors 48 — 68 jx. Die Dicke der Wand beim Endospor 2,5 — 3 fx, = Epispor 2,5 — 3 [x. Den Eintritt der Färbung der Oosporen kann man mit blossem Auge daran erkennen, dass die rotirenden Familien eine goldgelbe, später eine röthliche Farbe annehmen. Nach einigen Tagen hatten sich Oosporen in grosser Menge als rother, flockiger Absatz auf dem Boden des Culturgefässes niedergelassen, und 3 Wochen nach dem Einsammeln der Alge waren keine rotirenden Familien mehr aufzufinden. Das die Oosporen enthaltende Gefäss wurde eine Zeit lang noch an freier Luft aufgestellt; erst als Fröste eintraten, brachte man es in ein ungeheiztes Zimmer, in welchem es nie dem directen Sonnenlicht ausgesetzt war. Bei einmal eintretender sehr niederer Temperatur gefror die Oberfläche des Wassers etwa V2 cm tief. Während des December und Januar blieben die Sporen unverändert, in der Mitte des Februar bemerkte ich mit blossem Auge ein leich- tes Erbleichen und Verfärben der Oosporen-Haufen. Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Band III. Heft I. 7 98 Dies war das erste Anzeichen ihrer weiteren Entwickehing, die, einmal begonnen, mit Schnelligkeit, aber bei verschiedenen Sporen zu verschiedenen Zeitpunkten vor sich ging. Die erste Vorbereitung zu der beginnenden Veränderung besteht in einem Anschwellen des rothbraunen, körnigen Inhaltes, einem Vorgange, dem durch das elastische und quellbare Endospor kein Hinderniss bereitet wird. Dasselbe verliert seinen gelblichen Schein und quillt entweder überall gleichmässig oder an einem Punkte am stärksten auf (Fig. 3); auch die Wärzchen des Endospors schwellen zu farblosen Halbkugeln an. Das Epispor ist nicht quellbar, daher geht die Wasseraufnahme der inneren Partien nur so lange im Epispor vor sich, bis das Endospor die innere Fläche des ersteren erreicht hat. Dann reisst das Epispor mit einem langen Spalt von der Form eines grössten Kugelkreises derartig auf, dass die zwei halben Hohlkugeln nur noch mit einer schmalen Stelle mit einander im Zusammenhang bleiben (Fig. 4, 16, 18). Der gesammte Inhalt tritt in Kugelform aus dem Riss heraus unter schnellem Aufquellen des Endospors, welches nun als weite farblose Blase das bedeutend weniger voluminöse Protoplasma umgiebt (Fig. 5). Der Raum zwischen der Membran dieser Blase und dem Protoplasma ist mit farbloser Gallerte (den aufgequollenen inneren Schichten des Endospors) angefüllt, welche bei Jodzusatz an ihrer gelben Färbung zu erkennen ist. An der eingeschlossenen Plasmakugel bemerkt man zunächst eine DifFerenzirung in der Art, dass an der Oberfläche der Kugel eine hyaline Stelle sich ausbildet (Fig. 5), welche manchmal kegel- förmig vorgestülpt ist; diese Stelle mag der vordere, die diametral entgegengesetzte der hintere Pol der Plasmamasse genannt werden. Die Kugel plattet sich an diesen beiden Polen ein wenig ab, und IV2 — 2 Stunden nach dem Auftreten des hyalinen Fleckes zeigen sich die Anfänge der ersten Theiiung (Fig. ö). Zuerst am vor- deren, hyalinen, später auch am hinteren Pole, bemerkt man eine Einschnürung, und nach etwa einer Stunde ist die Theiiung in der Art vollendet, dass jede der beiden nahezu halbkugeligen Tochter- zellen am vorderen Pol wieder eine hyaline Stelle besitzt (Fig. 7. Fig. 8). Dort klaffen die beiden Plasmamassen etwas weiter aus- einander^ als am hinteren Ende; beide sind von einer gemeinsamen dünnen Gallerthülle umgeben, die sich im Innern der zu Gallerte aufgequollenen Endosporschichten durch eine zarte Linie abgrenzt, und auch bei den späteren Theilungen erhalten bleibt. (Fig. 8, 9.) Nach weiteren 2 Stunden hat sich jede der beiden Schwester- zellen aufs neue getheilt, und zwar durch eine Ebene, welche senk- 99 recht auf der ersten Theiluno^sebene steht und gleichfalls den vor- deren und den hinteren Pol trifft (Fig. 9. Fig. 10, 11). Die so entstehenden 4 Zellen zeigen bald nach der Theilnng noch jede ein hyalines Ende, weichen an demselben wiederum mehr auseinan- der, als am Hinterende und verkürzen sich in der Richtung ihrer Längsaxe. Der hyaline Fleck wird allmählich unkenntlich und ist verschwunden, wenn die drittraalige Theilung eintritt. Schon vorher sind die 4 Zellen derartig auseinander gewichen, dass sie nur am hinteren Ende mit einander verbunden bleiben, am vorderen dagegen klaffen und in der Axe zwischen sich allmählich eine Höhlung ausbilden. Die bei der nächsten Theilung auftreten- den Klüfte sind nicht mehr in Beziehung auf die ursprüngliche Kugel orientirt, sondern sie stehen in einer eigenthümlichen Weise schräg in jeder Zelle (Fig. 1-2). Vom hinteren (fester verbundenen) Ende des Complexes gesehen setzen die Theilungsebenen an der einen Seitenfläche der Mutterzelle an und erscheinen ziemlich parallel der anderen Seitenfläche, wenden sich dieser aber in ihrem weiteren Verlaufe so zu, dass sie dieselbe noch vor dem vorderen Ende der Mutterzelle erreichen. Die beiden Tochterzellen besitzen also ein abgerundetes und ein keiliges Ende, und stehen so schräg über einander, dass die eine mit dem abgerundeten, die andere mit dem keiligen Ende nach dem vorderen Pole des Complexes gewendet ist (Fig. 12. 13). Die keiligen Enden runden sich sehr schnell ab. In den 4 Mutterzellen treten nun diese Zerklüftungen in demselben Sinne auf, indem die Theilungsebene jedesmal an der gleichnamigen Seiten- fläche ansetzt und nach der anderen hin verläuft. So entsteht eine Familie von 8 Zellen, von denen 4 (hintere) an dem ursprünglich hinteren Pole in fester Verbindung bleiben, während die 4 anderen (vorderen) tiefer unter dem hinteren Pole stehen und weiter nach dem klaffenden Ende der jungen Familie reichen. Vom hinteren Pole gesehen bieten diese 8 Zellen ein sehr ähnliches Bild, wie es Alexander Braun (Bot. Zeitg. 1875, S. 192) bei der von ihm beobachteten „radförmigen" Theilung der ungeschlechtlichen Fort- pflanzungszellen von Eudorina elegans beschrieben und Cohn (Bei- träge zur Biologie der Pflanzen, Bd. I, Heft 3, S. 96) von den Parthenogonidien von Volvox Glohator abgebildet hat. Indessen stehen die oben beschriebenen 8 Zellen nie in einer Ebene ange- ordnet, sondern bilden mantelförmige oben offene Kappen, an denen man die Anfänge der Gruppirung zu einer Hohlkugel bereits deut- lich erkennt. Diese 8 Zellen schlüpfen aber nicht, wie Cienkowski früher 100 verrauthet hatte, als selbstbewegliclie Schwärmer aus dem Endospor, sondern sie erleiden noch weitere Theilungen, Dieselben gehen nur noch in 2 sich kreuzenden Richtungen vor sich, ohne dass dabei eine Massenzunahme des gesammten Protoplasmas eintritt (Fig. 14. 15. 16). Die einzelnen Zellen jeder späteren Generation werden vielmehr immer kleiner und dünner; sie zeigen eine poly- gonale Gestalt und bilden eine im Verhältniss zu der sich erwei- ternden centralen Höhlung immer weniger mächtige Aussenschicht. Ungefähr innerhalb 2 Stunden haben sich die Zellen immer wieder aufs neue getheilt. Etwa neun Serien von Theilungen scheinen in der Regel auf einan- der zu folgen, bis dieselben aufhören und eine junge, zum Schwärmen bereite hohlkugelige Familie ausgebildet ist; wenigstens berechnete ich in zwei Fällen die Anzahl der Zellen solcher fertiger Familien auf einige über 500 (2^ = 512). Bei jeder folgenden Theilung rücken die um den vorderen Pol stehenden und die daselbst befindliche Lücke umgebenden Zellen näher an einander; doch ist noch sehr lange, in einigen Fällen an bereits frei beweglichen Familien der ursprünglich vordere Pol des Zellkörpers daran zu erkennen, dass einige Zellen der Familie nicht völlig zusammenschliessen, sondern einen bald kleinen, bald auffällig grossen Zwischenraum zwischen sich lassen (Fig. 14. 15. 16. 17. 18. 19). Bis zum Aufhören der Theilungen sind die Zellen (mit Ausnahme derer am vorderen Pole) dicht an einander gedrängt; alle besitzen den braunroth gefärbten körnigen Inhalt, der die Oospore charak- terisirte. Nach Beendigung der Theilungen tritt eine allmähliche Umfärbung in grün ein, während zugleich die Körner im Plasma zum Theil verschwinden. In einem Zustand, wo die Umfärbung noch nicht völlig durchgeführt ist, und die jungen Familien oliven- farbig aussehen (Fig. 20), entwickeln die einzelnen Zellen ihre Cilien. Dieselben entstehen nicht als lokale Verdickungen der Hautschicht, um sich später von derselben abzulösen, wie es Dodel- Port für die Schwärmzellen von Ulothrix zonata beschrieben hat (P ringsheims Jahrbücher, Bd. X, S. 417), sondern sie wachsen von dem nach aussen gerichteten kuppeiförmigen Scheitel jeder Zelle allmählich in die Länge. Ich fand Zustände, wo die bereits nach aussen gerichteten Cilien eine Länge von 3,5 — 4,8 jx hatten, und noch keine Bewegung besassen; später solche Cilien, die 8 \i lang waren und sich langsam peitschend bewegten, indem ihr oberes Ende sich langsam bis auf die Gallerthülle der Familie herunterbog 101 und dann wieder in die Höhe schnellte. Dadurch dass bei den benachbarten Zellen diese Cilienbewegungen noch ohne bestimmte Ordnung vor sich gehen, werden unsichere, drehende Bewegungen der jungen eingeschlossenen Familien hervorgebracht. An noch sehr jungen, aber bereits sich frei bewegenden Familien mass ich Cilien von 13 [JL Länge. Aus der Thatsache, dass an älteren, weiter ent- wickelten Familien die Cilien länger sind, als an solchen, deren Entwickelung noch etwas zurück ist, wird man schliessen dürfen, dass die Cilien aus dem Plasma der Zelle am Scheitel hervorge- schoben werden. Die ausgesprochene Grünfärbung der einzelnen Zellen geht noch innerhalb des erweiterten Endospors vor sich. Zum freien ümher- schwärmen ist die Familie bereit, wenn sich im Inhalt der Zellen nur noch einige wenige Körnchen vorfinden, im Plasma sich ein rother Augenfleck gebildet hat, und die Zellen selbst ihre Ecken abgerundet haben. Doch kommt es auch vor, dass man frei schwim- mende Familien erblickt, deren Zellen eine von oben gesehen 5 — 6 eckige Gestalt besitzen. Die Form der ganzen Familie ist nicht immer kugelrund, sondern häufig eiförmig. In diesem Zu- stande beträgt der Durchmesser der Familien 65 — 75 «i-, der der einzelnen Zellen 4 — 4,5 \i. Der Austritt der Familie aus dem dieselbe umschliessenden Endospor wird dadurch zu Wege gebracht, dass das letztere unter fortgesetztem Aufquellen seiner inneren Schichten sich endlich ganz auflöst. Noch scheint aber die Familie eine Zeit lang von einer weiten Hülle zarter Gallerte umgeben zu sein, denn man sieht zwar die Cilien lebhaft peitschen, die Familie auch rollende Bewegungen ausführen, aber eine deutliche Ortsveränderung erfolgt erst später, wahrscheinlich nach dem völligen Zerfliessen der optisch nicht mehr nachweisbaren Gallerte. Nun sind die jungen Familien nur noch von der consistenten, bei der ersten Theilung des Sporeninhaltes aufgetretenen Gallertmembran umschlossen und rollen in lebhafter Bewegung in der Richtung nach der Lichtquelle fort. Bald nach dem Freiwerden runden sich die einzelnen Zellen ab, wenn dies nicht bereits vorher geschehen ist, und rücken weiter auseinander, indem die sie trennende Gallertschicht sich erweitert. Bereits ehe dies Auseinanderrücken und die Abrundung beendet sind, lassen sich zwischen den vegetativen Zellen einzelne von anfangs sechseckiger Gestalt und bedeutenderer Grösse wahrnehmen, die einen helleren Inhalt besitzen, weiter ins Innere der Hohlkugel hineinragen, und sich später ebenfalls abrunden; sie zeichnen sich 102 vor den übrigen Zellen auch dadurch aus, dass sie keine Cilien be- sitzen. Wahrscheinlich sind es diejenigen Zellen, die sich später zu Parthenogonidien ausbilden, doch wurde ihre weitere Entwickelung noch nicht beobachtet. Familien, bei denen die vegetativen Zellen bereits abgerundet und aus einander gerückt waren, und welche bereits abgerundete junge Parthenogonidien (meist 3) zeigten, hatten einen Durchmesser von 100 — 120 }i, die vegetativen Zellen einen solchen von 5 a, die grösseren Zellen von 10 — 12 \i. Hohenheim, den 27. Februar 1879. Figuren-Erklärung. Taf. VI, Volvox minor Stein. Alle Vergiösserungen 1 : 380. Die Figuren sind sämnitlich mit der Camera lucida entworfen. Fig. la. Ein Stück aus einer gesehlechtsreifen Familie mit einem Antheridium, b. ein Antheridium, isolirt von unten, c. Spermatozoiden, d. Sperm. stärker vergrössert 1 : 1000. Fig. 2. Befruchtung; Spermatozoiden heften sich an die Oosphaere. Fig. 3. Reife Oospore, Quellung des Endospors beginnt. Fig. 4. Beginnende Zerreissung des Epispors. Fig. 5. Zerreissung des Epispors, Aufquellen des Endospors, Sporeninhalt noch ungetheilt, hyaline Stelle am vordem Pol gebildet. Fig. 6. Beginn der Theilung des Sporeninlialts ('^ Stunden später als Fig. 5). Fig. 7. Vollendete Zweitheilung des Sporeninhalts (I3/4 Stunden später als Fig. 6). Fig. 8. Das getheilte Sporenplasma ist bereits von einer Gallerthülle umgeben. Fig. 9. Weitere Entwickelung der Oospore; Vici theilung des Inhalts; die vier Zellen vom Rücken gesehen (2 Stunden später als Fig. 7). Fig. 10. Dieselben von der Seite gesehen. Fig. 11. Dieselben von unten gesehen. Fig. 12. 8zelliger Complex von hinten, Fig. 13. derselbe vom vordem Pole gesehen; die Buchstaben bezeichnen in beiden Figuren die nämlichen Zellen. Fig. 14. 16zelliger Complex vom vorderen Pole gesehen. Fig. 15. Derselbe vom hinteren Pole gesehen. Fig. 16. Eine Spore mit Ißzelligem Complex, das Epispor haftet noch am Endospor. Fig. 17. Sporeninhalt in 64 (?) Partien zerklüftet, in der Mitte noch eine kleine Lücke, dem vorderen Pole entsprechend. Fig. 18. Ovale, aus über 100 Zellen bestehende junge Familie. Fig. 19. Junge Familie, die eine ausnahmsweise grosse Lücke zeigt. Fig. 20. Jugendliche, noch bräunlichgrün gefärbte P'aniilie, innerhalb des Endospors bereits beweglich. üntersiiclumgen über Bacterien. vn. Versuche über die Infection mit Micrococcus prodigiosus. Universitätsdocenten iu Berlin. 1. Als ich Anfangs März d. J. das pflanzenphysiologische Institut in Breslau aufsuchte, um während der Ferienwochen unter der Lei- tung des Herrn Prof. Perd. Cohn mir einige Uebung im Experi- mentireu mit Bacterien anzueignen, wollte ein günstiger Zufall, dass im Institut reiches Material zur Anlage von Culturen des Micro- coccus prodigwsus Cohn (Monas prod. Ehrbg.) vorhanden war. Herr Prof. Cohn stellte — mit Hinweis auf die ausserordentlichen Vortheile, welche grade dieser Organismus Untersuchungen über Art und Weise der Infectionen gewähren könnte — mir dasselbe zur Disposition und schlug mir die im Wesentlichen nachstehend benutzte Methode der Untei'suchung vor, bei deren Ausführung mich auch Herr Dr. Eidam freundlichst unterstützte. Vor zehn Jahren hat J. Schröter mit gleichem Material syste- matische Versuche angestellt und dieselben in diesen Beiträgen (Bd. I. Heft II. 109) veröffentlicht. Seine Arbeiten fassten vornehm- lich die chromogene Eigenschaft des Micrococcus in's Auge, geben aber auch für die Auffassung seiner Lebensbedingungen einige werth- voUe Anhaltspunkte. Mir war es um die Beantwortung folgender Fragen zu thun: 1. Auf welche Weise findet bei M. 'prodigiosus die üebertragung der Keime statt? 2. Durch welche Mittel und Vorkehrungen werden die Keime zerstört oder die Folgen der absichtlichen Üebertragung auf- gehoben? Es handelte sich, mit anderen Worten, um den Modus der Infection und um die Vernichtung der iuficirenden Keime. Einige Vorversuche über die allgemeinen Eigenschaften des Micrococcus prod. und über die Auswahl des vortheilhaftesteu Nährbodens mögen als Einleitung dienen. 106 I. Wie verhält sich Micrococcus prodigiosus zu seinem Nährboden? 2. Trägt man einen kleinsten Tlieil des rothen Schleimes einer älteren Micrococcuscnltur in der Art auf die Fläche eines neuen Nährbodens auf, dass man durch sorgfältiges Verstreichen die röth- liche Färbung fast unsichtbar macht, so zeigt die neu inficirte Fläche bei einer Zimmertemperatur von 18" C. in den ersten 12 Stunden keine mit blossem Auge sichtbare Veränderung. Das früheste Zeichen der gelungenen Ueberimpfung konnte ich 15 Stunden nach dem Zeitpunkte derselben mittelst Loupe auf der sehr glatten und reinen Oberfläche einer gekochten Kartoffel entdecken. Nach 24 — 30 Stunden treten an vielen Stellen gleichzeitig äusserst kleine (0,3 — 0,5 mm grosse) rosenrothe oder etwas hellere Tröpf- chen auf, die bis zur Grösse von 3 — 4 mm anwachsen, dann zu- sammenfliessen und im Verlauf von 60 — 72 Stunden durch immer noch nachschiessende Tröpfchen zu einem continuirlichen Ueber- zuge der ernährenden Fläche umgewandelt werden '). Farben- niiance, Dicke, Unregelmässigkeiten in der Entwicklung desselben hängen von einer Reihe äusserer Momente ab, von denen wenigstens einige mit solcher Regelmässigkeit auftreten, dass sie bei Besprechung der einzelnen Nährmaterialien erwähnt werden sollen. Das Mikroskop löst mittelst starker Vergrösserungen (Hartn. J. XII.) den rothen Schleim in unzählige, ganz dicht zusammenliegende, sphäro- ellipsoidische Körperchen auf, welche chagrinartig den röthlichen Schleimtropfen erfüllen. Die Körperchen sind alle vollkommen gleich gross und gleich geformt und zeigen keinerlei Bewegungen. Die schon von Schröter ausgesprochene Vermuthung, dass die Körperchen selbst nicht die Träger der rothen Färbung seien, dass vielmehr das Pigment nur in den sie umgebenden Schleim secernirt sei, theile ich vollkommen, obgleich ihr Beweis auf einige Schwie- rigkeiten stösst. Macht man durch die Grenze des Kartoffelnähr- bodens und der aufgetrockneten Micrococcuswucherung einen mikros- kopischen Schnitt, so zeigt sich, wie an der Oberfläche die Kör- perchen massig in deutlich gefärbten Wolken aneinander liegen. Sie dringen aber auch in ihren Nährboden ein: Micrococ- cus-Häufchen umlagern netzartig die Kartoffelzellen, indem sie in der durch das Kochen aufgeweichten Intercellularsubstanz bis zu deren ') Im Sommer bei eiuer Zimmertemperatur von 22 — 21^ C. sind die Nähr- flächen (Kartoflelscheiben) schon nach 20 Stunden gleichmässig mit rothem Ueberzuge bedeckt. Cohn. 107 vierter nnd fünfter Schicht sich entwickeln. Diese tief eingedrun- genen Micrococcenhünfchen erschienen stets farblos; docli Hess sich nicht mit Sicherheit entscheiden, ob die Färbung wegen der gerin- geren Mächtigkeit der Schicht unkenntlich wurde, oder ob wirklich die von der Luft abgeschlossenen, ins Innere der Kartoffel vorge- drungenen Massen einer röthlichen Farbe entbehrten. — Ein gewis- ses Interesse gewährten derartige Durchschnitte noch gleichzeitig durch die Aehnlichkeit unserer Micrococcen und ihres Verhaltens zur KartofiPelsubstanz mit in die tieferen Gewebsschichten der Schleim- haut vordringenden Diphtheriekeimen. 3. Der Micrococcus prodigiosus greift seinen Nährboden in sehr energischer Weise an; auf vorwiegend amylumhaltigen Substanzen wie auf eiweiss- und kleberhaltigen Materialien vegetirend erzeugt er den charakteristischen Geruch, welcher seine Bildung stets beglei- tet: den sehr prägnanten und unverkennbaren, von Cohn auch durch Salzsäure-Reaction constatirten Trimethylamingeruch. Erst wenn nacli einer Entwicklung von 100 — 120 Stunden Bacterium Termo den Micrococcus procl. verdrängt und die Nähifläche mit einer oft 2 — 3 mm dicken Schicht gelblicher Schmiere überdeckt, so dass die rothe Fär- bung bis auf Spuren verschwindet, stellt sich auch Seitens dieser Substanzen ein starker Fiiulnissgeruch ein. — Der Farbstoff liefert, wenn man trockne oder feuchte mit Micrococcus "pr od. bedeckte Kar- toflfelscheiben durch Alkohol extrahirt, eine schön carmin- bis rubin- rothe Tinktur, deren charakteristische Eigenschaften von Schröter in der bereits angeführten Arbeit erschöpfend dargelegt sind. Auf besonders üppigen und reinen Culturen des M. prodigiosus, wenn derselbe in dichter gleichmässiger Schicht die ganze Oberfläche des Substrats überdeckt, zeigt er eine andere merkwürdige Eigenschaft, auf welche mich Dr. Eidam zuerst aufmerksam machte, Sie be- steht in einem grüngoldenen metallischen Glanz der dunkelblutrothen Culturen, der sehr intensiv sein kann, mit dem Schimmer aufge- trockneten Fuchsins die grösste Aehnlichkeit zeigt, von mir nur auf Kartoffeln erzielt wurde und noch nicht beschrieben worden ist. 4. Um einen für die eigentlichen Versuche besonders geeigneten Nährboden zu ermitteln, wurden die Vorversuche 1 — 22 angestellt, in welchen absichtliche Uebertragungen gut gelungener Culturen auf feuchtes Filtrirpapier, CoUodium, feuchte Watte, Stärkekleister, Reis- brei, Kartoffeln in verschiedenem Zustande, Mohrrüben in verschie- denem Zustande, Eiweiss und Eigelb ausgeübt wurden. Die Ent- wicklung fand im Brutofen bei 30 — 35 '*C. statt. Die Uebertragungsversuche auf die drei zuerst genannten Medien, 108 sowie auf bloss in kaltem Wasser aufgequollenen Reis, auf rohe Kartoffeln, auf rohe Mohrrüben, auf ungekochte Eibestandtheile schlu- gen constant und ohne Ausnahme fehl. Stärkekleister nahm die Infection an und zeigte nach 30 bis 36 Stunden einen sehr dünnen carmoisinrothen Ueberzug, der sich hier und da zu etwas dunkler gefärbten Streifen verdichtete. Eine im Laufe der nächsten 24 Stunden stattfindende Verbreitung bestand nur in einem geringen Saum, dessen Ränder ebenfalls etwas dunkler gefärbt erschienen. Nach 72 Stunden hatte der Kleister meistens bereits den charakteristischen sauren Geruch angenommen und die Mi- crococcus-Entwicklung stand vollkommen still, war auch durch Zusatz erprobter Bacterien - Nährlösung (saures phosphors. Kali, schwefeis. Magnesia ää 1,0 — neutrales weinsteinsaures Ammoniak 2,0 — Chlor- calcium 0,1 — Aq. destill. 200,0) nicht wieder zu erwecken. Reisbrei erschien bereits nach 30 Stunden deutlich inficirt. Der rothe Ueberzug, der wie bei Stärke eine karmoisin- oder pfir- sichblüthfarbene hellere Nuance zeigte, umwuchs die einzeln aus dem Brei ragenden Reiskörner und nahm auf den unteren Flächen derselben einen etwas dunkleren Farbenton an. Die Ausbreitung in die Fläche schien auch hier (vielleicht durch Austrocknung) beschränkt; das Uebergiessen mit der angeführten Nährlösung führte jedoch noch am fünften Tage eine weitere Ausbreitung herbei. Der sich entwickelnde Geruch muss als Modergeruch bezeichnet werden; er ist wohl der Entwicklung anderer Organismen zuzuschreiben. Eiweiss und Eigelb werden in rohem Zustande von Micro- coccus prod. nicht angesteckt. Gekocht nehmen sie ihn begierig an und zeigen schon nach 24 Stunden grössere blutrothe Tropfen, die stark über die Oberflächen emporragen. Im Eigelb dringen die Keime in die Tiefe vor soweit die Substanz noch gelockert ist; auf der Fläche des Eiweisses trat bereits im Lauf der nächsten 24 Stunden eine Degeneration der Culturen ein, indem dieselben sich mit einem sehr feuchten, nur noch schwach röthlichen Hof umgaben, welcher ein unzuverlässiges Impfmaterial lieferte: Zwei Drittel der mit dem- selben versuchten Kartoffel- Infectionen schlugen fehl. Mit der fort- schreitenden Verwässerung der auf Eiern angestellten Culturen schlug auch der Anfangs deutliche Trimethylamingeruch in einen (schwa- chen) Fäulnissgeruch um. Mohrrübenschnitte sind ungekocht gegen Micrococcus prod. immun. Gekocht entwickeln sie ihn innerhalb 24 Stunden in Gestalt eines röthlichen glasigen Schleimes, der die ganzen Oberflächen über- zieht und ein sehr schönes Impfmaterial liefert. Die mit demselben 109 auf Kartoffeln angestellten Culturen zeigten ausnahmslos den oben beschriebeneu merkwürdigen Metallglanz. Auf den Molirrübencul- turen selbst entwickelt er sich nie; dieselben gingen übrigens sehr schnell zu Grunde und verloren bereits am vierten Tage ihre Ueber- tragungsfähigkeit. Kartoffeln. Die auffallende Thatsache, dass nur die gekochte Kartoffel die Micrococcus-Infection bereitwillig annimmt, die rohe dagegen sich absolut abweichend verhält, veranlasste mich zu einer grösseren Anzahl von vergleichenden Versuchen, die durch die leichte Beschaffung und Handhabung grade dieses Materials besonders geför- dert wurden. Von befreundeter Seite darauf hingewiesen, dass die rohe Kartoffel vielleicht einen hindernden Säuregehalt habe (acid. hydrochlorJ)^ stellte ich zunächst die Reaction beider Zustände als eine schwach saure fest. Mehrstündiges Einlegen roher Kartoffeln in schwache und starke Lösungen von Natr. carh. machte dieselben zur Annahme der Infection nicht willfähriger. Kochen in starkem Essig zerstörte die Disposition der weichgekochten nicht im Gering- sten, während allerdings Einlegen in Salzsäure ihre Eigenschaft als Nährboden für unseren Micrococcus aufhebt. Wurden mehrere Kar- toffelschnitte in starker Natr. sulf.-Lösung, andere in Essig gekocht, so zeigte sich nach der Infection in der Entwicklung und im Ge- deihen der Culturen nicht der geringste Unterschied; — ich muss also die Frage, „ob die Imprägnation mit alkalischen oder sauren Flüssigkeiten (abgesehen von der energischen Einwirkung concen- trirter Säuren) die Disposition des Kartoffelnährbodens wesentlich alterire," — verneinen. Schon Schröter weist auf die Analogie hin, welche das Verhalten der Kartoffelnährfläche mit dem verschiedenen Widerstände darbietet, welchen die menschlichen Schleimhautflächen inficirenden Keimen entgegensetzen; es ist zur Weiterverbreitung, zum Wachsthum und zur Vermehrung derselben nicht blos eine Nähr- substanz nöthig, sondern dieselbe muss sich auch in einem besonders prädisponirten Zustande befinden. Micrococcus prodigiosus ist eben kein Parasit, sondern ein Saprophyt; er vermag wie alle saprophy- tischen Pilze den Widerstand lebender Gewebe nicht zu überwinden, und bedarf neben der Quellung, Lockerung und theilweisen Auflösung der Intercellularsubstanz auch der Abtödtung der Zellen, um sich anzusiedeln. — Die gekochte und wieder abgekühlte Kartoffel bietet in ihrer Schnittfläche den sichersten und bestdisponirten Boden für die Weiter- verbreitung unseres Micrococcus dar; an ihr wurden demnach die weiteren Versuchsreihen ausnahmslos angestellt. JIO II. Auf welche Weise findet die Uebertragrimg der Keime von Micrococcus prodigiosus statt? 5. Es ist weit weniger Sorgfalt nöthig, die Impfung auszuführen, als sie zu vermeiden. Wer mit Micrococcus prod. arbeitet, impft unabsichtlich alle disponirten Körper, mit denen er in Berührung kommt. Keine der gewöhnlichen Vorsichtsmassregeln ist hier aus- reichend; ich sehe von so groben Versuchsfehlern ab, etwa Messer, die man gereinigt zu haben glaubt, zur Herstellung der Schnitt- flächen zu benutzen; Gefässe anzuwenden, die nach der Entfernung vorheriger Culturen einfach ausgespült wurden; mit den eigenen noch so sorgfältig gewaschenen Händen die herzustellenden Ver- suchsobjecte zu berühren: unabsichtliche Aussaaten von Micrococcus- keimen sind die unausbleiblichen Folgen so grober Vernachlässigungen. Aber auch die Fläche des Arbeitstisches, ein neuer Draht, (den man im ungeglühten Zustande zur Herstellung der Schnittfläche be- nutzen will), das Handtuch, mit welchem man in naiver Fürsorge die zu schneidende Kartoffel fasst, kann verunreinigt sein und durch eine der Aufmerksamkeit entgangene vorherige Berührung verschleppte Keime aufgenommen haben. Kurz — nach einiger Zeit des Arbeitens mit diesen exquisit contagiösen Keimen sieht man sich in der Lage, ein System raffinirtester Cautelen auszudenken, durch deren unab- lässig eingedenke Anwendung es allein möglich ist, micrococcus- freie Kartoffelschnitte zu erhalten. Dann erst enthüllt sich die durch die fortwährenden Infectionen aller in einem Institut ausge- stellten disponirten Materialien entstandene Vermuthung, dass die Verschleppung der Keime ohne weiteres durch die Luft stattgefunden habe, als ein Irrthum, und die Annahme gewinnt an W^ahrschein- lichkeit, dass die Epidemien von Micrococcus prodigiosus, wie sie in Häusern, Instituten, Strassen, kleinen Orten zuweilen die aufge- stellten Speisereste — Kartoffelgerichte, Eiersalate, gekochtes Fleisch, M(^hlspeisen und andere breiartige Substanzen — überfallen haben, auf unbeachtete Berührungen, auf Verschleppung /nirückzuführen seien. Mit anerkennenswerther Vorsicht äussert sich Schröter über die von ihm beobachteten derartigen Vorgänge ; Von einer dem pflani!;enphysiolo gischen Institut im Herbst 1868 eingelieferten, an ihrer ganzen Fläche rotligewordenen Kartoffel wurde 6 Wochen später das Material zu Culturen entnommen, die den ganzen Winter hindurcli fortgeführt wurden. ,, Hierdurch schienen sich reichliche Keime in den Insti- tutsräumen verbreitet zu haben, denn in der Folge bedurfte es nur des Auslegeus von Nährsubstanz, um ziemlich sicher zu sein, das Auftreten von rother Färbung in kleinen Theilchen zu er- 111 halten, die dann beliebig vermehrt werden konnten. Nachdem in den letzten Jahren die absichtlichen Culturen eingestellt worden sind, scheinen sich die Keime ganz verloren zu haben/' Für die Frage nach der Verbreitung inficirender Keime durch die Luft schien mir eine relativ vollständige Feststellung des Verbreitungsmodus, dem unser Miavcoccus unterworfen ist, so wichtig zu sein, dass ich die folgenden 28 Experimente ausschliesslich dieser Untersuchung wid- mete. Es dürfte eben kaum einen Organismus geben, dessen Ueber- pflanzung — wenn gelungen — sich so prägnant und zweifellos docu- mentirt, wie dies beim Micrococcus prod. der Fall ist. Die Unter- suchung eines einzigen Krankheitsgiftes, welches in gleicher Rein- heit und Sicherheit die Spuren seiner Weiterverbreitung verfolgen Hesse, würde über die Fragen „Miasma oder Contagion" manche Auf- klärung verschaffen. G. Die Voraufgabe, nicht da zu inficiren, wo man nicht inficiren wollte, wurde auf folgende Weise gelöst. Die 15 Minuten gekochte Kartoffel wurde aus dem siedenden Wasser mit einer geglühten Zange herausgenommen, auf ein reines erhitztes^) Becherglas gelegt, mit erhitzter Watte umstopft, um fest zu stehen und dann mit einem neuen geglühten Draht durchschnitten ; der zum Versuch dienende Theil fiel, ohne dass auch nur seine Schale berührt worden wäre, nach Entfernung der erhitzten Watte mittelst geglühter Zange von selbst in das Becherglas hinab. Auch dieses letztere wurde beim Schneiden nicht mit den Händen direct, sondern nur, nachdem sie mit erhitzter Watte armitt worden waren, berührt. Auf diese Weise gelang es, Kartoffelscheiben zu erhalten, die bei Brutwärme von jeder unbeabsichtigten Ciiltur ausnalimslos frei blieben; an ihnen Hessen sich die Fragen nach der Wirkung des Contactes und nach etwaiger Infection durch die Luft lösen. 7. Contact. Feuchte Beschaffenheit und Reibung der gegenseitigen Flächen sind für die Uebertragung des Microcoo- cus von einem inficirten auf ein neues Kartoffelstück Bedingung. Während auf einer ausgetrockneten Fläche auch das Bestreichen mit feuchter Irapfmasse keine Wirkung erzielte, erfolgte, wenn man eine alte Micrococcencultur mit einem normal feuchten Stücke zusam- menlegte, die Uebertragung auch durch die minimalen Reibungen, ') Wenn mehrfach vom Erhitzen verschiedener Gegenstände — Becher- gläser, Watte etc. — die Rede ist, so wird darunter ein 10 — 15 Min. langer Aufenthalt dieser Gegenstände im Gasofen bei einer Temperatur von 130—150'^ C. verstanden; Zangen und Drähte wurden in der Gasflamme geglüht. 112 welche in einem begangenen Zimmer stets unvenneidlicli sind; die friscligeschnittene Kartoffel gab am Berührungspunkte genügende Feuchtigkeit ab, uro den entsprechenden Theil des eingetrockneten Micrococcus-Ueberzuges aufzuweichen. Die so erzielten Inficirungen waren jedoch beschränkt und unkräftig. Sehr üppig wurden sie, wenn man die Stücke mehrere Male an einander rieb; ausreichend für die contagiosa Uebertraguug auch das Wischen und Reiben der frischen Kartoffelstücke auf den Glas- und Tischplatten, auf welchen mit Micrococcus-Material gearbeitet worden war. Instructiv war für diese Art der Infection die Fläche einer Kartoffel, welche, auf dem Ar- beitstisch mit der Fläche gewischt, alle die Organismen in gleich- zeitigen Culturen zeigte, welche im Verlauf derartiger Arbeiten auf- zutreten pflegen ' ). Um die verschiedenen Arten des Contactes noch näher zu ver- gleichen, wurden drei Versuchsreihen angestellt, welche die Zufäl- ligkeiten der unbeabsichtigten Infection darthun sollten. An drei Arbeitsplätzen, an welchen mehrere Tage mit Micrococcus-Mate- rial stark manipulirt worden war, wurden je drei in oben beschrie- bener Art infectionsfrei vorbereitete Kartoffelflächen in Bechergläsern aufgestellt: die erste auf der Platte des Arbeitstisches einige Male leicht angewischt — die zweite mit einem Glasdeckel geschützt, auf dessen untere Fläche Micrococcus-Impfschleim aufge- trocknet war, — die dritte nur der Berührung mit der Luft ausgesetzt und vor Vertrocknung durch eine Wasserschicht {Aq. dest. — vorher gekocht) am Boden des Glases geschützt. Die gewisch- ten Kartoffeln zeigten sämmtlich nach 30 — 36 Stunden das Aufgehen punktförmiger Culturen auch bei gewöhnlicher Stubenwärme, die mit dem beschmierten Deckel versehenen blieben bei dieser Tempe- ratur frei ; im Wärmekasten jedoch, wo sich der aufsteigende Wasser- dampf an der Glasfläche zu Tropfen verdichtete, weichten diese Tröpfchen die Impfmasse auf und bewirkten minimale aber deutliche Infection (wie sich aus dem Verhalten des Micrococcus zum Wasser zeigen wird, mussten die Tröpfchen herabfallen, bevor die Keime zur Auflösung im Wasser gebracht waren). — Dagegen blieben die der Laboratorium-Luft ausgesetztenFlächen absolut frei. Auch die zahlreichen, in dem den Micrococcen-Culturen die- nenden Brutofen aufgestellten Nährflächen wurden durch die Luft desselben nicht inficirt. 1) Micrococcus prodigiosus, Micr. candidus, Micr. aurantiactis, Penicilliuni glmicum und Bacterium Termo. 113 8. Laftübertraguug. Die den gewöhnlichen Bewegungs- momenten unterworfene Luft übertrug also die in ihr möglicherweise befindlichen Keime nicht. Es musste, um dieser Thatsache eine Erklärung hinzufügen zu können, vor Allem ermittelt werden, ob eine Luft, welcher direct Keime in grösserer Masse dargeboten wurden, positivere Resultate herbeizuführen im Stande wäre — und ob es etwa nur stärkerer Luftbewegung bedürfe, um die in der Zimmerluft vermutheten Keime zu einem wirksamen Contact mit der exponirten Nährfläche zu bringen. Für die hierauf gerichteten 23 Versuche erwies sich die Arz- berger-Zulkowskysche Wasserstrahl -Luftpumpe von Böhme') in Brunn vorzüglich brauchbar. Mit dem Zuleitungsrohr an den Hahn einer Wasserleitung angeschraubt bewirkt dieselbe in dem Luftsaugerohr einen beträchtlichen negativen Druck und saugt eine Quantität Luft ein, deren Volumen man an dem aus dem dritten, dem Ausflussrohr wieder abströmenden Wasser direct messen kann. Der Wasserstrom wurde durchschnittlich so stark gewählt, dass in 10 See. 0,5 Liter Luft, also in einer Stunde 180 Liter Luft durch den Apparat gesogen wurden. Das Luftzuleitungsrohr wurde durch eine Glasgabel doublirt, so dass an jedes Zweigrohr derselben Apparate, welche von der aspirirteu Luft durchströmt werden sollten, befestigt werden konnten. Diese Apparate waren, in unserem Falle, Systeme von mehreren cylindrischen Gläsern (L IL IIL), durch deren festschliessende Gummipfropfen Glasrohre traten, welche das Durchtreten der Luft durch die einzelnen Cylin- der vermittelten. Das Glasrohr des am meisten von der Luftpumpe entfernten Cylinders (I.) mündete, gegen das Eindringen fremder Keime am äusseren Ende durch einen Wattebausch geschützt, in den Luftraum des Zimmers, das andere Ende reichte bis auf den Boden dieses „hinteren" Cylinders (L). Dicht unter dem Verschluss des letzteren begann ein zweites Glasrohr, welches, zweimal rechtwink- lig gebogen, schliesslich in den zweiten „vorderen" Cylinder (IL) hinüber leitete, und zwar auf den Boden desselben. Wenn es im Gange der Versuche lag, konnte diesem Cylinder mittelst einer glei- chen Vorrichtung nun noch ein dritter (III.) angefügt werden; mei- stens ging sein unter dem Pfropf ansetzendes Ausgangsrohr in einen Zweig der Glasgabel über. So passirte der Luftstrom gleichzeitig zwei resp. drei jener Glascylinder, indem er stets den Boden des äusser- sten derselben (I.) zuerst erreichte, ihn durch das Ausgangsrohr 1) Vergleiche die folgende Abhandlung p. 121. Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Band III. Heft I. 114 verliess, auf den Boden des vorderen (II.), resp. vordersten Gla- ses (III.) geleitet wurde und auf diese Weise alle in den Gläsern ihm exponirten Gegenstände scharf bestrich. Die hinteren Cylinder (I.) wurden mit Infectionsmaterial, die vorderen (II.) mit infectionsfähi- gen gekochten Kartoffelstücken gefüllt. Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden, dass die Präparation und Aufstellung des zu inficirenden Materials unter aller erdenklichen Sorgfalt unter den beschriebenen Cautelen erfolgte, und dass der regelrechte Gang des Luftstroms durch zeitweilig am hintersten Ende des Systems ange- fügte Wassercylinder controlirt wurde. 9. a) Bewirkt der über feuchte stark entwickelte Micrococcus- Gulturen geleitete Luftstrom Keimübertragung auf vorgelegte Nähr- ßächenf - Zur Entscheidung dieser Frage wurden in 7 Versuchen in den hinteren Cylindern (I.) ausgebildete ganz mit rothem Schleim überdeckte Kartoffelstücke, im vorderen intakte Scheiben gekochter Kartoffel angebracht und der Luftpumpenapparat 2V2 — 8 Stunden lang in Thätigkeit gesetzt. Auf dem Inhalt von 6 (vorderen) Glä- sern, welche intaktes Material enthalten hatten, fanden sich rothe Pünktchen in verschiedener Zahl — drei, vier bis acht, — welche grösstentheils an den unteren, dem vom Boden aufsteigenden zuge- leiteten Luftstrom zugekehrten Flächen der Kartoffelscheiben sassen. In einem nur auf 2 Vi Stunden ausgedehnten Versuche Hessen sich auf den Scheiben des vorderen Glases rothe Pünktchen schlechter- dings nicht auffinden. 10. b) Ist ein starker Luftstrom im Stande, von einer Monate lang eingetrockneten Cultur Partikeln mit sich fortzureissen'^ — Bei drei Versuchen, in weichen sich der Luftpumpe zunächst Gläser mit empfänglichem Material, hinter jedem derselben ein Cylinder mit alten fest zusammengetrockneten Kartoffelscheiben, auf deren Fläche Micrococcus-Culturen eingetrocknet waren, befanden, blieben die vom Luftstrom bestrichenen frischen Stücke vollkommen — auch nach 4-5tägigem Aufenthalt im Brutofen — von rothen Pünktchen frei. 11. c) Kommt eine Infection zu 8ta7ide, wenn der ansteckende Stoff in Pulverform dem Luftstrom dargeboten loird^ — Es wurde in vier Versuchen der Boden des hinteren Cylinders mit einer 2—3 mm hohen Schicht abgeraspelten Pulvers von einer getrockneten Cultur- fiäche überdeckt, der vordere Cylinder in gewohnter Weise mit Kar- toffelstücken gefüllt, nach 3 — 5 stündiger Thätigkeit des Apparats die zu inficirenden Gefässe in den Brutofen gebracht. Hier zeigten sich schon nach 15 — 18 Stunden auf den exponirt gewesenen Nähr- flächeu einzelne rothe Pünktchen, und wuchsen auf zwanzig und 115 mehr an. Sie sassen, wie bemerkt zu werden verdient, meistens auf der dem Verschluss des Glases zugekehrten oberen Fläche der Scheiben. 1 2. d) Ist eine continuirliche Feuchterhaltung der durchgesaugten Luft im Stande, das Ablösen inßcirender Keime von frischen (einen Schleimüberzug bildenden) Micrococcus-Culturen vollständig zu hin- dern'? — Die zur Lösung dieser Frage unternommenen Versuche wurden so angestellt, dass am entferntesten von der Luftpumpe zwei mit Wasser gefüllte Cylinder Platz fanden, durch welche der Luft- strom also zuerst hindurchtrat. Jedem Wassercylinder schloss sich ein, mit feuchter Micrococcusschicht überdeckte Kartoffelstücke ent- haltender Cylinder an und diesem war je ein in gewohnter Weise mit disponirtem Material gefülltes Gefäss vorgesetzt. Das Ergebniss der so angeordneten drei Versuche war nicht ganz leicht zu ermit- teln, bei einfacher Besichtigung nach 42 — 70 stündigem Aufenthalt im Brutofen erschienen die exponirten Stücke unverändert. Erst nach sehr genauer Durchmusterung jeder einzelnen Fläche Hessen sich in jedem Cylinderinhalt 2—3 ganz schwach markirte rothe Pünktchen auffinden. 13. e) Hindert eine Einschaltung von Watte in dem vom inji- cir enden zum ex'ponirten Material gehenden Luftstrom die üeber- tragung? — Da durch Einbringung der Watte in die verbindenden Glasröhren stets luftdichte Verstopfung derselben herbeigeführt wurde, suchte ich zuerst die Bedingung des Experimentes so zu erfüllen, dass ich den mit inficirendem Material gefüllten Cylinder in einen grösseren Cylinder brachte, des ersteren Ausgangsrohr in eine 1,5 Cm. dicke Watteschicht münden Hess und im oberen durch ein Drahtnetz (und die Watteschicht) vom Infectionscylinder abgegrenzten Raum des grösseren Gefässes die zu inficirenden Kartoffelscheiben placirte. Durch die schwierige Manipulation war indess eine unbemerkte Ver- schiebung der Watteschicht erfolgt, so dass eine kleine freie Pas- sage für den von unten aufsteigenden Luftstrom entstanden war, in deren Umgebung bereits nach 15 Stunden rothe Pünktchen an den exponirten Stücken auftraten. — Es wurden dann weitere Versuche in der Art aufgestellt, dass zwischen die mit Micrococcus (auf feuch- ten Flächen oder in Pulverform) gefüllten und die zu inficirenden Cylinder ein solcher mit loser Watte eingeschaltet wurde. Bei die- ser Anordnung blieben die vorderen Cylinder ausnahmslos frei. 14. f) Bewirkt die unmittelbar aus dem Laboratorium aspirirte Luft Infection't — Die mit Kartoffelstücken gefüllten Gläser, welche 2| — 3^ — 5 Stunden von einer direct aus dem Zimmerraum aspirir- 3* 116 ten Luft bestrichen wurden, zeigten keine auf Infection deutende Veränderung des in ihnen enthaltenen Materials. (Die negativen Ergebnisse wurden durch längeren, mindestens ötägigen Aufenthalt der Cylinder im Brutkasten sicher gestellt.) 15. Die aus obigen Versuchen sich ergebenden Schlussfolgerun- gen sind besonders mit Rücksicht auf die von Naegeli in seinem Buche über die niederen Pilze und ihr Verhältniss zu den Infections- krankheiten ausgesprochenen Theorien von allgemeiner Bedeutung, so dass ich dieselben in einigen präcisen Sätzen zusammenzustellen nicht unterlassen will: Ein starker contiuuirlicher Luftstrom, der eine mit Micrococcus p'odigiosus überzogene Oberfläche bestreicht und von da über dis- ponirte Nährflächen geleitet wird, reisst trotz der zwei rechtwink- lichen Krümmungen des Verbindungsrohres, wie unsere Anordnung sie mit sich brachte — Keime fort und setzt sie auf den exponirten Nährflächen ab. Und zwar findet dies statt, wenn die mit M. pro- digiosus überzogene Oberfläche, wie das unter natürlichen Verhält- nissen der Fall ist, feucht und der Luftstrom trocken ist, schwieriger und in geringerem Maasse, wenn derselbe feucht erhalten wird. Am leichtesten gelingt die Uebertragung der Keime, wenn dieselben dem Luftzuge in Staubform dargeboten werden. Dagegen werden von einer Oberfläche, auf welcher M. prodigiosus fest aufgetrocknet ist, keine Keime losgerissen. Ebenso wenig überträgt die gewöhnliche Bewegung der Luft des Zimmers Infektionskeime, auch wenn in dem- selben sich Micrococcus-Culturen befinden. Auch durch Watte wird die Uebertragung von Micrococcuskeimen durch die Luft verhindert unter Verhältnissen die sonst Infektion veranlassen würden. Contakt mit feuchten Microcoecusmassen dagegen bewirkt sofort Infektion. III. Welche Mittel und Vorkehrungen zerstören die Keime des Micrococcus prodigiosus oder heben die Folgen der absichtlichen Uebertragung auf J IG. Die Bemerkungen von Schröter, dass der Zutritt von Licht für die Entwicklung des Micrococcus ohne Bedeutung sei, dass er andererseits nur bei Luftzutritt gedeihe, konnten unsere auf die- sen Punkt gerichteten Versuche lediglich bestätigen. Dagegen erge- ben dieselben hinsichtlich der Temperatur einige Abweichungen. Die gewöhnliche Zimmertemperatur (des Monats März) hielt die Ent- wicklung der Culturen wesentlich auf, so dass erst nach 60 Stunden unter ihrem Einfluss ein deutliches Angehen derselben erfolgte, wäh- rend zu gleicher Zeit geimpfte und im Wärmekasten (35" C.) unter- 117 gebrachte Stücke schon nach 30 — ja zuweilen schon nach 20 Stun- den lebhafte Entwicklung zeigten; mit anderen Worten: die Incu- bationszeit wird durch eine auf 12 — 15" herabgeminderte Tempera- tur auf mindestens das Doppelte verlängert. — Die Vernichtungs- temperatur für den Micrococcus prodigiosus liegt zwischen 68*' und 80" C. trocken: während Stücke, welche im Gasofen 10 — 15 Min. lang der ersteren ausgesetzt wurden, noch gutes Impfmaterial liefer- ten, waren bis auf 78" und 80" erhitzte nicht mehr ansteckungs- fähig. Das Aussehen der Culturen giebt hier keinen Anhaltspunkt, da es noch bei viel stärkerer Erhitzung (125" — 160") sich nur durch eine blanke Kruste von dem unerhitzten Material unterscheidet, ohne dass in der Farbennüance oder im mikroskopischen Bilde eine Ver- änderung eingetreten wäre. — Bei gelinder Wärme eingetrocknet, behalten die aufbewahrten Culturen ihre Keimfähigkeit Monate lang. So waren meine ganzen Impfungen mit einem Material bewerkstel- ligt, das bereits im October 1878 getrocknet worden war. — Wird die Schnittfläche der gekochten Kartoffel im beissen Zustande geimpft, so zeigen die entstehenden Culturen ein kümmerliches und fleck- weises Aussehen. 17. Wasser erweist sich im heissen und kalten Zustande der Vermehrung des Micrococcus feindlich, indem es ihn vom Nährboden löst und fortspült. Legte man gut entwickelte feuchte Culturen 20 — 36 Stunden in kaltes Wasser, so zeigten sie, herausgenommen, noch einen leichten pfirsichfarbenen Schimmer, in welchem fortpflan- zungsfähige Keime nicht mehr enthalten waren; die so behandelten Stücke blieben auch unter sonst guten Brutverhältnissen steril. Der im Wasser zu Boden gesunkene leicht rosenfarbene Schlamm enthielt ebenfalls keine impffähigen Keime mehr. Die Auflösung der Micro- coccuskörperchen im Wasser lässt sich auch unter dem Mikroskop direct beobachten. Glycerin conservirt diese Körperchen mehrere Tage (auf 8 Tage Zeitdauer beobachtet). — Heisses Wasser bewirkt die Abspülung und Auflösung der Culturen in wenigen Minuten. Alkohol zieht schnell den rothen Farbstoff aus und macht die Körperchen zur Impfung unfähig. Mit Alkohol behandelter Nähr- boden nahm zuweilen frisches Impfmaterial noch an und bewirkte ein kümmerliches Angehen desselben. Carbolsäure macht nach kurzer Berübrungsdauer sowohl den Keim unwirksam, als auch den Nährboden steril. — Kali liyper- marnjanicum bewirkt in 2 — 5"/o Lösung keine Tödtung des Keims, alterirt dagegen die Beschaffenheit des Nährbodens. Salicylsäure 118 schien in verdünnter Lösung den Nährboden sogar ergiebiger zu machen, der Keim wurde durch sie nicht alterirt; stärkere wurden nicht versuciit. — Von anorganischen Säuren erwiesen sich Salz- und Salpetersäure als absolut tödtlich. 18. Abgesehen von diesen Vernichtungsbedingungen (22 Versuche), deren Zahl ja noch bedeutend vermehrt werden könnte, existiren für den Micrococcus prod. solche in Gestalt anderer niederer Organismen, deren Keime, sei es dass sie mit überimpft wurden, sei es dass sie aus der Luft oder den Gefässen in die Cultur- flächen hineingelangten, ihn nach Verlauf von 5 — 6 Tagen von seinem Nährboden verdrängen. Es sind einmal Micrococcus can- didus und aurantiacus , Penicülium glaucwm, die sich an ein- zelnen beschränkten Stellen der Nährflächen ansiedeln. Wird aber der Micrococcus prod. nicht am vierten Tage nach der Uebertragung durch Eintrocknung fixirt, so beginnt ein schleimig-klebriger, hell- wachsgelber Ueberzug von den nicht durch Micrococcus bepflanzten Stellen aus sich über die ganze Fläche zu verbreiten. Derselbe besteht aus reinem Bacterium Termo, welches nach 48 — 60 Stunden die rothen Stellen so reducirt, resp. unsichtbar gemacht hat, dass die ganze Oberfläche des Kartofi'elschnitts nun schmierig und gelb erscheint. Doch stecken unter diesem Schlamm noch immer cultur- fähige Micrococcus-Keime, wie man sich durch üeberimpfung eines anscheinend rein gelben Klümpchens auf eine frische Kartoffel- fläche überzeugen kann. Dieselbe geht dann roth an, — eine That- sache, die ohne Controlexperimente wohl im Interesse der polymor- photischen Theorie ausgebeutet werden könnte. Wiederholt man jedoch diesen Versuch (selbstverständlich unter den Cautelen gegen unabsichtliche Micrococcusübertragung) häufiger, so wird man sich bald überzeugen, dass aus noch älteren oder einmal wirklich reinen gelben Klümpchen sich immer nur Bacterium Termo — auch auf ganz frisch gekochten Kartoffeln — erzeugen lässt, mit anderen Worten, dass die verhängnissvolle, meistens nicht zu vermei- dende Keimvermengung auch hier ihre Rolle spielt. — Die vorher erwähnten Organismen — Micrococcus candidus und auran- tiacus, sowie Penicillium glaucum — lassen es zu, dass die blut- rothen Tröpfchen des M. prodigiosus sich noch etwas erhöhen und aus- breiten; doch hat sich niemals gezeigt, dass — ebensowenig wie gegenüber dem Bacterium Termo — unser Micrococcus diese After- wucherungen verdrängt und sein Terrain wiedererobert hätte. Breslau, 4. April 1879. VIII. Untersiicliimgen ül)er die m der Luft siispendirten Bacterien. Von Dr. Miflet aus Kiew. Mit einer Einleitung von Dr. Ferdinand Cohn. Hierzu Tafel VII. und VIII. 1. Wenn auch schon von vielen Forschern seit Ehrenberg das Vorkommen von Pilzkeimen in der Luft theils direkt nachgewiesen, thcils aus dem Auftreten von Pilzen auf oder in sich zersetzenden organischen Substanzen erschlossen wurde, so ist doch das allge- meine Interesse in neuester Zeit erst durch Pasteur auf diese Keime, insbesondere die von Hefepilzen und Bacterien, in ihrem Zu- sammenhang mit den Fermentationen, gerichtet worden. In seiner berühnaten Abhandlung über die organisirten Körperchen in der Atmosphäre glaubte Pasteur^) entscheidende Beweise für die An- nahme zu liefern, dass alle bei der Gährung und Fäulniss auftre- tenden mikroskopischen Organismen, in denen derselbe theils Pflan- zen, theils Thiere erblickte, soweit sie nicht in dem für die Versuche benutzten organischen Substrat, dem Wasser oder den Gefässen präexistirten, oder durch Verunreinigung hineingebracht wurden, nothwendig von Keimen herstammen, die aus der Luft hin- eingefallen und durch Abhalten oder Abfiltriren der Luft abgehalten werden können. Die wichtigsten der durch Pasteur angeregten Untersuchungen über die organisirten Gebilde in der Luft, deren vollständigste ') Pasteur, Mein. s. 1. corpusc. organises qui existent dans Tatmosphere. Journ. de Chim. et de Phys. 1862. ser. III. tom. 64 p. 5. 120 Zusammenstellung die Abbandlung von Douglas Cunningham giebt'), babe icb in meinem Aufsatze „Unsichtbare Feinde in der Luft^)" besprochen. Ich habe dabei hervorgehoben, dass durch die bisher zur Aufsammlung mikroskopischer Organismen aus der Luft benutzten Methoden im Allgemeinen nur grössere Pilzsporen und andere fremde Körper (Algen, Moosfragmente, Pollen, Gewebsfasern, Federn, Stärke, hauptsächlich aber Kieselfragmente) nachgewie- sen werden, denen vom hygienischen Gesichtspunkte aus nur eine untergeordnete Bedeutung zukömmt, dass sich jedoch über Gegen- wart oder Abwesenheit der für Fermentationen und pathogene Infectionen in erster Reihe in Frage kommenden Bacterien kein sicheres Urtheil durch dieselben gewinnen lässt. Noch weniger konnte bisher die Kardinalfrage zur Entscheidung gebracht werden, ob die in der Luft etwa suspendirten Bacterienkeime noch entwick- lungsfähig sind, ob sie sich noch vermehren und Fermentwirkungen äussern können, oder ob sie nicht durch Austrocknen ihre Keimfä- higkeit völlig verloren haben ^)? In der That ist es durch eine Anzahl neuerer Untersuchungen, unter denen die von Burdon Sanderson hervorzuheben sind, in hohem Grade zweifelhaft geworden, ob die Keime der bei Gährung und Fäulniss sich entwickelnden Bacterien wirklich aus der Luft 1) Cunningham Douglas, Microscopic examination of air. Calcutta. Ohne Jahresangabe. 1873? 2) Rede in der dritten allgemeinen Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Breslau am 24. Sept. 1874; abgedruckt in dem Bericht der Versammlung p. 138. 3) Die nämlichen Einwürfe müssen auch gegen die neusten Untersuchun- gen erhoben werden, welche P. Miquel im Observatorium des Park zu Montsouris bei Paris über die in der Atmosphäre suspendirten organisirten Staubtheilchen angestellt hat. (Les poussieres organisees tenues en Suspen- sion dans l'atmosphere, Compt. rend. hebd. de l'Acad. des sciences. Paris 1878. Tom. 86. p. 1552.) Die durch den Trichter eines Aeriskops mit einer OefiF- nung von 0,5 mm Durchmesser hindurch gesaugte Luft setzte ihre Unreinig- keiten auf einem Plättchen ab, auf dem sich ein Gemisch von Glycerin und Glycose befand. Die aspirirte Luftmenge konnte vermittelst eines Zählappa- rats gemessen werden und betrug etwa 20 Liter in der Stunde, die Zahl der organisirten Körperchen varürte von 500—120,000 für den Kubikmeter Luft, lOOmal grosser als Maddox und Cunningham sie früher gefunden; sie varürte nach den Jahreszeiten, von Temperatur und Feuchtigkeit beeinflusst. Aber diese „Microbes oder microgermes" waren auch nur „spores des Muce- dinees et semences de iiombreuses productions cryptogamiques, ensuite fruc- tifications de certains Champignons" neben Algen und verschiedenen Frag- menten, auch Eier (!) grosser Infusorien. 121 stammen, oder ob nicht die Infektion ausschliesslich durch das Wasser oder durch Contakt mit unreinen Oberflächen stattfindet. 2. Zur experimentellen Lösung der Frage, ob in der Luft ent- wicklungsfähige Schizomycetenkeime vorhanden resp. nachweisbar seien, habe ich eine andere Methode vorgeschlagen, nämlich grosse Volumina Luft in Nährflüssigkeiten zu waschen, in denen die Keime derselben sich später vermehren und dadurch mikroskopisch und selbst makroskopisch zur Wahrnehmung kommen. Der von mir früher benutzte Apparat') bestand aus einer Reihe durch Glas- oder Kautschukröhren unter einander verbundener, und mit mineralischer Bacteriennährlösung theilweise angefüllter Glascylinder, durch welche die Luft vermittelst eines Aspirators hindurchgesaugt wurde, so dass die nämliche Luftraenge sämmtliche Glascylinder hinter einander durchstreichen und in ihnen die suspendirten Körperchen absetzen musste, welche sodann im Wärmkasten zu weiterer Entwicklung gebracht wurden. Eine sehr vortheilhafte Modifikation dieses Apparats habe ich dadurch herbeigeführt, dass ich als Aspirator die nach Arzberger und Zulkowsky^) von Paul Böhme in Brunn construirte trans- portable Wasserstrahlluftpumpe verwendete und die Verbindung zwischen den Waschcylindern derartig herstellte, dass in jedem der- selben ein separater Luftstrom, nach Bedarf in verschiedener Nähr- lösung, gewaschen werden kann. Die genannte Luftpumpe hat vor allen anderen Aspiratoren den Vorzug, dass sie einen durch unbegrenzte Zeiten ununterbrochenen regulirbaren Luftstrom gestattet. Um denselben in Gang zu bringen ist weiter nichts erforderlich, als das Wasserzuflussrohr mit dem Hahn einer Wasserleitung durch einen Kautschukschlauch (bei A in umstehender Figur) in Verbindung zu setzen und den Lufthahn R richtig zu stellen, während das Wasserabflussrohr durch einen Kaut- schukschlauch bei B in das Becken der Wasserleitung gelegt wird. Das Luftrohr D der Wasserstrahlluftpumpe C wird mit einem 1 cm starken Glasrohr in Verbindung gesetzt, welches sich am ent- gegengesetzten Ende in zwei gleiche Gabeläste theilt (E). Jeder derselben wird durch einen Kautschukschlanch mit einem Glascylin- der verbunden, welcher eine Höhe von 15 Centimeter und einen inneren Durchmesser von 3 Centimeter besitzt und mit doppelt durchbohrtem Kautschukstopfen verschlossen ist (FF'). Durch die 1) Beiträge zur Biologie der Pflanzen Bd. I. Heft 3. p. 148. 2) Annalen der Chemie und Physik Bd. 176 p. 327. 122 eine Oeflfnung des Stopfens reicht ein grades Glasrohr von 0,5 Cen- timeter Durchmesser bis nahe auf den Boden des Cylinders (aa') ; durch C. Wasserstrahlluftpiimpe. A. Zuleitungsrohr des Wassers. B. Ableitungs- rohr des Wassers. D. Luftsaiigrohr der Luftpumpe. R. Hahn zur Reguli- rung des Luftstionis. E. (ilasgabel. F.F' Wascheylinder. a.a' Luftsaugrohr der Wascheylinder. b.b' Verbindunysrohr mit der Luftpumpe. dieses dringt die von der Luftpumpe aspirirte Luft in die Cylinder ein. In das andere Loch wird eine zweimal rechtwinklig gebogene Glasröhre von gleichem Durchmesser eingesetzt, welche direct unter- halb des Stopfens mündet; das freie Ende dieser Röhre wird mit einem der beiden Gabeläste (E) durch Kautschuk verbunden (bb'). Vermittelst dieser Vorrichtung kann die Luft gleichzeitig durch zwei Cylinder in völlig gleichmässigem Strome hindurchgesaugt und, wenn letztere mit Flüssigkeit etwa bis zur Hälfte gefüllt worden, gleich- zeitig auch gewaschen werden. Werden zwei Paar so verbundener Glascylinder durch eine ähnliche Glasgabel in Verbindung gesetzt, so ergiebt dies vier gleichzeitig für Parallelversuche benutzbare Waschapparate. Bei Bedürfniss kann selbst noch eine grössere Zahl von Cylindern nach Belieben zusammengestellt werden, wobei allerdings sorgfältige Regulirung vermittelst Quetschhähnen erforder- lich ist. Bei dieser Einrichtung ist eine Vermischung der Wasch- flüssigkeiten benachbarter Cylinder unmöglich, wie sie in den frühe- ren Apparaten bei directer Communication derselben und bei einiger- massen kräftigem Luftstrom nicht vermieden werden konnte. Nicht minder wird eine gleichmässige Anhäufung der Keime aus der Luft 123 in den verschiedenen Waschflüssigkeiten erzielt, während bei der frühe- ren Verbindung ein progressives Abnehmen stattfand, da der nämliche Luftstrom mehrere Waschcylinder hintereinander passiren musste. 3. Herr Dr. Miflet, welcher im Sommersemester 1878 in unserem Pflanzenphysiologischen Institut sich mit Studien über Bacterien beschäftigte, wurde von mir ersucht mit Hülfe des eben beschrie- benen Apparats eine zusammenhängende Untersuchung über die in der Luft enthaltenen Bacterien anzustellen, deren Ergebnisse ich mit ihm mikroskopisch geprüft habe. Als Wasch flüssigkeiten wur- den für diese Versuche gewählt: 1. Eine mineralische Nährlösung von folgender Zusammensetzung: Saures phosphorsaures Kali 1 gm Schwefelsaure Magnesia 1 = Neutrales weinsteinsaures Ammoniak 2 = Chlorcalcium 0,1 » Destilllrtes Wasser 200 = 2. Eine zehnprocentige Lösung von Malzextract. 3. Eine einprocentige Lösung von Liebig'schem Fleischextract. 4. Bevor wir unsere Untersuchung begannen, musste dafür Sorge getragen werden, dass die in den benutzten Flüssigkeiten und Appa- raten bereits früher vorhandenen Keime, die als primäre Keime bezeich- net werden können, getödtet, d. h. dass der Apparat vollständig desinficirt werde; als der geeignetste Weg dazu ergab sich eine hin länglich lange Einwirkung einer Temperatur über 100" C. Folgende Vorversuche wurden angestellt, um ein völlig sicheres Desinfektions- verfahren zu ermitteln. Die Cylinder wurden jeder mit 25 Gramm obiger Nährlösungen gefüllt, auf einem schweren Stativ zur Verhin- derung des Umfallens festgebunden und, nachdem die Glasröhren durch Kautschukkappen verschlossen, in einem zu % mit Wasser gefüllten geräumigen Papin'schen Topf 20 Minuten lang gekocht, hierauf in den schon früher beschriebenen*) Wärmkasten gebracht, in welchem sie bei einer Temperatur von etwa 30" C. längere Zeit verblieben. Schon nach drei Tagen zeigten die Cylinder mit Malzextract und Fleischextract eine deutliche Trübung, die mit der mineralischen Lösung dagegen blieben klar. Die mikroskopische Untersuchung lehrte, dass die Trübung bei den ersteren Cylindern ausschliesslich von Bacillen herrührte. 20 Minuten andauerndes Kochen hatte also nicht genügt zur Vernichtung der primären Keime im Malz- und Fleisch-Extract, wohl aber war dasselbe ausreichend >) Band 1. Heft 2 pag. 196 dieser Beiträge. 124 für die mineralische Nährlösung, vermnthlich weil in ersteren, nicht aber in letzterer widerstandsfähige Bacillussporen vorhanden waren. Durch successives Vorgehen nach dieser Methode wurde endlich das Resultat gewonnen, dass zur absolut sichern Desinfektion der Apparate, wenn dieselben mit Fleisch- und Malzextract ge- füllt waren, ein 1 Va stündiges Kochen im Papin'schen Topf erfor- derlich sei. Behufs der Controle wurden fortan die in dieser Weise desinficirten Apparate noch mindestens drei Tage im Wärm- kasten belassen; von denjenigen, welche auch dann völlig klar geblieben waren, konnte angenommen werden, dass sich auch später in ihnen nichts entwickeln werde, und nur solche Waschcylinder wurden zu den ferneren Versuchen verwendet. 5. Hierauf suchten wir uns darüber Gewissheit zu verschaffen, ob die oben erwähnten Nährflüssigkeiten für dieEntwicke- lung der Bacterien überhaupt einen günstigen Boden liefern. Zu diesem Zwecke wurden die desinficirten Nährlösungen mitRacteriumTermo, verschiedenen Bacillus und anderen Arten geimpft, in den Wärmkasten gebracht und nach drei Tagen mikroskopisch untersucht. Es ergab sich die Thatsache, dass verdünnter Fleisch- und Malzextract im allgemeinen für die Entwicklung aller Bacterien ein sehr vortheilhaftes Medium ist, während die mineralische Nähr- lösung vorzugsweise nur für die Vermehrung von Bacterium Termo geeignet zu sein scheint. 6. Hierauf fussend wurden mit diesen drei Flüssigkeiten eine Reihe von systematischen Untersuchungen ange- stellt, bei denen der obige Apparat angewendet wurde. Durch Oeffnung des Wasserleitungshahnes wurde die Luftpumpe in Thätig- keit gesetzt und 24 Stunden lang ohne Unterbrechung die Luft durch die Waschcylinder gesaugt. Das Volumen der gewaschenen Luft Hess sich durch Stellung des Wasserleitungshahns reguliren. Directe Messungen in einzelnen Fällen ergaben , dass pro Stunde circa 150 Liter, also in 24 Stunden 2550 Liter Luft hindurch gesaugt wur- den. Nach Beendigung des Versuchs wurden die Waschcylinder in den oben erwähnten Wärmkasten gebracht und daselbst bis zu 3 Tagen belassen. Die Entwicklung von Bacterien Hess sich schon makrosko- pisch durch Trübung erkennen; oft bildeten sich schwimmende Häutchen oder Absatz. Blieben die Nährflüssigkeiten innerhalb dieser Zeit klar, so trat auch bei längerem Verweilen im Wärmkasten keine Trübung mehr ein, und die mikroskopische Untersuchung ergab, dass sich dann überhaupt keine Bacterien entwickelt hatten. Im entgegen- gesetzten Falle wurden vermittelst ausgeglühter Pipetten kleine Proben 125 von Nährflüssigkeit herausgenommen und mit Hartnack, Immersion XII. untersucht, die Bacterien selbst nach Weigert-Koch'scher Me- thode durch Methylviolett und Anilinbraun gefärbt und sofort gezeichnet. 7. Um darüber Gewissheit zu erlangen, ob die bei unsern Versuchen sich entwickelnden Bacterien wirklich von Keimen herstammten, welche aus der Luft ausgewaschen waren, wurde folgender Versuch angestellt: Die geraden zum Eintritt der Luft in die mit Fleisch- und Malzextract gefüllten Waschcylinder dienenden Glasröhren wur- den mit Watte verstopft, sodass nur solche Luft die Waschflüssig- keit durchströmte, welche vorher die Watte passirt hatte. Bei Anwendung von gewöhnlicher Baumwollenwatte stellte sich in der Regel eine deutliche Trübung ein, die von Bacterien herrührte. Bei Anwendung von Watte dagegen, welche durch Salicylsäure, absoluten Alkohol oder durch Erhitzen desinficirt worden war, entstand keine Trübung. Diese Versuche ergaben also, dass die in der Luft ent- haltenen Keime durch desinficirte Watte vollständig abfiltrirt werden, dass dagegen das Auftreten von Bacterien bei Benutzung eines Filters gewöhnlicher Watte auf die in letzterer enthaltenen und durch den starken Luftstrom fortgerissenen Unreinigkeiten zurück- zuführen sei. In Folge dieses Ergebnisses wurde bei allen wei- teren Versuchen jedesmal ein Waschcylinder zum. Zwecke der Controle eingeschaltet, bei welchem die Luft durch desinficirte Watte filtrirt war. Blieb dieser (im Folgenden als Controlcylinder bezeichnet) klar, während die übrigen Cylinder, in denen die Luft nicht filtrirt wurde, sich trübten, so konnte mit voller Gewissheit an- genommen werden, dass die Keime der in den Wasch - Flüssigkeiten entwickelten Bacterien einzig und allein nur aus der Atmosphäre herstammen mussten. 8. Die Fragen, deren Lösung durch unsere Untersuchungen an- gestrebt wurde, waren folgende: 1. Sind in der Luft Keime von Bacterien vorhanden und lassen sich dieselben nachweisen? 2. Ist es möglich diese Keime zur Entwickelung und Vermeh- rung zu bringen und durch welche Methode? Beide Fragen mussten gesondert untersucht werden. Denn es Hess sich die Möglichkeit denken, dass zwar in der Luft Bacterien- keime existiren, dass unsere Methoden aber nicht ausreichen, um dieselben aufzufinden, ihre Formen zu unterscheiden und die Medien zu wählen, welche für ihre weitere Entwickelung geeignet sind. In der That hatten meine früheren Versuche mit der Luftwäsche') ») Beiträge etc. Bd. I. Heft 3. p. 150. 126 das Resultat ergeben, dass sich in der Regel in den Waschflüssig- keiten zwar Hefe und Schimmelpilze, aber nur ausnahmsweise Bacte- rien entwickelten; gleichwohl durfte ich daraus nicht denSchluss ziehen, dass in der Luft entwicklungsfähige Bacterien in der Regel überhaupt nicht vorhanden seien, sondern ich wurde zu der Annahme geführt, „dass dieselben als leichte und von einer Gallerthülle umgebene Körperchen im Wasser nur mit besonderer Schwierigkeit festgehalten, meist aber von den aufsteigenden Luftbläschen wieder fortgerissen werden, ohne benetzt zu sein." Bei den im Weiteren zu berichtenden Unter- suchungen hat sich ebenfalls herausgestellt, dass in der früher von mir allein benutzten mineralischen Nährlösung viel schwieriger die Bacterien zur Entwicklung gelangen, als in den Lösungen von Malz- und Fleischextrakt. Uebrigens ist die Möglichkeit nicht zu bestreiten, dass neben den von uns nachgewiesenen und zur Ver- mehrung gebrachten höchst mannigfaltigen Bacterienformen noch eine grosse Menge anderer Arten in der Luft suspendirt seien, die uns nur darum entgingen, weil wir für sie eben nicht den günstigsten Nährboden ermittelt hatten. Nichtsdestoweniger glaube ich anneh- men zu dürfen, dass unser Apparat ein werthvolles Hilfsmittel ab- geben wird, um manche, insbesondere hygienisch wichtige Fragen über Reinheit oder Verunreinigung der Luft durch zymogene oder pathogene Keime, Wirksamkeit der Desinfektionen, Malaria u. s. w. zur Entscheidung zu bringen. 9. Bei dieser ersten systematischen Untersuchung haben wir uns bereits bemüht, die Luft von möglichst verschiedenartigen Lokalitäten zu untersuchen; von solchen, von denen anzunehmen war, dass die Luft relativ am reinsten, und von solchen, von denen man vermuthen konnte, dass sie am meisten verunreinigt sei. Es wurde deshalb der geschilderte Apparat in folgenden Räumlich- keiten aufgestellt und in Thätigkeit gesetzt: 1. Im Arbeitszimmer des Pflanzenphysiologischen Instituts, im Hofe und im Kloakenraum des betreflfenden Gebäudes. 2. Im botanischen Garten (Waldluft und Bodenluft). 3. Im Operationszimmer der chirurgischen Klinik. 4. Im Sectionszimmer des pathologischen Instituts. 5. Im Wenzelschen Krankenhaus, in der Station für Flecktyphus- kranke'). Breslau, Juli 1879. F. Cohn. 1) Zur Zeit der Versuche bestand in Breslau eine Flecktyphus-Epidemie. SämmtlicJie Kranke wurden nacli dem ausserhalb der Stadt auf freiem Felde gelegenen Krankenhaus geschafTt. Die Zimmer, in denen die Apparate aufge- stellt waren, waren mit 5 bis 7 Kranken belegt. 127 Bericht über die im Sommer 1878 zu Breslau angestellten Untersuchungen der in der Luft suspendirten Bacterienkeime. Von Dr. Miflet. Auf Veranlassung und unter Leitung des Herrn Prof. Ferdinand Colin habe ich von Mitte März bis Ende Juli 1878 eine zusammen- hängende Reihe von Untersuchungen über die in der Luft enthal- tenen und entwicklungsfähigen Bacterienkeime angestellt, deren Er- gebnisse ich im Folgenden zusammenstelle. Herrn Prof. Cohn, sowie Herrn Dr. Eidam spreche ich meinen Dank für die mir zu Theil gewordene Förderung aus. I. Zimmerluft der Arbeitsräume im pflanzenpliysiologisclien Institut. In dem Zeitraum vom 30. März bis 7. Mai 1878 wurde die Luft dieser Localitäten fünf Mal untersucht. Hierzu wurde stets der Apparat mit vier Waschcylindern in Verbindung gesetzt, welche je desinficirtes Malz- und Fleischextract sowie mineralische Nährlösung enthielten. Einer der vier Cylinder diente zur Controle, er wurde abwechselnd mit obigen Flüssigkeiten gefüllt, und während die übri- gen drei Cylinder unmittelbar vom Aussenraum durch offene Röhren Luft einsaugten, musste dieselbe bei dem Controlcylinder erst einen im Saugrohr befindlichen desinficirten Wattepfropf passiren. Nach 24stündiger Lufteinsaugung, darauf erfolgtem Einsetzen in den Wärni- kasten ergab sich im Verlauf von 2 — 3 Tagen folgende Resultat: Controlcylinder. Versuch 1 — 5. Die in den 5 Gläsern ent- haltenen Flüssigkeiten, welche ausschliesslich nur filtrirte Luft auf- genommen hatten, blieben immer klar. Malzextract- Lösung. Versuch 1. Sehr trübe, es bildet sich ein weisser Absatz, welcher aus einem Micrococcus besteht. Versuch 2. Trübe; weisslich schleimiges Häutchen auf der Ober- fläche und schleimiger weisser Absatz. Die Häutchen bestehen ans Bacillen, die in Schleim eingebettet sind; der Absatz dagegen ans Sarcina und kugligen Micrococcuszellen, welche perlschnurartig zu kurzen oder langen, verfilzten oder freien, geschlängelten Fäden gereiht (Torulaform) sind. (Fig. 2.) Versuch 3. Klar; in der Flüssigkeit schwimmen Mycelien, die später fructificiren und zu RMzopus nigricans gehörig sich erweisen. Versuch 4. Sehr trübe, mit schleimigem Absatz. Letzterer ent- hält bewegliche, ziemlich dicke Bacillen; einige derselben haben 128 ovale Sporen entwickelt (Fig. 6a). Ferner sind sehr dicke, cylindrische, abgerundete oder scharfeckige Zellen vorhanden, zuweilen zwei oder mehr mit einander reihenförmig verbunden, deren Protoplasma sehr reichlich dunkel gekörnelt und Vacuolenfrei ist (Fig. 6b). Versuch 5. Wenig trübe; die Oberfläche bedeckt ein Häutchen, durchaus nur aus rundem Micrococcus bestehend, der eine Art Zoo- gloeamasse bildete (Fig. 7a). Fleischextract-Lösung. Versuch 1. Klar, auf der Ober- fläche schwimmen Schüppchen, welche im Centrum ziegelroth, am Rand farblos erscheinen und sich zum Theil zu einer Haut vereinigt haben. Intensiver spermatischer Geruch. Die Schüppchen zeigen bewegliche kurze dünne Bacillen, zum Theil in längere Fäden ausge- wachsen, in welchen sich röthliche, oval oblonge, stark glänzende Spo- ren kettenförmig nach Art der Heubacillen entwickelt hatten. Dieselben isoliren sich nach Vergallertung der Fäden und sammeln sich dann in kleinen ziemlich dicken Gallerthäufchen an (Fig. 1), welche auf den Boden der Flüssigkeit herabsinken. Jedesmal, wenn ein solches Sporenhäufchen niedersank, entstand an dessen Stelle ein rundliches Loch in der Bacterienhaut. Diese Bacillusform ist durch die schmutzig- rothe Farbe ihrer Sporen sehr charakteristisch, sie wurde zuerst von Eidam ') in faulender Eiweissflüssigkeit, sowie auf putridem Fleisch- wasser beobachtet. Herr Prof. Cohn schlug für diesen Organismus den Namen „Bacillus erythrosporus" vor; er Hess sich innerhalb 24 Stunden auf frische Fleischextractlösung, nicht aber auf Malz- extract und mineralische Nährlösung übertragen. Versuch 2. Trübe, weisses hart und spröde anzufühlendes Häut- chen, weisser Absatz. Das Häutchen besteht aus lebhaft beweglichen Bacillen, einzeln oder zu mehreren vereinigt, mit beiderseits abge- rundeten Enden ; sobald die Stäbchen ihre Bewegung einstellen, hüllen sie sich in Schleim und bilden einen Zoogloeaartigen Ruhezustand (Fig. 4). Der Absatz besteht aus Sarcina-Gruppen, welche in ausser- ordentlich weite GallerthüUeu ganz nach Art eines Ascococcus^) eingehüllt sind (Fig. iJ); diese Gallertkapseln werden von Bacillus- schwärmen umgeben von genau der nämlichen Gestalt wie diejenigen, welche das oberflächliche Häutchen darstellten; ausserdem waren die Bacillen mit reichlichen Perlschnurketten (Torulaform) unter- mischt, wie sie sich in Versuch 2 (Malzextractlösung s. o.) ent- wickelt hatten (Fig. 3 und 2). 1) F. Cohn, Beitr. z. Biol. d. Pflanzen. Bd. I. Heft 3. S. 216. 2) Cohn, Beitr. z. Biol. d. Pfl. Bd. I. Heft 3. Taf. VI. 129 Versuch 3. Trübe; unter dem Mikroskop grosse Micrococcen, oft 2, 4 und mehr in regelmässiger, quadratartiger Anordnung mit einander verbunden (Fig. 5). Versuch 4. Trübe; mikroskopisch eine Bacillusform mit Sporen, welclie von Bacillus suhtilis nicht zu unterscheiden ist. Versuch 5. Trübe; grosse Micrococcen (Megacoccus Billroth), jedoch von verschiedener Grösse, rund, oval einzeln, zu zweien oder mehreren hinter einander, untermischt mit kegel- oder bisquitförmi- gen, cylindrischen oder an den Enden in einen feinen Fortsatz aus- gezogenen Formen (Fig. 7b). Ferner finden sich unbewegliche, ab- gerundete oder reiheuförmig in Fäden angeordnete dicke Bacillen, durchweg mit seltr feinen Körnchen erfüllt, so dass sie in Folge dessen ein trübes Aussehen besitzen ; sie sind gewöhnlich an beiden Enden mit je einer grösseren Vacuole versehen vielleicht B. Ulna? Cohn (Fig. 7c). Mineralische Nährlösung. Versuch 1 — 5. Die Flüssigkeit blieb, ganz wie bei den Versuchen in den Controlcylindern, in sämmt- lichen Gläsern klar und Bacterienfrei. Fassen wir die Ergebnisse dieser fünf Versuche zusammen, so bekonimeu wir folgendes Resultat: in Malz- und Fleischextract-Lösung stets Trübung durch massenhaftes Auftreten verschiedener Arten von Bacillus und Micrococcus. Die Mineral-Lösung blieb stets klar; als obige im Malz- und Fleischextract erhaltenen Bacterien durch Impfung direct in die mineralische Nährlösung übertragen wurden, vermehrten sie sich nicht; hieraus ergiebt sich, dass die mineralische Nährlösung nur darum frei blieb, weil sie für die betreflfenden Bacterien keine geeignete Nährlösung ist. Ich stellte mit den erhaltenen Bacterien Impfungen von Kaninchen an durch directe Einspritzung je einer ganzen Pravaz'schen Spritze in die Vena jugularis interna, sowie durch subcutane Injektion; die Kaninchen blieben jedoch völlig gesund, sie Hessen auch nicht die geringste Temperaturerhöhung bemerken. II. Zimmerluft in der Station für Flecktypliuskranke. (Weiizersches Krankenliaus.) Die Luft dieser Localitäten wurde vom 1. — 8. April 1878 drei Mal auf dieselbe Weise wie im Pflanzenphysiologischen Institut untersucht. Die Apparate wurden direct in den Zimmern, woselbst 5 bis 7 Fleck- typhuskranke, zum Theil im höchsten Fieberdelirium, lagen, für 24 Stun- den aufgestellt: Das Ergebniss war ein constantes Klarbl eiben aller Nährlösungen. Vermuthlich spielte hier die kräftige Des- Cnhu, Beiträge zur Biologie der rüanzeii, Band III. Heft I. f) 130 Infektion der Zimmer mit Carbolsäure eine Rolle, deren mächtig desinficirende resp. Bacterienwidrige Eigenschaften dadurch aufs Neue gestützt werden dürften. III. Luft des Sectionszimiuers im patliologischen Institut. Untersuchung vom 9. — 12. Juli 1878; zwei Mal. Hiezu habe ich je vier Waschcylinder verwendet und erhielt folgendes Resultat: Controlcy linder. Versuch 1 u. 2. Die Flüssigkeiten blieben völlig klar und Bacterienfrei. — Malzext ract-Lösung. Versuch 1. Wenig trübe, unter dem Mikroskop feine unbewegliche Bacillen, einige mit torulosem Inhalt, vielleicht Sporen? (Fig. 14a). Ferner ein grosser ovaler Micrococcus, je vier Zellen desselben oder ganze Gruppen nach Art von Sarcina vereinigt (Fig. 14b.). Versuch 2. Wenig trübe, pulverförmiger Absatz und Mycelbildung. Der Absatz besteht mikroskopisch aus demselben Sarcinaartigen Micro- coccus wie bei dem vorhergehenden Versuche (Fig. 14b.). Da das Mycel nicht zur Fructification gelangte, so konnte der Pilz nicht bestimmt werden. Fleisch extract-Lösung. Versuch 1. Sehr trübe. Dicke, kurzgliedrige Bacillen in Fadenforra; die einzelnen Glieder scharf rechteckig, im Innern mit ebenfalls vierkantigen Protoplasmakörpern rfüUt (Fig. 15a.), die sich zu stark lichtbrechenden, mit einem Schleimhof versehenen Sporen entwickelten. Die freien Sporen sind häufig in Gruppen vereinigt (Fig. 15b). Die Flüssigkeit enthält ausser- dem feine bewegliche Bacillen, die bei der Sporenbildung an einem oder an beiden Enden stark keulen- oder löffeiförmig angeschwollen sind (Fig. 15c). Endlich finden sich freie grössere Micrococcus- kügelchen (Fig. 15d) und feinere Micrococcusmassen, in dichtlappige chagrinartige Häute vereinigt (Fig. I5e). Versuch 2. Sehr trübe; weisse schwimmende Flöckchen. Es ergiebt sich Micrococcus von gewöhnlich deutlich ausgesprochener ovaler Form, häufig zwei zusammen, und kurze, dicke unbewegliche Bacillen (Fig. 17a und b). Mineralische Nährlösung. Versuch 1. Gleichmässige Trübung, herrührend von kurzen feinen unbeweglichen Bacillen (Fig. IGa). Versuch 2. Sehr trübe. Dieselben Bacillen wie bei dem vorher- gehenden Versuche; ferner sehr zarte oblonge und bewegliche Ba- cillen, zu längeren deutlich gegliederten Fäden ausgewachsen (Fig. 16b); Micrococcus von ungleicher aber sehr bedeutender Grösse 1?A häufig zwei oder drei zusammen (Fig. 16c) und endlich sonderbare Formen von lappig-knolliger und ganz unbestimmter Gestalt und von beträchtlichem Durchmesser (Fig. 16d). Bei diesen zwei Versuchen trübten sich also sowohl Malz^- als Fleischextract-Lösung, ebenso auch die mineralische Nährlösung; besonders interessant sind die eigenthümlichen, soeben beschriebenen und abgebildeten Bacterien, (Fig. 15a, b, c und Fig. 16b) und die schwer zu deutenden Formen (Fig. I6d). Beide Malzextract- Lösungen zeigten jedoch dieselben Micrococcen und beide Mineral- Lösungen die nämlichen Bacillen. IV. Luft im Operatioiisziinmer der cliirurgisclien Klinik. Vornahme des Versuches zwei Mal vom 12. bis 16. Juli 1878. Controlcylinder. Versuch 1 und 2. Die Flüssigkeiten blieben klar und Bacterienfrei. Malzextract-Lösung. Versuch 1 u, 2. Wenig trübe; schwache Mycelbildung. Unzählige kuglige Micrococcen, einzeln oder zu zweien vereinigt, schwimmen in der Flüssigkeit (Fig. 1 9c). Aus dem Mycel wachsen die schwarzen Sporangion von Bhizojms nu/ricans- hervor. Fleischextract- L()sun.g. Versuch 1. Ganz trübe und mit weisslicher, schleimiger Haut bedeckt. Die letztere besteht aus sehr langen gekrümmten Bacillusfäden (Fig. 18a), aus dicken kurzgeglie- derten Bacillen mit langen vierkantigen oblongen Sporen wie in Fig. 15a, aus eigenthümlichen wurstartigen eingekerbten Massen, die selbst wieder von Gruppen feiner Micrococcen gebildet scheinen {Ascococcus „mit palmelloider Wucherung und Furchung" nach Bill- rotli s. u.) (Fig. 18b). Die trübe Flüssigkeit entliielt dagegen grössere Micrococcus-Kügelchen, meist 2 oder 3 zusammen (Fig. 18c) und feine, kleine, bewegliche Bacillen (Fig. 18d). Versuch 2. Ebenfalls sehr trübe und mit weieslichen Schleim- liäutclien bedeckt. Es findet sich derselbe Micrococcus wie bei dem Versuch 1, nämlich Fig. 18c und dieselben Bacillen Fig. 18d. Mineralische Nährlösung. Versuch 1. Ist klar, auf der Oberfläche ein gelbliches, rahmartiges Häutchen, unter demselben eine wenig getrübte Schicht von sehr geringem Durchmesser. Kleine Schüppchen schwimmen in der Flüssigkeit und setzen sich zuletzt ab. Haut und Schüppchen bestehen aus chagrinartigen Massen feiner Micrococcen und einer Ascococcusforra, welche vielleicht mit Bill- roüis „Ascococcus 2Mrvus'^ identisch ist'), die derselbe in Hydrocelen- 1) Coccobaofcria septica Berlin 1874. p. 15. 35. 98, Taf. 11. Fig. 18a und 9* Taf. 111. Fig. 23 132 fliissigkcit beobachtet hat (Fig. 19a und b). Die Haut wird sehr zähe, faltig, zuletzt fast lederartig wie eine diphtheritische Membran ; in eine chagrinartige feine Micrococcusgallert eingebettet sind kuglige Massen von der Grösse der Blutkörperchen, stärker lichtbrechend, frei oder zu unregelraässigen knolligen Gruppen verbunden, deren Natur uns noch völlig unklar blieb. Eine trübe Schicht unterhalb der Haut enthält freie grössere Micrococcen, entsprechend der Fig. 19c. Versuch 2. Sehr trübe, mit rahmartiger Haut bedeckt. Mikros- kopisch finden sich frei schwimmende Micrococcen (Fig. 19c), ferner zoogloeaartige Massen von feinem Micrococcus mit eingelagertem „Ascococous i^dTVUs" (Fig. 19a und b). Häufig sind in Micrococcus auch kuglige Gallertkapseln eingebettet, welche eine kleinere Zahl von Micrococcuskügelchen einschliessen, wie sie Billroth auf Taf. III. Fig. 22 als Entwicklung seines Ascococcus abgebildet hat. In dieser Flüssig- keit trat auch — überhaupt das erste und letzte Mal bei meinen Luftwaschungen — Bacterium Termo auf, welches aber höchst wahrscheinlich nicht durch die Luft, sondern durch nachträgliche Inficirung vermittelst Contact in die Flüssigkeit gelangt war, indem beim Anbringen des Gefässes an die Luftpumpe der Kautschukpfropf sich lockerte und so vielleicht durch Berührung desselben beim sofort wieder hergestellten Verschluss eine Veruureinigung erfolgt war. Von diesem Umstand abgesehen, war das Ergebniss dieser Versuchsreihe folgendes: In den beiden Malzextract-Lösungen fanden sich dieselben grösseren Micrococcen, wie in der mineralischen Nälir- lösung (Fig. 19c). Audi die Fleischextract- Lösung enthielt zwei Mal die nämlichen Keime. Die Waschcylinder mit Mineral- und mit Fleischextract- Lösung waren von denselben zoogloeaartigen Micrococcus-Ballen und dem räthsclhaften ^^Ascococcus^' erfüllt. Y. Die Luft im freien Waldterrain des liotauisclien Gartens. Die Atmosphäre des botanischen Gartens wurde vom 23. Juni bis 5. Juli 1878 vier Mal von mir untersucht. Hiezu habe ich für jeden Versuch nur zwei Waschcylinder genommen, während zwei andere gleichzeitig in später zu schildernder Weise die Bodenluft der betreffenden Stelle einsaugten. Zwei Versuche wurden also mit Malz- und Fleischextract -Lösung, ein dritter mit Malzextract und mineralischer Nährlösung und ein vierter endlich mit letzterer und mit Fleischextract-Lüsung angestellt. Das Resultat war folgendes: Malzextract-Lösuug. Versuch 1. Wenig trübe; Mycelflöck- chen. Die Trübung rührt her von beweglichen, undeutlich geglieder- 133 ten Bacillen, zu zweien oder mehreren hintereinander, oder in unregel- mässigen Gruppen vereinigt (fig. IIb). Im Innern der Bacillen befinden sich kleine reihenförmig geordnete dunkle Körnchen. Das Mycel erweist sich als zu Rhizopus nigricans gehörig. Versuch 2. Trübe; unter dem Mikroskop erkennt man dieselben Bacillen, wie bei dem vorhergehenden Versuche und ausserdem Micrococcen, meist paarweise frei schwimmend (Fig. 11 d). Versuch 3. Sehr trübe. Das Mikroskop zeigt sehr viele Micro- phyten: ziemlich lange, gebogene Fäden in Leptothrixform, wahr- scheinlich einem Bacillus angehörig; die einzelnen Glieder der Fäden sind lang und an beiden Enden abgerundet (Fig, IIa). Ausserdem finden sich dieselben Bacillen und Micrococcen wie bei dem vorher- gehenden Versuche (Fig. IIb). Grosse, körnige cylindrische Zellen, scharf vierkantig oder abgerundet, seltener concav eingedrückt, zwei oder mehrere hintereinander in mehr oder weniger weiten Abstän- den (Fig. 11c u. e), sind in Gruppen oder vereinzelt unter die genann- ten Organismen eingestreut. Fleischext ract-Lösung. Versuch 1. Trübe. In Klumpen zusammengeballter Micrococeus von beträchtlicher Grösse vorhanden (Fig. 12a). Versuch 2. Wenig trübe; Absatz. Das Mikroskop zeigt den soeben genannten Micrococeus (Fig. 12a) und unbewegliche Bacillen (Fig. 12b). Versuch 4. Trübe. Es sind kurze und schmale, an den Ecken abgerundete Bacillusstäbchen vorhanden, welche nicht in Reihen zu- sammengekettet, sondern stets isolirt, aber in grossen Massen ange- häuft sich vorfinden (Fig. 13). Untermischt sind diese feinen Stäbchen mit einer robusteren Bacillusform (Fig. 13 oben), welche bei der Sporenbildung in lange und dicke, deutlich gegliederte Leptothrix- Fäden auswächst; diese haben zahlreich in wirren Schlingen und Bogen die Flüssigkeit durchwachsen, während die feineren Bacillen massenhaft an ihnen gleich Haftpunkten sich festsetzten (Fig. 13). Die Sporenbildung erfolgt bei dieser Leptothrix nach Art des Bacillus suhtilis derart, dass sich in jedem Fadenglied eine glänzende oblonge, Spore, 2 — 3 mal so lang als breit, entwickelt (Fig. 13). Mineralische-Nährlösung. Versuch 3 u. 4. In beiden Fällen bleibt die Flüssigkeit klar und Bacterienfrei. Es ergab also die Untersuchung der Atmosphäre sowohl in Malz- als Fleischextract-Lösung stets Trübung, von eigenthümlichen Micro- coceus- und Bacillus-Formen herrührend. Dagegen zeigte sich hier wieder, was schon aus früheren Versuchen hervorgegangen war, das \u Klarbleiben der ruiueraliachen Nährlösung und die Abwesenheit des gemeinsten aller Bacterieu, des B. Termo, welches ja in dieser Nährflüssigkeit alle Bedingungen seines Gedeihens vorgefunden hätte. YI. Die Bodenliift. a) Im botanisclieu (xarteii. Dieselbe wurde vom 23. Juni bis 5. Juli 187ö drei Mal unter- sucht. Hierzu habe ich zwei Mal die Wascheylinder mit Malz- und Fleischextract-Lüsung und ein Mal mit Malzextract und mineralischer Nährlösung gefüllt. Während der ganzen Versuchsdauer herrschte stets schönes Wetter; der Boden selbst bestand aus fester, sehr humus- reicher Dammerde. Die Anordnung des Apparats war derart, dass die Bodenluft in die mit Niihrlösungen gefüllten Wascheylinder durch 4 Fuss lauge zinnerne Köhre gelangte, deren eines Ende stark gebogen, mit dem saugenden Glasrohr des Waschcylinders in Verbindung stand und vermittelst Wachs hermetisch daran befestigt wurde; das andere freie Ende dagegen habe ich bis zwei Fuss tief in den Boden liin- eingelassen. Ehe ich diese Zinnröhren jedoch an dem Apparate an- brachte, waren sie stark erhitzt und gleich darauf an beiden Enden mit Salicylwatte verstopft worden. Letztere wurde erst unmittelbar vor dem Gebrauch entfernt. Nach vorsichtigem Eingraben der Röhren in den Boden suchte ich durch Feststampfen des Erdreichs rings um dieselben etwaige directe Communication mit der Atmo- sphäre zu verhindern. Das Resultat war folgendes: Malzextract-Lösung. Versuch 1 — 3. Blieb klar und Bacte- rienfrei. Fleischextract - Lösung. Versuch 1. Wenig trübe. Das Mikroskop zeigt sehr lebhaft bewegliche und schlanke Bacillen, häufig zu zweien vereinigt (Fig. 10). Versuch 2. Trübe, .später erfolgt geringe Klärung der Flüssig- keit. Auf der Oberfläche schwimmt ein zusammenhängendes faltiges Häutchen; dasselbe ist blassziegelroth gefärbt, von oben gesehen besitzt es rosarothe Farbe. Diese Haut sowohl als die Färbung der Flüssigkeit wird von Unmassen ruhender Bacillen gebildet, die zum Theil in lange bogig gekrümmte Leptothrixfäden ausgewachsen sind, (Fig. 12); in den Fadengliedern, welche später auseiuander- fallen, bilden sich im Innern langelliptische, nicht besonders scharf abgegrenzte Sporen aus (Fig. 12 c. u. d). Hiebei gewinnen die B'äden durch Verschleimung ihrer Membranen an Breitendurchmesser und nicht selten findet man nach erfolgter Reife die Sporen im 135 Schleim freiliegend, grössere oder kleinere Gruppen darstellend (Fig. 12d). Diese Bacillenform erinnert in der Farbe ihrer Sporen an unseren bereits oben beschriebenen Bacillus erythrosporus. Mineralische Nährlösung. Versuch 3. Ist klar und Bac- terienfrei geblieben. Merkwürdig bei diesen Versuchen ist, dass sowohl Malzextract als mineralische Nährlösung klar geblieben sind, gegenüber der in- folge Entwi0(5=äE3l'=>< Breslau 1880. J. TJ. K e r n ' s Ve r 1 a g (Max Müller). Inhalt von Band III. Heft II. Seite Piuguicula alpina, als insektenfressende Pflanze niid in anatomischer Beziehung. Von Professor Julius Klein, Budapest. (Mit Tafel IX und X.) 1G3 Untersuchungen über Bacterien. X. Studien über die blaue Milch. Von Dr. F. Ne eisen, Privatdocent und Assistent am pathologischen In- stitut zu Rostock. (Mit Tafel XI.) 187 Chemisch -botanische Studien über die in den Flechten vorkommenden Flechtensäuren. Von Dr. P'rank Schwarz in Graz 249 Beitrag zur Kenntniss der Gymnoasceen. Von Dr. Eduard Eidam. (Mit Tafel XII— XV.) 267 Pingnicula alpina, als insektenfressende Pflanze nnd in anatomischer Bezielmng. Von Professor Julius Klein, Budapest. Hierzu Tafel IX. und X. Einleitung. In Darwin's epochemachendem Werke: „Insektenfressende Pflan- zen" ist unter den abgehandelten Pinguiculaurteu die P. alpina nicht besprochen, desshalb benutzte ich die Gelegenheit, die sich mir im Sommer 1878 im steyrischen Bade Neuhaus bot, — in dessen Nähe die Fing, alpina reichlich vorkommt — um dieselbe mit Bezug auf Insektenfang und insektenfressende Fähigkeit, als auch in anatomi- scher Hinsicht näher zu untersuchen. Es war zwar von vorn- herein zu erwarten, dass die P. alpina, die nacli ihrem Habitus und Vorkommen so sehr mit der P. vulgaris übereinstimmt, dass beide nur als zwei zusammengehörende Varietäten angesehen werden könn- ten, auch in ihrem physiologischen Verhalten mit der ihr so nahe verwandten P. vulgaris übereinstimmen werde. Trotzdem fand ich es für nicht ganz unlohnend, die P. alptina näher zu untersuchen, um einerseits diese Uebereinstimmung wirklich zu constatiren und andererseits die anatomischen Verhältnisse eingehender zu berück- sichtigen, welche von Darwin für P. vulgaris ohnehin nur kurz erwähnt und nur so weit behandelt werden, als es seine physiologi- schen Versuche für nöthig erscheinen Hessen. Die Pinguicula alpina kommt in der Nähe von Neuhaus, in dem engen Thale unmittelbar hinter Gutenegg vor, wo sie die feuch- ten, moosigen Kalkfelsen, welche an den Ufern des Nenhauser Baches Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Band III. Heft II. 12 164 emporsteigen, in zahlreichen Exemplaren bedeckt^). Ich fand dort zwei verschiedene Formen der Pinguicula alpina', während nämlich die Blätter der meisten Exemplare eine gelblichgrüne Farbe zeigten, fanden sich daneben auch solche, deren Blätter rothbraun aussahen und an denen die grüne Färbung mehr oder weniger verdeckt war. Beide Formen kamen auf demselben Felsen vor, oft in unmittelbarer Nähe zu einander; doch schien es, als wenn die erste Form mit den gleich- massig lichtgrünen Blättern mehr an solchen Stellen vorkäme, die reichlicher mit Erde bedeckt waren und auch eine üppiger ent- wickelte Moosdecke besassen, während die rothblättrigen Formen vorzüglich an steinigen Stellen auftraten, wo wenig oder gar kein Humus und auch eine nur spärlich entwickelte Moosdecke anzutref- fen war. Es scheint demnach, als wenn beide Formen nur Stand- orts-Varietäten wären. Dies spricht sich auch darin aus, dass die rothblättrige Form allgemein kleiner und weniger entwickelt war, die grünblättrige dagegen meist in sehr üppigen Exemplaren auftrat. Die rothe Färbung der Blätter rührt daher, dass die Oberhaut- zellen einen rothen Saft enthalten, während selbe sonst mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt sind. Im Uebrigen verhalten sich beide Formen gleich, doch da diejenige mit den lichtgrünen Blättern die häufigere war, stellte ich auch meine Untersuchungen vorzüglich an dieser Form an. I. Pinguicula alpina als insektenfresseude Pflanze. Die Pinguicula alpina hat, wie bekannt, ein kurzes unterirdisches Stämmchen, an dem nach unten ein Büschel einfacher Wurzeln sich entwickelt, welche in Zahl und Länge nach der Grösse und Ent- wickelung der Pm^iMC2^?a-Exeraplare variiren; nach oben trägt das Stämmchen eine Rosette von Blättern und die langgestielten Blüthen. Die Zahl und Grösse der Blätter ist natürlich auch nach den Exem- plaren sehr verschieden. So üppig entwickelte und so grosse Blät- ter, wie bei den Neuhauser Pflanzen fand ich bis jetzt noch nie bei Fing, alpina, und waren es im allgemeinen die iichtgrünen Exem- plare, an denen die grössten Blätter zu finden waren. Während nämlich gewöhnlich die Länge der Blätter 3 — 4 cm und die Breite \\ — 2^ cm beträgt, so waren unter den Neuhauser Pflanzen solche Exemplare nicht selten, bei denen die Länge der Blätter 5 — G cm, 1) Die Mittheilung dieses Standortes verdanlie icli der Freundlichkeit des Herrn stud. med. Rieh. Paltauf — dem Sohne des Neuhauser Bade-Arztes und Directors — der später auch die Güte hatte mir lebende Püanzen von Neuhaus zu senden, und dem ich dafür auch hier meinen Dank ausspreche. 165 die Breite aber 2 — 3 cm betrug. Diese üppige Entwickelung ist jedenfalls der geringen Seehöhe des Standortes und dem milden Klima der Umgebung von Neubaus zuzuschreiben, und ist es über- haupt selten, dass die P. aljnna so weit unten auftritt. Bei den im Freien untersuchten Exemplaren waren die Ränder der Blätter, ganz in der Art, wie es Darwin für Fing, vulgaris angibt, mehr oder weniger nach einwärts gebogen, dabei fanden sich unter den eingebogenen Rändern und sonst auf der Blattfläche theils ganze kleine Insekten, theils Bruchstücke solcher, theils aber ver- schiedene Pflanzentheile, besonders Blätter der Erica carnea. Die Oberfläche der Blätter von Fing, alfina ist nämlich, wie bei F. vidgaris, dicht mit zweierlei Drüsen bedeckt: gestielten und ungestielten, von denen weiter unten ausführlicher die Rede sein soll. Die Ersteren sind schon mit freien Augen sichtbar und erscheinen als weissliche, schwach glänzende Pünktchen, welche besonders an den rothblättrigen Formen deutlich hervortreten. Die Drüsen son- dern reichlich eine klebrige Substanz aus, die durch Aufdrücken des Fingers auf die Blattfläche und nachheriges langsames Emporheben des Fingers in viele, lange Fäden ausgezogen werden kann. In Folge dieser Beschaffenheit der Blattoberfläche werden also auch bei Fing, nlpina Insekten gefangen und darauf fallende Gegen- stände festgehalten. Zu erwähnen ist, dass die gefangenen Insekten gewöhnlich unter dem eingebogenen Rande zu finden sind, während Blätter und der- gleichen Theile meist auf der freien Blattfläche liegen. Das hat wohl einestheils darin seinen Grund, dass, wie Darwin erwähnt, die gefangenen Gegenstände von allen Theilen des Blattes durch den Regen gegen die Ränder fortgewaschen werden; doch glaube ich, dass bezüglich der Insekten auch noch ein anderer Umstand in Betracht kommt. Die Ränder der Blätter sind nämlich schon anfangs, noch bevor sie etwas gefangen, schwach nach einwärts gebogen und etwas emporstehend; kommt nun ein kleines Insekt auf die Mitte des Blattes, so trachtet es von dort fortzukommen, und da die Insekten meist nach aufwärts kriechen, so kommt es auch an den höher stehenden Rand des Blattes, den zu übersteigen ihm nicht immer gelingt, so dass es meist dort verbleibt und später von dem sich noch mehr einbiegenden Blattrande festgehalten wird. Mit Blatt- läusen gemachte Versuche wenigstens zeigten, dass, während sie von der Blattmitte leichter wegkamen, es ihnen doch nicht immer gelang auch den Blattrand zu übersteigen. Eine Anzahl von Pflanzen der Fing, alpina wurden nun nach 12* 166 Neuhaus ins Zimmer gebracht, um daran einige Üntersuchungeu anzustellen. In physiologisclier Bezieliung machte ich nur wenige Versuche, da ich ja ohnehin nicht hoffen durfte den erschöpfenden Angaben Darwins etwas Neues hinzufügen zu können. Dagegen unterzog ich die P. alpina in anatomischer Hinsicht einer eingehen- den Untersuchung, die ich dann später an mitgebrachten und von Neuliaus erhaltenen Pflanzen, so weit eben möglich, hier noch fort- setzte. Die physiologischen Versuche wurden angestellt: mit klei- nen Insekten, mit rohem Fleisch, hart gekochtem Eiweiss, mit Stück- chen eines Pilzes {Peziza) und mit trockenen Semmelbröseln, die mit Speichel angefeuchtet wurden. Alle diese Gegenstände nahe an den Rand von gesunden Blät- tern der Ping. alpina, die noch nichts gefangen hatten, gebracht, bewirkten in nicht langer Zeit eine mehr weniger starke, aber immer ganz deutlich wahrnehmbare Einkrümmung des betreffenden Blattran- des. Längliche Stücke der erwähnten Gegenstände quer über den Mittelnerv des Blattes gelegt, so dass Theile beider Blatthälften berührt werden, verursachten eine Einbiegung beider gegenüberste- hender Blattränder. Dies geschah besonders auffallend, wenn die erwähnten Gegenstände nahe zur Spitze des Blattes, in erwähnter Art, aufgelegt wurden. Ein mit Speichel angefeuchtetes, längliches Semmelstückchen, nahe zur Spitze des Blattes quer über den Mittel- nerv gelegt, bewirkte eine so starke Einbiegung beider Ränder, dass selbe sich in der Mitte berührten und das Semmelstückchen fast ganz verdeckten; da das verwendete Semmelstückchen in Folge von Aufquellung ziemlich gross wurde, so dauerte in diesem Falle die Einbiegung der Ränder auch längere Zeit als sonst, und war wohl auch desshalb stärker, weil in Folge der Einbiegung die Ränder selbst mit dem aufgelegten Semmelstückchen in Berührung traten und so auch direct gereizt wurden. Da nun bloss die Ränder des Blattes sich einwärts zu biegen im Stande sind, so muss im zuletzt erwähnten Falle von der Mitte des Blattes ein motorischer Reiz ausgehen, der beide Blattränder zur Einbiegung veranlasst. Alle genannten Gegenstände bewirkten auch eine stärkere Ab- sonderung der Drüsen und war dieselbe besonders auffallend in dem Falle, wo ein mit Speichel angefeuchtetes längliches Semmelstück- chen nahe zur Blattspitze quer über den Mittelnerv des Blattes gelegt wurde. Die beiderseits eingebogenen Ränder bildeten einen Kanal, der ganz mit Flüssigkeit erfüllt war, die von der schnabel- artigen Blattspitze in grossen Tropfen herabträufelte. — Die von 167 den Drüsen abgesonderte Flüssigkeit war bei Blättern, die noch nichts gefangen hatten, fast gar nicht oder nur sehr schwach sauer, dagegen von Blättern, deren Ränder eingebogen waren, stets deutlich sauer und wurde Lakmus-Papier im letzteren Falle immer stark gerothet. Die im Freien auf den Blättern vorgefundenen Insekten-Ueberreste bestanden meistens nur aus den harten Körpertheilen derselben. Die oben erwähnten, auf die Blätter aufgelegten Gegenstände wurden auch mehr weniger verändert. Hellrothe frische Fleischfasern ver- blassten bald, wurden dann durchscheinend, später schleimig und verschwanden auch ganz. Hartgekochtes Eiweiss wurde bald gelb- lich durchscheinend und theilweise auch aufgelöst. Semmelstückchen, ob trocken oder angefeuchtet, quollen immer erst auf, wurden dann etwas schleimig, verschwanden aber nie ganz, sondern Hessen immer einen Rückstand zurück. Aus dem Mitgetheilten ist also, wie auch von vornherein zu erwarten stand, ersichtlich, dass Pmg. alpina ebenso wie die übri- gen Pt7iguicula-Avteu Insekten fängt, die Ränder ihrer Blätter über diese, wie über andere Gegenstände einbiegt, dass in Folge davon die Drüsen reichlicher absondern und die nun abgeschiedene Flüssig- keit deutlich sauer wird, sowie, dass die gefangenen Gegenstände mehr weniger verändert und theilweise oder ganz aufgelöst und auch aufgesaugt werden. Die Fing, alpina ist also auch ein Insekten- oder Fleischfresser und da ihre Blätter sich auch über Pilzstück- chen, sowie über andere Pflanzentheile einbiegen, zum Theil auch Pflanzenfresser. II. Finguicula alpina in anatomischer Beziehung. 1. Die Wurzeln. Die Wurzeln der P. alpina entspringen — wie schon erwähnt — aus dem kurzen unterirdischen Stämmchen und sind immer einfach, d. h. unverzweigt. Sie variiren in Zahl und Länge, je nach der Grösse und Entwickelung der Exemplare. Bei kräftig entwickelten Pflanzen findet man oft 10 — 15 Wurzeln von 4 — 6 cm Länge, bei einem Durchmesser von 1 — 1^ ram. Die Wurzeln sind an der Stelle, wo sie hervorbrechen, d. h. an ihrer Basis etwas eingeschnürt, also dünner als in ihrem späteren Ver- lauf und verjüngen sich wieder allmählich gegen das in eine kleine Spitze auslaufende Ende. Die Wurzelhaube ist klein und schwach entwickelt. Die Oberhautzellen der Wurzeln bilden lange einzellige Wurzelhaare, die jedoch früh herabfallen, und später ist die Ober- fläche bedeckt von den abgestorbenen Oberhautzellen und in Folge davon braun gefärbt. 168 Die Differenzirung der Gewebe tritt schon sehr nahe zum Vege- tationspunkt ein und so sieht man auf Längsschnitten, dass die ersten Tracheen im Sinne de Bary's^) bis in die unmittelbare Nähe des Vegetationspunktes sich erstrecken; noch etwas weiter reichen die deutlich erkennbaren Zellen der Strangscheide, so dass letztere das erste Gewebe ist, das sich aus dem Urmeristem heraus diflferenzirt. Querschnitte durch entwickeltere Partien der Wurzeln zeigen, dass auf eine Rindeuschicht von 10 und mehr Zellreihen die Strangscheide folgt, deren Zellen radial etwas zusammengedrückt erscheinen (Taf.X. Fig. 20.). Zwischen den Zellen derStraugscheide und den angrenzenden Rindenzellen sind fast durchweg ziemlich grosse, meist viereckige Intercellularräume vorhanden und finden sich solche auch zwischen den meist viereckigen Zellen der ersten inneren drei Zellreihen der Rinde, während sie zwischen den übrigen Rinden- zellen fast ganz fehlen. Die Zellen der Strangscheide sind meist bedeutend kleiner als die angrenzenden Rindenzellen und zeigen in der Mitte ihrer radia- len Scheidewände sehr deutlich den schwarzen Punkt, der für so vieleStrangscheidencharakteristischist(Taf. X.Fig. 20.). Die schwarzen Punkte kommen auch hier, wie sonst, durch Wellung der Scheide- wände zu Stande. Auf Längsschnitten erscheinen die Zellen der Strangscheiden rechteckig und sind 4 — 6mal so lang als breit, auch sieht man, dass die Wellung an den radial gestellten Wänden eine scharf ausgeprägte ist; die Wände sind theils einfach, theils doppelt gewellt und bieten überhaupt ein sehr zierliches Aussehen (IX. 1.). Die Längenausicht der Rindenzellen ist auch eine rechteckige und deren Länge allgemein grösser als deren Breite. In der von der Strangscheide eingeschlossenen Gewebepartie treten, wie schon erwähnt, die Tracheen sehr zeitig auf. Die Zahl der Tracheengruppen ist nach den Wurzeln verschieden, in schwächeren ist sie geringer, in stärker entwickelten grösser und variirt zwischen 3 und 7. Im grössten Theil der Wurzel bestehen die einzelnen Tracheengruppen aus 3 — 5 Tracheen, die gewöhnlich centripetal angeord- net sind und nur seltener anfangs auch nebeneinander entstehen (X. 20.). Im obersten Theil der Wurzel vermehrt sich die Zahl der Tracheen und nahe der Basis und beim Uebergang der Wurzel in den Stamm verschmelzen die einzelnen Tracheengruppen zu ein bis mehreren, undeutlich gesonderten Gruppen, die bis in die Mitte der Wurzel 1) Hofmeister, Handb. d. pliys. Hot. III. Bd. pag. 162. 169 reichen und meist die frühere Anordnung der Tracheen nicht mehr deutlich erkennen lassen. In den einzelnen Gruppen sind die äusseren Tracheen etwas enger, als die nach innen nachfolgenden. Erstere sind schraubig verdickt, mit sehr dicht gewundener Verdickungsfaser und bestehen aus lan- gen Gliedern, die sich mit meist schief gestellten Querwänden berüh- ren. Ob es wirkliche Gefässe oder Trachelden sind, kann ich nicht angeben. Die übrigen Tracheen sind schraubig-netzig verdickt mit Uebergängen zu treppenförmiger Verdickung. Sie bestehen aus kürzeren Gliedern mit meist nicht schiefgestellten Querwänden, auch scheinen die letzteren wirklich durchbrochen zu sein, so dass wir es hier mit wirklichen Gefässen zu thun hätten. Die Glieder aller Tracheen werden in der Wurzelbasis viel kürzer und sind besonders kurz an der Uebergangsstelle in den Stamm, wo sie mit den auf- fallend kurzgliedrigen Gefässen des Stammes in Verbindung treten. Alle Tracheen in den Wurzeln der P. aljnna führen zu keiner Zeit Luft; im jüngeren Zustande haben sie einen wässrigen Inhalt, spä- ter werden sie von einer gelbbraunen Masse erfüllt, die besonders in der Wurzelbasis stark auftritt und durch Kalilösung ein goldgel- bes, glänzendes Aussehen erhält. Zwischen den Tracheen-Gruppen finden wir die Phloembündel, die aus Gruppen von 2- mehr sehr kleinen, polyedrischen und nicht verdickten Zellen bestehen (X. 20.), so dass der Bast nur als Weich- bast vertreten ist, deren Zellen immer einen dichteren Inhalt zeigen, als die übrigen innerhalb der Strangscheide befindlichen Zellen. Zwischen den Tracheen- und Phloem-Gruppen einerseits und der Strangscheide andererseits ist das Pericambium, das meist nur eine einfache Zellreihe bildet (X. 20.). Das Auftreten des Pericambiums ist jedenfalls bemerkenswerth, da, wie erwähnt, die Wurzeln der F. alpina sich nie verzweigen. Das Gleiche gilt auch für Dionaea, deren Wurzeln sich auch nicht verzweigen und doch, wie es Frau- stadt abbildet, ein aus mehreren Zellreihen bestehendes Pericam- bium aufweisen ' ). Das Gewebe innerhalb der Tracheen- Gruppen besteht aus lang- gestreckten Zellen, die sich mit graden Querwänden berühren und im Querschnitt 4- mehreckig und isodiametrisch erscheinen. Diese Zellen sind nur in einem kleinen Theile an der Basis der Wurzel theilweise in Gefässe umgewandelt und bilden sonst gleichsam das Mark. Der anatomische Bau der Wurzeln von P. alpina entspricht, «) Fraustadt in Colins Beitrügen •!. Taf. III. Fig. S. 170 — abgesehen von einem kurzen Tlieil an deren Basis — einem unentwickelten, gleichsam jugendlichen Zustande, da, wie erwähnt, die Tracheen-Gruppen im grössten Theil der Wurzel meist nur aus 2 — 5 Tracheen bestehen und die einzelnen Gruppen sich weder seit- lich noch gegen die Mitte hin berühren. In den Wurzel -Rindenzellen ruhender Pflanzen findet man oft zahlreiche Stärkekörner; im Uebrigen sind fast alle Zellen eines Wurzelquerschnittes mit einer blassgelblichen, nicht festen Substanz erfüllt, die durch Kali stark citronengelb wird; diese Färbung tritt besonders in einzelnen Rindenzellen und in den Phloembtindeln auf- fallend auf. Diese Substanz scheint dieselbe zu sein, die auch in älteren Gefässen angetroffen wird, und von der früher die Rede war. Die Färbung tritt bei dickeren Querschnitten sehr intensiv auf und erscheinen dieselben dabei gleichmässig citronengelb, die von so behandelten Querschnitten abfliessende Flüssigkeit zeigt die gelbe Färbung auch ganz deutlich. 2. Das Stämiuclien. Das kurze, unterirdische Stämmchen von Pinguicula aljiina ist aussen bedeckt von theils lebenden, theils abgestorbenen Wurzeln und Blattbasen, so dass an demselben eine freie Aussenfläche kaum zu bemerken ist. Unten hat das Stämmchen ein abgebissenes Aussehen, da es in dem Maasse als es oben lang- sam weiter wächst, unten abstirbt. Seine anatomischen Verhältnisse betreffend erwähne ich, dass die Mitte desselben ein stark entwickel- tes Mark aufweist, dessen parenchymatische Zellen zahlreiche Inter- cellularräume bilden und bei ruhenden Pflanzen mit zahlreichen klei- nen, jedoch zusammengesetzten Stärkekörnern dicht erfüllt sind. Um das Mark bildet das Fibrovasal- Gewebe einen Ring, von dem fast auf jedem Querschnitte, die nach den Wurzeln und Blättern ausbie- genden Stränge (4 — 5 und mehr) ausgehen. Der Xylem- Theil des Fibrovasal-Gewebes besteht aus zahlreichen Gefässen, die theils ein- zeln, theils gruppenweise auftreten und zwischen denen dünnwandige, parenchymatische Zellen vorkommen. Die Gefässe sind auftallend kurzgliedrig; die Glieder meist so lang als breit oder höchstens zwei- bis dreimal so lang als breit (IX. 3.); die Querwände sind mit- telst einer einzigen kreisförmigen Oeff'nung durchbrochen, deren Durchmesser auffallend kleiner ist, als der Breiten-Durchmesser des Gefässes (IX. 2.). Die Verdickung ist eine netzig-schraubige (IX. 3.). Diese Gefässe führen auch niemals Luft, sondern sind grösstentheils mit einer gelbbraunen, harzig aussehenden Masse angefüllt, wie wir sie auch in den Gefässen der Wurzel vorfinden, und wird dieser Stoff auch hier durch Kalilösung intensiver gefärbt. Im übrigen 171 bewirkt Kali wie bei der Wurzel auch hier eine allgemeine gelbe Färbung, die sich auch der Flüssigkeit, in der die Schnitte liegen, mittheilt. Nach aussen folgt auf den Xylemtheil das Cambium, das aus mehreren viereckigen in unregelmässige, radiale Reihen gestellten Zellen besteht. Das Cambium geht allmählig in den Basttheil über; derselbe besteht aus kleinen Gruppen sehr kleiner, eckiger Zellen, ähnlich denen im Phloem der Wurzel, und zwischen diesen Bündeln sind dünnwandige, weitschichtigere parenchymatische Zellen anzutreffen. An diese schliessen sich die Rindenzellen unmittelbar an, die nach Aussen grösser werden, dabei Intercellularräume bilden und bei ruhenden Pflanzen mit Stärkekörnern dicht erfüllt sind. Den äusser- sten Theil des Stämmchens bilden die braungefärbten Ueberreste abgestorbener Zellen. Auf Längsschnitten durch das Stämmchen sieht man oft, dass der Gefässstrang, der in ein Blatt abbiegt, nach seiner Aus- zweigung, innerhalb der Rinde des Stämmchens einen Ast nach unten abgiebt, der in eine Wurzel übergeht, und dass somit die Wurzeln hier auch aus der Blattspur entspringen können, obwohl meistens der Gefässstrang der Wurzel bis zur Gefässzone des Stämmchens reicht. — 3. Die Blätter. Die Blätter sind länglich, elliptisch, meist mit schnabelförmiger Spitze und seltener abgerundet, nach unten sich langsam verschmälernd und stiellos an das unterirdische Stämmchen befestigt. Die jungen Blätter sind auch hier wie bei P. vulgaris anfangs nach oben gerichtet und zeigen stark einwärts gekrümmte Ränder. Bei ihrer Ausbreitung legen sich später die Blätter nach unten, dicht an den Boden, so eine aus 3 — 7 Blättern bestehende Rosette bildend. Der Rand ganz entwickelter Blätter steht etwas nach oben und ist nach einwärts gebogen, besonders an dem Theil e von der Mitte bis zur Spitze des Blattes, weniger auf der entgegen- gesetzten Seite, wo sich der Blattrand gegen die Blattbasis hin all- mählich verflacht. Der Umstand, dass der Blattrand der Pinguicula- Blätter schon ursprünglich nach einwärts gebogen ist, kann als eine vortheilhafte Einrichtung angesehen werden, da in Folge dessen, wie schon früher erwähnt, das Fangen von Insekten erleichtert wird. Dem entspricht, wie mir scheint, bei anderen insektenfressenden Pflanzen, wie Dionaea und Äldrovanda, die Einrichtung, dass sich die Blätter letztgenannter Pflanzen nicht ganz öffnen, was, wie schon von anderer Seite hervorgehoben wurde, jedenfalls beim Insekten- fang von Vortheil ist. 172 Ei>idGrmis. Die Zellen der Epidermis erscheinen im Querschnitt meist quadratisch, ihre äussere Wand ist nur unbedeutend stärker verdickt als die übrigen Wände und meist auch nur schwach nach aussen gewölbt, dies besonders an der unteren ßlattfläche über dem Mittelnerv. Die Cuticula ist auch nur sehr schwach entwickelt, was sowohl unmittelbar, als auch in Folge von Anwendung chemischer Reagentien ersichtlich ist, wie weiter unten noch erwähnt werden soll. In der Flächenansicht erscheinen die Epidermiszellen viereckig, meist länger als breit, oder unregelmässig 5 dabei mit geraden oder mehr weniger gewellten Wänden. Ueber dem Mittelnerv, so wie besonders im ganzen unteren Theile des Blattes sind die Oberhaut- Zellen nach der Längsrichtung orientirt, dabei schmal, d. h. vielmal länger als breit, an den schmalen Seiten mit geraden oder mehr weniger schief gestellten Wänden sich berührend. Nach oben zu nimmt der Längendurchmesser ab und sind auch die schmalen Seitenwände immer senkrecht zur Längsrichtuug gestellt. Im oberen Theile des Blattes vom Mittelnerv gegen den Blattrand hin vorschreitend, nehmen die Oberhaut-Zellen eine mehr unregelmässige Form an, ihre Wände sind mehr weniger gewellt, besonders zierlich im Blattrande, und ist auch ihre Längsrichtung meist gegen den Blattrand orientirt. Der Blattrand selbst besteht aus einer Reihe von Oberhautzellen, deren Längsrichtung mit dem Blattrande parallel ist; ihr äusserer Kontur ist gerade und nur nach Innen schliessen diese Zellen mit gewell- ten Wänden an die folgenden Oberhautzellen. Bei den grünen Formen der' P. alpina enthalten die Oberhaut- zellen eine farblose Flüssigkeit, bei den rothen Formen, wie schon erwähnt wurde, einen rosarothen Saft. — In allen Epidermis-Zellen findet man ausserdem einen farblosen, mattglänzenden, eckigen Körper, der auf Einwirkung von Jodlösung goldgelb, bis bräunlich wird und etwas zusammenschrumpft, ohne dabei seine eckige Form zu verän- dern, auf Zusatz von Kalilösang dagegen aufquillt. Es ist der Zell- kern, dessen Substanz zum grössten Theil die Form von Krystal- loiden annimmt (IX. 4.). In ganz jungen Epidermiszellen sind die Zellkerne homogen und von rundlicher Form, später scheidet sich die Hauptmasse ihrer Substanz in Krystalloiden aus und so findet man denn statt der früheren Zellkerne in jeder Epiderraiszelle ein bis mehrere Krystalloide von einem sehr zarten Kontur umsäumt, der wahrscheinlich der äussersten^ etwas dichteren Schichte des ursprüng- lichen Zellkernes entspricht. Die Form der Krystalloide ist die von quadratischen oder rhombischen, sehr flachen Täfelchen, welche eben deshalb auf der Flächenansicht matt erscheinen (IX. 4.). Sie 173 kommen seltener einzeln, meist zu mehreren in einem Zellkerne vor, besonders zahlreich erscheinen sie in den Kernen aus Zellen nahe der Basis älterer Blätter, wo sie oft in unregelmässigen Formen haufenweise auftreten und von einem oft weit abstehenden Häutchen umhüllt sind (IX. 4, a.), das sonst ihnen meist fest anliegt. Diese Krystalloide kommen nur in den Epidermiszellen und deren Gebil- den, den später zu beschreibenden Drüsen, vor, fehlen dagegen den Spaltöffnungs- Zellen und allen übrigen Theilen der Fing, aljpina. Die Krystalloide erinnern an die hei Lathraea von Radlkofer entdeckten. S^iciltöffnungea. Die Blätter haben sowohl auf der Unter- als auf der Oberseite ziemlich viel Spaltöffnungen, die Zahl derselben nimmt von der Mitte des Blattes gegen den Rand zu, um dann wieder abzunehmen, nur einer verhältniasmässig schmalen Zone am äussersteu Rande des Blattes fehlen sie ganz. Die Vertheilung der Spaltöffnungen steht also auch hier, wie bei Dionaea, einigermassen in Beziehung zur Funktion der Blätter. Nach Fraustadt (1. c.) kommen auf der Oberseite des Blattes der Dionaea keine Spaltöff- nungen vor; natürlich, weil hier die ganze Blattoberseite beim Insektenfang betheiligt ist; ähnlich ist auch hei Pinguicula der äus- serste Blattrand, als derjenige Theil, der hauptsächlich beim Fang und bei der Verdauung der Insekten funktionirt, ohne Spaltöffnungen. Der ümriss der Spaltöffnungen ist breit- elliptisch, oft beinahe kreisrund; die beiden Schliesszellen haben nicht immer die gleiche Grösse (IX. 5 bei a.). Die Spaltöffnungen sind etwas über die Epidermis emporgewölbt (IX, 8). Der Spalt zeigt einen doppelten Kontur, in Folge dessen er von einem schmalen Saume umgeben erscheint (IX. 5 — 7.). Dieser Saum kommt daher, dass der Spalt sich nach innen etwas verengt, und da die Spaltöffnungszelleu ohnehin nicht sehr dick sind, so sieht man den äusseren weiteren und den inne- ren engeren Kontur bei derselben Einstellung fast gleich gut. Der erwähnte Saum ist in chemischer Beziehung etwas verschieden von den übrigen äusseren Membrantheilen der Epidermis; behandelt man nämlich Oberhaut-Theile mit Jod und Schwefelsäure, so werden die äusseren Membranen kaum merkbar gelblich gefärbt, während der erwähnte Saum eine deutliche braune Färbung annimmt. Die Schliesszellen enthalten, wie schon erwähnt, keine Krystal- loide, ihr Inhalt besteht aus einer farblosen Flüssigkeit und wenigen kleinen Chlorophyllkörnern. Unter jeder Spaltöffnung befindet sich eine Athemhöhle, in welche die zahlreichen, im Mesophyll auftreten- den Intercellularräume einmünden (IX. 8.). Die Bildung der Spaltöffnungen entspricht am meisten dem Modus, 174 welchen Strassburger für Thymus angiebt"), jedoch mit Ueber- gängen zu dem Modus von Phorhüis, Mercurialis und selbst von Sedmn. Die Mutterzelle der Schliesszellen entstellt durch eine ein- bis dreimalige Theilung einer Epidermiszelle (IX. 9. u. 10.). Die Spalt- öffnung wird dabei entweder von zwei oder drei Epidermiszellen umgrenzt (IX. 5. u. 7.). Im ersten Falle nimmt sie meist die Mitte einer Querwand zweier Epidermiszellen ein und ist ihr Spalt dabei gewöhn- lich senkrecht zu dieser Querwand (IX. 7). Allgemein kommen die Spaltöffnungen nur einzeln vor und sind ohngefähr gleichmässig vertheilt; seltener findet man jedoch auch paarweise auftretende Spaltöffnungen und zwar so, dass die Schliesszellen sich dabei innig berühren (IX. 6). Drüsen. Die Oberseite der Blätter trägt, wie schon erwähnt wurde, zahlreiche Drüsen, dieselben sind von zweierlei Art, nämlich gestielte und ungestielte, von denen die ersteren schon mit freiem Auge, als weissliche Pünktchen, wahrgenommen werden. Der Bau der gestielten Drüsen ist folgender: Die Epidermiszelle, welche eine gestielte Drüse trägt, ist immer, oft sehr stark, über die Epidermis emporgewölbt (IX. 14, a.); diese als Basaltheil zu bezeichnende Zelle trägt einen mehr weniger langen Stiel, der ein- bis drei- und vier- zellig sein kann, an der Spitze des Stieles befindet sich eine kleinere nach oben in den Drüsenkörper emporgewölbte Zelle, welch« ich als Columella bezeichnen will (IX. 14, c). Dieser Columella ist der Drüsenkörper, nach Art einer Kappe, aufgesetzt (IX. 14, e.), so dass die Columella fast ganz verdeckt erscheint^). — Die Basalzelle ist immer grösser als die benachbarten Epidermiszellen und enthält, wie diese, einen wässrigen Inhalt und einen Krystalloide enthaltenden Kern. — Der Stiel ist bei Drüsen nahe dem Blattrande immer ein- zellig und sieht oft flaschenförmig aus, indem er unten bauchig er- weitert, nach oben aber verjüngt erscheint (IX. IL). Gegen die Blattmitte hin werden die Stiele 2— 4zellig (IX. 12. 13.). Die Zellen des Stieles enthalten immer einen glänzenden Kern, dessen Inneres ein Krystalloid einnimmt, wie er auch in den Epidermiszellen zu finden ist, nur ist er natürlich hier viel kleiner. Der Kern ist im Plasma eingebettet, das als dünner Wandbeleg auftritt und ausser- dem zahlreiche vom Kern ausgehende, sich verzweigende Fäden ') Siehe Pringsheim's Jahrbücher, 5. Bd. Taf. 38. Fig. 60. 61. 2) Der Drüsenkörper sieht etwas schirniartig aus; die Drüsen der Finr/ni- cida werden von de Bary (Hofmeister, Handb. d. phys. Bot. III. p. 67) unter den Schuppen angeführt und dabei die Angaben von Schacht und Grönland citirt, deren Angaben aber mangelhaft und nicht ganz richtig sind. 175 aufweist, in denen, so wie im Wandbeleg zarte Körnchen in Bewegung zu sehen sind. Die Bewegung ist hier wie in so vielen Zellen von Haargebilden eine circulirende. Das Ende des Stiels nimmt die Columella ein, die mehr als halbkugelig erscheint und einen wässe- rigen Inhalt hat. Der kappen- oder schirmförmige Drüsenkörper ist von oben betrach- tet kreisförmig und besteht aus einer Lage von Zellen, die strahlen- förmig angeordnet sind, jedoch reicht nicht jede Zelle bis in die Mitte (IX. 15, a.). Durch zwei sich in der Mitte kreuzende und etwas stärker hervortretende Wände ist der Drüsenkörper in vier Qua- dranten getheilt, welche durch weitere gegen die ersten Wände schief gestellte Theilungswände in mehrere, verschieden breite und ungleich lange Zellen zerfallen (IX. 15, a.). Nur vier Zellen des Drüsenkörpers reichen bis in die Mitte. Die Zahl der Zellen variirt und steigt bis auf 20 und mehr. Der Inhalt der Drüsen- zellen ist blassgelb und hat ein homogenes mattglänzendes, öliges Aussehen. In der Mitte des Blattes sind die Drüsen verhältniss- mässig klein und sitzen hier auf den längsten Stielen (IX. 13.), gegen den Blattrand hin werden die Drüsen grösser, die Stiele aber kürzer (IX. 12. 11.); doch sind die äussersteu Drüsen nicht die grössten. Die Stiele stehen gewöhnlich senkrecht zur Blattfläche, nur die der äussersten Drüsen sind gegen den Blattrand gebogen (IX. 17, b.). Diese Einrichtung kann, wie mir scheint, mit Bezug auf den Insektenfang als eine vortheilhafte bezeichnet werden. Die Entwickelung der gestielten Drüsen ist folgende: Gewisse Epidermiszellen bilden einen kurzen Fortsatz (IX. 16, a.), welcher sich später verlängert und in zwei Zellen theilt. Die Theilungswand liegt oberhalb der Epidermis und führt zur Bildung der Basalzelle, welche daher schon von Anfang her über die Epidermis hervorragt (IX. 16, b.). Der obere Theil des Fortsatzes wächst weiter und theilt sich nach einander in 3 — 6 Zellen; die Endzelle ist bei den Fort- sätzen der Blattmitte mehr zugespitzt (IX. 16, a'. b'.), an den übrigen Stellen des Blattes aber noch vor Vollendung der letzten Theilun- gen mehr weniger keulig oder kugelig erweitert (IX. 16, c). Die nach Abscheidung der Basalzelle folgenden Theilungen führen vorerst zur Bildung der Stielzellen, dann folgt in der obersten, zu dieser Zeit bereits kugelig erweiterten Zelle eine Theilungswand, durch die eine sehr niedere, scheibenförmige Zelle entsteht (IX. 16, d); diese wird später zur Columella und die Endzelle zum Drüsenkörper. Die obere Wand der Columellazelle ist also anfangs gerade, erscheint aber schon zu der Zeit, wo die zum Drüsenkörper werdende Endzelle 176 durch eine Längswand in zwei Zellen zerfällt, nach oben gewölbt; an der Stelle einen Winkel bildend, wo die zuletzt erwähnte Längs- wand sich an die Columella anlegt (IX. 16, e.). Mit der weiteren Ent- wickelung des Drüsenkörpers wölbt sich die Columella immer mehr empor und wird ihre Wölbung immer mehr kugelig. In der End- zelle folgen auf die erste Längswand zwei dazu senkrechte, wodurch die vier Quadranten des Drüsenkörpers entstehen, in denen dann durch weitere radiale Theilungen, die aber, wie schon erwähnt, nicht bis an die Mitte reichen, die übrigen Zellen des Drüsenkörpers entstehen. Die Theilungen folgen dabei so, wie bei der Entwlckelung des Drüsenkörpers der ungestielten Drüsen, und wird davon weiter unten die Rede sein. Die Zellen des Drüsenkörpers wachsen dann sowohl in die Breite und Höhe, als auch nach abwärts, wodurch sie die anfangs gut sichtbare Columella immer mehr verdecken (IX. 16, f. 13. 14.). Der Inhalt der Zellen besteht während der Entwlckelung der gestiel- ten Drüsen aus dichtem Plasma, das die Endzelle meist ganz erfüllt, in den übrigen Zellen aber ein bis raehrVacuolen aufweist (IX. 16, a — f.). In allen Zellen ist ein Zellkern zu finden, der schon hier oft in sei- nem Innern den eckigen Krystalloid enthält (IX. 16, e.). — Die unge- stielten Drüsen sind im Wesentlichen ähnlich gebaut, wie die gestiel- ten, nur fehlt ihnen der Stiel, doch ist ihr Bildungsplan derselbe. Sie bestehen aus einer niederen Basalzelle, aus einer im Durchschnitt dreieckigen Columella und einem Drüsenkörper, der meist nur zur Hälfte über die Epidermis hervorragt (X. 19, d.d.) 5 nur in seltenen Fällen erhebt sich der Drüsenkörper und selbst die Basalzelle etwas über die Epidermis, so wenn eine ungestielte Drüse in unmittel- barster Nähe einer gestielten entsteht, wo sie dann durch die sich stark emporwölbende Basalzelle der letzteren gleichsam emporgeho- ben wird (IX. 14, d.). Der Drüsenkörper besteht aus zwei bis zehn und mehr Zellen und ist von oben gesehen seltener kreisrund, son- dern mehr elliptisch (X. 18.). Die dem Blattrande nächsten Drüsen sind selbst bei entwickelten Blättern nur 2— 4zellig und nimmt die Zahl ihrer Zellen gegen die Mitte zu, so dass man auf demselben Blatte alle möglichen Entwickelungszustände antrifft. Die ungestiel- ten Drüsen kommen selbst ganz nahe zum Blattrand vor und zwar näher als die gestielten (IX. 17, d.d.). Sie entstehen schon an sehr jungen Blättern und früher, als die gestielten Drüsen und erreichen auch früher ihre vollständige Entwlckelung. Dieselbe ist kurz fol- gende: eine sich kugelig etwas emporwölbende Epidermiszelle, die auch durch ihren dichteren Inhalt sich von den benachbarten Epi- dermiszellen unterscheidet, theilt sich zuerst durch eine Wand, die 177 tiefer als die Aussenwände der benachbarten Oberhautzellen auftritt, in zwei Zellen, deren untere zur Basalzelle wird, die obere theilt sich bald darauf durch eine Wand, die der ersten sehr nahe liegt, in eine untere sehr niedere Zelle, die später zur Columella wird, und in eine obere, aus der der Drüsenkörper wird. Die Columella beginnt sich auch hier, wie bei den gestielten Drüsen, erst dann emporzu- wölben, wenn in der zum Drüsenkörper werdenden Zelle die erste Längswand aufgetreten ist. Von oben gesehen erscheint in der elliptischen Drüsenzelle die erste Wand senkrecht zur Längsachse der Zelle (X. 1 8, a. b.), darauf folgen zwei zur ersten Wand senkrechte Thei- lungen, die zur Bildung von 4 Quadranten führen (X. 18, c); selte- ner findet man dreizellige Zustände (X. 18, c')- In den Quadranten treten nun nach einander gegen die Quadrantenwände schiefgestellte Theilungen ein, durch welche verschieden breite und lange, jedoch nicht bis in die Mitte reichende radiale Zellen entstehen (X. 18, d — f.), ähnlich, wie es Rauter für die erste Entstehung der Scheibenhaare von Hipimris beschreibt*). Die ungestielten Drüsen der Fing, alpina ähneln nicht nur den ersten Entwickelungsstadien der Schei- benhaare von Hippuris, sondern finden ihr Analogon auch in den zweizeiligen Papillen, die an der Aussenseite der Schläuche von Utricularia vulgaris auftreten. Besonders zu erwähnen ist noch, dass ungestielte Drüsen bei P. alpina (und ebenso auch bei P. vulgaris, die ich nach getrock- neten Exemplaren untersuchte) auch auf der Unterseite der Blätter vorkommen und zwar recht zahlreich, doch sind sie hier klein^ mehr oder weniger in die Epidermis eingesenkt (X. 24.). Ihr Drüsenkörper ist schwach entwickelt, und besteht meist nur aus 2 — 4, seltener aus 6 Zellen, auch ragt er fast gar nicht oder nur unmerklich über die Epidermis hervor. Leider kann ich nicht angeben, ob seine Zellen auch absondern, doch ist ihr Inhalt dichter und von anderer Beschaf- fenheit, als bei den Epidermiszellen. Das Auftreten dieser drüsen- 1) Siehe Weiss, Allg. Botanik. p. 366. — Wennichhier die in den Drüsenkörper hineinragende Zelle, welche der von Rauter bei Hippuris als Stielzelle bezeich- neten Zelle ähnelt, Columella und nicht auch Stielzelle nenne, so geschieht es, weil, wie wir gesehen haben, bei Pinguicula die gestielten und ungestielten Drüsen dieselbe Entwickelung, denselben Bildungsgang zeigen, wenn ich also bei den gestielten Drüsen die in den Drüsenkörper hineinragende Zelle als Columella bezeichne, und anders konnte ich sie füglich nicht nennen, so niusste ich dies auch bei den ungestielten Drüsen thun, da in beiden Fällen die als Columella bezeichneten Zellen, auf Grundlage der Entwickelung, als aequivalent zu betrachten sind. 178 artigen Gebilde auf der Blattunterseite ist jedenfalls beachtenswerth ; ihre schwache Ausbildung kann, wie mir scheint, als die Folge des Nichtgebrauches aufgefasst werden. Sonst aber können, glaube ich, aus ihrem Auftreten folgende Folgerungen abgeleitet werden. Es ist jedenfalls nicht wahrscheinlich, ja sogar unmöglich, dass die insektenfressenden Pflanzen diese Eigenschaft von Anfang her beses- sen hätten, sondern sie haben diese ihre Fähigkeit sich erst mit der Zeit erworben. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend gelangen wir für Pinguicula zu der Annahme, dass die Voreltern der jetzigen Pingmcula- Arten einstmals auf ihren Blättern und zwar auf der Ober- wie auf der Unterseite, nur einerlei ungestielte Drüsen-Gebilde ent- wickelten, vielleicht ähnlich denjenigen, wie sie jetzt nur auf der Unterseite vorkommen, und dass denselben vorerst keine physiolo- gische Aufgabe zufiel. Für diese Annahme spricht einigermassen das Vorkommen analoger Drüsengebilde bei andern Pflanzen — so bei Htp- puris — wo dieseGebildescheinbarkeinen physiologischen Zweck haben. Später wurden nun bei den Voreltern der Pinguicula die Drüsen der Blattoberseite durch daraufi'allende Gegenstände, oder durch daraufkriechende Insekten afficirt, und dazu angeregt, dass sie theils sich stärker entwickelten, theils aber mehr als ursprünglich abzu- sondern begannen. Besass die Absonderung für gewisse Stofl"e eine lösende Kraft, so musste diese Eigenschaft vor allen denjenigen Pinguicula-I'üanzen zu Gute kommen, die zufällig auf armen Boden gelangten und bei denen die Wurzeln sich nur unvollständig ent- wickeln konnten, sodass dann diejenigen Individuen in der besten Lage waren, deren Drüsen am stärksten entwickelt waren, denn diese konnten natürlich mehr absondern und auch mehr auflösen. Mit der Zeit entwickelten sich dann sogar aus den ungestielten Drüsen die gestielten, die, wie oben beschrieben wurde, mit den ersteren einen ganz analogen Bildungsgang zeigen. Aehnlich wie für Pinguicula könnte man auch für Utriculana die Haargebilde im Innern der Schläuche von solchen Papillen, wie sie auf der Aussenseite auftreten, ableiten. Noch leichter ist das für Aldrovanda möglich, denn wenn man die Zeichnungen Caspary's*) genau vergleicht, so findet man, dass in der Entwickelung der Tri- chome der Blattunterseite und den Drüsen der Oberseite eine gewisse, deutlich erkennbare Analogie besteht, die sich auch darin ausspricht, dass bei beiden Gebilden ein zweizeiliger Stiel vorkommt. Ja sogar die wahrscheinlich reizbaren gegliederten Haare der Blattoberseite t) Bot. Ztg. 1859. Taf. IV. 179 lassen sich, als aus der Umbildung solcher Trichome entstanden, denken, wie sie noch jetzt auf der Blattunterseite vorkommen, und spricht dafür, wie mir scheint, der Umstand, dass beide Gebilde in der Mitte zwischen zwei Epidermiszellen befestigt sind. Schliesslich wäre man selbst verleitet Aehnliches auch für Dionaea und Drosera zu thun (vergleiche bei Fraustadt 1. c. die Fig. 10, Taf. I. mit Fig. 7dr, Taf. IL, sowie bei Nitschke, Bot. Ztg. 1861. Taf. IX.). Gefässbündel. Das aus dem Stämmchen in die Blätter austre- tende Gefässbündel sendet schon an der Basis des Blattes Zweige aus. Man findet nämlich auf Querschnitten durch die Blattbasis ein mittleres stärkeres Gefässbündel, in dessen unmittelbarer Nähe rechts und links je ein sehr dünnes, nur eine Trachee enthaltendes, gegen den Blattrand hin aber je ein stärkeres Bündel. Das mittlere Gefäss- bündel besteht in seinem nach der Blattoberseite gewendeten Theile aus meist einzeln stehenden, sehr engen Tracheen, zwischen denen im Querschnitt parenchymatisch aussehende, sonst aber langgestreckte Zellen auftreten; nach der Blattunterseite hin werden die Tracheen weiter und stehen zu mehreren beisammen, an dieselbe schliesst sicli unmittelbar der Basttheil an. Derselbe besteht aus mehreren kleinen Gruppen sehr enger Zellen und dazwischen aus wei- teren Zellen, ist daher nur als Weichbast entwickelt. Die engen einzeln stehenden Tracheen sind ringförmig verdeckte Gefässe ; die Ringe stehen meist ziemlich entfernt von einander und sind oft mit- telst schraubiger Verdickungsfasern verbunden; den Querwänden ent- sprechende Stellen sind an ihnen nicht zu finden. Die weiteren Tra- cheen sind theils Ringgefässe mit genäherten Ringen, theils eng- schraubig verdickte Tracheiden mit schiefgestellten Querwänden und an denselben meist etwas erweitert. An den Ringgefässen erkennt man bei Querschnitten durch das Stämmchen leicht die für die Blät- ter bestimmten Gefässbündel, da, wie erwähnt, solche Gefässe den Wurzelsträngen nicht zukommen. Im weiteren Verlaufe verzweigen sich die Gefässbündel immer mehr und werden dabei auch dünner. Die Gefässbündel-Verzweigung ist eine netzadrige und besonders im oberen Theile des Blattes eine eigenthümliche. Die vom Mittelnerv ausgehenden stärkeren Seiten- nerven sind bogig mit einander verbunden; aus den Bogen gehen gegen den Blattrand wieder schwächere Nerven aus, die ihrerseits wieder bogig anastomosiren. Innerhalb dieser grösseren Maschen finden sich schwächere Nerven, die sich verzweigend theils unter- einander in Verbindung treten, theils im Mesophyll frei enden. Die äussersten bogenförmigen Verbindungen der Nervenzweige bilden Co hn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Bandlll. Heftll. J3 180 einen nahe dem Blattrancle verlaufenden, sympodialen Strang, von dem — besonders im oberen Theile des Blattes — zahlreiche meist einfache, seltener verzweigte Aeste, verschieden weit gegen den Blattrand vordringen (X. 21.). Je weiter von der Blattbasis und dem Mittelnerv entfernt, desto dünner werden die Zweige, auch hören damit die Ringgefässe auf und finden sich dann nur mehr engschraubig verdickte Tracheiden, begleitet von einigen sehr engen langgestreckten Cambiform-Zellen. Anfangs weisen die Nerven noch mehrere Tracheiden nebeneinander auf, die äusseren Zweige jedoch enthalten nur mehr eine einzige Reihe. Mit der Verzweigung werden auch die Glieder der Trachei- den immer kürzer und ihre Querwände weniger schief; die äusser- sten Enden der Nervenzweige bestehen aus ganz kurzen meist etwas erweiterten Zellen, die schraubig verdickt sind und deren Verdickungs- faser hie und da auch Verzweigungen aufweist (X, 22. 23.), wie Aehnliches Darwin auch für P. vulgaris erwähnt und wie es auch in den Blättern anderer Pflanzen vorkommt'). Diese Endverzwei- gungen der Nerven dringen manchmal sehr nahe zum Blattrande vor, so dass sie von der den hyalinen Blattrand bildenden Epidermis- Zellreihe nur durch eine Zelle getrennt sind, die dann oft von den übrigen chlorophyllreichen Mesophyll-Zellen sich dadurch unterschei- det, dass sie wenig oder gar kein Chlorophyll, sondern einen wäs- serigen Inhalt enthält (X. 22, a, a.). Selten kommt es auch vor, dass das Nervenende bis an den Blattrand reicht, so dass die letzte Tra- cheide unmittelbar an die äussersten Epidermiszellen grenzt (X. 23.). Gewöhnlich enden die Nerven weiter nach Innen vom Blattrande und grenzt ihr Ende dann an chlorophyllhaltige Mesophyll -Zellen (X. 22.). Die Zellenzüge, aus denen später die Tracheiden -Reihen der Blattnerven entstehen, sind schon zeitig im unentwickelten Blatte zu erkennen und sah ich einigemale in ihnen auch strömende Bewe- gung. Auch sonst führen die Gefässe und Tracheiden der Blattner- ven nie Luft, sondern einen wässerigen Inhalt, und im älteren Zu- stande enthalten sie manchmal eine gelblichbraune Masse, wie sie ähnlich auch in den Tracheen des Stämmchens und der Wurzel zu finden ist. Dieser Umstand, sowie die eigenthümliche Verzweigung der Tracheen im Blatte spricht dafür, dass sie vielleicht dem Trans- porte gewisser Stoflfe dienen und zwar solcher Stoffe, die unmittel- bar mit der Funktion der Blätter, mit dem Insektenfang und deren Verdauung in Beziehung stehen. Ich folgere dies vor allem daraus, ') Siehe Hofmeister, Handb. d. pliys. Bot. III. von de Bary p. 3S(J u. w. 181 dass die Nervenverzweiguug:, besonders im Blattraiide, eine starke ist, und dass die Zahl der gegen den Blattrand senkrecht auslaufen- den Zweige besonders in demjenigen Theile des Blattes gross ist, der beim Fangen und Verdauen der Insekten sich am meisten bethei- ligt, und wo die Einbiegung des Blattrandes am stärksten möglich ist. Im unteren Theile des Blattes, der zur Einwärtskrümmung nicht mehr befähigt ist, finden sich wohl Nerven nahe zum Rande, doch dieselben senden hier keine senkrecht gegen den Blattrand gerich- tete Zweige aus, weil dieselben hier wohl auch zwecklos wären. Mesopliyll. Ueber das Mesophyll der Blätter von P. alpina ist nicht viel zu sagen; dasselbe besteht aus parenchymatischen Zellen, die um den Mittelnerv und im Blattgrunde meist langgestreckt sind und weniger Chlorophyllkörner aufweisen, dabei auch zwischen sich nur kleinere und weniger Intercellular- Räume bilden. Die übrigen Mesophyll -Zellen sind mehr weniger isodiametrisch und abgerundet oder unregelmässig sternförmig, so dass zwischen ihnen zahlreiche, ziemlich grosse Interstitien entstehen, die mit Luft erfüllt sind und in die unter jeder Spaltötinung befindliche Athemhöhle münden. Bei Pinguicula dienen überhaupt allgemein nur die Intercellular- räume der Leitung von Luft. Sonst enthalten die meisten Zellen des Mesophylls zahlreiche, mittelgrosse Chlorophyllkörner, in denen meist viele, mehr weniger entwickelte, kleine Stärkekörnchen ange- troffen werden ; auch findet sich in den Mesophyll-Zellen ein kleiner rundlicher, meist schwer aufzufindender Zellkern mit glänzendem Kernkörperchen, jedoch ohne Krystalloid. Bei den Blättern bewirkt Kalilösung auch eine gelbe Färbung; dieselbe tritt am meisten an jungen, noch unentwickelten Blättern auf und werden dabei besonders die Drüsenkörper lebhaft gefärbt. 4. Die Blütheil. Die Blüthen konnte ich leider nur im unent- wickelten Zustande untersuchen, da die P. alpina in Neuhaus zur Zeit meines Dortseins schon verblüht war, hier a^ber die Blüthen noch nicht zur völligen Entwickelung kamen. Soviel kann ich jedoch mittheilen, dass die Blüthenstiele sowohl ungestielte, als auch gestielte Drüsen tragen; die letzteren haben aber nur einen einzelligen Stiel und ragt deren Basalzelle kaum über die Epidermis hervor. An dem Kelche treten auch beiderlei Drüsen auf; an dessen Aussen- seite sind die gestielten Drüsen gleichmässig vertheilt und auch am Rande auftretend, jedoch nur spärlich vorhanden; ihr Stiel ist auch nur einzellig. Die ungestielten Drüsen kommen nur in der Mitte der Kelchzipfel vor. Die Innenseite des Kelches trägt nur einige ungestielte Drüsen. — An gewissen Stellen der Blumenkrone scheinen 13* 182 auch Drüsen zu entstehen und zwar nur gestielte; wenigstens fand ich an den jungen Blumenkronen bereits Trichome von verschiede- ner Länge, aus 1 — 10 und mehr Zellen bestehend, deren Endzelle bereits etwas kugelig erweitert war und Theilungen aufwies, wie sie an den gestielten Drüsen der Blätter bei der Bildung der Colu- raella-Zelle, sowie der Quadranten des Drüsenkörpers auftreten. — Schliesslich kommen gestielte Drüsen selbst am Pistill und einzeln selbst an den Staubgefässen vor. — Schnitte durch den Blütlienstiel und die Blüthentheile färben sich in Folge von Kalilösung auch intensiv citronengelb, so dass diese Eigenthümlichkeit allen Theilen der P. alj^ina zukommt. Zum Schlüsse fasse ich die Hauptresultate meiner Untersuchun- gen in folgenden Punkten zusammen: 1. Pinguicula aljjina tritt in zweierlei Formen auf; die eine besitzt rein grüne^ die andere mehr weniger rothbraun gefärbte Blätter; doch scheinen diese Formen nur den Werth von Standorts- Varietäten zu besitzen. 2. Pinguicula al])ina ist, wie die übrigen Pinguicula- Axie.r\^ eine Insekten-, d. i. fleischfressende und theilweise auch pflanzenfres- sende Pflanze. 3. Ihre Wurzeln sind einfach, d. h. verzweigen sich nicht und besitzen nichtsdestoweniger ein Pericambium; die Zellen der Strang- scheide haben zierlich, meist doppelt gewellte radiale Längswände und sind das erste Gebilde, das sich aus dem Urmeristem der Wurzelspitze herausdifferenzirt. Der grösste Theil der Wurzel verharrt mit Bezug auf die Gewebe -Ausbildung in einem unent- wickelten, gleichsam jugendlichen Zustande. 4. Das Stämmchen besitzt zwischen Mark und Rinde einen Gefässbündel-Ring, der durch sehr kurzgliedrige Gefässe ausgezeich- net ist; die Glieder sind an den Berührungsstellen eingeschnürt und die Querwände mittelst einer einzigen kreisförmigen Oefi'nung durch- brochen. Die Gefässbündel der Wurzeln entspringen theils aus dem Gefässkreis des Stämmchens, theils aus der Blattspur. 5. Die ursprüngliche Einwärtskrümmung der Blattränder kann mit Bezug auf den Insektenfang als vortheilhafte Einrichtung auf- gefasst werden, da Insekten den Blattrand nicht leicht übersteigen können und daher auch gewöhnlich unter demselben anzutrefl'en sind. 6. Die Zellen der Blatt- Epidermis enthalten kein Chlorophyll, sondern bei den grünblättrigen Formen einen farblosen, bei den 183 rotliblättrigen einen rotliliclien Saft; ausserdem besitzen sie je einen Zellkern, in dem Krystalloide zu finden sind. 7. Der Blattrand ist durchscheinend und besteht aus einer ein- zigen Reihe von Epidermis-Zellen. 8. Die Epidermis der Blätter enthält sowohl auf der Ober- als auf der Unterseite ziemlich zahlreiche Spaltöffnungen, die nur am äussersten Blattrand fehlen. Ihre Bildungsweise entspricht am meisten der bei Thymus beobachteten, zeigt jedoch auch manche Abweichun- gen. Der Spalt ist von einem schmalen Saum umgeben, der stärker cuticularisirt ist, als die äusseren W.ände der Epidermis-Zellen. Die Spaltöffnungs-Zellen enthalten keine Krystalloide, sondern nur einige sehr kleine Chlorophyllkörner. Die Epidermis der Blattoberseite entwickelt zweierlei Drüsen: gestielte und ungestielte. Die gestielten Drüsen bestehen aus einer über die Epidermis hervorragenden Basalzelle, aus einem 1 — 4 zelligen Stiel, einer halbkugeligen Cohimella. der ein, aus einer Schichte radial angeordneter Zellen bestehender Drüsenkörper kappenartig aufgesetzt ist. Die ungestielten Drüsen sind ähnlich gebaut, nur mangelt ihnen der Stiel, die Cohimella ist kegelförmig und der Drüsenkörper ragt meist nicht mehr als bis zur Hälfte über die Epidermis hervor. Der Entwickelungsgang beider Drüsen ist analog. 10. üngestielte Drüsen kommen auch an der Blatt -Unterseite vor, nur sind sie schwach entwickelt und ragt ihr Drüsenkörper kaum über die Epidermis hervor. Aus ihrem Auftreten kann gefol- gert werden, dass die P in g^iicnla- Arten einst nur einerlei ungestielte Drüsen besassen, aus denen sich mit der Zeit auf der ßlattober- seite sowohl die stärker entwickelten ungestielten, als auch die gestielten Drüsen entwickelten, womit gleichzeitig sich auch die Fähigkeit der Blätter zum Fang und zur Verdauung der Insekten ausbildete. Anschliessend daran kann Aehnliches auch für Utri- cularia und Äldrovanda, ja selbst für Dionaea und Drosera gefolgert werden. IL Die Gefässbündel der Blätter sind netzadrig verzweigt und anastomosiren meist untereinander. Die Endverzweigungen ver- einigen sich nahe zum Blattrande zu einem sympodialen Strang, von dem zahlreiche, gegen den Blattrand gerichtete Zweige aus- gehen, die mit erweiterten, schraubig verdickten Zellen endigen, die manchmal unmittelbar an die Epiderraiszellen des Blattrandes grenzen oder von ihnen durch eine bis mehrere Zellen getrennt sind. 12. Die Tracheen der Blätter, sowie auch die der übrigen Theile von Pinguicula al^pma führen nie Luft, sondern enthalten entweder 184 eine wässerige Hiissigkeit oder einen gelbliclibraunen harzig aus- sehenden Stoff. Dieser Umstand, sowie die eigenthümliche Verzweigung der Tracheen, in dem besonders zum Insektenfang befähigten Blaft- rande, scheinen dafür zu sprechen, dass die Tracheen zum Stofftrans- port dienen, der mit der Funktion der Blätter vielleicht in unmittel- barer Beziehung steht. 13. üie Mesophyll-Zellen bilden unter sich meist ziemlich grosse mit Luft erfüllte Interstitien und enthalten gewöhnlich reichlich Chlorophyllkörner. 14. Stärke findet sich bei P. alpina in den Chlorophyllkörnern und ausserdem im Stäramchen und den Wurzeln ruhender Pflanzen, wo sie in kleinen zusammengesetzten Körnchen erscheint. 15. Gestielte, sowie ungestielte Drüsen kommen sowohl an den Blüthenstielen, als auch an den Blüthentheilen vor. 16. Kalilösung ruft in den Geweben der P. alpina eine intensive gelbe Färbung liervor. Budapest, März 1879. Erklärung der Abbildungen. Tafel IX. Fi». 1. Eine Zelle der Strangsdieide in Längsaiisicht. Fig. 2. Gefasse aus dem Stäminclien in Qiieransicht. Fig. 3. = ' = = ■- Längsansieht. Fig. 4. Krystalloi'dc aus den Epidermiszellen; a. aus einem älteren Blatte. Fig. 5 — 8. Spaltöffnungen; 6. eine Doppeltspaltöffnung; 8. eine Spaltöffnung im Querschnitt. Fig. 9 und 10. Entwickelungszustände der Spaltöffnungen mit noch ungetheil- ten Mutterzellen der Sehliesszellen. Fig. 11—14. Gestielte Drüsen; in 14 ist a. die Basalzelle, b. der Stiel, e. die Columella, e. der Drüsenkörper im Durchschnitt, d. eine durch die Basalzelle a. emporgehobene ungestielte Drüse. Fig. 15. a. ein vom Stiel abgetrennter Drüsenkörper von oben, b. ein anderer von unten gesehen, c. die Columella. Fig. 16. Entwickelungsfolge der gestielten Drüsen. Fig. 17. Querschnitt durch den eingebogenen Blattrand, b. die äusserste gestielte Drüse, d. d.d. ungestielte Drüsen. Tafel X. Fig. 18. Entwiekelung des Drüsenkörpers der ungestielten Drüsen, von der Blatt-Oberseite. Fig. 19. Partie aus der Blatt-Oberseite im Querschnitt, a. die Basalzelle einer gestielten Drüse, d. d. ungestielte Drüsen im Durchschnitt. Fig. 20. Aus dem Querschnitt einer stärkeren Wurzel. Fig. 21. Die Verzweigung der Nerven im Blattrande. Fig. 22. Nervenendigungen im Blattrande. Fig. 23. Partie aus dem Blattrande, ein Nerven-Endc zeigend. Fig. 24. Querschnitt durch die Blattunterseite mit einer eingesenkten unge- stielten Drüse. üntersucliimgeii über Bacterien. X. Studien über die blaue Milch. Dr. F^'^Tfeelsen,'^ Privatdocent und Assistent am pathologischen Institut zu Rostock. Hierzu Tafel XI. Die mykologischen Untersnchungen des letzten Decenninms haben, wenn auch nicht strict bewiesen, so doch in hohem Grade wahr- scheinlich gemacht, dass eine Anzahl von Erscheinungen, welche man bisher als einfache Lebensvorgänge des Säugethierkörpers auf- fasste, Resultanten darstellen aus zwei mit einander combinirten Pro- cessen, der Lebensäusserung von Bacterien und der reactiven Thä- tigkeit der thierischen Gewebe. Nur wenige dieser Processe gehö- ren in das Gebiet der „normalen Functionen," (so z. B. die Ver- dauung der Milch im Labmagen des Kalbes; Cohn, Beiträge I. 3. pag. 194) bei weitem die Mehrzahl documentirt sich durch ihren deletären Einfluss auf den höheren Organismus als „krankhaft" und es fällt also vor allen Dingen dem Pathologen die Aufgabe zu, die- selben zu untersuchen und womöglich zu analysiren. Mit welchem Eifer man sich der Lösung dieser Aufgabe zugewandt hat, beweist die in wenigen Jahren zu fast unübersehbarer Mächtigkeit angewachsene Litteratur über die Pilzkrankheiten. Wenn trotzdem über das Wesen dieser Krankheiten mit wenigen Ausnahmen noch tiefes Dunkel gebreitet ist, so liegt das wohl nicht allein in der Schwierigkeit des Gegenstandes, sondern zum nicht geringen Theil in dem Fehlen der nöthigen Vorkenntnisse. Die Beurtheilung einer Resultante setzt die Kenntniss der Componenten voraus; um die complicirten Processe der Infectionskrankheiten wür- digen zu können, bedürfen wir ausser der Kenntniss von den Func- tionen der thierischen Gewebe auch einer Einsicht in das morpho- logische und biologische Verhalten jener kleinsten Organismen unter einfacheren Verhältnissen als im lebenden Thiere, und eine solche ist uns trotz der zahlreichen Untersuchungen bisher nur in sehr beschränktem Maasse zu Theil geworden. Es wird aus diesen Grün- 188 den wohl dem Pathologen nicht als unbefugter Uebergriff vorgewor- fen werden, wenn er sich auf das zunächst nur dem Botaniker als Fachmann zustehende Gebiet der Beobachtung von Bacterien, welche nicht Krankheitserreger sind, hinauswagt, wie es der Verfasser in den nachfolgenden Studien über die blaue Milch gethan hat. — Das Thema schien insofern der Untersuchung günstige Chancen zu bie- ten, als einmal der Process wegen der charakteristischen Pigment- bildung leicht zu identificiren und von anderen Zersetzungen zu unter- scheiden ist, andrerseits die Form und die Beweglichkeit der bei demselben auftretenden Organismen die mikroskopische Beobachtung und Recognoscirung eher gestattet wie bei den ruhenden Kugelfor- men der gewöhnlichen pigmentbildenden Bacterien. Trotz dieses Vor- theils sehe ich mich zu dem Geständniss genöthigt, dass es mir nicht gelungen ist ein lückenloses Bild, weder von der Morphologie noch von der Biologie dieser Organismen zu erhalten, dass das Band zwi- schen der grossen Zahl der einzeln beobachteten Thatsachen vielfach nicht durch directe Beobachtung, sondern nur durch Vermuthung geknüpft ist. Da mir zunächst die Verhältnisse eine weitere Ver- folgung dieser Untersuchungen nicht gestatten, muss ich die Aus- füllung dieser Lücken fremder Forschung überlassen und kann nur den Wunsch aussprechen, dass meine Arbeit zu weiteren Untersu- chungen über das in vieler Hinsicht nicht uninteressante Thema den Anstoss geben möge. Um die Uebersicht zu erleichtern, habe ich das im Folgenden zu besprechende Material in einzelne Abschnitte eingetheilt, deren Ver- zeichniss ich zunächst hier folgen lasse: I. Das spontane Blauwerdeu der Milch. Endemisches Auftreten. Geographische Verbreitung. Litteratur. II. Impfung der blauen Milch. 1. Substrat der Impfung. Impfmaterial. Bedingungen der ImpfFählg- keit. Uebertragung des Contagiums durch die Luft. 2. Verschiedenheiten im Erfolg der Impfung. Abliängigkeit derselben von der Beschaffenheit der Milch, vom Impfmaterial, von äusseren Verhältnissen, von der Witterung. III. Process der Bläuuug. Allgemeiner Vorgang, Natur des Farbstoffes, chemische Processe dabei. Anhang: Die supponirte Giftigkeit der blauen Milch. IV. Mikroskopische Untersuchung. 1. Methode. Aeltere Beobachtungen. 2. Befund in der blauen Milch. Gonidienbildung. 3. = = = Cohn'schen Lösung. Sporcnbildung. 4. = = = blauen Nährlösung. Chroococcusform. 5. Zweifelhafte Form mit Kali nitricum. Y. Schluss. 189 I. Das spoutaue Blaiiwerden der Milch. Eutleinisches Auftreten, geographische Verbreitung. Litteratur. Das spontane Blauwerden der Milch, d. h. die Form, unter wel- cher der Process gewöhnlich auftritt ohne dass absichtliche Impfun- gen stattgefunden haben, habe ich selbst bisher nicht beobachten können. Meine Untersuchungen beschränken sich auf die durch Impfung blau gewordene Milch und ich muss mich deshalb bezüg- lich der ohne Kunsthilfe eintretenden Veränderung auf die Autorität anderer Untersucher stützen. Ich wähle dazu die vortreffliche Be- schreibung, welche Haubner in seiner unten erwähnten Abhand- lung giebt; dieselbe bietet ein so klares und anschauliches Bild, dass ich schwerlich im Stande wäre auf Grund eigener Beobachtungen etwas besseres an die Stelle zu setzen. Haubner schreibt 1. c. p. 46 ff.: „Unter den gewöhnlichen wirthschaftlichen Verhältnissen entsteht die blaue Milch nur in der warmen Jahreszeit und dauert auch wäh- rend dieser nur an; etwa vom Frühsommer bis zum Spätherbst. Im Winter habe ich sie niemals entstehen sehen, auch nicht fortbestehen, selbst wenn sie im ganzen Sommer und Herbst zugegen war. Sie verschwand stets mit dem Eintritt der kalten Jahreszeit. — So, wie gesagt, unter den „gewöhnlichen" Verhältnissen, d. i. bei Aufbe- wahrung der Milch in Milchkammern, wo zuletzt die Milch nur noch langsam und ungenügend säuert und gerinnt. — Anders in kleinen Wirthschaften, bei Aufbewahrung der Milch in warmen Räumen (Wohn- und Schlafstuben). Hier kann sie den ganzen Winter an- dauern und Jahr ein Jahr aus bestehen. Steinhof erzählt einen solchen Fall von ISjähriger ununterbrochener Dauer in einer Bauern- wirthschaft. „Dauer und Umsichgreifen der blauen Milch in einer Wirthschaft ist sehr verschieden. Gemeinhin erscheint sie zuerst in schwachen Anfängen als vereinzelte kleine Flecke und Punkte und in einzelnen Ge- fässen. Dabei kann es bleiben und in wenigen Tagen Alles vorüber sein; doch das ist selten. Gemeinhin greift das Uebel um sich. Es werden immer mehr Gefässe blau und die blauen Flecke nehmen zu an Zahl und Ausdehnung. So kann im hohen Grade nahezu die ganze Milch im Gefässe blau werden; meistens bleibt es bei mehr oder weniger ausgedehnten Flecken und grösseren blauen Stellen. — Verschwindet das Blauwerden wieder, so geschieht es entweder unter allmählichem Nachlassen, oder auch ganz plötzlich. Heute kann noch alle Milch blau sein und morgen vielleicht kaum eine Spur davon. 190 „Während des Bestehens treibt das Blauwerden ein wahrhaft neckendes Spiel. Heute ist die Milch in allen Gefässen blau, mor- gen sind viele frei. In diesen Gefässen erstreckt sich das Blauwer- den möglichst über die ganze Oberfläche und steigt tief hinab; in jenen sind nur einzelne oberflächliche Punkte. Heute wurde die Milch von dieser Kuh blau, von jeuer nicht; morgen kann es um- gekehrt sein. Die Milch derselben Kuh und desselben Melkens wird hier blau, dort nicht. Der Aufbewahrungsort der Milch wird verändert, neue Gefässe angeschafft, ein Futterwechsel vorgenommen, allerlei Mittel versucht und — in dem einen Ort hilft es gründlich, im anderen vorübergehend oder gar nicht. Hier hat dieses, dort jenes Mittel geholfen. Hier bleibt alles wirkungslos, das Uebel kehrt jährlich wieder, dort geschieht nichts und es verschwindet ebenso unerwartet, als es kam. „Wenn man unter solchen Umständen an den Einfluss dunkler Mächte glaubt und jetzt noch seine Zuflucht nimmt zu einem Zauber-. Spruch und sympathetischen Mitteln, dann kann das in der That kaum befremden. Man könnte zuletzt selbst daran glauben, wenn man nirgends zu allen diesen räthselhaften Erscheinungen Grund und Ursache auffinden kann." Man wird durch diese Schilderung von dem plötzlichen Erschei- nen, der schnellen Ausbreitung auf grössere Quantitäten von Milch, der Verschiedenartigkeit in dem äusseren Ansehen, dem plötzlichen unmotivirten Verschwinden unwillkürlich an die Beschreibungen von dem Auftreten des bekanntesten aller pigmentbildenden Microorga- nismen, des Micrococcus 'prodigiosus^ erinnert, wie sie schon mehrfach in älterer Zeit und neuerdings von Erdmann und Schröter gege- ben wurden'). — Es existiren jedoch gewisse Verschiedenheiten namentlich betreffs der örtlichen Ausbreitung, welche zum Theil schon in der obigen Beschreibung angedeutet sind, zum Theil in der übri- gen Litteratur über blaue Milch ihren Ausdruck finden. Der Micrococcus prodigwsus entspricht in seinem Auftreten gewissen Formen der sogen, epidemischen Infectionskrankheiten, welche in ausgedehnten Wanderungen sich über die verschie- densten Theile der Erdoberfläche ausbreiten, ohne in bestimm- ten Gegenden sich bleibend niederzulassen. Das Blauwerden der Milch dagegen zeigt eher gewisse* Analogien mit den sogenannten endemischen Infectionskrankheiten, deren Hauptvertreter bei uns die ') Der Aufsatz von Wem Ich (Cohn's Beiträge, Bd. III. Heft 1.) war mir zur Zeit der Abfassung des Manuscriptes nicht bekannt, konnte deshalb auch in den folgenden Öätzen nicht berücksichtigt werden. 191 Malaria ist. Es erscheint au den Ort gebunden, tritt regelmässig alljährlich in demselben Dorf, demselben Gehöft auf, während die benachbarten Dörfer, ja die benachbarten Häuser desselben Dorfes oft ganz verschont bleiben oder doch nur ganz vorübergehend ein- zelne sporadische Fälle darbieten. — Der Micrococous prodigiosus ist beobachtet worden in Indien, Kleinasien, Afrika so gut wie in den nördlichen Ländern Europas, in Russlaud so gut wie in Frank- reich und Spanien. Das Blauwerden der Milch verhält sich auch in dieser Beziehung anders. Ich möchte hier auf einen Umstand auf- merksam machen, welcher bisher nicht beachtet worden ist. Eine Durchsicht der Litteratur über blaue Milch mit Rücksicht auf den Wohnort der Verfasser resp. den Ort, an welchem sie ihre Beobach- tungen anstellten, scheint zu dem Resultat zu führen, dass die Er- scheinung nicht überall in gleicher Häufigkeit vorkommt, vielmehr hauptsächlich in dem Küstengebiet an der Ostsee resp. in der norddeutschen Tiefebene endemisch ist, sich also auf eine nach den Grundsätzen der physikalischen Geographie recht bestimmt abgrenzbare Zone beschränkt. Gleich die erste Veröffentlichung über blaue Milch, die Abhandlung von Borowsky, beruht auf Be- obachtungen in einem Ort der norddeutschen Ebene, Frauendorf bei Frankfurt a. 0. ; Hermbstaedt gründete seine Theorie auf mehr- jähriges Studium der blauen Milch an der landwirthschaftlichen Muster-Anstalt in Pankow (bei Berlin); Steinhofs analoge Beob- achtungen (einmal 12 Jahre lang dauerndes Auftreten in demselben Gehöft) wurden im Amte Grabow speciell in dem Dorfe Techentin (Mecklenburg) vorgenommen; Fuchs scheint seine Studien in Berlin gemacht zu haben; Gielens Beobachtungen wurden in Mühlhau- sen in Westpreussen, Wagenfelds in Königsberg angestellt. Haubner hatte alljährlich während seines Aufenthaltes in Eide na (bei Greifswald) Gelegenheit, blaue Milch zu untersuchen, ebenso wie nach ihm Fürstenberg; desgleichen H. Hoffmann und Mosler in Greifswald. Hier in Rostock und Umgegend herrscht das Blauwerden der Milch gleichfalls endemisch und ist eine fast jeder Hausfrau bekannte Erscheinung. Aus anderen Gegenden existiren nur ganz vereinzelte Veröffentlichungen, so von Wiener aus 6i es- sen, Elten aus Prag und von einigen Franzosen; Schröter und Cohn in Breslau haben die Erscheinung selbst nicht beobachtet, sondern erwähnen sie nur referirend '). — *) Blaue Milch ist seitdem in Schlesien von mir, sowie von Dr. Fricd- länder und Krocker in Proskau, jedoch nur in ganz vereinzelten Fällen beobachtet worden. F. Co hu. 192 Die blaue Milch ist erst verhältnissmässig kurze Zeit der wissenschaftlichen Forschung bekannt; es ist deshalb auch die Menge der über dieselbe veröffentlichten Arbeiten eine beschränkte. Um so auffälliger muss dabei die Zahl der verschiedenen über Wesen und Ursachen des Processes aufgestellten Ansichten er- scheinen, — man kann fast behaupten, dass jeder neue Beobachter des Gegenstandes eine neue Theorie zu schaffen versucht habe. Die schon oben erwähnte erste wissenschaftliche Beobachtung von ßorowsky datirt aus dem Jahre 1788'), derselbe nimmt an, dass eine schlechte Weide und dementsprechend mangelhafte Gesundheit des Vieh's die Ursache der Bläuung sei, er statuirt also eigentlich zwei Ursachen und die ihm folgenden Forscher bemühten sich, indem sie bald nur die eine, bald nur die andere verantwortlich machten, seine Ansicht zu verbessern. Zunächst wurden beide angezweifelt in der 1800 erschienenen Arbeit von Parmentier und Deyeux'^), ohne dass jedoch von diesen Verfassern eine bestimmte neue Theorie über das wahre Wesen des Processes aufgestellt worden wäre. Dagegen wollten Chabert und Fromage^) nur eine Erkrankung der Kühe als Ursache der Bläuung gelten lassen, ohne dem Futter einen bestimmten Einfluss zuzuschreiben. — Die entgegengesetzte Ansicht vertrat Hermbstädt*), welcher den Process nur auf die Einwirkung des Futters zurückführte und eine dabei bestehende Krankheit der Kühe leugnete. Seine Meinung ging dahin, dass gewisse Pflanzen, welche einen dem Indigo ähnlichen Farbstoff ent- hielten (Hedysarum, Onohrychis, Anchusa, Equisetum^ Mercuria- lis u. A.), diesen Farbstoff' an die Milch abgäben. Diese Annahme blieb auffallend lange in Ansehen und fand selbst in einer Zeit, als schon besser motivirte Theorien aufgestellt waren, immer noch An- hänger. Nur in Bezug auf die Natur des Farbstoffes wurde dieselbe modificlrt. So in der Arbeit von Drouard und Lecle rc^), welche 1) Pyl's Magazin für gerichtliche Arzneikunde und med. Polizei. Bd. II. 2) Parmentier und Deyeux: Neueste Untersuchungen und Bemerkun- gen über die verschiedenen Arten der Milch. — Aus dem Französischen von Dr. Scheerer. Jena 1800. 3) D'une alteration du lait de vache, designee sous le nom du lait bleu, par Chabert et C. M. F. Froniage. Paris 1805. 4) Hermbstaedt, Ueber die blaue und rothe Milch. Leipzig 1833. Separatabdruck aus Erdmann's Journal für technische und öcononiische Chemie. Bd. XVIII. 5j Drouard et Leclerc. Recueil de niedecine veterinaire 1846. (Aus- zug im Magazin f. d. gesammte Thierheilkunde. XIII. p. 77) 193 glauben, dass sicli aus den Eisensalzen des Futters blaues pliosphor- saures Eisenoxyduloxyd bilde. Dieselbe Ansicht war schon früher in einer kurzen Mittheilung von Nadt^) ausgesprochen worden. — Ein wirklich entscheidender Fortschritt in Bezug auf die Kenntniss des hier vorliegenden Prozesses wurde erst durch die Arbeit von Steinhof'^) gemacht. S. kommt zu folgendem Resultat: „Es liegt dem Blauwerden der Milch ein besonderes Agens, ein Ferment, oder, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Ansteckungsstotf zu Grunde, welcher ursprünglich durch einen besonderen Zersetzungs- process in der Milch entsteht, sich in die Milchgeschirre und ihren Aufbewahrungsort festsetzt und sich ähnlich wie das flüchtige Con- tagium der Vieh- und Menschen-Pest, der Pocken, Masern u. s, w. verschleppen lässt, sich anderer gesunder Milch mittheilt und diese in eben den Zustand versetzt wie diejenige war, von welcher es erzeugt worden." — Es muss einen geradezu wunder nehmen, dass S., welcher also eine üebertragung analog dem Pockengift etc. annimmt, keinen Ver- such zum Beweise dieser Annahme durch Impfung gemacht hat. In Folge dieses Mangels fehlte seiner Theorie die wissenschaftliche Be- gründung, und wirklich fruchtbringend wurde sie erst durch die bahnbrechenden Untersuchungen von Fuchs ^), durch welche er, gestützt auf zahlreiche Impfungen und mikroskopische Untersuchungen in Gemeinschaft mit Ehrenberg zu dem Re- sultat kommt, dass das Blauwerden bedingt sei durch die Entwick- lung von Vibrionen, für welche er den Namen Vibrio cyanogenns aufstellte. — Begreiflicherweise erregte diese Arbeit grosses Aufse- hen und wurde von vielen Seiten ohne weiteres angenommen, (na- mentlich auch in den meisten Lehrbüchern angeführt) und zur Grund- lage weiterer Untersuchungen gemacht. So z. B. von Gielen*), welcher, gestützt auf Fuchs' Anschauung Desinfectionsmittel zur Besei- tigung der Erscheinung empfahl; ebenso in demselben Sinn von Elton''') u. A. Jedoch wurden auch Stimmen gegen die Fuchs 'sehe ») C. Nadt im Pharmaceutischen Centralblatt 1833. 2) Steinhof, Ueber das Blauwerden der Milch; Neue Annalen der Mecklen- burgischen landwirthschaftiichen Gesellschaft. 1S3S. Heft 7 und 8. 3) C. J. Fuchs, Beiträge zur näheren Kenntniss der gesunden und fehler- haften Milch der Hausthiere. — Gurlt und Hertwig's Magazin für die gesammte Thierheilkunde. Bd. VII. 2. p. 133. 4) Gielen, Kur der blauen Milch der Kühe. Magaz. f. ges. Thlerheilk. Bd. VIII. 2. p. 234. 5) Elten, Centralblatt f. d. gesammte Landescultur in Böhmen. Prag 1864. No. 45. 194 Theorie laut, z.B. von Hering') und Wiener'-^). Die wichtigste Arbeit, welche gegen die „Vibrionentheorie" aufgestellt wurde, ist die von Haubner''), aufweiche ich noch häufig werde zurückkom- men müssen. — Haubner hat durch fortgesetzte Impfungen unter den verschiedensten Modificationen und durch eine lange Reihe der mühsamsten und sorgfältigsten Untersuchungen ein höchst reichhal- tiges Material gesammelt, welches die Grundlage zu den meisten nach ihm angestellten Untersuchungen lieferte. Er glaubt aus seinen Beobachtungen den Schluss ziehen zu müssen, dass die Vibrionen nicht die Träger des Contagiums sind, dass die Ansteckung viel- mehr vermittelt werde durch ein lebloses (chemisches) Ferment, welches in dem sich zersetzenden Käsestoff enthalten sei. Nach dieser Haubner 'sehen Arbeit ist nichts wesentlich neues über blaue Milch veröffentlicht worden. Zu erwähnen wäre etwa nur noch die weiter unten eingehender zu besprechende Arbeit von M'osler'^), welcher mit H. Ho ff mann"'') zusammen, wohl unter dem Einfluss von Hallier'schen Anschauungen, den „Pilz der blauen Milcli" mit dem der sauren Milch und dem gewöhnlichen Penicülium glaucum identificirt und um die verschiedene Function dieses Pilzes bei blauer und bei nicht blauer Milch zu erklären, auf die veraltete Ansicht zurückgreift, dass Milch, um blau zu werden, eine fehlerhafte Beschaffenheit in Folge von Krankheit der Kuh haben müsse. II. Impfung der blauen Milcli. 1. Substrat der Impfung. Impfmaterial. Bedingungen der Impf- fähigkeit. Uebertragung des Contagiums durch die Luft. Die hauptsächlichste und zugleich einfachste und nächstliegende Beobachtung über den Process des Blauwerdens der Milch ist die, dass dieser Process durch Impfung übertragbar ist, dass durch Zusatz einer geringen Quantität blauer Milch zu normaler in dieser die Bläuung sich hervorrufen lässt. Die Uebertragbarkeit durch Impfung, also die Vermehrungsfähigkeit des Contagiums ist eine unbegrenzte; durch ein einziges Tröpfchen blauer Milch kann 1) Hering, Repertorlum der Thierhellkunde. Jahrgang X. p. 242. 2) Wiener, Zeitschrift für Thierheilkunde und Viehzucht. Bd. IX. Heft 3. p. 352. Giessen 1842. 3) Haubner, Wissenschaftliche und praktische Mittheilungen. — Magazin für die gesammte Thierheilkunde. Bd. XVIII. 1852. 4) Mosler, Ueber blaue Milch und durch deren Genuss herbeigeführte Krankheiten. VIrchow's Archiv. Bd. 43. 1868. 6) Vergl. auch Botanische Zeitung 1865. No. 13. p. 108. 195 man den Process der Bläuung auf eine unbegrenzte Quantität der- jenigen Stoffe, welche überhaupt diesem Process anheimfallen können, übertragen. Dieser Satz ist, insoweit überhaupt durch die inductive Methode des Experimentes ein solcher Beweis geführt werden kann, schon von Fuchs, Haubner, Erdmann u. A. bewiesen worden, und ich kann denselben in vollem Umfange bestätigen. Ich habe nur eine einzige Probe spontan blau gewordener Milch bekommen und war im Stande von derselben ausgehend mehr als 200 Impfun- gen zu machen, ohne eine Abnahme der Impfkraft zu bemerken. An und für sich könnte das selbstverständlich erscheinen, voraus- gesetzt, dass wir überhaupt ein Recht haben die Bläuung als myko- tische Infection anzusehen. — Aber, auch diese Voraussetzung zu- gestanden, so wäre die unbegrenzte Impffähigkeit doch nur dann ein selbstverständliches Postulat, wenn man ohne weiteres annehmen könnte, dass die inficirenden „Pilze" den ganzen für sie möglichen Lebenscyclus in der blauen Milch durchmachten, dass kein Gene- rationswechsel bei ihnen stattfinde, — eine Annahme, welche sich nach der Analogie mit anderen niederen Pflanzenformen keineswegs a priori stellen lässt und die ich auch auf Grund meiner Unter- suchungen widerlegen kann. Deshalb glaube ich die Thatsache der unbegrenzten Impfbarkeit schon hier betonen zu sollen. Jedoch muss ich, um einem naheliegenden Missverständniss vor- zubeugen, gleich hier bemerken, dass der obige Satz „die Impfbar- keit ist unbegrenzt" nur so verstanden werden darf, dass man im Stande ist, von einer minimalen Quantität blauer Milch aus nach- einander durch wiederholte Impfungen (indem man jedesmal die zuletzt als Substrat der Impfung benutzte Milch als Impfmaterial für eine neue Quantität verwendet) ungemessene Mengen anderer Körper, speciell anderer Milch zu inficiren. Dagegen ist die Menge der Milch, welche durch eine einmalige Impfung, etwa von einem Tropfen blauer Milch zum Blauwerden gebracht werden kann, beschränkt und zwar in sehr wechselndem Maasse. — Selbst bei Anwendung verhältnissmässig kleiner Gefässe gelingt es selten die ganze in ihnen enthaltene Quantität blau zu machen, meist verfällt nur ein mehr oder weniger grosser Theil diesem Process, während der Rest weiss bleibt. Auf die Details der hier obwaltenden Ver- hältnisse werde ich später noch ausführlicher eingehen müssen. Vor- läufig sei nur soviel bemerkt, dass diese Beobachtung keineswegs als eine Widerlegung der obigen Behauptung aufzufassen ist, son- dern durch den Umstand ihre Erklärung findet, dass Milch ausser- halb des Euters nicht beliebig lange Zeit unverändert bleibt, viel- Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Band III. Heft 11. 14 196 mehr Zersetzungen eingeht, welclie den durch die Impfung ange- regten Process zu paralysiren geeignet sind. Die Blaufärbung durch Impfung lässt sich erzielen bei Milch jeder Art. Es ist das schon von Haubner und Anderen in Bezug auf die Kuhmilch nachgewiesen worden ' ) und insofern von princi- pieller Bedeutung, als es die veraltete, vor einigen Jahren vonMosler'^) wieder aufgenommene Hypothese, dass das Blauwerden auf einem krankhaften Zustand der Milch beruhe, widerlegt. Die Fähigkeit blau zu werden ist auch nicht auf Kuhmilch beschränkt, wohnt vielmehr wahrscheinlich jeder Milch inue, einerlei von welchem Thiere die- selbe stammt. Direct nachgewiesen ist es durch Fuchs ^), dessen Experimente ich z. Th. wiederholt habe und bestätigen kann, für Schafs-, Ziegen-, Stuten-, Esels- und Hundemilch. Ich kann dieser Reihe nach meinen Untersuchungen noch die Frauenmilch hinzufü- gen. — Ausser in der Milch lässt sich nun aber das Blauwerden noch in einer grossen Zahl anderer Körper hervorrufen, wenn auch meist nicht in so intensiver Weise und nicht mit der gleichen Sicher- heit. Zunächst bei allen darauf hin geprüften Substanzen, welche pflanzliches Eiweiss enthalten. Es sind das Mandelmilch, gekochte Kartoffeln, Reisbrei, Pflanzencasein aus Bohnen dargestellt (jedoch nur als Niederschlag, nicht in Lösung), Arrowroot, die soge- nannte „Kindermilch" etc. Auffällig ist dem gegenüber die That- sache, dass es bisher noch niemandem gelungen ist auf thieri- schem Eiweiss (Hühnereier, Blutserum etc.) weder in gelöstem noch in geronnenem Zustand Bläuung hervorzurufen. Auch che- misch reines Casein vermochten weder Haubner*) noch ich zur Blaufärbung zu bringen. Die Analogie anderer „Pigmentgährungen" der durch Micrococ- cus ])rodigiosus, cyaneus etc. bedingten Färbungen musste es, nach- dem von Cohn"'') nachgewiesen worden, dass dieselben, obwohl beim spontanen Auftreten an das Vorhandensein von Eiweiss geknüpft, doch auch in gewissen eiweiss freien Flüssigkeiten sich entwickeln können, auch für die blaue Milch wahrscheinlich machen, dass man eine eiweissfreie Lösung werde darstellen können, die in derselben Weise wie Milch dieser Bläuung in Folge von Impfung ausgesetzt wäre. Und es ist mir auch, freilich erst nach zahlreichen vergeb- ») Haubner, 1. c. p. 169. 2) Mosler. l. c. p. 16S u. 180. 3) Fuchs, 1. c. p. 193. 4) Haubnei-, 1. c. p. 73. 5) Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Band I. Heft 2. p. 207. Breslau 1872. 197 liehen Versuchen gelungen, eine solche Lösung zu finden. Dieselbe besteht aus einer Mischung von neutralem milch saurem Am- moniak und der Cohn'schen Nährlösung für Bacterien '). Es wird also auch hierdurch die nahe Verwandtschaft der blauen Milch mit den übrigen durch Bacterien erzeugten Pigmenten bewiesen. Von jedem auf diese Weise blau gewordenen Körper kann durch Impfung auf Milch wieder Bläunng erzielt werden. Dieselben erleiden also nicht nur eine analoge Zersetzung wie die Milch während des Blau- werdens, sondern sie conserviren auch während dieses Processes das Contagium in einem zu weiterer Impfung geeigneten Zustande. Es sind das zwei Eigenschaften, die man zunächst für identisch hal- ten könnte, die jedoch, wie eine weitere Reihe von Experimenten ergiebt, nicht identisch sind. Es existirt nämlich eine grosse An- zahl von Stoffen, welche ohne selbst blau zu werden, den impffähigen Stoff conserviren, so dass man von ihnen aus wieder blaue Milch erzeugen kann. Schon Fuchs erwähnt solche, und Haubner sagt direct (1. c. p. 149): „Mit allen Stoffen, mit denen ich es versuchte, ist es mir gelungen blaue Milch zu erzeugen, wenn ich sie zuvor mit solcher iuficirt hatte," und führt als derartige Stoffe speciell an: Althee-, Schwarzwurzel- und Quitten-Schleim, Salep, Stärke, Mehl, Kartoffeln, Zuckerlösung, arabischen und Traganth- Gummi, Hausenblase etc. Ich habe einige dieser Stoffe selbst wie- der geprüft mit dem gleichen Resultat und bin überzeugt, dass es 1) Da das milchsaure Ammoniak, wie alle milchsauren Salze, sich schnell zersetzt, ist es räthlich sich dasselbe erst jedesmal vor dem Gebrauch frisch darzustellen. Ich habe mich dazu der folgenden Methode bedient: T'/a Ccni conc. Milchsäure mit 15 Ccm Aqua dest. vermischt, werden mit einer con- centrirten Lösung von Ammonium carbonicum saturirt. (Beim Neutraiisiren der Milchsäure mit Ammon. caustic. erhielt ich stets negative Resultate, wohl weil der nicht zu vermeidende geringe Ueberschuss von freiem Ammoniak die Entwickelung des Processes hindert.) Von der so erhaltenen Lösung von milohsaurem Ammoniak werden 30 Ccm zu 100 Ccm der folgenden Nähr- lösung gesetzt und mit derselben gekocht: Aq. dest. 100,0, Amnion, tartaric. 0,5, Kai. phosphor. 0,2 und einige Tropfen von Magnesia sulfur. und Calcar. sulfuric. in Lösung. — Die von Cohn angegebenen Mischungen seiner Nähr- lösung mit essigsauren Salzen erlitten keine Bläuung, ebenso die Mischungen der Cohn'schen Flüssigkeit mit milohsaurem Kali oder Natron. — Ich glaube jedoch, dass sich die von mir angegebene Nährlösung durch weiteres Fort- setzen der Versuche und Modificatlonen der Concentratlon noch wesent- lich wird verbessern lassen ; denn so wie Ich sie angewandt habe, erglebt sie nicht ganz sichere Erfolge, etwa auf je 4 Impfungen 3 mal Bläuung, einmal nicht. Mir gebrach es an Zeit, den Gegenstand weiter zu verfolgen, und zur Constatlrung der Thatsache genügt ja auch das Vorstehende. — 14* 198 mir ein Leichtes gewesen wäre, durch weitere Experimente in dieser Richtung die obige Reihe um dasDoppelte und Dreifache zu vermehren. Damit wäre jedoch ohne genaue mikroskopische Untersuchung jedes einzelnen dieser Körper, welche wegen der dazu erforderlichen über- mässig langen Zeit unthunlich erschien, für die Kenntniss des uns hier beschäftigenden Processes so gut wie gar nichts gewonnen gewesen. Ich habe mich deshalb auf die Prüfung einiger weniger dieser Stoflfe namentlich mit Berücksichtigung der mikroskopischen Vorgänge in denselben beschränkt. — Von den früher angewandten habe ich nur den Altheeschleim, destillirtes Wasser und Gummi- resp. Zuckerlösung benutzt, ausserdem aber mit besonderer Sorgfalt und in sehr zahlreichen Experimenten das Verhalten der gewöhnlichen Cohn'schen Nährlösung, welche ohne blau zu werden eine sehr reichliche und charakteristische Bacterien-Entwickelung liefert, unter- sucht, und endlich das Glycerin. Auf die Einzelheiten dieser Expe- rimente kann ich erst bei Besprechung der mikroskopischen Befunde ausführlicher eingehen. — Hier will ich nur noch die Bemerkung hinzufügen, dass es nicht gelingt von der blauen Milch aus irgend einen anderen Farbstoff zur Entwicklung zu bringen als immer den- selben blauen. Die die Bacterien enthaltenden Körper, welche nicht die charakteristische Blaufärbung annehmen, bleiben ungefärbt. Nachdem wir in obiger Aufzählung die zur Uebertragung und Conservirung des Contagiums geeigneten Körper kennen gelernt haben, drängt sich zunächst die Frage auf: unter welchen Verhältnissen bleibt das Contagium wirksam, wie lange lässt es sich erhalten, durch welche Einflüsse wird es zerstört? Beginnen wir mit dem ursprünglichen Träger derselben, der blauen Milch, so wäre hier zunächst zu erwähnen, dass das Contagium einer einmal inficirten Milch schon zu weiterer Infection geeignet ist, ehe die Blaufärbung begonnen hat. Die letztere pflegt erst 1, 2 oder 3 Tage nach der Infection aufzutreten, die Ansteckungsfähigkeit ist meist schon nach ^ Tag vorhanden. In Bezug auf diesen Umstand stimmen meine üntersuchungsresultate mit denen der früheren Beob- achter vollkommen überein. In anderer Beziehung bin ich zu abwei- chenden Ergebnissen gekommen. Nach Haubner sollten zwar alle blau gewordenen Theile der Milch Träger des Contagiums sein, jedoch nur für eine bestimmte Zeit, und ihre Ansteckungsfähigkeit sollte erlöschen während die blaue Färbung noch andauert. Ich habe mich von der Richtigkeit dieses Satzes nicht überzeugen können, war viel- mehr stets im Stande, so lange noch eine Spur von blauer Farbe vorhanden war, deu Process durch Impfung zu übertragen. Aller- 199 dings erreicht er, wenn in sehr späten Stadien abgeimpft wurde, bei der neugeimpften Milch meist nur eine geringe Ausdehnung, weil in diesen späten Stadien stets Oidium und oft auch der Bacillus der Buttersäuregährung mit überimpft wird und die pigmentbildenden Bacterien überwuchert. — Das in der blauen Milch enthaltene Contagium erweist sich nach den Versuchen von Fuchs und Haubner verhältnissmässig wider- standsfähig gegen die Mineralsäuren, gegen viele Alkalien und Salze, ja auch gegen einige Desinfectionsmittel, namentlich Chlor. — Ich kann diesen Angaben nach eigenen Beobachtungen nichts Neues hin- zufügen. — Die Impffähigkeit bleibt ferner erhalten innerhalb ziem- lich beträchtlicher Temperaturdiflferenzen. Während die Impfungen am sichersten gelingen von blauer Milch, welche in einer Tempera- tur von ca. 15'^ C. sich befindet, derselben Temperatur, unter wel- cher auch der Process am besten sich entwickelt, wird doch auch durch bedeutende Erniedrigung der Temperatur die Impfkraft nicht vernichtet. Fuchs ^) und Haubner ^) haben blaue Milch gefrieren lassen, und der letztere hat sie selbst 14 Tage lang in gefrorenem Zustande erhalten ohne nach dem Aufthauen eine Verminderung der Impfkraft zu bemerken. (Auffällig erscheint bei diesen Versuchen namentlich die Widerstandsfähigkeit gegen lange dauernde Kälte. — Die Fähigkeit kurz dauernde Abkühlungen selbst viel bedeutenderer Art, bis — 110" C. zu ertragen, scheint ja nach den Versuchen von Frisch^) vielen, wenn nicht allen Bacterien zuzukommen.) Weniger resistent zeigte sich das Contagium (in der blauen Milch) gegen Tem- peraturerhöhung. Kochen, ja schon eine Erhitzung auf 70 — 75" C. ver- nichtet die Impffähigkeit. — Getrocknete blaue Milch, vorausgesetzt dass sie durch Verdunstung, nicht durch Eindampfen getrocknet ist, bewahrt ihre Impfkraft und zwar verhältnissmässig lange Zeit. Fuchs hat von einem, auf einem Glasplättchen eingetrockneten Tropfen blauer Milch nach 3 Wochen erfolgreich geimpft, Haubner nach 6 — 8 Wochen. Ich selbst habe über Schwefelsäure getrocknete blaue Milch seit ca. 3 Monaten aufgehoben und bisher keine Ab- nahme der Impfkraft bemerkt. Wenn demnach schon in der blauen Milch selbst das Contagium eine bedeutende Lebenstenacität zeigt, so gilt das in noch höherem J) I. c. p. 195. 2) 1. c. p. 158. 3) Frisch, Ueber den Einfluss niederer Temperaturen auf die Lebens- fähigkeit der Bacterien. Sitzungsber. d. K. K. Akad. d. Wissenseh. in Wien. Bd. 75 u. Bd. 80. (Mitgetheilt in d. mediciuischen Jahrbüchern 1879. III. u. IV.) 200 Maasse von dem in anderen Stoffen conservirten, soweit in dieser Richtung Untersuchungen angestellt wurden. Haubner hat getrock- neten Altheeschleim noch nach 5 Jahren impfkrcäftig gefunden und empfiehlt deshalb diese Substanz besonders zur Conservirung des Impfmaterials, Ich bin überzeugt, dass man mit der gewöhnlichen Cohn'schen Nährlösung ein gleiches Resultat erlangen könnte, jedoch erstrecken sich meine Beobachtungen nicht über so lange Zeiträume, Das gleiche gilt vom Glycerin. — Schon eine Verdünnung der blauen Milch mit grösseren Mengen destillirten Wassers ermöglicht, während die Blaufärbung schnell verschwindet, ein Conserviren der Impf- kraft auf mehrere Monate. — Auch die Resistenz gegen erhöhte Temperatur zeigt sich in bemerkenswerther Weise verstärkt. Man kann Altheeschleim bei einer Temperatur von 100" C. trocknen, ohne dass er seine Impfkraft einbüsst. Ebenso kann man getrock- neten Altheeschleim in Wasser ^ bis ^ Stunde kochen und findet ihn nachher ebenso geeignet zur Uebertragung wie vorher. Auch die Bacterien in Cohn'scher Nährlösung vertragen wenigstens ein kurz dauerndes Kochen sehr gut. — Die mikroskopische Unter- suchung giebt für diese Verschiedenheiten in der Lebensfähigkeit unserer Organismen genügende Erklärung, In der blauen Milch finden wir nur durch Theilung sich fortpflanzende Generationen. In den anderen Substanzen handelt es sich um Sporen. — Ich habe bisher immer nur von der Uebertragung durch Impfung gesprochen, und es kann wohl auch keinem Zweifel unterliegen, dass diese Art der Fortpflanzung, also die directe Vermischung des zu inficirenden Körpers mit einer gewissen Menge der infectiösen Substanz die gewöhnlich vorkommende ist, nicht nur wo dieselbe ab- sichtlich eingeleitet wird, sondern auch in den Fällen, wo das Blau- werden ohne und gegen den Willen des Müchbesitzers eintritt, — Damit ist aber nicht gesagt, dass sie auch die einzig mögliche Form der Uebertragung sei. Es scheint vielmehr in seltenen Fällen auch eine Uebertragung durch die Luft vorzukommen, Steinhof hielt diese Art der Infection sogar für die gewöhnliche; Fuchs glaubte sie, nach der Entdeckung der „Vibrionen" vollkommen läugnen zu können, und Hering, welcher in dieser Hinsicht erfolg- reiche Experimente anstellte'), stützt hauptsächlich darauf seinen Widerspruch gegen die „Fuchs 'sehe Vibrionentheorie" und glaubt, man müsse als Contagium ein flüchtiges Ferment annehmen. Haubner hat gleichfalls Versuche angestellt und es ist ihm einmal gelungen ') Hering, ]. c p. 242. 201 nach Zusammenstellung von 2 Gefässen mit gesunder und mit blauer Milch unter einer Glasglocke eine Inficirung der gesunden Milch zu beobachten. — Mir ist bei wiederholten Versuchen das Experiment nie gelungen. — Trotzdem kann an der Thatsache einer bisweilen vorkommenden Uebertragung durch die Luft wohl nicht gezweifelt werden; und dieselbe erscheint ja auch keineswegs als im Wider- spruch stehend mit der Annahme eines organischen Contagiums, son- dern sehr wohl erklärlich. Da die Bacterien resp. deren Sporen in trockenem Zustande impfkräftig bleiben, so ist es selbstverständ- lich, dass in Räumen, in welchen lange Zeit blaue Milch in grösserer Quantität aufbewahrt wurde, sich derartige getrocknete Bacterien- massen den Stanbtheilchen der Luft beimischen und mit denselben auf die Oberfläche unbedeckt stehender Milch fallend, diese inficiren können (nicht müssen '). Es lassen sich deshalb gegen die Richtig- keit der Beobachtungen von Steinhof und Haubner, dass Milch, welche in solchen Räumen steht, unter Umständen auch oline vor- gängige Impfung blau wird, begründete Zweifel nicht erheben. Anders steht es in Bezug auf die mit frischer blauer Milch ange- stellten Experimente von Hering und Haubner; hier könnte man immer noch zweifelhaft sein, ob nicht in den wenigen erfolgreichen Fällen doch eine unbeabsichtigte Impfung vorgelegen habe, und ich möchte das wegen meiner eigenen erfolglosen Versuche annehmen. 2. Verschiedenheiten im Effect der Impfung. Abhängigkeit derselben von der Beschaffenheit der Milch, vom Impfmaterial, von äusseren Verliältnissen, von der Witterung. Betrachten wir als Zweites die Verschiedenheiten im Effect der Infection und die sie bedingenden Verhältnisse! Um nicht durch übermässige Anhäufung von Material den Leser zu ermüden und die Klarheit der Darstellung zu schädigen, will ich hier nur die relativ einfachen Verhältnisse berücksichtigen, wie sie bei Impfung auf Milch beobachtet werden. — Man findet hier 1. eine verschie- ') Experimente von Cohn (Beitr. z. Bio!, d. Pfl. I 3. p. 150) haben es sehr wahrschelnlicli gemacht, dass eine selbst an Bacterienkeimen reiche Luft nur unter besonders günstigen Bedingungen auf eine Flüssigkeit inficirend wirken kann, dann nämlich, wenn diese Keime schon mit Wasser durchtränkt und gequollen sind, während sie sonst „als unendlich leichte und vermutlilich von einer Gallerthülle umgebene Körperchen im Wasser nur mit besonderer Schwierigkeit zurüctgehalten, meist aber — — — wieder fortgerissen werden ohne benetzt zu sein, ähnlich wie dies etwa mit den Sporen von Lycopodium der Fall ist." — Vergleiche auch die Experimente v. Dowdeswell. (Quarterly Journal of microscop. science. Bd. XVlII, 1872. p, 82) 202 dene Ausdehnung der Bläuung. Es ist schon oben bemerkt worden, dass es nur in seltenen Fällen gelingt, alle in einem Gefäss enthaltene Milch gleichförmig blau zu machen, dass vielmehr mei- stens nur ein Theil der Milch blau wird. In den geringsten Graden bemerkt man auf dem Sahnehäutchen einzelne erbsen- bis linsengrosse blaue Fleckchen und findet unterhalb desselben die geronnene Milch höchstens wie mit einem bläulichen Anflug bedeckt. Ist der Process besser ausgebildet, so wird auch die Oberfläche des geronnenen Milch- kuchens blau, entweder fleckweise oder in ihrer ganzen Ausdehnung. Dabei kann die Sahne gleichfalls vollständig blau werden, oder sie bleibt zum grössten Theile weiss. — Das zwischen Sahne und Casein- kuchen sich ansammelnde Serum bleibt oft farblos, oder färbt sich nur sehr schwach; in anderen Fällen nimmt es auch die blaue Farbe an und bisweilen so stark, dass es dunkler blau ist als die Milch selbst. — Die Blaufärbung des geronnenen Käsestoflfs beschränkt sich meist auf die Oberfläche und dringt nur etwa 3 — 5 mm in die Tiefe; in anderen Fällen kann er aber auch in seiner ganzen Masse, selbst in einer mehr als 2 cm dicken Schicht blau werden. Er nimmt dabei eine weichere, schmierigere Consistenz an und zerfliesst oft fast vollständig. Aehnlich wie die Ausdehnung der Bläuung wech- selt auch die Farbe; jedoch scheint die Intensität und Art der Farbe nicht immer der Intensität des Processes zu entsprechen, vielmehr auf andere Verhältnisse begründet zu sein, die mir nicht bekannt sind. Die Farbe kann schwanken zwischen einem ganz blassen Hellblau und dem dunkelsten Indigoblau, der Farbenton schwankt zwischen Blauviolet, Himmelblau und Grünblau, geht sogar hin und wieder, namentlich an den eintrocknenden Rändern in ein schönes Meergrün über. Weitere Verschiedenheiten liegen 2. in der Dauer der Incu- bationszeit (zwischen Impfung und dem Eintritt der Bläuung) und in der Dauer der Bläuung. Durchschnittlich verstreichen etwa 60 Stunden bis die Bläuung in der geimpften Milch deutlich wird; jedoch kann unter Umständen der Process auch viel früher eintre- ten; ich habe mehrfach schon nach 20 Stunden deutliche Blaufär- bung gesehen und Haubner giebt das gleiche an. Andererseits kann der Eintritt sich bedeutend verzögern; eine Verzögerung bis zum 3. resp. auch bis zum 4. Tag ist recht häufig, und unter Um- ständen verstreichen bedeutend längere Zeiträume; so habe ich ver- schiedentlich erst am 6. und 8. Tag die Bläuung eintreten sehen und Haubner sogar erst nach 10 und 12 Tagen. — Die Dauer der Bläuung schwankt zwischen 3 — 4 und 14 Tagen. Gemeiniglich 203 ist nach 5 — 6 Tagen der Process auf seinem Höhepunkt angelangt. Es bilden sich dann auf der blauen Milch weisse Flecken (Oidium- wucherungen), und je mehr diese sich ausbreiten, blasst die Farbe ab, geht in ein Graublau, in reines Grau über und nach 2 oder 3 Tagen ist alles von Pilzen überwuchert. — In den Fällen, wo die Pilze später auftreten, hält sich oft die blaue Farbe dementsprechend länger, jedoch verschwindet sie bisweilen ebenso schnell und unter dem gleichen Farbenwechsel, noch ehe Pilzwncherungen sich ausge- bildet haben. Diese in dem Vorhergehenden aufgezählten Verschiedenheiten sind abhängig zunächst von der Beschaffenheit der als Sub- strat der Impfung benutzten Milch. Jede Kuhmilch ist geeig- net blau zu werden, jedoch ist die Disposition dazu eine verschie- dene und zwar aus folgenden Gründen: Jede Milch geht nach ihrer Entleerung aus dem Euter einen Zersetzungsprocess ein, welcher im Lauf einiger Stunden oder Tage zur Säurebildung und Gerinnung führt. Die Schnelligkeit, mit welcher dieser Process abläuft, ist bei verschiedenen Milchsorten eine verschiedene und mit ihr hängt aufs engste die Fähigkeit blau zu werden zusammen. Die Milch ist näm- lich nur zu der Zeit vor der vollständigen Gerinnung zur Aufnahme und Fortentwicklung des Contagiums geeignet. Impfungen, welche nach vollständiger Gerinnung vorgenommen werden, bewirken keine Bläuung, und auch bei Impfungen, die vor dem Eintritt der Gerinnung stattfinden, tritt nur dann eine vollständige Entwicklung der blauen Farbe ein, wenn nach der Impfung den Bacterien noch genügend Zeit übrig bleibt, sich in der Milch zu verbreiten (und die zur Pigmentbildung geeignete Generation zu entwickeln), ehe die voll- ständige Gerinnung ihrer Wirksamkeit ein Ziel setzt. — Nach die- sen Erörterungen lassen sich die Verhältnisse, welche die Disposi- tion der Milch zum Blauwerden erhöhen und erniedrigen, leicht con- struiren, und die experimentelle Untersuchung bestätigt die so theo- retisch gewonnenen Sätze. Es ist nämlich die Disposition zum Blau- werden bei einer Milch um so grösser, je langsamer sie gerinnt. Eine solche wird einmal zur Aufnahme des Contagiums am längsten geeignet bleiben, andererseits aber auch bei frühzeitiger Impfung dem Contagium am meisten Zeit zur Ausbreitung und Vermehrung lassen, also eine möglichst weite Ausdehnung des Processes erlauben. Jede Milch wird deshalb am geeignetsten sein zur Impfung, wenn sie frisch gemolken ist, und wird um so ungeeigneter werden, je länger sie schon nach dem Melken gestanden hat. Es wird ferner von ver- schiedenen Milchsorten diejenige am geeignetsten sein, welche bei 204 der Entleerung am stärksten alkalisch reagirt. Das ist unter normalen Verhältnissen der Fall bei der Milch altmelkender Kühe, ferner (nach Haubner) bei gewissen Futtersorten, und ausserdem tritt die alkalische Reaction der Milch in erhöhtem Grade auf bei den meisten Krankheiten des Euters, durch welche der Milch Eiter, Blut etc. beigemischt werden. Natürlich wird eine in gleicher Weise vermehrte Disposition auch vorhanden sein, wenn man durch künst- liche Mittel, (abgesehen natürlich von desinficirend wirkenden) das Säuren der Milch verzögert; es ist hier namentlich als das einfach- ste und zweckmässigste das Mittel zu erwähnen, welches die Haus- frauen empirisch zur Erreichung dieses Zweckes anwenden, das ein- malige Aufkochen der Milch; derartig aufgekochte Milch zeigt sich, auch wenn man sie nicht frisch, sondern erst einige Stunden nach dem Melken in die Hände bekommt, in hohem Grade empfänglich und ich habe deshalb bei meinen Impfversuchen mit Ausnahme der ersten, ausschliesslich aufgekochte Milch verwandt. Umgekehrt wird die Disposition zum Blauwerden vermindert oder zerstört durch alles was eine vorzeitige Gerinnung der Milch bedingt, sowie durch alle Manipulationen, welche das Casein modificiren, wie Zusatz von Mineralsäuren, Alkohol etc. Namentlich mnss ich hier auch das lange Kochen erwähnen, welches ja gleichfalls eine Coagulation (und chemische Veränderung?) des Casein bedingt. Eine ^ Stunde oder länger gekochte Milch bleibt in der Regel gegen jede Impfung immun. — Der zweite Factor, welcher für die Ausbreitung und Schnellig- keit des Processes wichtig ist, ist die Be schaffe nlieit des Impf- materials. — Dass mit der zunelimenden Menge des Impfmate- rials die Ausbreitung und Intensität des Processes proportional zu- nimmt, ist so selbstverständlich, dass ich hier nicht näher darauf einzugehen brauche. Das Nachfolgende bezieht sich natürlich nur auf die Fälle, in denen gleiche, und zwar möglichst geringe Mengen angewandt werden. Zunächst (und auch das ist eigentlich selbst- verständlich) führt die Impfung um so schneller und sicherer zum Resultat und der Process wird um so ausgedehnter, je gleichmässi- ger und feiner das Impfmaterial vertheilt ist. Es wirkt deshalb flüssige, oder mit Wasser angerührte blaue Milch schneller und aus- gedehnter als ein Klümpchen der geronnenen Masse; ebenso getrock- nete blaue Milch oder getrockneter Althecschleim besser in Pulver- form als in Stückchen. — Was die einzelnen Formen des Impfmaterials anlangt, so sind die Differenzen nicht so bedeutend, wie man erwarten könnte. Frische 205 blaue Milch wirkt immer am schnellsten. Nur die blaue Nähr- lösung steht ihr in der Hinsicht gleich. Die übrigen Stoffe, Pasten r'sche resp. Cohn'sche Flüssigkeit, Altheeschleira etc., sowie getrocknete blaue Milch wirken etwas langsamer (Unterschiede meist von 12 Stun- den, auch weniger), diese untereinander jedoch ziemlicli gleich. — Was den Verlauf des Processes anbelangt, so scheint derselbe nach Impfung mit frischer Milch am schnellsten abzulaufen, resp. am leichtesten durch äussere Einflüsse und Oidiumvegetationen gestört zu werden, während die mit anderen Stoffen geimpfte Milch in den meisten Fällen ihre Farbe länger behält. Jedoch ist dieses Verhalten nicht con- stant, ich habe hin und wieder auch das Umgekehrte bemerkt. Es wäre hier der Ort noch eine kurze Bemerkung einzuschalten über den Einfluss fortgesetzter Impfungen auf die Impfkraft. Bekanntlich ist zuerst von Coze und Feltz') die Behauptung auf- gestellt worden, dass bestimmte pathogene Fermente, und zwar die der „septischen" Krankheiten durch fortgesetzte Impfung immer in- fectlöser würden. Diese Behauptung wurde von einer grossen Anzahl von Beobachtern auf Grund analoger Experimente, wie sie Coze und Feltz angestellt hatten, bestätigt, so von Vulpian, Reynaud, Davaine^), Sanderson^) u. A., allerdings immer nur bezüglich der Sepsis und es gilt wohl jetzt noch bei der Majorität der Patho- logen die Zunahme der Virulenz als feststehendes Gesetz, — Koch*), welcher bei seinen zahlreichen Uebertragungen der verschiedensten Pilzkrankheiten auf Thiere nie ein ähnliches Verhalten beobachten konnte, widerspricht dieser Anschauung, wie mir scheint mit gutem Grunde, und glaubt, dass sie durch unrichtig ausgeführte Experimente entstanden sei. Insoweit es sich hier um durch Bacte- rien angeregte Processe des Thierkörpers handelt, kann natürlich meinen Beobachtungen an der blauen Milch gar keine Bedeutung beigelegt werden, denn es wäre absurd die Bläuung der Milch und die Infectionskrankheit im Thierkörper bloss aus dem Grunde, weil bei beiden Bacterien wirksam sind, als analog und ihrem Wesen nach gleichartig hinstellen zu wollen. Man hat jedoch das „Davaine'sche Gesetz" zu verallgemeinern versucht, und daraus weitgehende Schlüsse über Anpassung und Vererbung bei den niedersten Organismen ziehen 1) Diese und die folgenden Arbeiten finden sich auszugsweise referirt in Virehow und Hirsch's Jahresbericht für 1866. 2) Davaine, Sitzung d. Pariser Acad. de med. 17. Sept. 1872. 3) Sanderson, Medizin Jahrbücher 1876. p. 417. *) Koch, Untersuchungen über die Actioiogie d. Wundinfectionskrankheiten. Leipzig 1878. 206 wollen, und aus diesem Grunde halte ich die Bemerkung nicht für überflüssig, dass bei der blauen Milch sich eine Zunahme der In- fectionskraft bei fortgesetzter Impfung nicht constatiren lässt. Ich habe ausser anderen kürzeren, eine fortlaufende Reihe von 12 Impfun- gen von Milch auf Milch angestellt, eine Zahl, bei welcher doch wohl eine solche Zunahme der Virulenz, wenn sie überhaupt existirte, hätte bemerkbar werden müssen. Als dritter Factor endlich ist der Einfluss äusserer Verhält- nisse auf den Process des Blauwerdens zu berücksichtigen. Wir haben es hier im Grunde nicht mit einem einzelnen Factor, son- dern mit einer Summe verschiedener wirksamer Kräfte zu thun, nämlich dem Einfluss des Lichtes, des Sauerstoffs in der Luft, der Temperatur etc. — Das Licht, welches ja auf die höheren Pflanzen von so ent- scheidendem Einfluss ist, und dessen auch viele der niedrigeren chlorophyllosen pflanzlichen Organismen nicht entrathen können, scheint auf die Bacterienvegetation in der blauen Milch gar keinen Einfluss auszuüben. Die Milch bläut sich ebenso gut und ebenso ausgedehnt im Dunkeln wie im Licht. Der Process der Bläuung in der Nährlösung mit Ammon. lacticum wird durch das Licht insofern gestört, als der Farbstoff sehr schnell abblasst; auf die Entwicklung der Organismen hat die Beleuchtung aber auch hier keinen bemerk- baren Einfluss, weder zu Gunsten, noch auch, wie man nach den Untersuchungen von Downes und Blunt^) betreffs anderer Bacte- rienformen vermuthen könnte, zu Ungunsten derselben. Dagegen ist der Sauerstoff der Luft für die Entwickelung des Processes unentbehrlich. Bedeckt man Milch gleich nach der Impfung mit Oel, so tritt gar keine Bläuung ein und damit auch keine Weiterentwickelung der Bacterien. Schliesst man dagegen eine Milch, welche schon eben anfängt blau zu werden durch Oel von der Luft ab, so schreitet der Process noch etwas fort, die Bläuung dehnt sich noch etwas aus, um dann, zum Stillstand gekom- men, schnell abzublassen. Dieses zweite Experiment scheint mir den Beweis zu liefern, dass die Bacterien der blauen Milch nicht direct freien, sondern in der Flüssigkeit absorbirten Sauer- stoff benutzen. Die Temperatur übt keinen so auffälligen Einfluss aus, wie bei 1) Downes und Blunt, Proceedings of the royal society vol. XXVI. No. 184. behaupten, dass das Licht die Entwickelung der Spaltpilze beeinträchtigt resp'. völlig hindert. 207 den meisten anderen durch Spaltpilze angeregten Processen, und zwar aus dem Grunde, weil die der Bläuung hinderlichen und sie theilweise compensirenden Processe der Säuerung und Gerinnung ungefähr in gleichem Maasse wie diese selbst durch die Tempera- turschwankungen gefördert oder gehemmt werden, so dass im Grunde immer ein nahezu gleiches Resultat erfolgt. Schon Haubner hat in dieser Hinsicht richtige Beobachtungen angegeben, und da ich denselben nichts hinzuzufügen habe, führe ich hier seine eigenen Worte an (p. 177): „Eine hohe Temperatur beschleunigte zwar das Blauwerden, so dass es schon mit 20 — 24 Stunden eintrat-, aber es beschränkte seine Ausdehnung in Folge der frühzeitigen Gerinnung. — Bei einer Temperatur von ca. 10 — 15" C. erfolgte das Blauwer- den erst innerhalb 2 — 4 Tagen, aber es trat in möglichster Aus- dehnung hervor. — Bei allen niedrigeren Temperaturgraden, bei denen Säuerung und Gerinnung sich durch viele (6 — 8) Tage ver- zögert, verzögert sich auch das Blauwerden und tritt nur unvoll- ständig hervor." Gegenüber diesem relativ unbedeutenden Einfluss der Temperatur erscheint die grosse Bedeutung der Witterung für den Process des Blauwerdens und ihre unverkennbare Einwirkung auf denselben höchst wunderbar. — Alle Beobachter der blauen Milch stimmen darin überein, dass die Intensität des Processes oft ganz plötzlich mit der Witterung wechsle, dass das Blauwerden bei einem Umschlag des Wetters plötzlich verschwinde oder wieder auftrete und Wiener sah sich durch diese Beobachtungen veranlasst, in der Witterung eine der Hauptursachen der blauen Milch anzunehmen. Haubner sagt über dieses Thema p. 175: „Eine feuchtwarme schwüle Witte- rung begünstigt das Blauwerden, ebenso warmer Regen. Dagegen wird es durch kühles Wetter gehemmt oder gänzlich unterdrückt. — Einen grellen Wechsel im Blauwerden beobachtet man im Sommer bei abwechselnder Trockenheit und Regen und im Herbst beim Ein- tritt kalter Tage. Damit stimmen die Angaben von Wiener, dass Süd- und Südwest -Winde und feuchte neblige Jahrgänge das Blau- werden begünstigen." H. fügt diesen Angaben die Bemerkung hin- zu: „dass diese Beobachtungen nicht befriedigen können, selbst wenn sie alles erschöpfen. Man erkennt nämlich nicht die Art ihres Ein- flusses, indem überall verschiedene Momente (Beschaffenheit der Luft, Feuchtigkeit^ electrisches Verhältniss etc.) mit einander verbunden sind." — Auch ich habe mich vergeblich bemüht, einen befriedigen- den Aufschluss über diese Verhältnisse und namentlich eine genügende Erklärung derselben zu erlangen 5 die Angaben, welche ich in die- ^208 ser Beziehung machen kann, können nur den Werth einer auf Wahr- scheinlichkeit gegründeten Vermuthung haben'). Dass die wechselnde Temperatur der Luft, welche ja, wie oben bemerkt, überhaupt keinen sehr grossen Einfluss ausübt, bei der Frage nach der Einwirkung der Witterung fast bedeutungslos ist, scheint mir schon daraus hervorzugehen, dass sich alle Beobach- tungen auf Räumlichkeiten beziehen, in welchen eine nahezu gleich- massige nur in längeren Zeiträumen wechselnde Temperatur herrscht, nämlich auf die Kellerräume, in welchen man die Milch zur Rahm- und Buttergewinnung aufzubewahren pflegt. In meinem Fall waren die Verhältnisse insofern ähnliche, als ich alle meine Experimente in dem gleichmässig durch Reguliröfen auf ca. 16 — 18*^ Geis, erwärm- ten Experimentirsaal des pathol. Institutes, dessen Temperatur auch Nachts nur unbedeutend sinkt, angestellt habe. Auch die Schwankungen des Barometerdruckes glaube ich für irrelevant erklären zu können, da sie auch in den extremsten Fällen nie die Höhe erreichen, bei welcher ein Einfluss auf die nie- deren Organismen constatirt worden ist^). Dagegen scheint mir der Feuchtigkeitsgehalt der Luft von Bedeutung für den Ablauf und die Intensität des Processes zu sein; wobei ich jedoch gleich bemerken muss, dass mir jede Er- klärung dafür, wie die Feuchtigkeit der Luft auf die in der Milch suspendirten Bacterien einwirken kann, mangelt. (Verdunstungs-Elec- tricität?) Setzt man von 2 Proben mit dem gleichen Material geimpfter ') Zum grossen Theil dürfte dieser Misserfolg darin begründet sein, dass mir nicht das zu diesen Untersuchungen geeignete Beobachtungs-Material zu Gebote stand. Ein solches würde nur zu erlangen gewesen sein durch eine Monate lang fortgeführte Reihe täglicher Impfungen auf abgewogene Quan- titäten von Milch mit abgewogenen Mengen gleichartigen Impfmaterials und unter möglichst gleichen äusseren Verhältnissen, und zur Durchführung einer solchen gebrach es mir an Zeit. Ich glaube jedoch, dass eine derartige Unter- suchung bei dem theoretischen Interesse, welches sich an die Frage vom Ein- fluss der Witterung knüpft, sich wohl der Mühe lohnen würde. Die nach- folgenden Bemerkungen beziehen sich auf Beobachtungen von blauer Milch, welche zunächst zu anderen Zwecken geimpft war, 2) Dass sehr bedeutende Veränderungen des Athmosphärendrucks nicht ohne Einfluss sind, ist zweifellos. Haubner sah bei starker Luftverdün nung das Blauwerden behindert, ohne dass jedoch die Fähigkeit blau zu werden vollständig zerstört worden wäre. — Bezüglich der Luftverdichtung sind mit der blauen Milch direct keine Versuche angestellt worden, jedoch ist der deletäre Einfluss starker Luftverdichtung auf alle niederen Organismen durch Bert (la pression barometrique. Paris 1878) und durch Cossar Ewarts (Quart. .Tourn. of imrr. sc. Bd. 18 j). 161) erwiesen worden. 209 Milch die eine unter eine mit Wasser abgesperrte Glasglocke, die andere unter eine mit Oel abgesperrte, in welcher durch conc. Schwefelsäure die Luft völlig trocken gehalten wird, so bemerkt man bei der zweiten Probe einen etwas verzögerten Eintritt und eine geringere Ausbreitung, sowie ein schnelleres Abblassen der blauen Farbe; um mich weiter über diese Verhältnisse zu orientiren, habe ich die während der Monate October, November und Decem- ber V. J. von mir beobachteten Impfresultate mit den meteorologischen Beobachtungen über die Luftfeuchtigkeit ' ) während der betreffenden Zeit verglichen. Es scheint hier allerdings ein Zusammenhang zu existiren in der Weise, dass der Erfolg der Impfung ein besserer ist bei grösserer Luftfeuchtigkeit, jedoch ist das Bild aus den oben in der Anmerkung angegebenen Gründen kein klares, und ich muss bis zur Beschaffung eines besseren Beobachtungsmaterials darauf verzichten, weiter auf dies Thema einzugehen. III. Process der Bläiumg. Allgemeiner Vorgang. Natur des Farbstoffes. Chemische Processe bei der Bildung desselben. Die Blaufärbung der Milch ist ein Symptom einer eigenthtimlichen Zersetzung. Dieselbe ist in ihrem Eintritt und Verlauf abhängig von der Milchsäure-Bildung einerseits und dem Zustand des Gas ein andererseits. — Sie tritt erst ein, nachdem ein gewisser Säuerungsgrad erreicht ist, verhindert aber das Fortschreiten der Säuerung, d. h. die Milch bleibt, so lange sie blau ist, schwach sauer ^). Sie setzt ferner das Vorhandensein von unverändertem Casein voraus, eines Casein, welches zwar in Folge der Säuerung aus seiner Lösung ausgefällt, aber noch nicht in den Zustand des „coagulirten Eiweiss" übergegangen ist; das aus der Lösung gefällte Casein wird während der Bläuung wieder verflüssigt. — Das Fett der Milch wird nicht mit verändert, ist überhaupt zum Gelin- gen des Processes nicht erforderlich^). Die Bläuung setzt die Ge- genwart sauerstoffhaltiger Luft voraus, (in der Milch absorbirt), und verläuft unter Bildung von Kohlensäure, welche, wenn der Pro- cess stürmisch verläuft, in so grosser Menge abgeschieden wird, dass ') Für die Ueberlassung der betr. meteorologischen Daten bin ich Herrn Dr. Wiese, Director der Navigationsschule in Rostock, zu grossem Dank verpflichtet. 2) Cf. Haubner, 1. c. p. 53. ^) Desgl. 1. c. p. 70. 210 sie das Sahnehäutchen in Blasen abhebt V). — Hand in Hand mit dieser Zersetzung und proportional mit derselben geht die Entwick- lung der weiter unten zu beschreibenden Bacterien. — Bei der Frage nach dem Wesen, d. h. dem chemischen Ablauf dieses Processes wird man naturgemäss zunächst das Endresultat, den gebildeten Farbstoff, ins Auge fassen. Die älteren Ansichten über denselben will ich nur beiläufig erwähnen, da sie alle auf Ver- muthung, nicht auf Untersuchung beruhen. Hermbstaedt und seine Anhänger glaubten, dass es sich um Indigo, Avelcher aus dem Futter stamme, handle; Nadt und später Drouard und Leclerc hielten den Farbstoff für phosphorsaures Eisenoxydul -oxyd; Steinhof, welcher in dem ganzen Process eine Art von Fäulniss, ein „Verder- ben" der Milch sah, glaubte, dass sich hier Berlinerblau bilde, durch einen ähnlichen Process, wie er zur Darstellung des Blutlaugensalzes aus dem Blut künstlich hervorgerufen werde. Fuchs lässt die Frage unentschieden, und auch Haubner, obwohl er ziemlich genaue Unter- suchungen angestellt hat, ist zweifelhaft, ob hier ein organischer Farbstoff im Spiele sei, oder doch nur phosphorsaurer Eisenoxyd-oxydul. Die erste Arbeit mit einem bestimmten Resultat stammt von Erdmann*^). Derselbe untersuchte ausser dem Farbstoff des Micrococcus lyrodigiosus auch die blaue Milch und kam zu dem Schluss, dass beide Anilin färben seien, welche sich aus dem E i w e i s s der zur Cultur benutzten Nährstoffe bildeten. Die Erdmann'sche Angabe, obwohl sie sich auf eine eigentlich mangelhafte Beweisführung stützt, fand grossen Beifall und es wurde von verschiedenen Seiten der Versuch gemacht, dieselbe zu bestätigen, und zwar zunächst betreffs des rothen Farbstoffs. — Diese Bestätigung gelang aber nur unvoll- kommen. Schon Schröter^), der im Jahre 1871 eine grössere Reihe von durch Bacterien erzeugten Farbstoffe prüfte, kam zu dem Resultat, dass dieselben zwar alle eine grosse Aehnlichkeit mit den entsprechenden Anilinfarben darbieten, dass aber kein einziger von ihnen mit einer der künstlich erzeugten Anilinfarben identisch ist, Speciell wies er dies für die rothe Farbe des Micrococcus prodi- 1) Ob noch andere Gase sich bilden, vermag ich nicht zu sagen. Die Kohlen- säurebildung ist leicht durch Ueberleiten von kohlensäurefreier Luft über blauwerdende Milch und nachheriges Waschen der Luft in Barytwasser nachzu- wreisen. — Schw^efelwasserstofF bildet sich nicht. (Probe mit Bleipapier.) 2) Dr. 0. Erdmann, Bildung von Anilinfarben aus Proteinkörpern. Jour- nal f. prakt. Chemie. Bd. 99. H. 7 und 8. p. 385. — 1866. 3) J. Schröter, Ueber d. Bact. geb. Pigmente. Cohn's Beitr. z. Biol. d. Pfl. L 2. p. 109. 211 giosus nach, welchen Er d mann für identisch mit Fuchsin erklärt hatte. In ausführlicher Weise wurde dieselbe Frage später von Helm*) untersucht mit dem gleichen Resultat, dass das von dem Micrococcus gelieferte Roth mit keiner rothen Anilinfarbe übereinstimme. Bezüglich des blauen Farbstoffes in der Milch kann ich dasselbe behaupten. Erdmann bezeichnet denselben als Triphenyl-rosanilin, und es ist nicht zu leugnen, dass einzelne der Reactionen bei beiden Körpern fast gleich sind; jedoch bietet das Blau der Milch daneben Eigenthümlichkeiten, die keinem der uns bekannten blauen Anilin- farbstoffe zukommen. — Der Farbstoff der blauen Milch ist nicht an die Bacterien gebun- den, (wahrscheinlich sind dieselben überhaupt nicht gefärbt), sondern in dem Serum der Milch gelöst. Er ist leicht löslich in säurehal- tigem Wasser, fast gar nicht löslich in Alkohol, unlöslich in Aether, Chloroform etc. Dagegen löst er sich ziemlich leicht in Glycerin. Derselbe ist in hohem Grade unbeständig und es ist mir deshalb ebensowenig wie den früheren Untersuchern gelungen, ihn zu isoliren. In der wässrigen Lösung zersetzt er sich schon während des Filtri- rens und auch in Glycerin verblasst er dem Licht ausgesetzt in wenigen Stunden, im Dunkeln in 1 — 2 Tagen. Zusatz von Essig- säure, Salzsäure, Phosphorsäure, verdünnter Schwefel- oder Salpeter- s